Am 23. November erfuhren Tausende Arbeiter der französischen Firma Moulinex, dass sie ihre Arbeit endgültig verloren haben. Dies nach zweimonatigen Protesten, Demonstrationen und teils dramatischen Aktionen zur Verteidigung ihrer Arbeitsplätze. Moulinex, einer der bedeutendsten Hersteller von Haushaltgeräten, beschäftigte in Frankreich und im Ausland beinahe 9.000 Arbeitnehmer. Die meisten Moulinex-Niederlassungen, die z.B. Bügeleisen, Mikrowellenherde oder Dampfkochtöpfe produzierten, befanden sich in der Normandie, doch es gab auch Filialen in China und Brasilien.
Anfang September hatte Moulinex die Zahlungsunfähigkeit erklärt. In den folgenden Wochen kam es zu einem ungleichen Kampf zwischen den Beschäftigten, die ihre Arbeitsplätze in einem bereits durch Abbau angeschlagenen Sektor verteidigen wollten, und den großen Banken, konkurrierenden Unternehmen, Parteien, regierungsgesponserten Vermittlergremien und dem Schiedsgericht. Die Banken und einige der Konkurrenten waren begierig darauf, die Überreste von Moulinex zu schlucken, während sich die anderen bemühten, den Widerstand der Arbeiter zu zersetzen.
SEB, der bedeutendste französische Produzent großer Haushaltgeräte, wird nun Moulinex übernehmen und damit seinen Rang und seine Aussichten auf dem Weltmarkt beträchtlich verbessern. Etwa 5.200 von ungefähr 8.800 Arbeitplätze werden dabei abgebaut, wobei in Frankreich mit der Schließung von vier Fabriken in der Normandie 3.700 Stellen verloren gehen.
Die Gewerkschaften leisteten beim Ausschlachten von Moulinex wichtige Hilfe. Nachdem die Gesellschaft ihre Zahlungsunfähigkeit offenbart hatte, breitete sich unter den Beschäftigten große Unruhe aus. Die Gewerkschaften organisierten Blockaden in einigen Betrieben in der Normandie, waren jedoch in erster Linie bemüht, ein Umsichgreifen betrieblicher Aktionen zu verhindern. Währenddessen versuchten die Betriebsleitung, die Gläubiger und Beauftragte des Staates geeignete "Käufer" zu finden. Die beiden schließlich in Frage kommenden Bewerber waren SEB und die Finanzierungsgesellschaft Fidei. Letztere hatte sich durch ihre Beteiligung am Aufkauf der bankrotten Airline AOM einen Namen gemacht, der ebenfalls mit einem massiven Beschäftigungsabbau verbunden war.
Die Gewerkschaften machten sich für eine Übernahme durch Fidei stark, weil das angeblich 1.000 Arbeitsplätze mehr als der Zuschlag an SEB gerettet hätte. Fidei war zwar Presseberichten zufolge nie eine ernsthafte Option gewesen, die Gewerkschaften plädierten aber trotzdem vehement für diese vermeintlich Arbeitsplätze rettende "Alternative". Es ist übrigens bemerkenswert, dass Moulinex 1988 schon einmal von den Beschäftigten aufgekauft worden war und von den Gewerkschaften, dem Management und den Aktionären gemeinsam betrieben wurde.
Am 23. Oktober bestimmte das Handelsgericht in Nanterre wie erwartet SEB zum Verwalter von Moulinex. Die Gewerkschaften ergriffen Maßnahmen, die verhindern sollten, dass Maschinen und Material aus den Fabriken abtransportiert wurden. Streikposten wurden aufgestellt. Als die Arbeiter zu begreifen begannen, dass ihre Arbeitplätze verloren waren und die Fabriken geschlossen würden, nahmen die Proteste einen wütenden und verzweifelten Charakter an. Am 14. November demonstrierten Tausende in Caen, der größten normannischen Stadt. Autoreifen wurden vor öffentlichen Gebäuden aufgetürmt und angezündet. Polizeiautos wurden mit faulen Eiern beworfen.
Jetzt stellten die Gewerkschaften die Forderung nach einer außerordentlichen Abfindung ins Zentrum ihres "Kampfes". Die sogenannten Betriebsblockaden dienten nun dazu, die neuen Firmenchefs zu diesem Zweck an den Verhandlungstisch zu zwingen. Aber SEB, unterstützt durch den Unternehmerverband MEDEF, verweigerte die Zahlung und erklärte, die Regierung sei zuständig.
Die Arbeiter begannen nun, ihre Wahlausweise zu zerreißen. Sie brachten so zum Ausdruck, dass sie sich von den politischen Parteien im Stich gelassen fühlten und nie mehr zur Wahl gehen wollten. Aber in Ermangelung einer unabhängigen politischen Strategie, die ihren Kampf weitergebracht hätte, endete dieser in Enttäuschung. In der Fabrik in Cormelles-le-Royal, die geschlossen werden soll, wurden Kanister mit Explosivstoffen aufgestellt und damit gedroht, den Betrieb in die Luft zu jagen.
Sowohl Management als auch Gewerkschaften waren bemüht, die Aktion so schnell wie möglich abzuwiegeln, und Ende November einigten sich die Verhandlungspartner dann auf zusätzliche Entschädigungszahlungen von 30.000 Francs bei Betriebszugehörigkeit von weniger als zwei Jahren bis zu maximal 80.000 Francs für diejenigen, die mehr als 25 Jahre bei Moulinex waren. Kaum genug um ein Jahr zu überleben. Die Gewerkschaften unterzeichneten diese Übereinkünfte, die unter den ursprünglichen Forderungen liegen, am 23. November. Kurz darauf erhielten die Arbeiter ihre Entlassungsbriefe.
Obwohl sich die Gewerkschaften manchmal radikal gebärdeten, teilen sie die Perspektiven der Arbeitgeber und der Regierung, nämlich auf dem Weltmarkt die Interessen des französischen Kapitalismus zu verteidigen. L´Humanité, Organ der französischen Kommunistischen Partei (PCF), welche immer noch große Teile der größten Gewerkschaft CGT beeinflusst, kommentierte die SEB-Übernahme wie folgt: "Wenn nun SEB tatsächlich gerade die Produkte wie Mikrowellen und große Elektrogeräte, bei deren Innovation Frankreich an der Spitze stand, zugunsten einer Entwicklung in den Vereinigten Staaten aufgibt, wird das der Invasion der asiatischen Konkurrenz Tür und Tor öffnen." Dies geschehe "unglücklicherweise noch unter Beihilfe der französischen Regierung, die sich anders als die Vereinigten Staaten weigert, die Produkte aus solchen Niedriglohnländern mit Strafzöllen zu belegen."
