Frankreich: Von Entlassung bedrohte sprechen mit dem WSWS

Von David Walsh
26. Juni 2002

Ein Reporterteam des WSWS hat am 12. Juni mit Arbeitern vor der Whirlpool-Fabrik in der Stadt Amiens gesprochen, die 140 km nördlich von Paris liegt. Im April hatte Whirlpool Europa angekündigt, 360 der 860 Arbeiter der Fabrik zu entlassen. Die Firma beabsichtigt, die Produktion der Waschmaschinen in ihren Betrieb in Propad in der Slowakei zu verlagern und nur die Produktion der Trockner in Amiens zu belassen. Im Jahr 1999 beschäftigte das Werk noch 1049 Arbeiter.

Die geplanten Arbeitsplatzverluste würden einen weiteren Schlag gegen die Wirtschaft in Amiens bedeuten, wo laut den Angaben der örtlichen Gewerkschaft bereits 15.000 Menschen arbeitslos sind, 14 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung. Ein lokaler Funktionär der von der Französischen Kommunistischen Partei (KPF) dominierten Gewerkschaft CGT beschuldigte Whirlpool, 63 Millionen Euro an Subventionen von der Regierung kassiert zu haben.

Die in Bentan Harbor, Michigan, ansässige Firma ist einer der weltweit führenden Hersteller von größeren Haushaltsgeräten. Im Jahr 1999 erreichten seine Verkäufe einen Wert von 10,5 Mrd. Dollar. Er ist die Nummer Eins auf dem nordamerikanischen Markt und Nummer drei in Europa, obwohl er erst 1989 in den europäischen Markt eingestiegen ist. Im letzten Quartal des Jahres 2000 erlitt Whirlpool jedoch scharfe Einbußen bei den Profiten, 41 Prozent weniger als im gleichen Vorjahreszeitraum, und kündigte den Abbau von 6.000 Stellen an. Der Arbeitsplatzabbau ist seitdem fortgesetzt worden.

Die fünf Gewerkschaften im Werk Amiens reagierten auf die Ankündigung von Whirlpool im April mit einer demagogischen Kampagne. Sie riefen die Beschäftigten auf, "alle Entlassungen im Werk zurückzuweisen", ohne irgendeine Strategie anzubieten, die Arbeiter in Europa und international zu vereinen. Sie beschränken sich im wesentlichen darauf, der Geschäftsleitung vorzuschlagen, wie man die Fabrik profitabler führen kann. Ein Flugblatt der CFDT, das an dem Nachmittag verteilt wurde, an dem das WSWS das Werk besuchte, schlug zum Beispiel einen Plan vor, die Herstellung von Waschmaschinen zu reduzieren und "die Produktion von Trocknern zu erhöhen. Der Übergang könnte über einen Zeitraum von 18 Monaten bis zwei Jahren schrittweise erfolgen und den Arbeitsplatzabbau begrenzen."

Das Management scheint jedoch taub gegenüber den Vorschlägen und Bitten der Gewerkschaften zu sein, und die Arbeiter sind dementsprechend unsicher und pessimistisch, was ihre Zukunft betrifft. Einige Beschäftigte meinten uns gegenüber, sie hätten den Eindruck, dass das Werk in naher Zukunft vollständig geschlossen werde.

Außer den CFDT-Mitgliedern, die ihr Flugblatt verteilten, warb auch der Abgeordnete des dortigen Wahlkreises, Maxime Gremetz von der stalinistischen Kommunistischen Partei (KPF), vor der Fabrik für seine Wiederwahl. (Er setzte sich bei der Stichwahl am 16. Juni durch). Ein Interview mit Gremetz wird noch separat erscheinen.

Wir sprachen mit einer Reihe von Arbeitern, darunter einem selbstzufriedenen Anhänger der KPF, einer Arbeiterin, die um ihren Arbeitsplatz bangt und einem seit 29 Jahren im Werk Beschäftigten, der bei den jüngsten Wahlen für Le Pen und die Nationale Front gestimmt hatte. Letzterer griff die Gewerkschaften und die KPF an, dass sie nichts täten, sein eigener Standpunkt war jedoch nationalistisch und engstirnig. Er hatte kein Interesse an Arbeitern, die in anderen Ländern bei Whirlpool beschäftigt sind, und glaubte, Le Pen würde "französische Arbeitsplätze" verteidigen. Er war jedoch auch kein eingefleischter "Faschist". Wenige Minuten später beobachteten wir ihn bei einer Diskussion mit dem KPF-Abgeordneten Gremetz.

Die politische Verwirrung, die sich in den Interviews ausdrückt, ist vor allem das Ergebnis davon, dass die französischen Arbeiter von ihren traditionellen Organisationen im Stich gelassen worden sind. Die Sozialistische Partei ist zu einer führenden bürgerlichen Formation geworden, die sich darum drängt, den französischen Kapitalismus verwalten zu dürfen. Die KPF, durchtränkt mit Nationalismus und Chauvinismus, ist mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion einerseits und dem Aufkommen eines global integrierten Kapitalismus andererseits in eine tödliche Krise geraten. Die Gewerkschaften, obwohl sie mitunter aus voller Kehle brüllen, sind an den Nationalstaat und die nationale Wirtschaft gebunden. Sie repräsentieren jedenfalls nur einen Bruchteil der Beschäftigten. Die Diskussionen bei Whirlpool zeigen, wie notwendig es ist, in der französischen Arbeiterklasse energisch für den Internationalismus einzutreten.

Stéphane arbeitet in der Produktion von Wäschetrocknern

WSWS: Was denken Sie über die Ergebnisse der ersten Runde der Parlamentswahlen?

Stéphane : Man kann nicht sagen, dass die Parlamentswahlen diesmal besonders gut laufen, aber es könnte schlimmer sein. Es ist nicht so ein Schock wie bei den Präsidentenwahlen, das kann man sagen.

WSWS: Was denken Sie über die Regierung Jospin?

Stéphane : Wissen Sie, ich bin nicht besonders politisch. Es ist sowieso nicht meine Partei. Ich könnte nicht sagen, dass sie nur Gutes getan haben, obwohl sie schon ein paar gute Sachen gemacht haben, das kann man schon sagen.

WSWS: Und die 35-Stunden-Woche?

Stéphane : Sie hat gute und schlechte Seiten. Man muss das Pro und Contra abwägen.

WSWS: Und die Situation hier mit den Entlassungen?

Stéphane : Die Geschäftsleitung hat einen Umstrukturierungsplan vorgeschlagen bzw. diktiert, einen Plan zum Stellenabbau, der die Waschmaschinenproduktion in die Slowakei verlagern und 360 Stellen abbauen soll. Sie wollen ein Werk mit nur einer Produktionslinie.

WSWS: Wer ist bedroht?

Stéphane : Die ersten, zweiten und dritten Produktionsgruppen von Waschmaschinen und Trocknern. Jeder, alle Arbeiter im Werk sind von diesem Plan bedroht.

WSWS: Wie können Arbeiter gegen diesen Plan der Bosse und den globalen Kapitalismus ankämpfen?

Stéphane : Ich nenne das Entlassungen für die Börse. Es ist nicht so, dass wir keinen Profit machen, wir machen nur nicht genug für die Herrschaften. Deshalb gehen sie nach Osteuropa, um höhere Profite zu machen. Die Arbeiter da sind viel niedriger bezahlt, es gibt dort weniger Verpflichtungen, deshalb wollen sie natürlich dahin gehen, um mehr Geld zu machen. Wirtschaftlich ist die Fabrik anerkanntermaßen in jeder Hinsicht lebensfähig, und wenn die Fabrik lebensfähig ist, kann ich nicht einsehen, warum die sie jetzt verlagern und 360 Arbeitsplätze verloren gehen.

WSWS: Denken Sie, dass man die slowakischen Arbeiter mit denen hier und in den anderen Ländern vereinen sollte?

Stéphane : Wir sollten anfangen, erst einmal hier in Amiens etwas zu machen und dann auf europäischer Ebene, warum nicht.

WSWS: Welche Partei unterstützen Sie?

Stéphane : Ich bin in der Kommunistischen Partei.

WSWS: Warum hat diese in den Wahlen so viele Stimmen verloren?

Stéphane : Kann ich nicht genau sagen. Ich bin da nicht so tief drin. Wenn sie Stimmen verliert, wird es deshalb sein, weil sie ihre Forderungen nicht ausreichend durchsetzen konnte.

WSWS: Gibt es hier Leute, die Le Pen gewählt haben?

Stéphane : Ganz bestimmt.

WSWS: Warum?

Stéphane : Ich weiß nicht, jeder hat seine Meinung. Ich kann nicht sagen, warum jemand Le Pen oder irgend jemand anders gewählt hat.

WSWS: Was denken Sie gegenwärtig über die Gewerkschaften?

Stéphane : Ich glaube, die Aktion der Gewerkschaften - wir haben hier ein vereinigtes Komitee - läuft ganz gut. Wir sind vereint. Wir gehen Hand in Hand, da keiner seinen eigenen Weg geht und versucht, ein bisschen mehr für sich selbst einzustreichen. Nein, die Gewerkschaften funktionieren perfekt und der Kampf, den wir führen, wird ein sehr gutes Ergebnis bringen.

WSWS: Welche ist hier die Mehrheitsgewerkschaft?

Stéphane : Die CGT.

WSWS: Sein Sie Mitglied in der CGT?

Stéphane : Ich bin Vertrauensmann der CGT.

WSWS: Wie lange arbeiten Sie schon hier?

Stéphane : Ich arbeite seit sechs Jahren für Whirlpool.

WSWS: Und wie haben Sie reagiert, als es den Stellenabbauplan bei Michelin gab und [der frühere sozialistische Premierminister Lionel] Jospin gesagt hat, er könnte überhaupt nichts dagegen machen?

Stéphane : Er hat sich nicht darum gekümmert, denke ich. Es ist furchtbar. Es war eine schlechte Reaktion von der Regierung. Man kann immer etwas tun, das ist offensichtlich, irgend etwas kann man immer machen, selbst wenn es vergeblich ist. Man kann es immer versuchen.

WSWS: Da ist man Mitglied der Kommunistischen Partei und Jospin als Vertreter der ganzen Regierung der pluralen Linken, bringt es fertig, so etwas zu sagen. Ist Ihnen da nicht schlecht geworden?

Stéphane : Natürlich, darüber kann man nicht froh sein.

Jean-Marie, 29 Jahre bei Whirlpool, und Pascale, 10 Jahre dabei

WSWS: Was passiert in Frankreich in der Politik?

Jean-Marie: Politisch läuft es in Frankreich zur Zeit nicht so gut. Sie machen alle Fabriken zu, verlagern die Arbeit woanders hin und wir, njet! Für uns bleibt nichts übrig.

WSWS: Was passiert jetzt hier?

Jean-Marie: Die Waschmaschinen werden ins Ausland verlagert, aber in drei oder vier Jahren werden es die Trockner sein, und dann wird eine andere Fabrik in Amiens zugemacht werden.

WSWS: Wie viele Leute arbeiten zur Zeit hier?

Jean-Marie: Hier sind es ungefähr 800 von uns und ungefähr 360 sollen entlassen werden.

WSWS: Das sind 40 Prozent. Was denken Sie über die politische Situation nach den Wahlen?

Jean-Marie: Die Wahlen werden nichts ändern. Man wird immer noch 360 Leute entlassen. Die Linke, die Rechte, alles dasselbe. Wir haben von der Linken und Rechten nichts Gutes zu erwarten. Die sitzen im Trockenen. Es ist wie mit den Herren da drüben [deutet auf den KPF-Abgeordneten Maxime Gremetz und seine Anhänger, die Wahlflugblätter verteilen]: sobald sie drin sind, werden wir sie nicht mehr vor dem Fabriktor sehen. Sie werden in ihren warmen und bequemen Büros sitzen und das war's dann.

WSWS: Was denken Sie über die Regierung Jospin?

Jean-Marie: Ich bin nicht so politisch. Das ist alles eine Bande von Clowns, wenn Sie mich fragen. Einer so schlimm wie der andere. Sie wollen nur eine Position haben, nicht uns verteidigen. Sie sehen, was in Frankreich passiert: die Arbeitslosigkeit steigt. Wenn alles OK wäre, würde das nicht passieren.

WSWS: Hat hier jemand Le Pen gewählt?

Jean-Marie: Sicher, es gibt viele, die die Nase voll haben. Viele Leute haben Le Pen gewählt. Ich zum Beispiel.

WSWS: Warum?

Jean-Marie: Weil sich etwas ändern muss. Wir haben es absolut satt, dass alles beim Alten bleibt. Sie machen alle Versprechungen und wir bekommen nie etwas. Wir sollten Le Pen ausprobieren und dann weitersehen. Jedenfalls wird es nicht schlimmer sein als jetzt. Wir haben sie nicht ausprobiert, deshalb können wir es nicht wissen. Die Leute an der Macht, was tun sie denn schon? Nichts tun sie.

WSWS: Damit stimme ich überein, aber nicht mit Le Pen.

Jean-Marie: Was Le Pen sagt, stimmt: Arbeit zuerst für Franzosen. Wenn dann noch was übrigbleibt, können das die anderen haben.

WSWS: Er verteidigt die Bosse gegen die Arbeiterklasse. Wir sagen, dass man die Arbeiterklasse weltweit vereinen muss, in der Slowakei, in Frankreich, in Italien... die Probleme für die Arbeiterklasse sind überall die gleichen. In den USA ist es dasselbe wie hier. Ich war bei der Whirlpool Fabrik in Arkansas...

Jean-Marie: Ach, ich glaube nicht, dass die amerikanischen Fabriken hierher nach Frankreich kommen.

WSWS: Manchmal schon. Die Bosse verlagern ihre Fabriken dahin, wo sie am meisten Profit machen können, und das letzte was sie interessiert, sind Sie und ich.

Jean-Marie: Natürlich, wenn es profitabel gewesen wäre, hätten sie die Fabrik hier gelassen. Bei den Amerikanern zählt nur das Geld, wenn das Geld stimmt, ist alles klar, wenn nicht, oder nur ein bisschen...

WSWS: Sind die französischen Bosse da irgendwie anders?

Jean-Marie: Nein, die französischen sind genauso. Aber die Amerikaner sind schlimmer. Großes Maul, viel Geld und ansonsten kein Interesse.

WSWS: Wie lange haben Sie hier gearbeitet?

Jean-Marie: 29 Jahre. Ich werde jetzt 49. Morgen am Zahltag 49.

WSWS: Haben sie schon entschieden, wen sie entlassen?

Jean-Marie: Noch nicht.

WSWS: Nach welchen Kriterien entscheiden sie das?

Jean-Marie: Ich weiß nicht, wir wissen gar nichts.

WSWS: Was sagen die Gewerkschaften?

Jean-Marie: Nichts, sie können sich zwischen sich selbst schon nicht einigen.

Pascale: Wir sind in einer Situation, wo wir niemandem mehr trauen. Ich persönlich glaube, dass die Fabrik innerhalb eines Jahres zugemacht werden wird, komplett zugemacht.

WSWS: Was ist die Alternative für die Arbeiter, was sollten sie tun?

Pascale: Das schlimmste für mich ist, dass ich nichts habe. Ich habe keine Qualifikationen, deshalb weiß ich im Moment nicht weiter. Ich muss mich irgendwo anders nach Arbeit umschauen, deshalb muss ich Amiens verlassen. Wenn Sie Sich in Amiens umschauen, machen sie jetzt schon alle Fabriken zu. Anderswo auch, aber in Amiens sieht man, wie wirklich alles zugemacht wird.

WSWS: Wie lange haben Sie hier gearbeitet?

Pascale: Ich nur zehn Jahre.

Siehe auch:
Französische Fabrikarbeiter diskutieren die Parlamentswahlen
(15. Juni 2002)
Die soziale Lage in Frankreich
( 7. Juni 2002)