Französische Offensive in der Elfenbeinküste

Von John Farmer
11. Januar 2003

Der französische Außenminister Dominique de Villepin beendete letztes Wochenende seinen Besuch in der ehemaligen französischen Kolonie Elfenbeinküste (Côte d`Ivoire), nachdem er zwei Tage lang Gespräche mit der Regierung und der Rebellengruppe im Norden, der Patriotischen Bewegung der Elfenbeinküste (MPCI), geführt hatte. Die beiden Gesprächspartner sind in einen immer blutigeren Bürgerkrieg verwickelt.

Villepin sagte, Frankreich mache mobil, um eine "gefährliche Spirale" zu beenden. Sein Besuch sei der wiederholte Versuch gewesen, in dem vier Monate alten Konflikt einen Waffenstillstand zu erzwingen. Er habe die Regierung, die politischen Parteien und die MPCI aufgefordert, Mitte dieses Monats an einem Spitzengespräch in Paris teilzunehmen.

Villepins Besuch war eine Reaktion darauf, dass der Präsident der Elfenbeinküste, Laurent Gbagbo, das Fischerdorf Menakro, vierzig Meilen westlich der Stadt Bouaké, einer Hochburg der MPCI, von einem mit ausländischen Söldnern bemannten Helikopter angreifen ließ. Der Sprecher der französischen Armee, Oberst-Leutnant Angel-Antoine Leccia, hatte darauf erklärt, der Hubschrauberangriff, bei dem zwölf Zivilisten getötet worden waren, sei "unzulässig und nicht zu tolerieren". Französische Soldaten berichteten, die Dorfbewohner seien "wie Kaninchen" abgeschossen worden.

Offensichtlich verlangte der französische Außenminister von Gbagbo, die ausländischen Söldner auszuweisen und die Luftangriffe zu beenden, und bemühte sich darauf in einem gesonderten Treffen mit der MPCI, diese von Racheaktionen abzubringen. Als Gbagbo das Massaker hinter den Linien der Rebellen durchführen ließ, brach er damit nicht nur den vorher vereinbarten Waffenstillstand, sondern versuchte, die MPCI auf einen Marsch durch das von französischen Truppen besetzte Waffenstillstandsgebiet südwärts in Richtung Abidjan zu drängen, dem Stützpunkt der Regierungstruppen.

Villepin schloss die zwei im Westen der Elfenbeinküste neu gebildeten Rebellengruppen, die Bewegung für Gerechtigkeit und Frieden (MJP) und die Volksbewegung der Elfenbeinküste für den Großen Westen (MPIGO), von seinen Gesprächen aus. Deren Führer haben deutlich zu erkennen gegeben, dass sie dem Pariser Gipfel beiwohnen wollen. Beim vorherigen Waffenstillstandsabkommen bildeten sie keine Verhandlungspartei, und momentan sind sie in Gefechte mit gut ausgerüsteten französischen Truppen verwickelt.

In den letzten Wochen bereitete Frankreich immer offener die militärische Besetzung des Landes vor. Am 28. Dezember landete nach zehntägiger Reise Verstärkung für die französischen Truppen und Kriegsmaterial in Abidjan; es wurden Lastwagen, Jeeps und über dreißig leichte Panzerwagen entladen. Frankreich verfügt jetzt in der Republik Elfenbeinküste im Rahmen seiner "Operation Einhorn" ungefähr über 2.500 Armeeangehörige.

Obgleich zuerst so getan wurde, als diene diese Präsenz nur der Verteidigung französischer Zivilisten, später auch der Unterstützung eines Waffenstillstandes, wird immer offensichtlicher, dass ohne sie die Rebellenarmeen das Land erobern und Gbagbo, der stark von Söldnertruppen aus Südafrika, Kroatien und Frankreich abhängig ist, wahrscheinlich besiegen würden. Die Rebellen kontrollieren schon über die Hälfte des Landes, einschließlich der Gebiete mit den großen Kaffeeplantagen, die die Quelle des Reichtums der Elfenbeinküste darstellen.

Frankreich ist nicht willens, den Aufständischen die wichtigste von ihm abhängige Wirtschaft in Westafrika zu überlassen. Die MPCI ist eine Vereinigung abtrünniger Soldaten, die vermutlich durch Geschäftsleute aus dem Norden unterstützt werden, und die MJP und die MPIGO sollen ihren Nachschub aus Liberia beziehen. So ist Villepins Selbstverpflichtung, bei dem Pariser Gipfel "jeden an den Tisch" zu bringen, ein Versuch Frankreichs, eine direktere Form der Herrschaft zu erzwingen.

Frankreich hat drei Milliarden Dollar in der Republik Elfenbeinküste investiert, und die lukrativsten staatlichen Objekte, die im Rahmen des "Programms für strukturelle Anpassung" verkauft wurden, gelangten in die Hände französischer multinationaler Gesellschaften. Die Elfenbeinküste ist der weltgrößte Kakaoproduzent. Die Kakaopreise haben den höchsten Wert seit elf Wochen erreicht und Befürchtungen über Einbrüche bei den Lieferungen wachsen. Obwohl die Elfenbeinküste selbst kein Öl besitzt, zeigen auch die USA wachsendes Interesse an dem Gebiet, seitdem große Ölvorkommen an der Westküste Afrikas entdeckt wurden.

Außer der Entsendung eigener Truppen hat Frankreich sich bemüht, eine Friedenstruppe aus westafrikanischen Ländern zusammen zu schustern, um in der Republik Elfenbeinküste zu intervenieren. So eine Truppe würde Frankreichs Intervention eine gewisse "internationale" Glaubwürdigkeit verschaffen, aber auf Seiten der afrikanischen Regime gab es einen deutlichen Widerwillen, sich in eine derart unstabile Situation hinein manövrieren zu lassen. Am 3. Januar kamen die ersten westafrikanischen Truppen an - ein Voraustrupp aus bloß 49 Friedenssoldaten aus vier westafrikanischen Nationen. Der Präsident des Senegal, Abdoulaye Wade, erklärte in der BBC, dass der Rest der senegalesischen Friedenssoldaten erst entsendet würde, wenn die Parteien eine politische Übereinkunft erzielt hätten.

Die USA haben sich scheinbar darauf eingelassen, Frankreich, ihrem ökonomischen Rivalen in der Region, zu erlauben, eine gewisse Stabilität in der Elfenbeinküste zu erzwingen. Sie sind jedoch offensichtlich nicht bereit, Friedenstruppen zu unterstützen. Zudem hat insbesondere Nigeria seine Teilnahme verweigert.

In den herrschenden Kreisen Frankreichs herrscht offenbar eine gewisse Nervosität über das militärische Engagement. Unter der Überschrift "Frankreich steckt in der Falle" zog die Zeitung Libération Parallelen zum Vietnamkrieg der USA und warf der französischen Regierung undurchdachtes Vorgehen vor.

Ein deutlicher Widerwille gegenüber Frankreichs engen Beziehungen zu Gbagbo ist zu spüren, obwohl die Hinwendung von Abidjans Elite zu ethnischem Chauvinismus und Angriffen auf Oppositionelle nicht gerade neu ist und schon unter früheren Führern - Conan Bédié und General Gueï, die ebenfalls von Frankreich unterstützt wurden - begonnen hatte. Der Korrespondent von Le Monde kommentierte: "Die ‚Operation Einhorn‘ läuft Gefahr, als Deckmantel zu erscheinen, hinter dem die Kriegsverbrecher sich verstecken können, und als Schutz für die Schatzkammer des Regimes vor Ort, denn sie sichert ihm die Rechte am Kakaoexport, der wichtigsten Ressource für Gbagbos Macht, und ermöglicht es ihm, die Löhne seiner Zivilangestellten weiter zu bezahlen und Waffen zu kaufen."

Ob die aktuelle Waffenruhe, besonders in den westlichen Gebieten, lange halten wird, muss bezweifelt werden. Im Laufe der letzten Woche eröffneten MJP und MPIGO, die offenbar über die liberianische Grenze ins Land kommen, südlich der Waffenstillstandslinie eine neue Front. Sie sind nun ungefähr 180 Kilometer von San Pédro an der Südküste entfernt, dem wichtigsten Hafen der Elfenbeinküste. Französische Truppen wurden an den strategisch wichtigen Straßenkreuzungen von Duékoué eingesetzt, um die Rebellen davon abzuhalten, in das für Kakaoexporte wichtige San Pédro, Heimat von 20.000 französischen Bürgern, vorzudringen.

Frankreich wird in erster Linie versuchen, eine Art multinationale Koalition zusammenzustellen, um die Kontrolle über die Republik Elfenbeinküste aufrecht zu erhalten, denn mehrere Vorkommnisse haben in den letzten Wochen eine weit verbreitete Feindschaft gegenüber der früheren Kolonialmacht deutlich werden lassen. Als Villepin in Abidjan ankam, wurde er eine Stunde lang von einer hundertköpfigen Menschenmenge aufgehalten. Sie trugen T-Shirts mit nationalistischen Aufschriften und skandierten Parolen, in welchen der französische Minister der Unterstützung der Rebellen beschuldigt wurde. In den nördlichen Regionen wuchs die Unterstützung für die Rebellen, als bekannt wurde, dass französische Truppen zum Schutz der Regierungsarmee eingesetzt worden waren.

Siehe auch:
G8-Gipfel lehnt Hilfe für Afrika ab
(6. Juli 2002)
Die politischen Lehren aus den Präsidentschaftswahlen in Frankreich
( 22. Mai 2002)

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