Interview mit Maxime Gremetz einem Abgeordneten der Kommunistischen Partei Frankreichs

Von David Walsh
28. Juni 2002

Maxime Gremetz ist ein Abgeordneter der Kommunistischen Partei Frankreichs (KPF) aus dem Norden von Amiens, einer Industriestadt nördlich Paris. Er gab der WSWS ein Interview, als er zwischen den zwei Runden der französischen Parlamentswahlen vor den Toren der Whirlpool-Fabrik in Amiens Wahlwerbung machte. Am 16. Juni wurde er dann mit 54,8 Prozent wiedergewählt und besiegte seinen Konkurrenten von der rechten Union für Französische Demokratie (UDF).

Gremetz, der 1978 zum erstenmal gewählt wurde, hat sich einen Namen als extravaganter Politiker gemacht, oder genauer gesagt, als stalinistischer Demagoge. Im April 1998 fuhr er mit seinem Wagen mitten in eine offizielle Zeremonie, an der Charles Baur, der Präsident des Regionalrates, teilnahm. Baur war gerade mit Hilfe der neo-faschistischen Nationalen Front wiedergewählt worden. Wegen diesem gefährlichen Ausfall verlor Gremetz für zwei Jahre seine Bürgerrechte, was eigentlich bedeutet hätte, dass er an der diesjährigen Parlamentswahl im Juni nicht mehr wählbar gewesen wäre. Präsident Jacques Chirac intervenierte jedoch und begnadigte Gremetz im Mai. Der ehemalige rechte Premier Alain Juppé hatte sich für ihn verwandt und die Strafe "unverhältnismäßig und ungerecht" genannt.

Gremetz galt eine Zeit lang als Opponent des KPF-Generalsekretärs, Robert Hue. Er gehört zu den " Refondateurs " (den "Neugründern"), einer Gruppe französischer Stalinisten, die Hues Führung und die allgemeine Richtung der Partei ablehnen. Die Unterschiede zwischen den Fraktionen sind jedoch nicht prinzipieller Natur. Die Refondateurs glauben, dass die KPF, oder mindestens ihre Fraktion, am besten überleben könne, indem sie in die Fußstapfen der italienischen Rifondazione Comunista ("Kommunistische Neugründung") träte. Es ist eine Tendenz, die in der bürgerlichen Presse vage als "traditionell kommunistisch" bezeichnet wird, doch ist eine solche Terminologie nichtssagend.

Die KPF hat vor fast einem Dreiviertel-Jahrhundert unwiderruflich mit dem Marxismus gebrochen. Die französischen Stalinisten verrieten revolutionäre Situationen, die sich ihnen 1936, 1945 und 1968 boten. Sie unterstützten und verteidigten den Völkermord, den die stalinistische Bürokratie in den späten dreißiger Jahren gegen sozialistische Opponenten in der Sowjetunion verübten. In der Nachkriegszeit war die KPF eine der wichtigsten Stützen der französischen bürgerlichen Herrschaft. Die fraktionellen Differenzen von heute sind Spaltungen in einer diskreditierten und kollabierenden politischen Tendenz.

In Wirklichkeit sorgen sich die französischen stalinistischen Refondateurs darum, dass die Diskreditierung und Desintegration der KPF ein gefährliches politisches Vakuum auf der Linken erzeugen könnte. Die Refondateurs reagieren auf ihre Weise, die sie für die effektivste halten, auf die Krise des französischen politischen Systems. Sie waren zweifellos besonders alarmiert über die Stimmen, die drei Millionen Menschen am 21. April im ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen für die sogenannten "trotzkistischen" Parteien abgaben.

Die KPF wird dieses Wochenende eine nationale Konferenz mit einem erbitterten Fraktionsstreit abhalten, und eine Spaltung ist eine denkbare Option. Eine Gruppe der Refondateurs veröffentlichte am 18. Juni ein Statement in der Humanité, das von mehreren Parteiführern aus der Region Nord-Pas-de-Calais unterzeichnet ist. Darin wird ein Sonderkongress gefordert, um "den Ausstieg aus dem reformistischen Umwandlungskurs der Partei" zu organisieren. Letzteres ist eine spöttische Referenz auf Hues Projekt einer Transformation der Kommunistischen Partei. In dem Dokument heißt es weiter: "Die in Umwandlung begriffene KPF ist heute schlicht und einfach vom Untergang bedroht." Die Refondateurs fordern eine "totale strategische Erneuerung" und weisen die "Einheit an der Spitze" mit der "Maastricht‘schen PS-Führung" zurück - wobei sie sich einer nationalistischen Anspielung auf die EU bedienen.

In dem nachstehend abgedruckten Interview kritisiert Gremetz die KPF, weil sie die Arbeiterklasse "aufgegeben" habe, doch erwähnt er mit keinem Wort, dass er die Teilnahme der Partei an der Jospin-Regierung unterstützt hatte, durch die die Privatisierung großer Wirtschaftsbereiche, die Zerstörung von Arbeitsplätzen, die Schließung von Fabriken und eine wachsende soziale Ungleichheit eingeleitet wurde. Im Juli 1998, zum Zeitpunkt einer schweren Krise für die sozialdemokratisch geführte Koalition, versicherte Gremetz Hue seine Unterstützung für die Teilnahme der KPF an der Regierung. Ein Kommentar der Humanité, der stalinistischen Tageszeitung, schätzte dies so ein, dass Gremetz trotz mehrfacher Kritik "schließlich nicht wollte, dass die Kommunisten aus der Regierung austreten".

Heute hängt der KPF-Abgeordnete seine Fahne in den Wind. Die Wahl für die "Extremen" auf der Linken wie Rechten im ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen im April hat ihn offensichtlich ermutigt, sich gegen Hue und den Rest der Parteiführung stark zu machen, deren Politik und taktische Winkelzüge die stalinistische Organisation vollends herunterzuwirtschaften drohen. Aber das "linke" Auftreten von Gremetz, wie auch seine Erwähnung "kommunistischer Prinzipien" und "kommunistischer Ideen" wird niemanden hinters Licht führen, der mit der Geschichte der KPF vertraut ist. Dies ist eine konterrevolutionäre Organisation mit einer langen Geschichte des Gangstertums und der brutalen Bekämpfung aller linken politischen Opponenten.

Jahrzehntelang reagierten stalinistische Funktionäre in der Gewerkschaft CGT auf militante Arbeiter wie auch auf Trotzkisten und andere linke Kritiker mit Eisenstangen, Schlägern und Fäusten statt mit politischen Argumenten. Opportunistische linke französische Organisationen, wie z.B. die Lutte Ouvrière (LO) und die Ligue Communiste Révolutionnaire, welche die "Militanz" der KPF preisen, ziehen es vor, diese Gewaltbilanz zu vergessen und zu verdrängen. Im Juni 1967 griffen z.B. 300 Stalinisten vor der Lastwagenfabrik Berliet nahe Lyon eine Gruppe von LO-Mitgliedern mit Steinen an, traten und schlugen sie.

So wusste Gremetz schließlich auch keine Antwort, als wir ihn nach seiner Ansicht über Trotzki fragten. Sein Gesicht verdüsterte sich: "Wer?" fragte er. Wir wiederholten den Namen. "Trotzki? Er ist tot. Ruhe er in Frieden", sagte er mit einem zynischen Grinsen und verschwand in seinem Wagen.

* * *

WSWS : Wie denken Sie über die politische Situation in Frankreich?

Maxime Gremetz : Es ist eine seltene Situation, dieses politische Trauma vom 21. April - wir haben etwas Derartiges in Frankreich noch nie erlebt. In der zweiten Wahlrunde der Präsidentschaftswahlen vor die Alternative gestellt zu sein, entweder die äußerste Rechte zu wählen oder für Chirac zu stimmen, das heißt für die Rechte, um die äußerste Rechte zu verhindern, - und dabei ein solcher Denkzettel für die linke Regierung, die Sozialistische Partei und die Kommunistische Partei und ihre Partner... ich denke, es ist ein politisches Erdbeben. Wir haben so etwas in Frankreich noch nie zuvor erlebt.

Es hängt alles mit der Krise zusammen, mit der Tatsache, dass die politischen Führer verantwortlich sind, ob auf der Linken oder Rechten; jetzt ist es ja tatsächlich die Rechte, und damals war's die Linke, - und die Leute können in ihrem Leben keine Veränderung erkennen, außer dass die Ungleichheit zunimmt, die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Nun gut, das wirft einige echte Fragen auf, und es gibt da einige Leute, ich kenne welche auch hier am Ort, die zu mir sagen: "Warum an den Parlamentswahlen teilnehmen, wenn die Führer sich keinen Deut um uns kümmern und uns nie zuhören? Wir werden sie es spüren lassen, indem wir die Nationale Front wählen." Das ist eine ernste Situation mit ernsten Themen, die sich hier im wirtschaftlichen und sozialen Bereich stellen.

Aber angesichts von Europa und der Globalisierung, die wir heute haben, reden die Leute in Wirklichkeit über Vorstellungen einer kapitalistischen Globalisierung; was ist Whirlpool mit seiner Verlagerung in die Slowakei denn anderes als die kapitalistische Globalisierung? Whirlpool ist ein großer Konzern, der amerikanische Spitzenkonzern, der beschlossen hat umzustrukturieren, um für die Aktionäre noch mehr Profit herauszuschlagen, und was sind die unmittelbaren Konsequenzen davon? Die Leute suchen Theorien über Globalisierung, und hier erleben sie sie. Man sagt uns, dass verlagert wird: hier haben sie zwölf Prozent Rentabilität für die Aktionäre, sie wollen jedoch 16 Prozent.

Wohin gehen sie, um das zu erreichen? Sie verlagern in die Slowakei, wo die Löhne noch niedriger sind als hier, wo die Gesetzgebung im Sinne der Bosse sehr flexibel ist, und es trifft sich, dass die Slowakei der bevorzugte Kandidat für einen Beitritt zur Europäischen Union ist, was freie Konkurrenz, Ultra-Liberalismus, etc. bedeutet. Dorthin werden sie ziehen, dort werden sie mehr Profit erzielen, sie werden den Markt hier angreifen, sie werden hier bei uns noch mehr Arbeitsplätze vernichten, weil sie unfaire Konkurrenz schaffen werden. Und wenn wir es zulassen, dass die Waschmaschinen-Produktionslinie wegzieht, dann kommen als nächstes die Trockner dran, und das Werk wird ganz geschlossen.

Nun sind wir also damit konfrontiert, dass man angeblich nichts machen kann, wie das die rechten und linken Regierungen alle behaupten, wenn sie sagen: "Es gibt nichts, was wir tun könnten." Oder sie [Präsident Jacques Chirac und Premier Lionel Jospin] fahren nach Barcelona, um das Rentenalter heraufzusetzen; das ist doch eine wichtige Frage. Wie kann man erwarten, dass die Linken noch irgendwelche Perspektiven haben? Sie sind vollkommen desillusioniert, und das drückt sich in zwei wichtigen Fragen aus: Die erste ist eine massive Enthaltung unter Arbeitern, die nicht zur Wahl gehen, und zwar nicht aus Nachlässigkeit, sondern als politisches Statement, und das andere ist der Aufstieg der Nationalen Front. Das ist die heutige politische Situation, und das ist in der Tat eine sehr beunruhigende Situation.

WSWS : Wie sehen sie den Zusammenbruch der Kommunistischen Partei?

MG : Die Linke hat erhalten, was sie verdient, und dabei wird von der Kommunistischen Partei mehr erwartet - alles wird erwartet, die Arbeiterklasse erwartet alles von der Kommunistischen Partei, und zu Recht. Denn es ist unser Auftrag, zu handeln und zu kämpfen, etc. Die Kommunistische Partei in der Regierung ließ sich jedoch die Hände völlig binden und sagte nichts - wir haben nicht so gekämpft, wie es nötig gewesen wäre. Das sage ich schon seit 1990. Vielleicht erklärt das, warum ich gute Resultate in meinem Wahlbezirk erhalte: weil ich den Kampf nicht aufgegeben habe. Ich bin jeden Tag da, zusammen mit den Arbeitern. Gerade das hat die Kommunistische Partei aufgegeben, meiner Meinung nach ist das der Grund. So gibt es keine geplante politische Perspektive und gleichzeitig werden die Grundlagen der Kommunistischen Partei über Bord geworfen, die kompromisslose Verteidigung der Interessen der Menschen, der Kampf mit ihnen gemeinsam, um etwas zu erreichen, um Anträge in der Nationalversammlung einzubringen und eine politische Perspektive aufzuzeigen. Meiner Ansicht nach ist das die entscheidende Frage.

WSWS : Wählen die ehemaligen Wähler und Mitglieder der KPF jetzt die Nationale Front?

MG : Ja, es gibt welche aus allen Parteien. Leute, die vom Sozialismus enttäuscht sind, desillusioniert über die Linke. Sie zeigen ihre Desillusionierung offen. Das würde ich als alter Mann aus der Picardie als Reaktion eines gehörnten Ehemanns bezeichnen. Wenn sie einmal versetzt worden sind, reagieren die Menschen, wie Sie wohl wissen, sehr negativ. Nun gut, das ist dasselbe. Das Schlimme daran: dass es hier ernster ist, viel ernster. Ich sage nicht, es sei kein Problem, Hörner aufgesetzt zu bekommen, aber hier geht es darum, dass man dreimal hintereinander versetzt wurde: einmal von der Linken, dann einmal von der Rechten - der Vermögensunterschied - und dann noch einmal von der Linken. Wenn man es also leid ist, versetzt zu werden, dann beginnt man... - deswegen also haben einige die Nationale Front gewählt, obwohl sie nicht notwendigerweise Rassisten, Faschisten, etc. sind. Es ist die Verzweiflung darüber, ignoriert zu werden, nicht angehört und verraten zu werden.

WSWS : Wie sehen Sie die Zukunft der Kommunistischen Partie?

MG : Die Zukunft der Kommunistischen Partei? Die Kommunistische Partei muss neu gegründet werden. Sie muss auf ihren Grundlagen neu aufgebaut werden. Wir haben die Arbeiter aufgegeben. Wir haben sogar den Ausdruck aufgegeben, weil er uns Angst machte. Hören Sie, ich bin Arbeiter, ich gehöre zu den Arbeitern. Die Arbeiterklasse hat sich natürlich verändert, aber sie existiert. Und schauen Sie an, womit wir es zu tun haben: Gelegenheitsarbeit, alle diese Jugendlichen, die Sie hier sehen, die Ihnen erzählen, dass sie befristete Arbeiter sind, weil sie für nichts arbeiten und einen Appel und ein Ei als Lohn erhalten, und weil sie keine Zukunft haben, nicht einmal die Aussicht darauf, eine Familie zu gründen, weil sie nicht wissen, ob man sie unbefristet einstellt oder schon morgen entlässt. Man muss ihnen Hoffnung geben, Perspektiven, aber nicht mit Worten, sondern mit konkreten, präzisen Maßnahmen, sehen Sie. Die Kommunistische Partei muss die kommunistische Idee wieder entdecken, die immer noch gültig ist. Es gibt Leute, die mir erzählen: "Wir mögen den Kommunismus, den Du praktizierst", tatsächlich sagte ein Journalist das zu mir. Ja, wirklich, der Kommunismus von unten, ein Kommunismus, der Hoffnung gibt, der kämpft, der Perspektiven gibt, nicht der aus den Plüsch-Büros, den vergoldeten Gremien, sondern nahe bei den Leuten, bereit, ihnen zuzuhören und mit ihnen zu diskutieren.

WSWS : Wie sehen Sie die Erfahrung der Sowjetunion?

MG : Das war eine historische Erfahrung, die eine große Rolle in der Welt spielte, auch in den kapitalistischen Ländern. Wir hätten nicht das, was wir heute in den kapitalistischen Ländern haben, wenn es die Sowjetunion nicht gegeben hätte, historisch gesprochen. Aber der große Fehler - wenn man diese Länder kennt und viel mit ihren Führern diskutiert hat - er besteht darin, dass man kein Vertrauen in das Volk hat, dass man das Volk entpolitisiert, dass man Demokratie nicht zulässt, die Beteiligung des Volkes, - so kann man eine Gesellschaft nicht umwandeln. Man kann nicht Führer haben, die sagen: "Wir entscheiden, was euch glücklich macht." Auf keinen Fall! Es kann nicht so verstanden werden. Eine neue Gesellschaft aufzubauen, muss ein Schrei nach Freiheit sein, es muss bedeuten, an die Kreativität der Menschen, ihre volle Entwicklung zu appellieren. Das hatte man nicht verstanden. Das war bürokratisch.

WSWS : Was denken Sie über Trotzki?

MG : Wen?

WSWS : Trotzki.

MG : Trotzki? Er ist tot. Ruhe er in Frieden.

Siehe auch:
Von Entlassung Bedrohte sprechen mit dem WSWS
(26. Juni 2002)
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