Zentralasiatisches Gasabkommen verdeutlicht die wahren Gründe für den Krieg in Afghanistan

Von Peter Symonds
15. Juni 2002

Ein kaum bekannt gewordenes Abkommen, das Mitte Mai in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad unterzeichnet wurde, hat einmal mehr ein Schlaglicht auf die wahren Motive hinter der amerikanischen Militärintervention in Afghanistan geworfen - den Zugang zum und die Kontrolle über das Öl und Gas Zentralasiens.

Das Abkommen zwischen Pakistan, Afghanistan und der zentralasiatischen Republik Turkmenistan bildet die Grundlage für den Bau einer 1,9 Milliarden Dollar teuren Pipeline von den turkmenischen Erdgasfeldern bei Daulatabad bis zum südwestpakistanischen Hafen Gawadar. Eine parallel dazu verlaufende Ölpipeline sowie eine Straßen- und Eisenbahnanbindung sind auch in Planung, ebenso wie Aufbereitungsanlagen in Gawadar, um die Verschiffung von Flüssiggas zu ermöglichen.

Die Staatschefs aller drei Länder - der Interims-Regierungschef von Afghanistan Hamid Karsai, der pakistanische Präsident Pervez Musharraf und der turkmenische Präsident Saparmurad Niyazov - versprechen sich von dem Projekt beachtliche Vorteile. Das vom Krieg verwüstete Afghanistan erhofft sich staatliche Einnahmen von mindestens 100 Millionen Dollar pro Jahr aus den Transitgebühren und die Schaffung von bis zu 10.000 Arbeitsplätzen beim Bau und der Instandhaltung der Pipeline sowie der damit verbundenen Industrie. Die Weltbank und die Asiatische Entwicklungsbank haben bereits ihre Unterstützung für das Projekt signalisiert.

Der Löwenanteil der Profite wird allerdings nicht an diese drei Länder gehen, sondern an die transnationalen Energieriesen. Diese bemühen sich um die Ausbeutung der gewaltigen Öl- und Gasvorkommen in Zentralasien, die nach den Reserven des Nahen Ostens die zweitgrößten der Welt darstellen. Turkmenistan allein hat mehr als 7,5 Billiarden Kubikmeter Erdgas - etwa die Hälfte davon befindet sich im Feld von Dauletabad-Donmez.

Es steht jedoch viel mehr auf dem Spiel als nur Erdgasexporte aus Turkmenistan, einem verarmten Wüstenstaat mit etwa fünf Millionen Einwohnern. Pipelines sind das Schlüsselelement bei der Ausbeutung der Öl- und Gasvorkommen in ganz Zentralasien, einer von Landmassen umschlossenen Region, die derzeit für den Transport der Ressourcen noch auf die Infrastruktur aus der Sowjetära angewiesen ist. Der Verlauf jeder neuen Pipeline ist nicht nur eine wirtschaftliche Angelegenheit, sondern angesichts der überragenden Bedeutung von Öl und Gas in der modernen Gesellschaft auch eine strategische Schlüsselfrage.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahre 1991 haben sich die Vereinigten Staaten ausgiebig mit der Frage beschäftigt, wie sie gegenüber ihren Rivalen eine Vormachtstellung in Zentralasien erreichen können. Washingtons Pläne für Zentralasien konzentrierten sich darauf, das jetzige Monopol Russlands zu unterhöhlen und China und den Iran davon abzuhalten, alternative Pipeline-Routen in der Region zu bauen. Es gibt nur zwei Alternativen - eine lange und umständliche Route nach Westen durch Aserbaidschan, Georgien und die Türkei oder eine kürzere südliche Route durch Afghanistan und Pakistan.

Das in der vorletzten Woche von Karsai, Musharraf und Niyazov unterzeichnete Abkommen ist keine neue Idee. Mitte der 1990-er Jahre wetteiferten zwei Konsortien - das eine unter Führung des amerikanischen Energieriesen Unocal und das andere unter der in Argentinien ansässigen Bridas - miteinander um den Bau einer Pipeline durch Afghanistan. Unocal verfügte über die volle Unterstützung der Clinton-Regierung und machte das Rennen, war aber 1998 gezwungen, die Pläne aufzugeben.

Der entscheidende Grund für den Rückzug von Unocal war nicht der Erfolg der Taliban. Tatsächlich betrachteten sowohl die Clinton-Regierung als auch Unocal die Taliban als Mittel zur Stabilisierung von Afghanistan und zur Beendung der anarchistischen Herrschaft einer Vielzahl von Kriegsherren und Milizenführern. Unocal umschwärmte im Firmen-Hauptquartier in Texas Taliban-Vertreter und finanzierte indirekt Einrichtungen in der südafghanischen Stadt Kandahar, in denen die für den Pipelinebau benötigten Techniker ausgebildet wurden.

Der islamische Fundamentalismus der Taliban, ihre Verachtung für grundlegende demokratische Rechte und ihre Verwicklung in die Opiumproduktion wurden solange heruntergespielt, wie das Regime die besten Aussichten auf Stabilität bot. Aber 1996 und 1997 wurde der militärische Vorstoß der Taliban von der Nordallianz vereitelt, und es gelang ihnen nicht, die Kontrolle über den Rest des Landes zu erlangen. Als die Kämpfe anhielten, änderte sich Washingtons Haltung. Ein Wendepunkt war 1998 erreicht, als die Clinton-Regierung Raketen auf Afghanistan abfeuerte. Der Angriff wurde mit den Bombenanschlägen auf die amerikanischen Botschaften in Kenia und Tansania begründet, die angeblich von Osama bin Ladens Al Qaida verübt worden waren. Vor dem Hintergrund fallender Weltmarktpreise für Öl und Gas und einer sich verschlechternden politischen Situation legte Unocal das Projekt zu den Akten.

Washington gab den Plan jedoch nie völlig auf. Afghanistan blieb ein wichtiges Element in der amerikanischen Strategie für Zentralasien. Wie inzwischen bekannt geworden ist, lagen die Pläne für die amerikanische Militärintervention in Afghanistan tatsächlich in den Tagen vor den Terroranschlägen des 11. Septembers auf dem Schreibtisch von Präsident Bush. Die Bush-Regierung nutzte die Anschläge, um diese Operation in Gang zu setzen, die Taliban zu stürzen und ein fügsames Regime unter Karsai zu installieren, der seit langem enge Verbindungen zu Washington unterhielt.

Die Verbindungen von Bush und seinem Vizepräsidenten Dick Cheney zur amerikanischen Ölindustrie sind allgemein bekannt, aber die Beziehungen beschränken sich nicht hierauf. Bushs Sondergesandter für Afghanistan ist Zalmay Khalizad, der auch ein wichtiger Berater des Nationalen Sicherheitsrats ist. Mitte der 1990-er Jahre war Khalizad der Unocal-Berater, der das Pipeline-Projekt in Afghanistan durchsetzen sollte.

Zehn Tage, nachdem Kabul 1996 von den Taliban erobert worden war, veröffentlichte Kahlizad einen Kommentar in der Washington Post, in dem er die Vorzüge der Pipeline für Afghanistan darlegte. In Bezug auf die Taliban fügte er hinzu: "Diese Projekte werden nur dann vorankommen, wenn Afghanistan eine einheitliche und maßgebende Regierung hat." Die politische Melodie mag sich seitdem verändert haben, aber das höhere Ziel wurde von Washington nicht aufgegeben.

Unocal selbst scheint ein wenig zurückhaltend in Bezug auf das neue Pipeline-Projekt, aber das ist kaum überraschend angesichts der Kontroverse um ihre früheren Verstrickungen in Afghanistan und die Verbindungen des Konzerns zur Bush-Regierung. Unocal-Sprecherin Teresa Covington erklärte in der vorletzten Woche, dass das Unternehmen zumindest "nicht in absehbarer Zukunft" interessiert sei, schränkte diese Aussage dann aber wieder ein: "Ich glaube, es wäre nicht dienlich, wenn ich ‚für immer‘ sagen würde."

Der stellvertretende afghanische Minister für Bergbau und Industrie Mohammad Ebrahim Adel war allerdings wesentlich offener und direkter. "Natürlich, Unocal ist wirtschaftlich und technisch stärker. [...] Wir sind sicher, dass Unocal sich durchsetzen wird, weil sie ein großes Potential haben und besser arbeiten können", sagte er und fügte hinzu: "Das Geschäftsleben hat seine Geheimnisse und Heimlichkeiten. Und vielleicht wollen sie es nicht in den Medien enthüllt sehen, solange es noch keinen tatsächlichen Vertrag gibt."

Amerikanische Pläne in Zentralasien

Der Vorschlag, eine Pipeline von Turkmenistan durch Afghanistan zu bauen, ist ein Kernbestandteil weitaus größerer amerikanischer Planungen in Zentralasien. Die Bush-Regierung, das Pentagon und große amerikanische Ölkonzerne haben alle die Gelegenheit des "globalen Kriegs gegen den Terrorismus" genutzt, um die amerikanische Intervention in den ehemaligen Sowjetrepubliken in Zentralasien und im Kaukasus voranzutreiben. Das amerikanische Magazin BusinessWeek brachte in seiner Ausgabe vom 27. Mai eine Titelgeschichte unter der Überschrift "Die nächsten Zielgebiete für Öl", in der das Ausmaß des militärischen und geschäftlichen Engagements Amerikas in der Region umrissen wird.

"Amerikanische Soldaten, Ölmänner und Diplomaten lernen diesen abgelegenen Winkel der Welt schnell kennen, eine Region, die einst der Unterleib der Sowjetunion war und seit der Zeit von Alexander dem Großen von westlichen Armeen beinahe unberührt geblieben ist. Das Spiel, das die Amerikaner spielen, geht mit höchsten Einsätze einher. Was sie versuchen, ist nichts weniger als die größte Erschließung einer amerikanischen Einflusssphäre, seit die Vereinigten Staaten vor 50 Jahren begannen, sich im Nahen und Mittleren Osten zu engagieren. Das Ergebnis könnte eine jahrzehntelange Verpflichtung sein, die Amerika der Bedrohung unzähliger Kriege und Gefahren aussetzt. Aber dieses gewaltige Unterfangen - man könnte es ein Reich wider Willen nennen - könnte auch die gestörte Linie zwischen dem Westen und der muslimischen Welt stabilisieren und den Konzernen einen fantastischen Energiereichtum einbringen, die reich und entschlossen genug sind, um ihn zu erlangen", erklärte das Magazin.

An dem neuen amerikanischen Reich, das in Zentralasien errichtet wird, ist nichts Unbeabsichtigtes und es wird auch nicht dazu beitragen, die Region zu stabilisieren - tatsächlich findet genau das Gegenteil statt. Aber der hochtrabende Ton des Artikels reflektiert die Stimmung in den herrschenden Kreisen, dass der 11. September sich als Segen erwiesen hat hinsichtlich der amerikanischen Ambitionen, die zentralasiatischen Ressourcen zu kontrollieren. Wie BusinessWeek erklärt: "Vor einem Jahr war kein einziger amerikanischer Soldat in der Region. Heute sind etwa 4.000 Armeeangehörige dort im Einsatz, bauen Basen, helfen im afghanischen Krieg und trainieren Einheiten zur Aufstandsbekämpfung entlang einer Gefahrenzone, die sich über 2.000 Meilen erstreckt, von Kirgisien über die chinesische Grenze und Georgien bis hin zum Schwarzen Meer."

Die meisten großen Energiekonzerne, wie ChevronTexaco, Exxon Mobile, BP und Halliburton, haben beachtliche Summen in der Region investiert. In den vergangenen fünf Jahren ist die Gesamtsumme der amerikanischen Investitionen in Zentralasien von "nebensächlichen Beträgen" auf 20 Milliarden Dollar gestiegen, wobei die größten Beträge in das ölreiche Kasachstan fließen. Und obwohl das Magazin den "Krieg gegen den Terrorismus" noch pflichtgemäß erwähnt, verweist der Artikel doch auf die der amerikanischen Militärpräsenz zugrundeliegenden Motive. "Was sich herausschält, ist eine Politik, die ihre Aufmerksamkeit auf Waffen und Öl richtet. Die Waffen sind dazu da, die Regimes vor Ort vor islamischen Radikalen zu schützen und Angriffe auf Afghanistan durchzuführen. [...] Die Waffen werden selbstverständlich auch das Öl beschützen - Öl, von dem sich Washington erhofft, dass es die Abhängigkeit des Westens vom Persischen Golf verringern und auch die Nationen im Kaukasus und in Zentralasien aus ihrer erdrückenden Armut herausholen wird."

Die US-Militärpräsenz ist eine direkte Unterstützung der amerikanischen Geschäftsinteressen gegen die ihrer Rivalen. BusinessWeek führt Kasachstan als Beispiel an. Dort hatte China versucht, ein Abkommen über Öl und Mineralien zu schließen. "Die Chinesen können das Machtspiel kleinreden, aber in diesem Schachspiel haben die Vereinigten Staaten mehr Figuren", kommentiert das Magazin. "Der usbekische Präsident Islam A. Karimow ist dankbar, dass die Kampagne des Pentagon in Afghanistan der örtlichen islamischen Guerilla, die gemeinsam mit den Taliban gekämpft hatte, einen Schlag versetzt hat. Nun öffnet er die staatlichen Goldminen des Landes für eine 100 Millionen Dollar umfassenden Investition der Newmont Mining Corp aus Denver, dem größten Goldförderer der Welt." Der Unternehmensmanager Tim Acton sagte hierzu: "Dies ist eine strategische Investition, die das Potential hat, ein großer Gewinn und ein Herzstück unseres Vermögens zu werden."

Doch auch wenn Gold, Uran und andere Mineralien große Profite versprechen, liegt der Fokus auf Öl und Gas und den Mitteln für ihren Export. Wie BusinessWeek erklärt: "Der Schlüssel zum Spiel sind die Pipelines, wo sich Diplomatie und Ölgewerbe treffen. Die Kaspische Region ist von Landmassen umschlossen. Ihre großen Ölfördermengen müssen durch Pipelines zum Schwarzen Meer, Mittelmeer oder Persischen Golf transportiert werden, bevor sie in Tanker gepumpt werden können. Die Vereinigten Staaten wollen eine Pipeline, die ihren Freunden in der Region hilft und ihre Feinde kaltstellt - vor allem die Iraner, die ebenfalls in der Kaspischen Region ansässig sind. Das ist der Grund, warum Washington sich stark gegen die Pläne einiger großer Ölkonzerne gestellt hat, die eine Pipeline durch den Iran legen wollten. Stattdessen setzten sie sich für eine geplante Pipeline ein, die 3 Milliarden Dollar kosten wird und bis zu eine Million Barrel Öl pro Tag von Baku durch Georgien zum Mittelmeerhafen Ceyhan im Land des NATO-Partners Türkei transportieren könnte."

In diesem Zusammenhang bietet die Aussicht auf eine kürzere, billigere Pipeline durch Afghanistan eine attraktive und potentiell äußerst gewinnbringende Alternative zu der derzeitig geplanten Route Baku-Ceyhan. Sie unterstreicht auch die Tatsache, dass die amerikanische Militärpräsenz in Afghanistan von Beginn an den Zweck hatte, die weitreichenden wirtschaftlichen und strategischen Ziele der Vereinigten Staaten in der ganzen Region und vor allem in Zentralasien zu sichern.

Siehe auch:
Die Rede des amerikanischen Präsidenten zur Lage der Nation: Eine Kriegerklärung an die Welt
(1. Februar 2002)
Der Krieg in Afghanistan wurde lange vor dem 11. September geplant
( 22. November 2001)