Die Taliban die Vereinigten Staaten und die Ressourcen Zentralasiens

Teil 2

Von Peter Symonds
1. November 2001

Der erste Teil dieser Artikelserie zur Geschichte der Taliban-Bewegung in Afghanistan ist gestern erschienen.

Wie Pakistan und Saudi Arabien haben auch die Vereinigten Staaten wiederholt geleugnet, dass sie die Taliban unterstützt haben. Angesichts der engen Zusammenarbeit des CIA mit Pakistan und dem pakistanischen Geheimdienst ISI während der 1980-er Jahre ist es allerdings höchst unwahrscheinlich, dass Washington die Pläne der pakistanischen Bhutto-Regierung bezüglich der Taliban nicht gekannt und stillschweigend unterstützt hat. Pakistans Unterstützung für die Taliban war ein offenes Geheimnis, doch erst Ende der 1990-er Jahre begannen die Vereinigten Staaten die pakistanische Regierung in Islamabad wegen ihrer Beziehungen zum Taliban-Regime unter Druck zu setzen.

Weitere indirekte Beweise für die Beziehungen zwischen den Taliban und den Vereinigten Staaten ergeben sich aus den Bemühungen des amerikanischen Kongressabgeordneten Dana Rohrabacher, einem Mitglied des Komitees für Auslandsbeziehungen, Zugang zu offiziellen amerikanischen Dokumenten über Afghanistan nach der Entstehung der Taliban zu erhalten. Rohrabacher, ein Unterstützer des afghanischen Königs, verfolgte dabei sicherlich seine eigenen Interessen gegenüber der Clinton-Regierung. Aber die Reaktion auf seine Forderungen war bezeichnend. Nach zweijährigem Druck händigte das Außenministerium schließlich beinahe tausend Dokumente über die Periode nach 1996 aus, weigerte sich aber hartnäckig irgendwelche Papiere freizugeben, die die höchst wichtige vorausgegangene Periode betrafen.

Auch wenn exakte Details über die frühen amerikanischen Kontakte mit den Taliban oder ihren pakistanischen Sekundanten nicht zu erhalten sind, war Washingtons Haltung doch klar. Autor Ahmed Rashid kommentiert: "Die Clinton-Regierung stand den Taliban sichtbar verständnisvoll gegenüber, da sie sich in einer Linie mit Washingtons Politik gegen den Iran befanden und wichtig waren für den Erfolg einer jeden Pipeline, die südlich von Zentralasien verlaufen und dabei den Iran vermeiden sollte. Der amerikanische Kongress hatte ein verdecktes Budget von 20 Millionen Dollar für die CIA zur Destabilisierung des Iran genehmigt und Teheran beschuldigte Washington, einen Teil dieser Gelder den Taliban zukommen zu lassen - ein Vorwurf, der von Washington immer zurückgewiesen wurde." [ Taliban, Afghanistans Gotteskrieger und der Dschihad]

Tatsächlich fiel die Periode von 1994 bis 1997 mit einer Belebung von diplomatischen Aktivitäten der Vereinigten Staaten zusammen, die Unterstützung für die Unocal-Pipeline sicherstellen sollten. Im März 1996 besuchte der prominente US-Senator Hank Brown, ein Unterstützer des Unocal-Projekts, Kabul und andere afghanische Städte. Er traf sich mit den Taliban und lud sie ein, Delegierte zu einer von Unocal finanzierten Konferenz zu Afghanistan in die Vereinigten Staaten zu entsenden. Im gleichen Monat übten die Vereinigten Staaten auch Druck auf die pakistanische Regierung aus, die nach amerikanischem Wunsch ihre Abmachungen mit dem argentinischen Ölkonzern Bridas fallen lassen und den amerikanischen Konzern unterstützen sollte.

Im darauffolgenden Monat besuchte die für das südliche Asien zuständige Staatssekretärin im Außenministerium, Robin Raphael, Pakistan, Afghanistan und Zentralasien und drängte auf eine politische Lösung für den anhaltenden Konflikt. "Wir sind auch besorgt, dass hier wirtschaftliche Möglichkeiten verpasst werden, wenn die politische Stabilität nicht wiederhergestellt werden kann," sagte sie gegenüber der Presse. Raphael führte keine Gespräche mit den Taliban-Führern und machte auch sonst keine Andeutungen über offizielle Unterstützung. Aber die Vereinigten Staaten kritisierten die Taliban auch nicht wegen ihrer Missachtung der Rechte der Frauen oder der Förderung und Verbreitung von Drogen und Terrorismus - drei Punkte, die Ende der 1990-er Jahre zur Grundlage für die Ultimaten der Vereinigten Staaten an das Taliban-Regime wurden. In allen drei Fragen lag schon damals eine Fülle von Beweisen vor, die nur ignorieren konnte, wer sich bewusst dazu entschlossen hatte.

Seit der Einnahme von Kandahar war offensichtlich, dass die Taliban nicht einmal die grundlegendsten demokratischen Rechte wahren würden. Mädchen wurden vom Schulunterricht ausgeschlossen und Frauen wurde das Arbeiten verboten - diese Maßnahmen verursachten ein enormes Leid. Eine strikte, gar absurde Kleiderordnung wurde Männern und Frauen auferlegt und buchstäblich alle Formen der Unterhaltung, von Video und Fernsehen bis hin zu Schach, Fußball und Drachenfliegen wurden verboten. Eine religiöse Polizei setzte den gesellschaftlichen Kodex durch und exerzierte auf den Straßen die willkürliche Bestrafung von Gesetzesbrechern. Öffentliche Hinrichtungen wurden für eine Vielzahl von "Verbrechen" verhängt, so zum Beispiel für Ehebruch und Homosexualität. Der Zweck des gesamten Unterdrückungssystems bestand in der Terrorisierung der Menschen, damit sie die theokratische Diktatur der Taliban akzeptierten, in der keiner etwas zu sagen hat außer den Mullahs der Taliban. Und selbst deren Entscheidungen konnten durch ein Veto des höchsten Taliban-Führers Mullah Omar in Kandahar revidiert werden.

Was die riesige Heroinindustrie Afghanistans betrifft, so spielten die Vereinigten Staaten eine Hauptrolle bei deren Expansion. Während der gesamten 1980-er Jahre nutzten die Mudschahidin und ihre pakistanischen Sekundanten die verdeckten Versorgungsrouten, die mit Hilfe der CIA aufgebaut wurden, um Waffen nach Afghanistan zu bringen, zum groß angelegten Opiumschmuggel außer Landes. Die CIA ignorierte den Drogenhandel im Interesse der Fortführung des Krieges gegen die sowjetische Armee. In den frühen 1990-er Jahren machte Afghanistan schließlich Burma die Stellung des weltgrößten Opiumproduzenten streitig.

Die Vereinigten Staaten ähnelten mit ihrer Haltung in dieser Frage sehr den Taliban, die ursprünglich für ein Verbot der Opiumproduktion eingetreten waren, die Entscheidung aber zurücknahmen, als sie feststellten, dass es kaum alternative Einnahmequellen in Afghanistans ruinierter Wirtschaft gab. Nachdem die Taliban Kandahar eingenommen hatten, erhöhte sich die Opiumproduktion in der zugehörigen Provinz um 50 Prozent. Als ihre Truppen weiter nach Norden zogen, steigerte sich die geschätzte Opiumproduktion des ganzen Landes auf 2.800 Tonnen im Jahre 1997 - mindestens 25 Prozent mehr als noch 1995. Nichts von dem wurde zu dieser Zeit in Washington öffentlich verurteilt.

Die amerikanische Haltung in Bezug auf die Gefahr des islamischen Extremismus war ebenso heuchlerisch. In den 1980-er Jahren unterstützten die Vereinigten Staaten nicht nur generell die Mudschahidin, sondern sie hießen 1986 auch ausdrücklich einen pakistanischen Plan zur internationalen Rekrutierung von Kämpfern gut, die demonstrieren sollten, dass die gesamte muslimische Welt den anti-sowjetischen Krieg unterstützte. Diesem Plan folgend wurden schätzungsweise 35.000 militante Islamisten aus dem Nahen Osten, Zentralasien, Afrika und den Philippinen ausgebildet und bewaffnet, um in Afghanistan zu kämpfen.

Prominent unter den arabischen Afghanen, wie sie genannt wurden, war Osama bin Laden, der Sohn eines reichen jemenitischen Baumagnaten, der seit 1980 in Pakistan Straßen und Depots für die Mudschahidin gebaut hatte. Er arbeitete 1986 mit der CIA beim Bau des gewaltigen Khost-Tunnelkomplexes zusammen, der als Waffenlager und Ausbildungseinrichtung diente. Später richtete er sein eigenes Trainingslager ein und gründete 1989 Al Qaida (Die Basis) für arabische Afghanen.

Der Fall Kabuls

Mitte der 1990-er Jahre wurde die Haltung der Vereinigten Staaten gegenüber den Taliban nicht durch bin Laden, Drogen und demokratische Rechte bestimmt. Wenn die amerikanische Vertreterin Robin Raphael Mitte 1996 zurückhaltend war bei der offiziellen Umarmung der Taliban, so lag dies daran, dass Washington sich nicht sicher war, ob die Taliban-Kämpfer in der Lage wären, ihre Gegner zu besiegen und ein stabiles politisches Klima für das Unocal-Projekt zu schaffen.

Nach der Einnahme von Herat 1995 konzentrierten sich die Taliban auf den Angriff auf Kabul. Alle Seiten bewaffneten ihre Stellvertreter in Afghanistan für die vorhergesehene Entscheidungsschlacht. Pakistan und Saudi Arabien rüsteten die Taliban aus, modernisierten den Flughafen von Kandahar und errichteten ein neues Telefon- und Funknetz. Russland und der Iran versorgten das Rabbani-Regime und seine Alliierten über den Luftstützpunkt Bagram im Norden Kabuls mit Waffen, Munition und Treibstoff. Indien half Rabbani indirekt, indem es Afghanistans nationale Fluggesellschaft aufpolierte und Geld zur Verfügung stellte.

Versuche der Vereinten Nationen (UN), der Vereinigten Staaten und anderer Länder, zwischen Rabbani und den Taliban zu vermitteln, scheiterten. Im August 1996 nahmen Taliban-Truppen Jalalabad an der pakistanischen Grenze ein und zwangen schließlich die gegnerischen Kräfte, sich im folgenden Monat aus Kabul zurückzuziehen. Eine der ersten Handlungen der Taliban nach der Einnahme Kabuls bestand darin, Nadschibullah und seinen Bruder, die seit 1992 unter diplomatischer Immunität in der UN-Vertretung der Hauptstadt gelebt hatten, brutal zu foltern und zu ermorden und ihre verstümmelten Körper in der Straße aufzuhängen. Washingtons Reaktion hierauf wird wie folgt beschrieben:

"Nur wenige Stunden nach der Einnahme Kabuls durch die Taliban kündigte das amerikanische Außenministerium an, dass es diplomatische Beziehungen mit den Taliban aufnehmen und einen Vertreter nach Kabul senden werde - eine Ankündigung, die ebenso schnell wieder zurückgenommen wurde. Der Sprecher des Außenministeriums Glyn Davies sagte, dass die Vereinigten Staaten an den Schritten der Taliban, islamisches Recht einzusetzen, ‚nichts bedenklich‘ fänden. Die Taliban seien eher anti-modern als anti-westlich. Amerikanische Kongressabgeordnete stellten sich auf die Seite der Taliban. ‚Das Gute an den Ereignissen ist, dass eine der Fraktionen endlich in der Lage zu sein scheint, eine Regierung in Afghanistan aufzubauen,‘ sagte Senator Hank Brown, ein Unterstützer des Unocal-Projekts." [Ebenda]

Die Reaktion von Unocal war beinahe gleichlautend. Der Konzernsprecher Chris Taggert begrüßte den Sieg der Taliban und erklärte, dass es nun leichter sei, das Pipeline-Projekt durchzuführen - und nahm dann die Stellungnahme schnell zurück. Die Bedeutung war klar. Die Vereinigten Staaten sahen die Taliban als das beste Mittel an, um die für das Unocal-Projekt benötigte Stabilität zu gewährleisten, waren aber nicht bereit, sich offen hinter das neue Regime zu stellen, solange dessen Kontrolle noch nicht unangefochten war.

Bei einer Rede vor den Vereinten Nationen in einer geschlossenen Sitzung im November 1996 erklärte Raphael frei heraus: "Die Taliban kontrollieren mehr als zwei Drittel des Landes, sie sind Afghanen, sie sind Eingeborene, sie haben bleibende Stärke bewiesen. Die wirkliche Quelle ihres Erfolges war die Bereitschaft vieler Afghanen, vor allem der Paschtunen, stillschweigend das unendliche Kämpfen und Chaos gegen ein gewisses Maß an Frieden und Sicherheit einzutauschen, selbst wenn dies mit schwerwiegenden sozialen Einschränkungen einhergeht. Es ist nicht im Interesse Afghanistans oder von uns hier, die Taliban zu isolieren."

Unocal warb mit Unterstützung Washingtons weiter aktiv um die Gunst der Taliban-Führer, die beim Versuch, den Deal für sich selbst möglichst lukrativ zu machen, den amerikanischen Konzern gegen Bridas ausspielten. Unocal gab beinahe eine Million Dollar aus, um das Zentrum für Afghanistan-Studien an der Universität von Omaha einzurichten, das als Front für ein Hilfsprogramm im von den Taliban gehaltenen Kandahar fungierte. Das Hauptergebnis dieser "Hilfe" war eine Schule zur Ausbildung der Rohrleger, Elektriker und Zimmermänner, die zum Bau der Pipeline benötigt wurden. Im November 1997 wurde eine Delegation der Taliban von Unocal in Houston im Bundesstaat Texas feierlich empfangen, die während ihres Besuches auch mit offiziellen Vertretern des Außenministeriums zusammentraf.

Washingtons politischer Kurswechsel

Aber der politische Wind war bereits dabei sich zu drehen. Der wichtigste Wendepunkt war der Mai 1997, als die Taliban die größte Stadt Nordafghanistans Masar-i-Scharif einnahmen und versuchten, ihre religiösen und sozialen Beschränkungen einer feindlichen und misstrauischen Bevölkerung von Usbeken, Tadschiken und schiitischen Hazara aufzuzwingen. Ihre Maßnahmen provozierten einen Aufstand mit heftigen Kämpfen in der Stadt, bei denen etwa 600 Taliban-Soldaten getötet wurden. Mindestens 1.000 weitere Taliban wurden gefangen, als sie zu fliehen versuchten, und angeblich umgebracht. In den nächsten zwei Monaten wurden die Taliban entlang der nördlichen Grenze zurückgetrieben und erlitten dabei ihre bis dahin schlimmste militärische Niederlage. In zehn Wochen wurden mehr als 3.000 von ihnen bei Kämpfen getötet oder verwundet und weitere 3.600 gefangen genommen.

Masar-i-Scharif war nicht nur ein militärischer Rückschlag. Die Taliban gruppierten sich neu, nahmen die Stadt im August 1998 erneut ein, schlachteten Tausende der schiitischen Hazara ab - Männer, Frauen und Kinder - und provozierten beinahe einen Krieg mit dem Iran, als sie elf iranische Staatsvertreter und einen Journalisten töteten. Die Ereignisse im Mai 1997 hatten allerdings die tiefe Feindseligkeit unter Nicht-Paschtunen gegenüber den Taliban gezeigt. Dies bedeutete, dass der Bürgerkrieg unvermeidlich anhalten würde und selbst wenn die Taliban die Hochburgen der Opposition im Norden einnehmen würden, Rebellionen und weitere politische Instabilität wahrscheinlich wären.

Direkt nach dem Debakel bei Masar-i-Scharif wurden in Washington einige höchst wichtige Entscheidungen getroffen. Im Juli 1997 gab die Clinton-Regierung in einer abrupten politischen Kehrtwende ihre Opposition gegen eine Gaspipeline auf, die über iranisches Territorium von Turkmenistan in die Türkei führen sollte. Im folgenden Monat kündigte ein Konsortium europäischer Konzerne, darunter Royal Dutch Shell, Pläne für ein solches Projekt an. Ein davon unabhängiger Deal, der von Australiens BHP Petroleum ins Auge gefasst wurde, sah eine weitere Gaspipeline vom Iran nach Pakistan und eventuell Indien vor.

Im gleichen Zeitraum warben die Vereinigten Staaten und die Türkei gemeinsam für die Idee eines "Transportkorridors", wobei eine größere Ölpipeline von Baku in Aserbaidschan durch Georgien zum türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan verlaufen sollte. Washington drängte Turkmenistan und Kasachstan, an dem Plan teilzuhaben durch den Bau von Gas- und Ölpipelines, die durch das Kaspische Meer zum selben Korridor führen sollten.

Unocals Pläne für eine Gaspipeline aus Turkmenistan hatten Konkurrenz bekommen. Darüber hinaus betrafen die Vorhaben der Rivalen Routen, die - zumindest auf kurze Sicht - politisch stabiler zu sein versprachen. Bridas und Unocal verfolgten beide mit Nachdruck ihre Pläne in Südafghanistan, aber die Aussichten wurden zunehmend schlechter. Gegen Ende des Jahre 1997 erklärte der stellvertretende Direktor von Unocal Marty Miller: "Es ist nicht sicher, wann dieses Projekt begonnen wird. Das hängt davon ab, ob es Frieden in Afghanistan gibt und eine Regierung, mit der wir zusammenarbeiten können. Dies kann am Ende dieses Jahres der Fall sein, im kommenden Jahr oder in drei Jahren oder es mag sich zerschlagen, wenn die Kämpfe kein Ende nehmen."

Auch in Washington machte sich parallel dazu ein Wechsel in der politischen Rhetorik bemerkbar. Im November 1997 schlug die amerikanische Außenministerin Madeleine Albright bei einem Besuch in Pakistan neue Töne an. Sie nutzte die Gelegenheit, um die Politik der Taliban gegenüber Frauen als "verachtenswert" zu bezeichnen, und warnte Pakistan gezielt, dass es eine internationale Isolation riskieren würde. Washington begann, Druck auf Pakistan auszuüben wegen der Verwicklung der Taliban in den Heroinhandel und der Gefahren des "islamischen Terrorismus".

Der Wechsel in der amerikanischen Politik wurde komplett nach den Bombenanschlägen auf die US-Botschaften in Tansania und Kenia im August 1998, als die Clinton-Regierung mit Cruise Missiles Ausbildungslager von Osama bin Laden im afghanischen Khost angriff. Bin Laden war im Mai 1996 nach sechsjähriger Abwesenheit nach Afghanistan zurückgekehrt. In der Zwischenzeit hatte seine Verbitterung über die Rolle der Vereinigten Staaten im Persischen Golf und im Nahen Osten zugenommen. Im August 1996 begann er, öffentlich einen Dschihad gegen die Vereinigten Staaten zu fordern. Die amerikanische Regierung verlangte allerdings erst nach den Bombenanschlägen in Afrika vom Taliban-Regime seine Auslieferung, ohne dass sie Beweise für bin Ladens Beteiligung an den Anschlägen vorlegte.

Unocal gab das Pipeline-Projekt auf und zog seine Mitarbeiter aus Kandahar und Islamabad ab. Der letzte Auslöser für die Aufgabe des Projekts war der Fall der Ölpreise 1998 von 25 Dollar auf 13 Dollar pro Barrel, was die Unocal-Pipeline zumindest auf kurze Sicht unrentabel machte. Gleichzeitig wurden die Forderung der Clinton-Regierung nach der Auslieferung bin Ladens und ihre Klagen über den Drogenhandel und die Menschenrechtsverletzungen in Afghanistan zur Grundlage für eine Reihe von Strafsanktionen der Vereinten Nationen, die 1999 gegen die Taliban verhängt und im Frühjahr dieses Jahres verschärft wurden.

Trotz des starken Drucks auf die Taliban und auch auf Pakistan wurde keine Forderung der Vereinigten Staaten erfüllt. 1998 und 1999 führten die Taliban neue militärische Offensiven durch und erweiterten ihre Kontrolle, wobei sie ihre Gegner in kleine Territorien im Nordosten abdrängten. Aber der Bürgerkrieg war einer Lösung nicht näher gekommen, da Russland und der Iran den Gegnern der Taliban weiter Waffen lieferten. Die UN-Sanktionen führten dazu, dass keiner der Rivalen Washingtons eine vorteilhafte Position in Afghanistan einnehmen konnte, hielten aber auch die Vereinigten Staaten davon ab, in der Region sicher Tritt zu fassen.

Die amerikanische Regierung hat sich nun die Terroranschläge des 11. Septembers auf New York und Washington zunutze gemacht, um ihre lang gehegten Pläne für Zentralasien in Angriff zu nehmen. Ohne irgendeinen Beweis vorzulegen, hat Bush umgehend bin Laden für die Verwüstungen in den Vereinigten Staaten verantwortlich gemacht und dem Taliban-Regime eine Reihe von Ultimaten gestellt: Liefert bin Laden aus, schließt alle Einrichtungen der Al Qaida und gewährt den Vereinigten Staaten Zugang zu allen "Ausbildungslagern für Terroristen". Als die Taliban diese unbegrenzten Forderungen zurückwiesen, gab Bush seinen Generälen das Signal, Tausende Bomben und Cruise Missiles auf Afghanistan abzuschießen mit dem erklärten Ziel, das Regime zu stürzen.

Wenn man der Bush-Regierung und den internationalen Medien Glauben schenkt, so besteht der einzige Zweck von Washingtons umfassendem und kostspieligem Krieg gegen eines der rückständigsten Länder der Welt darin, bin Laden zu fangen und sein Al Qaida-Netzwerk zu zerstören. Doch wie dieser historische Rückblick zeigt, sind Washingtons Ziele in Afghanistan nicht von Bedenken hinsichtlich des Terrorismus oder der Menschenrechte bestimmt.

Mit der Stationierung von Truppen in Usbekistan verfügen die Vereinigten Staaten zum ersten Mal über eine Militärpräsenz in den zentralasiatischen Republiken und mit ihrer militärischen Kampagne stellen sie sicher, dass sie die Grundlagen eines jeglichen Regimes diktieren können, das nach den Taliban in Afghanistan die Macht übernimmt. Selbst wenn bin Laden morgen getötet und seine Organisation zerstört würde, hätte Washington nicht die geringste Absicht, diese ersten Schritte zur Beherrschung der strategischen Schlüsselregion und ihrer gewaltigen Energiereserven rückgängig zu machen.

Literaturhinweise:

Ahmed Rashid, Taliban, Afghanistans Gotteskrieger und der Dschihad, Droemer Knauer Verlag München 2001

Martin Ewers, Afghanistan: A New History, Curzon 2001

Michael Griffin, Reaping the Whirlwind: The Taliban Movement in Afghanistan, Pluto Press 2001

Siehe auch:
Die Taliban die Vereinigten Staaten und die Ressourcen Zentralasiens - Teil 1
(31. Oktober 2001)
Weitere Artikel zum Krieg gegen Afghanistan

Kämpft gegen Googles Zensur!

Google blockiert die World Socialist Web Site in Suchergebnissen.

Kämpft dagegen an:

Teilt diesen Artikel mit Freunden und Kollegen