Scharons Kriegsverbrechen im Libanon: eine Bilanz

Teil 2 ( )

Von Jean Shaoul
5. März 2002

Dies ist der zweite Teil einer Serie über die Verwicklung des israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon in die Kriegsverbrechen, die 1982 während der israelischen Invasion im Libanon begangen wurden und die in den Massakern in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatilla gipfelten

Nur wenige Wochen, nachdem er Verteidigungsminister geworden war, nahm Scharon nach zweijährigem Frieden wieder militärische Aktionen im Libanon auf. Er ließ Ziele im Südlibanon angreifen und provozierte so Gegenschläge, die ihm dann als Vorwand für ausgedehnte israelische Bombenangriffe dienten. Diese gipfelten am 17./18. Juli 1981 in einem Terrorbombardement Beiruts und anderer ziviler Ziele, das Hunderten das Leben kostete. Der amerikanische Sondergesandte Philip Habib vermittelte zwar einen Waffenstillstand, aber es war offensichtlich nur eine Frage der Zeit, bis Israel einen Vorwand finden würde, in den Libanon einzufallen.

Scharon traf seine Vorbereitungen. Im November beendete er das militärische Besatzungsregime auf der Westbank und in Gaza. Das verbesserte aber die Lage der Palästinenser keineswegs. Er verbot palästinensische politische Gruppen und führte ein neues und noch brutaleres Regime unter seiner eigenen und Menachem Milsons Kontrolle ein, des neuen Zivilverwalters. Praktisch wurden die Westbank und Gaza "Groß-Israel" einverleibt. Im Dezember wurden auch die syrischen Golanhöhen annektiert.

Das Bestreben der Regierung war, so viele israelische Juden auf der Westbank und im Gazastreifen anzusiedeln, dass die besetzten Gebiete nicht mehr an die Palästinenser zurückgegeben werden konnten. Sie plante, die Gebiete zu entwickeln und eine Infrastruktur für Fabriken, insbesondere für hochentwickelte Wissenschaftsindustrien, in den neuen Siedlungen zu schaffen.

Der Schlüssel für die Integration der besetzten Gebiete in ein Groß-Israel war die Zerschlagung der palästinensischen Führung, der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO). Scharons Ziel war es, und darin unterstützten ihn sowohl der Likud wie auch die Labour Partei, um jeden Preis eine Verhandlungslösung mit der PLO zu vermeiden. Aus Begins und Scharons Sicht war die erfolgreiche Isolierung derjenigen PLO-Fraktionen und der Staaten, die wie Irak und Libyen für die Zerstörung Israels entraten, durch Arafat ein Rückschlag. Es bedeutete, dass die PLO an allen Verhandlungen zur Beilegung des langen arabisch-israelischen Konflikts beteiligt sein würde, was zur Bildung eines palästinensischen Staates führen musste, wie es der Fahd-Friedensplan von 1981 vorgesehen hatte.

Das Friedensabkommen von Camp David 1978 ebnete den Weg für bilaterale Friedensabkommen mit den arabischen Nachbarn Israels. Es bot Israel auch die Chance, die besetzten Gebiete zu annektieren und die Invasion des Libanon vorzubereiten. Zu diesem Zweck hatte Israel bereits mit Ägypten Frieden geschlossen und, wie 1978 in Camp David vereinbart, mit dem Rückzug vom Sinai begonnen; dadurch hatte es das wichtigste arabische Land für den Fall neutralisiert, dass es einen seiner anderen Nachbarn angreifen sollte.

Von August 1981 bis Mai 1982 verletzten die israelischen Streitkräfte mit Scharons Billigung 2.125 mal den libanesischen Luftraum und 652 mal seine Hoheitsgewässer. Arafat hielt an dem von Habib vermittelten Waffenstillstand fest und übte keine Vergeltung, weil er auf Unterstützung der USA für eine Vereinbarung mit Israel hoffte.

Im Dezember 1981 warnte Scharon Philip Habib, den Sondergesandten von Präsident Reagan, und Morris Draper, den US-Sonderbotschafter, er plane, die PLO völlig auszulöschen, wenn diese den angeblich untragbaren Beschuss israelischer Siedlungen nicht sofort einstelle. Die USA waren über die politischen Folgen solchen Vorgehensweise besorgt und Habib machte deutlich, dass Scharon keine Rechtfertigung für einen Krieg habe. Er sagte: "Die PLO verübt nicht viele Überfälle. Es gibt keine Rechtfertigung für eine solche Reaktion Israels. Wir leben im zwanzigsten Jahrhundert.... Man kann nicht einfach so in ein Land einmarschieren." Trotzdem steigerte das Pentagon in den ersten Monaten von 1982 seine Waffenlieferungen an Israel, im vollen Wissen über die Invasionspläne Scharons. Die Lieferungen übertrafen die des Vorjahres um 50 Prozent und gingen auch im Juni, dem ersten Kriegsmonat, noch weiter.

Im Januar 1982 flog Scharon insgeheim nach Beirut, um Pierre Gemayel und seinen Sohn Baschir zu treffen, die alle ihre christlichen Gegenspieler ermordet hatten, um sich die Führung der christlichen Gruppen zu sichern. Baschir wollte bei den bevorstehenden Wahlen zum Präsidenten des Libanon gewählt werden. Scharon kündigte seine Absicht an, bis nach Beirut in den Libanon einzudringen. Er forderte von den Falangisten, sich dem Kampf Israels anzuschließen, die PLO aus Beirut und dem Libanon zu vertreiben und einen Friedensvertrag mit Israel zu unterschreiben.

Pierre Gemayel wies beide Wünsche zurück. So sehr er sich auch die Hilfe der Israelis wünschen mochte, so konnte er es sich doch nicht erlauben, vor aller Augen mit ihnen zusammen zu arbeiten.

Im Mai 1982 flog Scharon nach Washington, um Präsident Reagans Unterstützung zu gewinnen. Nach einem Treffen mit dem Präsidenten nahm Außenminister Alexander Haig Scharon beiseite und gab ihm, sozusagen von einem ex-General zum anderen, einen freundschaftlichen Rat. Er wies ihn darauf hin, dass er einen Casus Belli brauche. "Ariel," sagte er, "ich sage dir, das ist nicht zufriedenstellend... Nichts sollte im Libanon ohne eine international anerkannte Provokation getan werden, und die Verhältnismäßigkeit der israelischen Antwort auf die Provokation sollte gewahrt bleiben." Auch wenn nicht klar wurde, was eine ausreichende Provokation wäre, war Scharon so weit zufrieden. Er hatte seine amerikanischen Zahlmeister über seine Pläne unterrichtet, und sie hatten im Kern keine Einwände. Was er jetzt brauchte, war lediglich noch einen passenden Vorwand.

Später versuchte Haig zu leugnen, dass er grünes Licht für die Invasion gegeben habe, schränkte das aber folgendermaßen wieder ein: "Die Israelis haben deutlich gemacht, dass ihre Geduld erschöpft sei, und dass sie bei der nächsten Provokation reagieren würden. Sie haben uns das gesagt. Der Präsident wusste das." Auf Nachfrage konnte das Außenministerium nicht eine offizielle Erklärung zitieren, in der es sich gegen eine Invasion ausgesprochen hätte, abgesehen von der schnell wieder zurückgezogenen Unterstützung für die erste UN-Resolution, die Israel zur Beendigung seiner Aggression aufrief.

Zwei Wochen später schlug ein Attentat auf den israelischen Botschafter in London, Schlomo Argov, fehl. Es war von der Arafat- und PLO-feindlichen Gruppe Abu Nidals verübt worden, die von Irak aus operierte. Zwar hatte die Gruppe in Beirut kein Büro, doch das wurde von Ministerpräsident Begin genauso ignoriert, wie die Beteuerungen der PLO, weder mit dem Mordanschlag noch mit Abu Nidal irgendetwas zu tun zu haben. Für Begin waren "sie alle PLO." Mit anderen Worten war Arafat als Führer der PLO für sämtliche Aktivitäten aller palästinensischen Gruppen verantwortlich, und alle Palästinenser waren als Terroristen zu betrachten und zu eliminieren. Das Kabinett ordnete Bombenangriffe auf PLO-Stellungen in und um Beirut an. Als die Versammlung auseinander ging, sagte Begin: "Wir sollten auf das Maximum vorbereitet sein. Wir schlagen zu und schauen, was geschieht."

Israel bombardierte heftig PLO-Ziele, darunter auch die Flüchtlingslager Sabra und Schatilla und ein Krankenhaus. Mehr als 200 Menschen kamen bei diesen Angriffen ums Leben. Weil Arafat sich nicht in Beirut aufhielt, sondern zu Besuch in Amman, Jordanien, weilte, reagierten die Palästinenser mit dem Beschuss israelischer Siedlungen in Galiläa. Scharon nutzte das, um das Kabinett einige Tage später damit zu konfrontieren, dass es eine kurze, höchstens ein oder zwei Tage dauernde Operation mit dem Namen "Frieden für Galiläa" geben werde. Sie sollte sich darauf beschränken, die Palästinenser 40 bis 45 Kilometer zurückzudrängen, damit sie den Norden Israels nicht mehr beschießen konnten. Die Syrer im Libanon würden nicht angegriffen, es sei denn sie attackierten israelische Truppen. Als er nach Beirut gefragt wurde, sagte Scharon: "Beirut steht nicht zur Debatte. Das Ziel dieser Operation ist nicht, Beirut einzunehmen." Jedes Wort war eine Lüge.

Wenn einige Minister später behaupteten, Scharon habe sie getäuscht, dann ist das gelinde gesagt unaufrichtig. Zwei Monate vor dem Krieg hatte Begin Schimon Peres und die Labour-Partei über seine Pläne und über die Sprachregelung unterrichtet, mit der die Invasion der Öffentlichkeit verkauft werden sollte. Der altgediente Militärkorrespondent Ze'ev Schiff, der enge Beziehungen zum israelischen Militär hat, schrieb wenige Wochen vor der Invasion in Ha'aretz : "Es ist nicht wahr, dass wir, wie wir den Amerikanern sagen, nicht in den Libanon einmarschieren wollen. Es gibt einflussreiche Kräfte, angeführt vom Verteidigungsminister, die unter Einsatz von Geheimdiensten und faulen Tricks wohlüberlegte Schritte unternehmen, die uns in eine Lage bringen, in der Israel gar keine andere Wahl hat, als in den Libanon einzufallen, selbst wenn das zu einem Krieg mit Syrien führt."

Die israelische Invasion des Libanon im Juni 1982

Kaum hatte Scharon seine Truppen am 6. Juni über die libanesische Grenze marschieren lassen, als sie auch schon nordwärts Richtung Beirut zogen. Auf dem Weg dorthin zerstörten sie palästinensische Lager, trieben die Menschen nach Norden in das überwiegend moslemische West-Beirut und verhafteten viele der männlichen Erwachsenen. Israel nutzte seine totale Luftherrschaft und überlegene Feuerkraft, um alle Hindernisse wegzuschießen. Gelegentlich wurden vorher Flugblätter abgeworfen, welche die Bewohner aufforderten zu fliehen, bevor die Angriffe begannen. Dann wurden Bodentruppen geschickt, um aufzuräumen. Die Jerusalem Post schrieb: "Mit tödlicher Präzision machten die großen Kanonen ganze Häuserreihen und Wohnblocks nieder, die für PLO-Positionen gehalten wurden. Die Felder waren mit Kratern übersät.... Israels Strategie war zu diesem Zeitpunkt offensichtlich: ein gesäubertes Niemandsland zu schaffen, durch das die israelischen Panzer vordringen konnten, und einen Ausbruch der PLO zu verhindern."

Entsprechend Scharons weitergehendem Plan, Syrien aus dem Libanon zu vertreiben, griff die israelische Armee am 9. Juni unprovoziert die syrischen Truppen in der Bekaa-Ebene an. Nachdem Israel an einem Tag mehr als 60 Flugzeuge ausgeschaltet hatte, ging Syrien jeder weiteren militärischen Konfrontation mit Israel aus dem Weg. Damit hatte Israel Syrien erfolgreich für den Rest des Feldzugs neutralisiert.

Ende Juni war der Süden des Libanon verwüstet. Zehntausend Menschen waren getötet worden, 350.000 bis 400.000 Palästinenser waren vertrieben, die israelische Armee hatte 15.000 Gefangene gemacht und nur Weniges war noch intakt. Ein israelischer Journalist schrieb: "Die schockierenden Szenen der zerstörten Lager beweisen, dass die Zerstörungen systematisch angerichtet wurden." Viele Personen wurden nie wieder aufgefunden. Die Überlebenden wurden der Gnade der Falange-Milizen und der Truppen Haddads überlassen, den Handlangern Israels im Südlibanon.

Die Bombardierung und Belagerung Beiruts

Am 13. Juni, dem achten Tag des Kriegs, erklärte Begin der Knesset, dass die Kämpfe aufhören würden, wenn die Armee die 40 Kilometer-Linie erreicht habe. Zu diesem Zeitpunkt stand Scharon mit seinen Truppen, die West-Beirut umzingelt hatten, bereits in Ba'abda oberhalb der Stadt, die jetzt 500.000 Menschen beherbergte. Die folgende Belagerung sollte 70 Tage dauern.

In dieser Zeit wurde die Stadt heftig bombardiert, unter anderem mit Splitter- und Phosphorbomben. Damit sollten nicht nur die PLO und ihre militärischen Einrichtungen, sondern ihre gesamte soziale Basis und ihr soziales Netzwerk zerstört werden: ihre Gesundheits- und Bildungseinrichtungen, ihre politischen und gesellschaftlichen Organisationen und vor allem die verwahrlosten Elendsquartiere, die den Palästinensern im Libanon zur Heimat geworden waren.

Nicht einmal die Krankenhäuser wurden verschont, obwohl sie deutlich gekennzeichnet waren. Am 6. August standen dem Roten Kreuz zu Folge in West-Beirut noch 30 Krankenhausbetten von vorher 1.400 zur Verfügung. Die Flüchtlingslager wurden ständig bombardiert, was schon in den ersten Wochen des Krieges zur Flucht von mehr als der Hälfte der 125.000 Bewohner von Sabra und Schatilla führte, obwohl keine schwere Artillerie oder stark befestigte Positionen gefunden wurden. Palästinenser die versuchten, West-Beirut zu verlassen, wurden von in der Stadt patrouillierenden israelischen Soldaten daran gehindert.

Die UN schätzte, dass allein in West-Beirut 13.500 Wohnungen schwer beschädigt wurden, die Palästinenserlager nicht mitgerechnet. Strom- und Wasserversorgung wurden ständig unterbrochen und die Lebensmittel und Medikamentenversorgung brach zusammen. Internationalen Hilfsorganisationen wurde der Zugang verweigert.

Die libanesische Polizei schätzte, dass von Anfang Juni bis Ende Dezember mehr als 19.000 Menschen getötet und 30.000 verletzt wurden. Von diesen wurden 6.775 in Beirut getötet, davon waren 84 Prozent Zivilisten. "Nicht mit gezählt sind die in Massengräbern Beigesetzten, über die die libanesischen Behörden nicht informiert wurden," hieß es. Im Gegensatz dazu wurden von Juni bis Ende November 486 israelische Soldaten getötet. 117 von ihnen fielen im Kampf um Beirut.

Der Zweck der Belagerung Beiruts und der damit einhergehenden Brutalität war es, größtmöglichen Druck auf die libanesische Regierung auszuüben, Arafat und die PLO zum Verlassen des Landes zu zwingen. Um das zu erreichen, riss Israel die Kontrolle über die Hauptstadt eines anderen Landes an sich, brach alle Kriegskonventionen und nahm die halbe Bevölkerung von Beirut (alle Bewohner West-Beiruts) als Geiseln.

Die Rolle der USA bei der Evakuierung der PLO

Die USA griffen keineswegs als ehrlicher Makler ein, sondern intervenierten, um im Interesse Israels die Evakuierung der PLO zu organisieren. Sie boten Garantien, die palästinensischen Zivilisten zu schützen, die absolut entscheidend für die Zustimmung der PLO war, Beirut zu verlassen. Diese Garantien wurden aber nicht eingelöst.

Die USA schickten Habib in den Nahen Osten zurück, um Scharons Bedingungen für eine Beendigung der Kämpfe zu erfahren. Habib fragte: "Wer muss Beirut verlassen? Alle 10.000 [PLO-Kämpfer] oder nur ihre Führer?" Scharon antwortete: "Alle Terroristen. Sie müssen alle gehen. Wenn sie sich weigern, werden sie vernichtet.... Sagt ihnen, dass sie gehen sollen." Als Habib entgegnete: "Ich denke, was Sie verlangen, ist unmöglich," schickte Scharon Dutzende Kampfjets, die Hunderte Tonnen Bomben auf Sabra und Schatilla und panzerbrechende Splitterbomben auf Wohnblocks in West-Beirut abwarfen.

Daraufhin tat Habib alles, um die libanesische Regierung dazu zu bringen, dass sie Arafat drängte, Scharons Bedingungen zu akzeptieren. Weil er wusste, dass Scharon keine Versprechungen akzeptieren würde, brachte er Arafat dazu,, schriftlich den Abzug aller seiner Kämpfer zu garantieren.

Jetzt musste Habib arabische Länder finden, die bereit waren, die Palästinenser aufzunehmen, aber es gab nur wenige aufnahmewillige. Die arabischen Führer hatten sämtlich zugeschaut, als der Libanon überfallen wurde, auch die, die mit dem Mundwerk laut Opposition gegen Israel betrieben. Wenige waren bereit, die PLO-Kämpfer aufzunehmen, die sie als Unruhestifter betrachteten. Jordaniens König Hussein verlangte sogar, dass die bewaffneten Guerilleros, falls sie nach Syrien gehen sollten, weit entfernt von der Grenze mit Jordanien untergebracht werden. Er erlaubte einigen Palästinensern mit jordanischen Pässen die Einreise nach Jordanien. Ägypten und Syrien nahmen überhaupt keine PLO-Kämpfer auf, während Tunesien, Jemen, Sudan, Irak und Algerien einige aufnahmen.

Selbst nach der Zustimmung der PLO zur Evakuierung gingen die Bombenangriffe weiter; so wurde das Flüchtlingslager Bourj al Barajneh mit einem Bombenteppich belegt. Am Samstag, den 21. August verließ das erste Kontingent von 12.000 PLO-Kämpfern Beirut per Schiff. Arafat selbst ging am 30. August 1982 als letzter. Die USA hatten mit Präsident Bourguiba vereinbart, dass er in Tunis Aufnahme finden würde. Weitere 10.000 PLO-Kämpfer blieben im Osten und Norden des Libanon in Gebieten unter syrischer Kontrolle.

Der Schutz in Beirut zurückbleibender palästinensischer Zivilisten war ein zentraler Punkt der Vereinbarung, unter der die PLO ihrer Evakuierung aus der Stadt zugestimmt hatte. Eine multinationale Truppe aus Amerikanern, Italienern und Franzosen sollte in Beirut die Evakuierung überwachen und ihre Sicherheit garantieren. Zusätzlich gab es bilaterale Vereinbarungen der Regierungen der USA und des Libanon mit der PLO und ein Versprechen Israels, nicht in Beirut einzumarschieren.

In der Vereinbarung hieß es: "Die USA geben ihre Garantien auf der Grundlage von Versicherungen der israelischen Regierung und bestimmter libanesischer Gruppen, mit denen wir in Kontakt standen." Habib bestätigte später, dass er persönlich die Vereinbarung zum Schutz der Palästinenser unterzeichnet hatte. "Ich habe konkrete Garantien dazu von Baschir und von den Israelis - von Scharon - bekommen." Habib schrieb persönlich an den libanesischen Premierminister: "Meine Regierung wird alles tun, damit diese Zusagen [der israelischen Seite] genau eingehalten werden."

Die Tinte unter den Vereinbarungen war noch nicht trocken, da brach Israel seine Versprechungen. Die libanesische Armee sollte an der Sicherheitsoperation beteiligt werden, wurde aber von der israelischen Armee daran gehindert, was ein Bruch ihrer Zusage war, sich aus Beirut zurückzuziehen. Das war nur die erste von vielen noch folgenden Verletzungen der Vereinbarungen, die die USA letztlich duldeten. Die israelische Armee hatte Arafat im Visier. Sie hätten ihn leicht töten können, aber die USA hatten Scharon das Versprechen abgenommen, Arafats sichere Abreise und Fahrt nach Tunis zu garantieren: Ein Versprechen, dass Scharon kürzlich öffentlich bedauert hat.

Als Teil des von Habib ausgehandelten Abkommens übernahm die libanesischen Polizei die Kontrolle in West-Beirut und sammelte Waffen und Munition aus den PLO-Depots ein, wobei einiges davon auch der moslemischen Murabitun-Miliz ausgehändigt wurde.

Während der Evakuierung der PLO gewann am 23. August Israels Mann Baschir Gemayel, der die größte Privatarmee des Libanon befehligte, die Präsidentschaftswahl. Die Kontrolle Israels in einem großen Teil des Landes erlaubte es, wichtige Delegierte der Wahlversammlung zu schützen und sie mit Hubschraubern zur Abstimmung nach Ost-Beirut zu fliegen. Gemayel wurde am 23. September als Präsident des Libanon vereidigt.

Israel hatte für die Falange den Krieg gewonnen, ohne dass sie einen Finger rühren musste. Die Falange hatte es sogar abgelehnt zu kämpfen, weil sie in früheren Kämpfen mit den Palästinensern einige Soldaten verloren hatte. Während die israelische Regierung über den Erfolg ihres Feldzugs jubelte, waren die nun schutzlosen Palästinenser und libanesischen Moslems in Beirut voller Angst. Sie waren der Falange, Haddads bewaffneter Miliz in Südlibanon und allen anderen ausgeliefert, die die Unterstützung Israels genossen.

Der Journalist Robert Fisk kommentierte prophetisch in der Londoner Times : "Die Zivilisten in West-Beirut werden höchstens von der libanesischen Armee geschützt. Es ist aber nicht die Art Armee, von denen sich die Menschen im moslemischen Sektor der Stadt viel versprechen können." In seinem Buch "Pity the Nation", das ein Augenzeugenbericht der Gräueltaten von Beirut ist, gab Fisk zu, dass er selbst die wirkliche Bedeutung seiner Worte oder das Ausmaß der folgenden Schlächterei nicht ermessen hatte.

Siehe auch:
Scharons Kriegsverbrechen im Libanon: eine Bilanz - Teil 1
(2. März 2002)