OCI-Führer Lambert bestätigt Beziehungen zu Lionel Jospin

Pierre Lambert, der langjährige Führer der französischen Organisation communiste internationaliste (OCI), hat erstmals öffentlich die Mitgliedschaft des französischen Premierministers Lionel Jospin in seiner Organisation bestätigt.

Am 4. Oktober veröffentlichte das Nachrichtenmagazin L'Express ein Interview mit Lambert, in dem dieser bekennt, dass er "politische Beziehungen zu Jospin" unterhielt und dass Jospin "Trotzkist war". Auf die genaue Dauer dieser Beziehungen ließ sich Lambert nicht festlegen. Aus dem Zusammenhang geht aber hervor, dass sie 1986 oder sogar erst 1988 abgebrochen wurden.

Auf die Frage, ob der Wechsel einiger prominenter OCI-Mitglieder in die Sozialistische Partei (PS) im Jahr 1986 zum politischen Bruch mit Jospin geführt habe, antwortete Lambert ausweichend: "Jospin ist gegangen, nach einer Debatte. Es war seine Wahl. Ich beabsichtige, mich später über diese Periode zu äußern." Die anschließende Bemerkung des Fragestellers, er habe Jospin erst seit 1988 politisch bekämpft, bestätigte Lambert indirekt, indem er dessen Arbeit als Bildungsminister ab 1988 angriff.

Der französische Premierminister hätte demnach mehr als zwanzig Jahre in der OCI verbracht und über 15 Jahre als OCI-Mitglied innerhalb der Sozialistischen Partei gearbeitet, davon 13 in der nationalen Führung und fünf als Generalsekretär. Er hatte sich, wie in diesem Sommer durch ein Interview seines damaligen politischen Betreuers Boris Fraenkel bekannt wurde, 1964 der OCI angeschlossen und war 1971, kurz nach deren Gründung, in die Sozialistische Partei eingetreten.

In einem weiteren Interview mit dem Nachrichtensender LCI am 5. November sagte Lambert, Jospin habe sich, "wie andere 1971-1972 auch", mit seiner Unterstützung der Organisation von François Mitterrand angeschlossen. "Er ist mit meinem Einverständnis in die Sozialistische Partei eingetreten. Er war ein Mitglied wie andere und machte eine bestimmte Arbeit."

Lambert lehnte es allerdings ab, Jospin deshalb als "Maulwurf" zu bezeichnen. "Ich denke nicht, dass Jospin ein Maulwurf in der SP war; er ist wegen einer bestimmten Politik eingetreten, die François Mitterrand vertreten hat, der des Bruchs mit dem Kapitalismus. Sie haben dann etwas anderes gemacht. Das ist ihr Problem, nicht meines."

Lambert bestätigt damit, was das wsws schon in einem früheren Artikel zu Jopins Vergangenheit geschrieben hat: dass die OCI 1971 eine politische Linie vertrat, "die mit den Vorstellungen Trotzkis nichts mehr gemein hatte und sich ohne weiteres mit den Zielen von François Mitterrand vereinbaren ließ".

Der mittlerweile 81-jährige Lambert galt lange Zeit als Mentor von Leuten, die später in der Sozialistischen Partei Karriere machten. Viele der engsten Mitarbeiter Jospins stammen aus der OCI, darunter der zweite Mann der Partei, Jean-Christophe Cambadélis. Auch zur Führungsspitze des Gewerkschaftsverbandes Force ouvrière, für den er selbst als vollamtlicher Funktionär arbeitete, unterhielt Lambert enge persönliche Beziehungen.

In seiner Funktion als Gewerkschaftsfunktionär traf er sich außerdem regelmäßig mit Regierungsvertretern, wie er in dem Interview mit L'Express einräumt: "Als beauftragter Gewerkschaftsfunktionär habe ich mich mit Ministern getroffen. Es ist auch vorgekommen, dass ich im Auftrag meiner Gewerkschaftsorganisation zu Verhandlungen ins Elysée (den Sitz des Präsidenten) ging." Mit dem jetzigen Präsidenten Jacques Chirac will er sich entgegen anderslautenden Gerüchten allerdings nie getroffen haben.

In der Öffentlichkeit hielt sich Lambert aber - mit Ausnahme des Jahres 1988, als er unter seinem bürgerlichen Namen Pierre Boussel für das Präsidentenamt kandidierte - stets im Hintergrund. Das Interview mit L'Express ist erst das zweite, dass er jemals einer bürgerlichen Zeitung gegeben hat. Für das Frühjahr 2002 hat er nun die Veröffentlichung eines Buches, "Erinnerungen eines geheimen Agitators" angekündigt, in dem er über verschiedene Perioden seines Lebens berichten will. Das Buch soll unmittelbar vor den Präsidentenwahlen erscheinen und - dies deutet Lambert zumindest an - weitere Enthüllungen über Jospin enthalten, der voraussichtlich gegen den Amtsinhaber Jacques Chirac antreten wird.

Lambert, der Sohn russischer Immigranten, wurde 1920 in Paris geboren und war im Alter von 14 Jahren dem kommunistischen Jugendverband beigetreten, aus dem er bald wieder ausgeschlossen wurde. Vier Jahre später trat er der trotzkistischen Bewegung bei. 1952 übernahm er die Führung des Parti communiste internationaliste (PCI), die sich von 1968 bis 1981 OCI nannte.

Ende der sechziger Jahre wandte sich die OCI von den Perspektiven der trotzkistischen Bewegung ab und brach 1971 auch formal mit dem Internationalen Komitee der Vierten Internationale, dem sie bis dahin angehört hatte. Sie wurde zu einer wichtigen politischen Stütze für François Mitterrand, der für die "Einheit der Linken", ein Bündnis der Kommunistischen und der Sozialistischen Partei, eintrat und 1981 schließlich die Präsidentschaftswahl gewann.

Die OCI gab ihre Unterstützung für Mitterrand erst Ende der achtziger Jahre auf, als sich dieser durch seine rechte Politik weitgehend diskreditiert hatte. Nun gründete sie eine "Arbeiterpartei", den Parti des travailleurs (PT), ein Sammelbecken für unzufriedene Bürokraten, denen es aus dem einen oder anderen Grund nicht gelungen war, eine Karriere in der Sozialistischen Partei oder den Gewerkschaften zu machen.

Obwohl die OCI vor langer Zeit mit revolutionären Perspektiven gebrochen hat, ist es doch bezeichnend, dass an der Spitze der französischen Regierung - und ab 2002 möglicherweise des Staates - ein Mann steht, der einen großen Teil seines Lebens für eine Organisation gearbeitet hat, die sich bis heute als trotzkistisch bezeichnet. Jospins Erfahrungen mit linker Politik werden benötigt, um die wachsenden sozialen und politischen Spannungen unter Kontrolle zu halten und einer Bedrohung der bürgerlichen Herrschaft von unten zuvorzukommen.

Auch andere führende Vertreter des französischen Establishments outen sich inzwischen als ehemalige "Trotzkisten". So hat der Chefredakteur von Le Monde, Edwy Plenel, unter dem Titel "Geheimnisse der Jugend" soeben eine Biografie veröffentlicht, in der er sich in glühenden Worten zu seiner "trotzkistischen" Vergangenheit bekennt. "Der Trotzkismus als Erfahrung und als Erbe wird stets Teil meiner Identität bleiben," heißt es dort, "nicht als Programm oder Projekt, sondern als Geisteszustand, als wache Kritik an Verstellungen und an geistiger Schärfe, an Niederlagen und an Treue."

Plenel war nicht Mitglied der OCI, sondern der pablistischen Ligue communiste révolutionnaire, die bereits 1953 mit den Perspektiven der Vieren Internationale gebrochen hat. Seine Loyalität gegenüber dem französischen Staat steht ebenso außer Zweifel wie diejenige Jospins. Le Monde ist ein Flagschiff der französischen bürgerlichen Presse und gehörte in den 80-er Jahren zu den wichtigsten Unterstützern Mitterrands. Dass ihr Chefredakteur nun als "Trotzkist" auftritt, ist Ausdruck des Bemühens, Unterstützung für das krisengeschüttelte französische Establishment im linken Milieu zu finden.

Siehe auch:
Lionel Jospin und der Trotzkismus
(23. Juni 2001)
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