Frankreich:

Schießerei in Nanterre zeigt explosive soziale Spannungen

Von Therese LeClerc
5. April 2002

In den frühen Morgenstunden des 27. März eröffnete ein 33-jähriger Mann gegen Ende einer langen Ratssitzung das Feuer auf die Stadträte des westlichen Pariser Vororts Nanterre. Er tötete acht von ihnen und verletzte vierzehn weitere schwer. Richard Durn, ein Mann mit Universitätsdiplom, der nie eine feste Anstellung hatte finden können, wartete ab, bis alle Besucher das Gebäude verlassen hatten, zog dann eine Schnellfeuerwaffe und schoss immer wieder auf die vierzig anwesenden Politiker.

Vier Mitglieder der französischen Kommunistischen Partei (PCF) starben auf der Stelle, wie auch drei UDF-Vertreter und ein Repräsentant der Grünen. Einer der Ratherren wurde zweimal angeschossen, während er mithalf, Durn zu überwältigen und der Polizei zu übergeben; er ist noch nicht außer Lebensgefahr. Durn schrie am Schluss: "Tötet mich! Tötet mich!" 36 Stunden später beging er Selbstmord, indem er sich aus dem vierten Stock der Pariser Polizeizentrale stürzte.

Die Politiker reagierten auf die Ereignisse in Nanterre, indem sie verstärkt für härtere staatliche Anti-Gewalt-Maßnahmen eintraten und behaupteten, dass es für die tödliche Schießerei keine vernünftige Erklärung gebe. Die meisten Kommentare konzentrierten sich auf die Fragen, dass man Durn erlaubt habe, Waffen zu tragen, obwohl er in psychiatrischer Behandlung war, und wie es ihm gelungen sei, in polizeilicher Obhut Selbstmord zu begehen. In weniger als einem Monat, am 21. April und 5. Mai, werden in Frankreich die Präsidentschaftswahlen stattfinden, und die führenden Kandidaten haben Sicherheit und Jugendkriminalität zu den Hauptthemen ihrer jeweiligen Kampagne gemacht.

Der noch amtierende Präsident, Jacques Chirac, bezeichnete Durns Aktion als inhuman und erklärte, man müsse alles tun, damit solche Taten unterdrückt und verhindert werden könnten. Sein Rivale, der Premier Lionel Jospin (Sozialistische Partei), der ebenfalls "hart durchgreifen" will, beschrieb Durns Vorgehen als "vollkommen sinnlos". Jospin warnte davor, "diese individuelle Wahnsinnstat" mit den alltäglichen Sicherheitsproblemen zu vermischen.

Die Medien unterstützen diese Ansichten durchwegs. Ein Leitartikel der Tageszeitung Libération warf die Frage auf, warum das Schicksal heute die Form von Durns sonderbarem Verhalten annehmen könne, nur um die eigene Frage mit der Aussage zu beantworten: "Das weiß keiner." Le Monde behauptete: "Für diesen Gewaltausbruch in einem gewöhnlichen Rathaus gibt es keine logische Erklärung." Die Tageszeitung der Kommunistischen Partei, L'Humanité, beschrieb die tödliche Schießerei als einen "Akt mörderischen Wahnsinns" und sagte, Durns Selbstmord habe die Familien der Opfer der Genugtuung beraubt, den Mörder vor Gericht zu sehen.

Sicherlich spielte es bei den Ereignissen der letzten Woche eine Rolle, dass der Täter psychisch labil war. Durn, den seine Mutter als einen Menschen beschrieb, der keine Freunde hatte, war seit zwölf Jahren wegen Depression in Behandlung und hatte schon zwei Selbstmordversuche unternommen. Sein Gefühl jedoch, von der Gesellschaft "wie ein Stück Dreck" behandelt zu werden, wie er der Polizei gegenüber aussagte, wird von zahlreichen Jugendlichen geteilt. Seit mehreren Jahren kürzen alle französischen Regierungen systematisch die Arbeitslosenversicherungsbeiträge von Staat und Unternehmen und andere Sozialleistungen für Arbeitslose. 2,2 Millionen Menschen sind heute in Frankreich arbeitslos, das ist eine Rate von neun Prozent. Es gibt Regionen, wo die Jugendarbeitslosigkeit bis zu fünfzig Prozent beträgt. Schätzungsweise vier Millionen Menschen leben in Armut, darunter viele, die Arbeit haben, und Frankreich hat von ganz Europa die höchste Rate an Jugendlichen, die Selbstmord begehen.

Extreme Gewaltausbrüche verzweifelter Individuen werden in Frankreich als etwas typisch Amerikanisches betrachtet. Aber auch in Frankreich sind sie in letzter Zeit immer häufiger vorgekommen. In den letzten zehn Jahren gab es mindestens 17 solche Vorfälle, die oftmals mit dem Selbstmord der Täter endeten. Im Juli 1992 tötete ein junger Arbeiter sieben Menschen in einer Fabrik in Besançon, aus der er kurz zuvor entlassen worden war, und brachte sich anschließend selbst um. Zwölf Monate später erschoss ein Mitglied einer Sinti und Roma Gemeinschaft sechs Mitglieder seiner Verwandtschaft, ehe er Selbstmord beging. Im September 1995 tötete ein 16-jähriger sechzehn Menschen, darunter drei Familienmitglieder, und verwundete sieben weitere, ehe er sich erschoss. Und im vergangenen Oktober eröffnete ein Eisenbahnarbeiter im Stadtzentrum von Tours das Feuer, tötete vier Menschen und verletzte elf weitere. Er befindet sich zur Zeit im Gefängnis.

Mehrere Bürgermeister haben ausgesagt, die Tatsache, dass Durn die Lokalpolitiker aufs Korn genommen habe, sei symptomatisch für die Verschlechterung der Beziehungen zwischen der Bevölkerung und den gewählten Repräsentanten des gesamten politischen Spektrums. Stephane Gatignon, PCF Bürgermeister von Sevran in Seine-Saint-Denis, einer nördlichen Vorstadt von Paris, wurde mit den Worten zitiert: "Lange Zeit haben die Menschen gedacht, wenn sie sich beschweren, würden sie das Gewünschte erreichen... Uns stehen große Probleme bevor." Gatignon war selbst schon im Januar von einer Gruppe Jugendlicher in seinem Büro angegriffen worden, als er versuchte, in einem Streit zwischen ihnen und einem Restaurantbesitzer am Ort zu vermitteln.

Manuel Valls, PS-Bürgermeister von Evry in Essonne, einer südlichen Vorstadt von Paris, erklärte gegenüber Le Monde : "Immer häufiger kommen Menschen ins Büro eines Stadtrats und sind so aufgebracht, dass es fast zu physischer Gewalt kommt, weil sie vergeblich versucht haben, eine Wohnung zugeteilt zu bekommen oder finanzielle Hilfe zu erhalten." Claude Pernes, Bürgermeister von Rosny-sous-Bois, ebenfalls in Seine-Saint-Denis, ein Unterstützer der rechten Liberaldemokraten, erklärte: "Ich hatte vor kurzem ein Problem mit einem jungen Mädchen, die kurz vor der Niederkunft stand. Sie war obdachlos; ihre Mutter hatte sie rausgeschmissen. Ihr Partner sagte zu mir: ‚Wenn sie das Kind auf der Straße bekommt, dann bist du dran‘."

Eine etwas einsichtigere Reaktion als die der Politiker wurde vergangene Woche in einem Leserbrief eines Jugendlichen in Libération publiziert. Er war der Meinung, dass die Gesellschaft selbst zum großen Teil für Durns tödliche Schüsse verantwortlich sei. "Obwohl Durn depressiv war, ist es eine billige Ausrede, von Wahnsinn zu sprechen", schrieb Michaël Moretti. "Diese schreckliche Tat wirft ein helleres Licht auf das Elend einer Generation, die geopfert wird, als all die gleichlautenden Reden der Politiker zur Wahlzeit.... Durn, der in Politik und Geschichte promoviert hatte, lebte mit seiner Mutter vom Mindestlohn. Diese Situation ist nicht ungewöhnlich. Wer vom Mindestlohn leben muss und gar ein junger Mensch, der selbst auf diese letzte Sicherheit verzichten muss, erleidet unvorstellbare Qualen. Vom Mindestlohn leben zu müssen, bedeutet, dass man keinerlei Anerkennung erfährt, dass man ein Mensch zweiter Klasse ist. Wir sind seit dem zweiten Weltkrieg die erste Generation, die weniger verdient als ihre Eltern. Unsere Zukunft ist unsicher. Die Schwächung der individuellen Psyche ist das Resultat all dessen. Die Obdachlosen, die beschönigend als ohne festen Wohnsitz bezeichnet werden, werden immer jünger. Die Aussichten sind düster. Unsere Zukunft wird durch die Zerstörung der Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst bestimmt. Unsere Zukunft bedeutet: befristete, schlecht bezahlte Jobs, die aber immer höhere Qualifikationen voraussetzen. Unsere Zukunft besteht darin, dass wir keine haben. Wir leben in großem Leid. Durns unentschuldbarer Akt drückt dies sehr gut aus."

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