Robert Hue und die Fäulnis des französischen Stalinismus

Ein Kommentar zu Hues Interview mit dem WSWS

Von Peter Schwarz
15. Juni 2002

Steht man Robert Hue gegenüber, fällt es schwer zu glauben, dass er eine Partei führt, die aus der Geschichte Frankreichs im zwanzigsten Jahrhundert nicht wegzudenken ist. Seine Antworten auf die Fragen des WSWS sind eine Mischung aus selbstzufriedener Borniertheit und Ausflüchten. Er macht eher den Eindruck eines Buchhalters und Konkursverwalters, als eines Parteiführers, der auf eine jahrzehntelange Tradition blickt.

Hue ist in der Tat dabei, eine Partei abzuwickeln, die sich seit langem im Niedergang befindet.

Die Französische Kommunistische Partei (KPF) wandte sich in den zwanziger Jahren dem Stalinismus zu und ihre politische Linie war seit den frühen dreißiger Jahren konterrevolutionär. Ihre Unterstützung für die Moskauer Prozesse und Stalins Terror in der Sowjetunion hat sie Ende der dreißiger Jahre gründlich diskreditiert. In der Nachkriegszeit hat sie den französischen Kapitalismus konsequent verteidigt.

Gleichzeitig verfügte die KPF während eines großen Teils dieser Zeit über eine Massenbasis in der Arbeiterklasse und über Zehntausende sozialistisch gesinnte Mitglieder. Sie übte auch großen Einfluss auf die französische und europäische Intelligenz aus.

Aus der ersten Wahl nach dem Zweiten Weltkrieg war die KPF mit 26 Prozent der Stimmen als größte Partei hervorgegangen. Noch in den sechziger und siebziger Jahre erzielte sie bei nationalen Wahlen regelmäßig über zwanzig Prozent. Bei der ersten Runde der diesjährigen Präsidentenwahl brachte sie es dagegen gerade noch auf 3,4, bei der Parlamentswahl auf 4,8 Prozent. Selbst gegenüber der Präsidentenwahl von 1995 und der Parlamentswahl von 1997 hat sich ihr Stimmenanteil mehr als halbiert.

Dieser Niedergang ist die Folge ihrer eigenen, stalinistischen Politik. Trotz ihrer Bezeichnung als "kommunistisch" war die KPF fast siebzig Jahre lang eine Gegnerin der Revolution und während der gesamten Nachkriegszeit eine tragende Säule des französischen Staats. Drei Mal - 1936, 1945 und 1968 - hat sie in einer tiefen gesellschaftlichen Krise des Überleben der bürgerlichen Institutionen gesichert. Seit 1981 war sie mit kurzen Unterbrechungen ständig in der Regierung vertreten. Ihre jahrelange Beteiligung an einer "linken" Regierung, die zu ernsthaften sozialen Reformen weder willens noch fähig war, hat sie den letzten Rest an Unterstützung in der Arbeiterklasse gekostet.

Hues Behauptung, Lionel Jospin habe verloren weil die Arbeiterklasse die Politik der Linken nicht verstanden habe, erinnert an Brechts ironischen Ausspruch, es sei an der Zeit, dass sich die Regierung ein anderes Volk wähle. Das Gegenteil trifft zu. Gerade weil die Arbeiterklasse nach vierzehn Jahren Mitterrand und fünf Jahren Jospin die Politik der offiziellen Linken durchschaut hat, ist sie nicht länger bereit, diese zu unterstützen.

Auch die Beteuerung, die KPF habe sich innerhalb der Regierung um eine andere Politik bemüht, kann nur ein müdes Lächeln hervorrufen. Seit die KPF 1981 erstmals einer sozialistischen Regierung beitrat, haben ihre Minister stets loyal deren Politik vertreten. Hue scheint zu glauben, man könne Erfahrungen, die Millionen Menschen über Jahrzehnte gemacht haben, einfach durch einige Phrasen vom Tisch wischen.

Seine oberflächliche Einstellung zu historischen Fragen wird deutlich, wenn er vorgibt, er habe "keine Meinung" über Trotzki. Entweder sagt er die Unwahrheit oder er hat keine Ahnung von der Geschichte seiner eigenen Partei, die sich vorwiegend im Kampf gegen die von Trotzki geführte marxistische Opposition gegen den Stalinismus herausgebildet hat.

Er fühlt sich noch nicht einmal bemüßigt, angesichts des Scherbenhaufens, vor dem die eigene Partei steht, einen Moment innezuhalten und nachzudenken. Stattdessen verkündet er ihr fröhlich eine "große Zukunft" - als Verwalterin von "schwierigen Wohngebieten".

Seine Unterwürfigkeit gegenüber der bürgerlichen Politik wird deutlich, wenn er Chirac vorwirft, er habe sich im Wahlkampf "parteiisch" verhalten, obwohl er als Vertreter "republikanischer Werte" gewählt worden sei. Was hat er vom Gaullistenchef anderes erwartet? Wer auf die Fairness der Herrschenden statt auf die Mobilisierung der Arbeiterklasse setzt, kann nur im Sumpf landen.

Hue mag seine Feindschaft zum Stalinismus bekunden, aber er selbst ist ein typisches Produkt des Stalinismus. Er personifiziert jene Verachtung für Prinzipien, jene Anpassung an die bürgerliche Herrschaft, jenen Zynismus gegenüber der Arbeiterklasse, die Stalin in die kommunistische Bewegung eingeführt hat.

Seine Kritik an dem, was er als "Stalinismus" bezeichnet, ist typisch für diesen Typus spät- kommunistischer Funktionäre. Er verurteilt einige der offensichtlichsten und abscheulichsten Verbrechen des Stalinismus und weigert sich gleichzeitig, die grundlegenderen Wurzeln der stalinistischen Politik zu diskutieren: Ihre Zurückweisung des marxistischen Programms der sozialistischen Weltrevolution, ihre nationalistische Orientierung, ihre Ablehnung der politischen Unabhängigkeit der Arbeiterklasse.

All diese grundlegenden historischen und politischen Fragen wurden im Kampf und der Kritik, die Trotzki und die Vierte Internationale am Stalinismus übten, offen und bewusst aufgeworfen. Daher weicht Hue der Frage nach Trotzki aus, während er gleichzeitig das alte stalinistische Vorurteil aufwärmt, der Trotzkismus sei eine Form des "Linksradikalismus".

Seine Übereinstimmung mit den Grundkonzeptionen des Stalinismus wird deutlich, wenn er den "Trotzkisten in Frankreich" vorwirft, sie seien "von Extremen geprägt" und wollten sich nicht "an den Institutionen beteiligen". Die Organisationen, die er meint, berufen sich zu Unrecht auf den Trotzkismus, wie wir an anderer Stelle erklärt haben. Aber ihre Schwäche ist nicht ihre mangelnde, sondern ihre zu große Anpassungsfähigkeit an die bürgerlichen Institutionen.

Vollends zynisch wird Hue, wenn er seine ausländerfeindliche Kampagne in Montigny als Maßnahme gegen die Bildung von Ghettos verteidigt. Es gehört heute zum Standardrepertoire jedes Rassisten und Ausländerfeinds, die Forderung nach Einwanderungsstopp als Beitrag zur besseren Integration von bereits im Lande lebenden Ausländern zu begründen.

Vom Standpunkt der Arbeiterklasse ist der Niedergang der KPF zu begrüßen. Ihr jahrelanger Einfluss hat ein Erbe der Desorientierung und Konfusion hinterlassen und die Arbeiterbewegung geschwächt. Der Zerfall der KPF beseitigt ein wichtiges Hindernis auf dem Weg zum Aufbau einer wirklich sozialistischen und internationalistischen Massenpartei der Arbeiterklasse. Um diese dringende Aufgabe zu lösen, müssen sich nachdenkliche und entschlossene Arbeiter, Jugendliche und Intellektuelle die großen Lehren aus den Erfahrungen der internationalen Arbeiterklasse im zwanzigsten Jahrhundert aneignen, insbesondere aus dem Kampf für den Marxismus, den Trotzki und die Vierte Internationale gegen den Stalinismus geführt haben.

Siehe auch:
Ein Interview mit Robert Hue
(15. Juni 2002)