Note: Ungenügend Die PISA-Studie und das deutsche Bildungssystem

Teil 1: Die Ergebnisse

Von Dietmar Henning
8. Februar 2002

Es ist was faul im Staate Deutschland. Seit Wochen werden nun schon die Ergebnisse der PISA-Studie diskutiert. Diese internationale Studie über grundlegende Lernkompetenzen von 15-jährigen attestiert formal den deutschen Schülern schwache Leistungen. Inhaltlich stellen die Ergebnisse der PISA-Studie aber eine Bankrotterklärung für das deutsche Schul- und Bildungssystem und eine Anklage an die dafür verantwortlichen Politiker dar.

Nur wenige behaupten heute noch, die Schule bzw. das Bildungssystem könnte die soziale Ungleichheit in der Gesellschaft beseitigen. Das konnte das Bildungssystem noch nie und wird es auch in Zukunft nicht können. Die beste Pädagogik annulliert nicht die soziale Ungleichheit, die in den wirtschaftlichen Grundlagen der Gesellschaft begründet ist. Das Schul- und Bildungssystem spiegelt vielmehr in komplexer Art und Weise die gesellschaftliche Realität und gleichzeitig die Haltung der herrschenden Kreise gegenüber dieser Realität wieder.

Der Mindestanspruch an das Bildungs- und Schulsystem in Deutschland war aber bis vor einigen Jahren, dass es die soziale Ungleichheit abzumildern hat, dass zumindest eine Chancengleichheit beim Bildungsgang besteht. Die gesamte Bildungsreformpolitik der 60er und 70er Jahre der damals sozialdemokratischen Bundesregierung hatte diesen Anspruch. In dieser Zeit haben sich engagierte Wissenschaftler und Lehrer in kleinen und größeren Reformprojekten durch ihren aufopferungsvollen Einsatz an diesem Anspruch gemessen und zumindest teilweise beachtliche Erfolge erzielt.

Heute haben sich alle Politiker - egal ob CDU/CSU, FDP oder SPD, Grüne und PDS - vom Anspruch der Chancengleichheit bei der Bildung verabschiedet. Alle Parteien vertreten die Interessen der sogenannten Besserverdienenden und Reichen. Selbstverständlich erklärt dies keine einzige Partei offen, erst recht nicht in Wahlkampfzeiten wie jetzt. Doch ihre Politik belegt dies. Nicht nur die Reformprojekte der 60er und 70er Jahre werden aus finanziellen Gründen zusammengestrichen, sondern das gesamte Bildungssystem wird mit Hilfe des Rotstifts im Bund, den Ländern und Gemeinden an den Rand des Einsturzes gebracht. Es ist daher in keiner Weise in der Lage, die wachsende soziale Ungleichheit abzufangen. Im Gegenteil: "In Deutschland verstärkt und zementiert das Bildungs- und Schulsystem die soziale Ungleichheit," so die Einschätzung des Bildungsexperten Prof. Klaus Klemm, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von PISA.

PISA steht für "Programme for International Student Assessment" - ein Programm zur periodischen Erfassung grundlegender Kompetenzen der nachwachsenden Generation. Diese Erfassung wird von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) durchgeführt und von allen Mitgliedsstaaten gemeinschaftlich getragen und verantwortet.

Weltweit nahmen im Frühsommer 2000 rund 180.000 Schülerinnen und Schüler aus 32 Staaten an der PISA-Untersuchung teil. PISA erfasst dabei drei Bereiche: die Lesekompetenz ( Reading Literacy), die mathematische Grundbildung (Mathematical Literacy) und die naturwissenschaftliche Grundbildung ( Scientific Literacy).

Die erste Erhebung fand im Jahr 2000 statt. Danach erfolgen die Erhebungen in einem Dreijahreszyklus. In jedem Zyklus wird ein "Hauptbereich" gründlicher und differenzierter getestet. In den beiden anderen Bereichen werden jeweils allgemeinere Leistungsprofile erfasst. Die Hauptbereiche sind: Lesekompetenz im Jahr 2000, mathematische Grundbildung im Jahr 2003 und naturwissenschaftliche Grundbildung im Jahr 2006.

In der Bundesrepublik nahmen etwa 5.000 Schülerinnen und Schüler aus insgesamt 219 Schulen an der Erhebung teil. Damit die Ergebnisse der PISA-Studie innerhalb Deutschlands auch auf Länderebene verwertbar sind, wurde die Zahl der Schulen in einem weiteren Schritt auf 1.466 erhöht. Diese große Zahl von Schulen mit insgesamt über 50.000 Schülern soll statistisch abgesicherte Aussagen über die Ergebnisse in den einzelnen Ländern sowie pro Schulform hervorbringen. Diese Befunde werden Ende Juni diesen Jahres veröffentlicht.

Mit Lesekompetenz ist in der PISA-Studie mehr als einfach nur lesen können gemeint. Unter Lesekompetenz versteht PISA die Fähigkeit, Texte sowie Diagramme, Bilder, Karten, Tabellen oder Graphiken zu verstehen sowie die darin enthaltenen Informationen oder Aussagen in einen größeren Bedeutungszusammenhang stellen und somit für das Leben nutzen zu können. "Nach diesem Verständnis ist Lesekompetenz nicht nur ein wichtiges Hilfsmittel für das Erreichen persönlicher Ziele, sondern eine Bedingung für die Weiterentwicklung des eigenen Wissens und der eigenen Fähigkeiten - also jeder Art selbstständigen Lernens - und eine Voraussetzung für die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben."

Nimmt man diese Definition der Lesekompetenz zur Grundlage, muss man den Ergebnissen der Studie entnehmen, dass das deutsche Bildungssystem nicht nur einem großen Teil der Jugendlichen bei der "Teilnahme am gesellschaftlichen Leben" nicht helfen kann, sondern gar verantwortlich dafür ist, dass immer mehr von dieser Teilnahme ausgeschlossen werden.

Ein Vergleich der Befunde im Bereich Lesen zeigt, dass Schülerinnen und Schüler in Deutschland insbesondere bei den Aufgaben relative Schwächen aufweisen, die das Reflektieren und Bewerten von Texten erfordern. Der Anteil der Jugendlichen, deren Leistungen sich unter einem elementaren Niveau ähnlich dem der Grundschule bewegen (in der Studie "Kompetenzstufe I" genannt), ist in Deutschland mit 10 Prozent vergleichsweise groß. Höhere Anteile finden sich nur in Brasilien, Mexiko, Lettland und Luxemburg.

Weitere 13 Prozent der in Deutschland erfassten Schülerinnen und Schüler befinden sich auf Kompetenzstufe I, also ungefähr auf Grundschulniveau. "Damit sind insgesamt fast 23 Prozent der Jugendlichen nur fähig, auf einem elementaren Niveau zu lesen," resümiert die Studie. "Im Hinblick auf selbstständiges Lesen und Weiterlernen ist diese Gruppe insgesamt als potenzielle Risikogruppe zu betrachten."

Der Anteil der 15-Jährigen, die angeben, überhaupt nicht zum Vergnügen zu lesen, liegt in Deutschland bei 42 Prozent und wird von keinem anderen Land übertroffen. Zudem muss man bemerken, dass der Mensch üblicherweise in diesem Alter einen Höhepunkt der Lesekompetenz erreicht, zumindest kurz vor diesem steht. Wenn einem jungen Menschen zu diesem Zeitpunkt die Kompetenz und - noch wichtiger - die Lust am Lesen verleidet worden ist, kann man sich ein Bild über seine Bereitschaft und Fähigkeit machen, in seinem späteren Leben auch "am gesellschaftlichen Leben" teilzuhaben bzw. teilhaben zu können.

Bei der Erfassung der mathematischen und naturwissenschaftlichen Kompetenzen ergibt sich ein ähnliches Bild, nicht zuletzt, weil vor allem die mathematische Grundbildung eng mit der Lesekompetenz zusammenhängt. Wie bei der Lesekompetenz sind nicht nur mathematische Sätze und Regeln und die Beherrschung mathematischer Verfahren abgefragt worden. Mathematische Kompetenz zeigt sich laut PISA vielmehr im verständnisvollen Umgang mit Mathematik und in der Fähigkeit, mathematische Begriffe als "Werkzeuge" in einer Vielfalt von Kontexten einzusetzen. Mathematik wird als ein wesentlicher Inhalt unserer Kultur angesehen.

"Ein Viertel der 15-Jährigen in Deutschland muss als Risikogruppe eingestuft werden, deren mathematische Grundbildung nur bedingt für die erfolgreiche Bewältigung einer Berufsausbildung ausreicht (unter und auf Kompetenzstufe I)", schlussfolgern die PISA-Wissenschaftler.

Mit weiteren, tiefer gehenden Untersuchungen über den sozialen Status und Hintergrund der Jugendlichen und ihrer Familien können die Bildungsforscher nachweisen, dass Lernkompetenzen und soziale Ungleichheit in Wechselwirkung stehen. "Die Analysen belegen einen straffen Zusammenhang zwischen Sozialschichtzugehörigkeit und erworbenen Kompetenzen über alle untersuchten Domänen hinweg", schreiben die Autoren der PISA-Studie.

Deutschland gehört zu den Ländern mit den größten Unterschieden in der Lesekompetenz von Jugendlichen aus höheren und niedrigeren Sozialschichten. Als Grund dafür wird die frühe Aufteilung der Kinder nach Klasse 4 auf die verschiedenen Schulen des dreigliedrigen Schulsystems bezeichnet. "Ein unerwünschter Nebeneffekt der frühen Verteilung auf institutionell getrennte Bildungsgänge ist die soziale Segregation der Jugendlichen."

Über 40 Prozent der Gymnasien haben eine Schülerschaft, die in der Mehrheit der oberen Mittelschicht angehört; ihre Väter oder Mütter sind Akademiker, Führungskräfte und selbstständige Unternehmer. Umgekehrt konzentrieren sich in Sonderschulen und einem Teil der Hauptschulen Jugendliche aus sozial schwachen Familien. "Die Entwicklung des Zusammenhangs von sozialer Herkunft und Leistung scheint ein kumulativer Prozess zu sein, der lange vor der Grundschule beginnt und an Nahtstellen des Bildungssystems verstärkt wird."

Dies deckt sich mit den Ergebnissen anderer Studien. Die Hamburger Studie zu den Lernausgangslagen zeigt beispielsweise, dass Schüler aus Arbeiterfamilien in Grundschulen wesentlich höhere Leistungen erbringen müssen, um eine Empfehlung zum Gymnasium zu erhalten, als Schüler aus Familien der höheren Schichten.

Der Abstand zwischen den Leistungsstärksten und -schwächsten ist schon jetzt in keinem Land so groß wie in Deutschland.

Während die Ergebnisse der PISA-Studie in Bezug auf die schwächeren Schüler keine wirklichen Neuigkeiten bringen, sondern vielmehr die Ergebnisse früherer Studien untermauern und stützen, sind die Ergebnisse von PISA im Bezug auf die stärkeren Schüler neu und zugleich ein Schlag ins Gesicht der konservativen Bildungsexperten und Politiker und ihrer "Elitenbildung". "Offensichtlich gelingt es in Deutschland nicht so wie in anderen Ländern, die schwachen Schülerinnen und Schüler zu fördern. Auf der anderen Seite gibt es aber auch keine Hinweise auf einen überdurchschnittlich großen Anteil von Schülerinnen und Schülern in Deutschland, die Leistungen auf einem Spitzenniveau erbringen. Im Unterschied zum Vereinigten Königreich etwa gibt es in Deutschland keine ausgeprägte Elite."

Die Lernkompetenzen in Deutschland sind sehr ungleich verteilt, und zwar auf einem insgesamt niedrigen Niveau.

Siehe auch:
Teil 2: Die Debatte

Die PISA-Studie im Netz
(Dieser Artikel ist auch in der gleichheit - März 2002 enthalten.)