War die US-Regierung vor dem 11. September vorgewarnt?

Teil 3: Die Vereinigten Staaten und der Terrorismus in Nahost

Von Patrick Martin
26. Januar 2002

Zu der offiziellen Version über die Angriffe auf das World Trade Center und das Pentagon, die besagt, dass diese Angriffe für die US-Regierung und ihre Geheimdienste vollkommen überraschend kamen, gehört auch die Behauptung, dass die CIA und andere Geheimdienste sich zu stark auf elektronische Überwachung verlassen und es vernachlässigt hätten, Agenten vor Ort in die terroristischen Organisationen einzuschleusen.

Als Ergebnis, so heißt es, seien CIA und FBI ohne wirkliche Informanten unter den islamischen Fundamentalisten nicht in der Lage gewesen, die Pläne von Osama bin Laden aufzudecken und zu verhindern. Das Fehlen amerikanischer Agenten wird einfach angenommen, ohne dass Beweise dafür vorliegen. Dieses Argument dreht sich im Kreis: Der Erfolg der Angriffe vom 11. September selbst muss dazu herhalten, um zu beweisen, dass die US-Regierung keine Agenten im Unterstützermilieu der Entführer hatte.

Zwei Annahmen werden dabei vorausgesetzt: erstens, dass keine US-Agenten in die terroristischen Kreise eindringen konnten; und zweitens, dass amerikanische Staatsschützer sich selbstverständlich eingeschaltet hätten, um den Anschlag zu verhindern, hätten sie nur im Voraus davon gewusst. Beide Annahmen sind fragwürdig.

Die offizielle Behauptung, es habe "keine menschlichen Informanten" im Zusammenhang mit dem 11. September gegeben, ist natürlich auf der Grundlage empirischer oder gerichtlicher Beweise schwer zu überprüfen oder zu widerlegen. Es liegt in der Natur solcher Aktivitäten, dass sie im Geheimen stattfinden und dem Publikum weitgehend verborgen bleiben. Aber die Glaubwürdigkeit dieser Behauptung muss im Licht der historischen Bilanz der Beziehungen zwischen dem amerikanischen Imperialismus und dem islamischen Fundamentalismus betrachtet werden.

Die Vereinigten Staaten waren über ein halbes Jahrhundert lang tief in den Nahen Osten verstrickt, und in Afghanistan schon seit zwanzig Jahren. US-Geheimdienste haben und hatten lange und enge Verbindungen zu den islamischen Fundamentalisten und ermutigten sie, sich terroristischer Gewalt zu bedienen. Ohne diese Rolle der USA hätte es keine al-Quaida gegeben, bin Laden wäre immer noch Bauunternehmer in Saudi-Arabien und der 11. September hätte niemals stattgefunden.

Die Ursprünge der Mudjahedin

Die Attentäter vom 11. September 2001 waren noch nicht geboren, als die US-Regierung begann, gewalttätige islamische Fundamentalisten zu unterstützen und sie gegen politische Gegner im Nahen Osten zu benutzen. Schon 1950 haben die Vereinigten Staaten und ihr wichtigster verbündeter Staat im arabischen Raum, Saudi-Arabien, fundamentalistischen Gruppen wie der Moslembruderschaft in Ägypten finanzielle Hilfe zukommen lassen. US-Politiker unterstützten die Fundamentalisten gegen den pan-arabischen Nationalismus von Ägyptens Staatschef Gamal Abdel Nasser wie auch gegen sozialistische Elemente in der arabischen Arbeiterklasse, besonders auf den saudischen Ölfeldern.

Ein Beobachter dieses Prozesses schreibt: "In der Zeit von 1958-60 begann das US-Außenministerium, die kommunistische Bedrohung in Nahost zu übertreiben, und die CIA von ARAMCO, und auch die CIAs in Beirut und Kairo begannen, islamisch fundamentalistische Gruppen als Gegengewicht zu Nasser aufzubauen. Zum Teil war dies eine Erweiterung von Kim Roosevelts früherem erfolgreichem Einsatz muslimischer Elemente (Fadayeen Islam) gegen die Linken im Iran. Die anti-Nasser Moslembruderschaft wurde gegründet, und religiöse Führer wurden angestachelt, die UdSSR wegen ihrer anti-muslimischen Politik anzugreifen." (Said K. Aburish, The Rise, Corruption and Coming Fall of the House of Saud, St. Martin's Press, New York 1996, p.161)

Diese Beziehung dehnte sich mit dem Ausbruch des Bürgerkriegs in Afghanistan quantitativ und qualitativ immer weiter aus. Schon vor der Invasion des Landes durch die Sowjetunion im Dezember 1979 hatten die Vereinigten Staaten entschieden, den islamisch fundamentalistischen Parteien, die einen Guerillakrieg gegen das Regime in Kabul führten, das im April 1978 durch einen Militärputsch an die Macht gekommen war und von der Sowjetunion gestützt wurde, finanzielle und militärische Unterstützung zu gewähren.

Zbigniew Brzezinski, nationaler US-Sicherheitsberater, hoffte, dass sich ein ausgewachsener Krieg in Afghanistan für die Sowjetunion als genauso schwächend erweisen würde wie Vietnam für die Vereinigten Staaten. Die Carter-Regierung begann, Waffen und Geld hineinzupumpen, und begünstigte besonders die am weitesten rechts stehenden islamischen Fundamentalisten, die ideologischen Vorläufer der Taliban und Osama bin Ladens.

Carters Nachfolger Ronald Reagan unterstützte die Fundamentalisten begeistert. Er pries politische Organisationen als "Freiheitskämpfer", die sich um die Errichtung eines Staats bemühten, der sich auf eine mittelalterliche Version des islamischen Rechts gründete: eine religiöse Diktatur, die Sklaverei, Unterdrückung der Frauen und barbarische Verstümmelungen für angebliche Gesetzesbrecher praktiziert.

Aber der Mann, der den Titel "Gründervater" der al-Quaida wirklich verdient, ist der Direktor von Reagans CIA, William Casey. Casey initiierte die Kampagne, militante Islamisten aus der ganzen Welt nach Afghanistan zu holen und für die anti-sowjetische Sache zu rekrutieren. Islamische Fundamentalisten aus Dutzenden Ländern - von Marokko bis Indonesien, und sogar einige schwarze Muslime aus den Vereinigten Staaten - reisten mit wohlwollender Zustimmung der CIA nach Afghanistan, wurden an Waffen und Sprengstoffen ausgebildet und zogen mit US-finanzierten Gewehren in den Kampf.

Osama bin Laden selbst war ein Produkt dieses Prozesses. In den frühen achtziger Jahren kam er zum erstenmal als Sympathisant der afghanischen Mudjahedin nach Afghanistan und setzte seine Kenntnisse aus dem Bauwesen ein, um Straßen, Festungen und andere Einrichtungen zu bauen, für die er einesteils aus eigener Tasche bezahlte, zum andern von den USA Geld erhielt. In Afghanistan knüpfte er auch Kontakte zu islamischen Fundamentalisten auf der ganzen Welt, die es später möglich machten, terroristische Attentate gegen US-Objekte auszuführen. Was die Bush-Regierung und die amerikanischen Medien heute als globale Verschwörung islamischer Extremisten dämonisieren, ist also ein Frankensteinmonster, das die amerikanische Regierung selbst geschaffen hat.

Diese Geschichte wird von den bewussteren Strategen des amerikanischen Imperialismus wohl verstanden. Zbigniew Brzezinski bemerkte vor einigen Jahren zynisch, dass das Aufkommen von al-Quaida als akzeptabler Preis für die Förderung amerikanischer Interessen im Nahen Osten und weltweit in Kauf genommen werden müsse. Er sagte einer französischen Zeitung: "Was war in der Weltgeschichte wichtiger? Die Taliban oder der Niedergang des sowjetischen Imperiums? Einige überdrehte Islamisten oder die Befreiung Zentraleuropas und das Ende des Kalten Krieges?" (Interview mit Vincent Javert in Le Nouvel Observateur, 15.-21.Januar 1998)

Al-Quaida und die CIA

Bin Laden wandte sich, wie heute allgemein berichtet wird, 1991-92 gegen die Vereinigten Staaten, nachdem im Verlauf des Golfkriegs ein großes Kontingent amerikanischer Soldaten in Saudi-Arabien eingesetzt worden war. Die offizielle Version lautet, dass dies das Ende aller Kontakte zwischen US-Geheimdiensten und den islamischen Fundamentalisten bedeutete, die daraufhin die al-Quaida aufbauten.

Hier gerät unsere Analyse notwendigerweise auf ein Feld, wo es wenig gesicherte und dünn gesäte Fakten gibt, und wo man auf Schlussfolgerungen und Wahrscheinlichkeiten zurückgreifen muss. Ist es glaubhaft, dass die CIA nach einem Jahrzehnt intimster Verbindungen zu den afghanischen Mudjahedin plötzlich von allen Informationen abgeschnitten war und nicht mehr feststellen konnte, was ihre einstmaligen Proteges machten?

Die unterwürfigen amerikanischen Medien haben niemals in Frage gestellt, was die Bush-Regierung, das Pentagon oder die Sprecher des FBI über dieses Thema sagten, und man sollte nicht darauf bauen, dass ein hochbezahlter amerikanischer Journalist seinen Arbeitsplatz aufs Spiel setzt, indem er solche Fragen stellt. Aber die langfristige und vertrauliche Beziehung der CIA mit den afghanischen Mudjahedin lässt es doch unwahrscheinlich erscheinen, dass alle Quellen des Geheimdienstes auf einmal versiegt sind.

Die CIA versteht sich auf eine genaue Kenntnis ihrer Kollaborateure und arbeitete über ein Jahrzehnt mit bin Laden und seinen Sympathisanten und Anhängern zusammen. Selbst heute, nach zehn Jahren zunehmender Feindschaft, stammen diejenigen, die von amerikanischen Regierungs-Quellen als bin Ladens wichtigste Helfer bezeichnet werden, größtenteils aus den Reihen der ägyptischen und Saudi-islamischen Fundamentalisten, die während des Kriegs in Afghanistan radikalisiert worden waren. Die CIA kannte ihre Familien, ihre Schwächen und Laster, und sie war niemals zimperlich im Gebrauch solcher Informationen, um Individuen zu kompromittieren und ihre Zusammenarbeit für ihre Zwecke sicherzustellen.

Das heißt nicht, dass es keinen wirklichen Konflikt zwischen bin Laden und der US-Regierung gegeben habe, oder dass al-Quaida bloß eine Front-Organisation gewesen sei. Es ist nicht nötig, zu solchen Verschwörungstheorien zu greifen, wenn man die Behauptung zurückweist, die US-Regierung habe keine Ahnung von den Plänen der terroristischen Gruppe gehabt. Vielmehr ist die offizielle Version lächerlich und weit hergeholt: die Behauptung, dass der größte und finanziell am besten ausgestattete Geheimdienst der Welt keinen Schwachpunkt in einer Organisation hätte finden können, deren Mitglieder früher in seinen Diensten standen.

Trotz ihrer momentanen Mystifikation in der Öffentlichkeit waren bin Laden & Co ein wesentlich leichter zugängliches Zielobjekt, als zum Beispiel stalinistische Regimes wie in Nordvietnam oder Nordkorea. Die CIA hat seit 1950 Quellen unter den islamischen Fundamentalisten unterhalten. Mehr noch: verbündete Geheimdienste, darunter mindestens diejenigen Ägyptens, Saudi-Arabiens und Pakistans - von Israel ganz zu schweigen - werden wohl ihre eigenen Kontakte gehabt haben.

Die Rolle von Provokateuren

Es ist wichtig, den 11. September im Zusammenhang mit früheren terroristischen Angriffen auf amerikanische Ziele zu untersuchen, besonders mit dem Bombenanschlag von 1993 auf das World Trade Center und denjenigen von 1998 auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania. Bei beiden Attentaten kam heraus, dass amerikanische Provokateure eine entscheidende Rolle spielten. Dies lässt Zweifel an der Behauptung aufkommen, der US-Geheimdienst sei nicht in der Lage gewesen, al-Quaida zu infiltrieren. Und es wirft die Frage auf, ob ähnliche Agents provocateurs auch am 11. September eine Rolle spielten.

Die wegen des Attentats von 1993 auf das World Trade Center Angeklagten, denen auch eine spätere Verschwörung mit dem Ziel, weitere Objekte in New York City in die Luft zu sprengen, zur Last gelegt wurde, waren fast alle früher Guerillakämpfer in Afghanistan gewesen und dann mit verdeckter Unterstützung der US-Geheimdienste in die Vereinigten Staaten eingereist. Unter ihnen war ein früherer ägyptischer Geheimagent und Informant der US-Regierung, Emad Salem, der als der wichtigste Anstifter eines Plans entlarvt wurde, Ziele im Großraum New York City zu bombardieren.

Salem und das FBI sagten aus, er habe von 1991 bis 1992 und dann wieder vom April 1993 an als Informant gearbeitet, allerdings nicht in dem Zeitraum, als das in Frage stehende Attentat vom März 1993 organisiert wurde, bei dem sechs Personen getötet und die Tiefgeschosse der Zwillingstürme zerstört wurden. Dies war offensichtlich ein durchsichtiger Versuch einer Antwort auf die Frage auszuweichen, warum das FBI, durch seinen Informanten gewarnt, nichts unternahm, um das Attentat zu stoppen.

Bei den Ereignissen von 1998 kam heraus, dass die US-Regierung zwei Wochen vor dem Bombenangriff in Kenia gewarnt worden war. Im Prozess vom vergangenen Jahr gegen vier Männer, die der Bombenattentate angeklagt waren, konnten die Verteidiger beweisen, dass US-Beamte die Warnungen nicht an das Personal der bedrohten Botschaften weitergaben, was zur hohen Zahl der Opfer beitrug und besonders unter der lokalen Zivilbevölkerung Opfer forderte, da sich viele zur Zeit der Explosionen in oder in der Nähe der Gebäude aufhielten.

Diese Information kam ebenso wie mindestens eine der Warnungen vor dem 11. September vom israelischen Geheimdienst Mossad. Außerdem war einer der wegen der Bombenangriffe in Kenia und Tansania Angeklagten, Ali A. Mohamed, ein ehemaliger Sergeant der Green Berets und Ausbilder für besondere Kriegsführung; er war ein ehemaliger ägyptischer Sicherheitsoffizier, der mit Unterstützung eines besonderen CIA-Programms zur Verleihung der Staatsbürgerschaft an Schlüsselinformanten in die Vereinigten Staaten eingereist war. Obwohl sich Mohamed angeblich wegen des Golfkriegs von 1991 von der US-Regierung abwandte, diente er noch bis 1995 der Regierung als Informant.

Zweifellos waren diejenigen, die am Bombenangriff von 1993 auf das World Trade Center, an den Angriffen von 1998 auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania und an ähnlichen Gewalttaten teilnahmen, islamische Fundamentalisten, die glaubten, sie würden der US-Regierung damit einen Schlag versetzen. Aber in der trüben Welt der Agenten, Doppelagenten und Agents Provocateurs könnte es wohl sein, dass sie benutzt wurden, um den Zwecken des amerikanischen Imperialismus zu dienen, der terroristische Angriffe - allen voran den vom 11. September - als Vorwand für militärische Aktionen im Ausland und Angriffe auf demokratische Rechte im Innern nutzt.

Terroristische Anschläge auf unschuldige Zivilisten sind politisch reaktionär, ganz unabhängig davon, welches Motiv oder welcher Vorwand ihnen zugrunde liegt. Mehr noch: weil der Terrorismus die bewaffnete Aktion einer kleinen Minderheit als Ersatz für den Kampf zur Entwicklung eines politischen Bewusstseins der Massen betrachtet, ist es für imperialistische Agenten viel leichter, Sympathie zu heucheln, einzudringen und die betreffende Organisation zu manipulieren. Von diesem politischen Standpunkt aus ist die Behauptung, der US-Geheimdienst sei nicht in der Lage gewesen, al-Quaida zu infiltrieren, nicht glaubwürdig.

Einige sonderbare Verbindungen

Der vielleicht verwirrendste Aspekt um den 11. September besteht darin, die wirkliche Beziehung zwischen bin Laden selbst und der US-Regierung herauszuarbeiten. Er war natürlich zehn Jahre lang ein kostbares Pfand der CIA. Er ist einer von mehreren Dutzend Söhnen eines saudischen Baumilliardärs, dessen Familie langjährige Verbindungen zu den Vereinigten Staaten pflegt, insbesondere zur Familie von George W. Bush. (Die bin Ladens waren Investoren der Carlyle-Gruppe, der milliardenschweren Risikokapital-Gesellschaft, die den ehemaligen Präsidenten und Vater des heutigen Präsidenten als hochdotierten "Regenmacher" auf ihrer Gehaltsliste führte, damit er im Nahen Osten die Werbetrommel rühre. Nach dem 11. September haben die bin Ladens ihre Aktien an dieser Firma verkauft.)

Noch 1996, über vier Jahre nachdem Osama bin Laden seine Absicht bekannt gegeben hatte, die USA aus Saudi-Arabien zu vertreiben, lehnte die US-Regierung einen Vorschlag des Sudan ab, ihn auszuliefern. US-Politiker behaupteten, es gebe nicht genug Beweismaterial, um bin Laden vor einem US-Gericht wegen terroristischer Aktionen zu verurteilen. Sogar als sein Name im Zusammenhang mit den Anschlägen von 1998 auf die Botschaften genannt wurde, hatte die CIA überraschend viele Schwierigkeiten, ihn in Afghanistan ausfindig zu machen.

Am 31. Oktober 2001 veröffentlichte die französische Tageszeitung Le Figaro - eine der konservativsten Zeitungen des Landes - eine sensationelle Story: Sie behauptete, dass bin Laden mit CIA-Beamten zusammengetroffen sei, als er sich fast zwei Wochen lang, vom 4.-14. Juli 2001, im amerikanischen Krankenhaus von Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten wegen eines Nierenleidens behandeln ließ.

Der Bericht wurde von US-Politikern und Vertretern der Vereinigten Arabischen Emirate rundheraus abgestritten, und es gibt keine Möglichkeit einer unabhängigen Überprüfung. Aber die Zeitung hat sicherlich gute Verbindungen. Einer ihrer wichtigsten Investoren ist die Carlyle-Gruppe, die private Gesellschaft, die die Bush-Familie und die bin-Laden-Familie direkt verbindet.

Es gibt weitere Indizien dafür, dass die Beziehungen zwischen der US-Regierung und islamischen Terroristen nicht so sind, wie sie in den amerikanischen Medien dargestellt werden.

Da wäre zum Beispiel der Fall von Nabil al-Marabh, der im Juni 2001 in Niagara Falls aufgegriffen wurde, als er, versteckt im Anhänger eines Trucks, mit einem gefälschten Pass die Grenze von New York passieren wollte, und von den US-Einwanderungsbehörden nach Kanada zurückgeschickt wurde. "Neun Monate früher hatte man ihn bei amerikanischen Geheimagenten als einen Beauftragten Osama bin Ladens in den Vereinigten Staaten angezeigt. Amerikanische Zollbeamte wussten von Geld, das er einem Verbündeten von bin Laden in den Nahen Osten überbracht hatte. Und die Bostoner Polizei hatte einen Haftbefehl für ihn herausgegeben, nachdem er seine Bewährungsauflage wegen einer Messerstecherei mit einem Freund verletzt hatte." Al-Marabh wurde in Kanada gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt und später, nach den Anschlägen vom 11. September, in der Nähe von Chicago festgenommen. Während er in Kanada im Gefängnis war, "prahlte Marabh vor seinen Zellengenossen, er sei ein ‚Sonderfall‘ des FBI." ( New York Times, 5. Oktober 2001)

Dann ist da noch der Bericht, der am 24. September in Newsweek erschien. Das Wochenmagazin berichtete, dass am 10. September "eine Gruppe von Top-Pentagon-Beamten plötzlich offensichtlich aufgrund von Sicherheitsbedenken ihre Reisepläne für den nächsten Morgen aufgab". Dies legt nahe, dass bestimmte Leute im amerikanischen Staatsapparat informiert waren - nicht nur über den enormen Umfang des Anschlags, sondern sogar über sein genaues Timing. Unnötig zu sagen, dass keine größere amerikanische Zeitung diesem Bericht nachging.

Und was soll man von einem Artikel halten, der am 23. September in der Washington Post erschien, auf der Titelseite der Zeitung und mit folgender Überschrift in zwei Zeilen: "Untersuchungsrichter identifizieren vier bis fünf mit bin Laden verbundene, in den USA aktive Gruppen. Keine Verbindung zwischen den Mitgliedern dieser ‚Zellen‘ und den 19 Entführern festgestellt, erklären Beamte"?

Der Artikel berichtet, dass das FBI mehrere al-Quaida-Gruppen identifiziert habe, die "in den letzten Jahren" in den Vereinigten Staaten operiert hätten, aber dass keinerlei Verbindungen zwischen ihnen und den 19 Entführern vom 11. September festgestellt worden seien. Dies ist ein erstaunliches Eingeständnis, wenn man bedenkt, dass die gesamte amerikanische Militärkampagne gegen Afghanistan auf der Behauptung beruht, bin Laden sei für die Selbstmordanschläge verantwortlich.

In dem Artikel heißt es weiter: "Das FBI hat keine Verhaftungen vorgenommen, weil die Gruppenmitglieder in den letzten Jahren legal in das Land eingereist waren und sich seither nicht an illegalen Aktivitäten beteiligt haben, wie die Beamten erklären. Regierungspolitiker sagen, es sei ihnen nicht bekannt, warum die Zellen hier seien, was ihr Zweck sei oder ob ihre Mitglieder Attentate planten. Ein Politiker beschrieb ihre Anwesenheit sogar als ‚möglicherweise positiv‘, obwohl andere eine etwas düsterere Interpretation haben und versichern, dass Maßnahmen ergriffen würden, um die Öffentlichkeit zu schützen."

Hier stocken die Sinne: Inmitten einer bundesweiten Netzfahndung, während Hunderte arabische und muslimische Amerikaner nur auf Grund ihrer Herkunft und Religion zusammengetrieben und verhört werden, erklärt das FBI gegenüber der wichtigsten Tageszeitung der Bundeshauptstadt, es habe bekannte Kollaborateure von Osama bin Laden nicht verhaftet, weil sie seit ihrer Ankunft in den USA nichts Falsches getan hätten. Ihre Anwesenheit könne sogar "positiv" sein - eine erstaunliche Charakterisierung, nachdem fast 3.000 Menschen ermordet wurden.

Der Post -Artikel wurde von Bob Woodward und Walter Pincus gemeinsam geschrieben, eine Tatsache, die seine Bedeutung noch steigert. Woodward muss all jenen, die mit dem Watergate-Skandal vertraut sind, nicht mehr vorgestellt werden. Er war der Empfänger der berühmtesten Information, die in der amerikanischen Geschichte je durchgesickert ist. Er bekam Insiderwissen über Nixons Taten in Watergate aus einer Quelle zugespielt, die bei Woodward "tiefer Rachen" heißt und die niemals enttarnt wurde. Man nimmt an, es handle sich um einen Topbeamten im nationalen Sicherheitsapparat. Walter Pincus ist ein Post -Redakteur für nationale Sicherheitsfragen, der über die CIA und das Pentagon schreibt. Er arbeitete in den sechziger Jahren als CIA-Agent, als er Mitglied der National Student Association (nationale Studentenverbindung) war, ein Fakt, der erst zwanzig Jahre später ans Licht kam.

Ein Artikel dieser zwei Personen, noch dazu so prominent auf der ersten Seite der Washington Post publiziert, sollte als halboffizieller Wink der US-Geheimdienste verstanden werden, dass ihre Beziehung zu Osama bin Laden wesentlich komplexer ist, als es in der Propaganda, die jetzt die Medien beherrscht, dargestellt wird.

Siehe auch:
Teil 1: Vorwarnungen
(23. Januar 2002)

Teil 2: Die Attentäter im Visier
( 24. Januar 2002)

Teil 4: Die Verweigerung einer Untersuchung
(29. Januar 2002)

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