Bush At War : ein schmeichelhaftes Portrait einer Regierung der politischen Unterwelt

Bob Woodward: Bush at War - Amerika im Krieg, DVA 2003

Von Patrick Martin
12. März 2003

Dies ist das jüngste von mehreren Büchern, in denen der durch den Watergate-Skandal berühmt gewordene Journalist der Washington Post hinter die Kulissen schaut. In den vergangenen sechzehn Jahren hat Woodward ein halbes Dutzend solcher Bände über die wichtigsten Institutionen des offiziellen Washington auf den Markt geworfen. Die CIA, das Pentagon, der Oberste Gerichtshof, Clintons Weißes Haus und der Vorsitzende des Federal Reserve Board, Alan Greenspan, sind bisher dieser recht schmeichelhaften Übung unterzogen worden, und nun ist die Reihe an der Bush-Regierung, deren 100 Tage nach den Terroranschlägen vom 11. September nacherzählt werden.

Zuerst ein paar Worte zur Methode und zum Stil. Woodward schreibt, was ein Kritiker "journalistische Fiktion" genannt hat, eine Roman-ähnliche Version aktueller Ereignisse. Er zitiert zahllose Gespräche - etwa 15.000 Worte stehen in direkter Rede - sowie die Gedanken und Monologe verschiedener Persönlichkeiten aus dem Weißen Haus. Bush, Rumsfeld, Powell, Rice, Tenet, Rove und viele andere haben ihm Interviews gewährt. Woodward verschneidet die Aussagen seiner Interviewpartner, die sich in einem günstigen Licht darstellen wollen und sich angeblich an den exakten Wortlaut von drei Monate alten Gesprächen erinnern, zu einer wortwörtlichen Erzählung.

Das Ergebnis präsentiert sich in saloppem Stil: kurze prägnante Sätze, verstümmelte Zitate mit zahlreichen banalen Metaphern aus dem Leben des Sports. Dies ist nicht nur ein Buch, das Bush schmeichelt, es ist auch ein Buch, das der amerikanische Präsident, der notorisch kurzatmig ist, wenn es um ernsthafte Studien, komplexe Analysen und andere intellektuellen Tätigkeiten geht, tatsächlich lesen und genießen könnte.

Bush im Krieg akzeptiert die gesamte offizielle Version der Bush-Regierung über den 11. September: die Terroranschläge kamen ohne jede Vorwarnung, wie ein Blitz aus heiterem Himmel; die US-Regierung identifizierte schnellstens Osama Bin Laden als den vermeintlichen Hintermann; die Weigerung der Taliban-Regierung in Afghanistan, Osama Bin Laden an die USA auszuliefern, ließ den USA gar keine andere Wahl, als Afghanistan anzugreifen und das Regime mithilfe der oppositionellen Nordallianz zu stürzen. In dem ganzen Buch gibt es kein Wort einer ernsthaften Analyse oder Kritik.

Über Schlüsselereignisse wird in dem Buch hinweggehuscht, wie mehrere Rezensenten und Kritiker aufgezeigt haben: Woodward vermeidet eine ernsthafte Untersuchung, welche Wege Bush selbst am 11. September eingeschlagen hat, die in Wirklichkeit stark auf Panik oder Verlust der Kontrolle hinweisen; er schweigt zur Evakuierung aller Mitglieder der Familie Bin Laden, die in den Vereinigten Staaten lebten (zu den Erben des saudischen Baukonzerns gehören enge Geschäftsfreunde der Familie Bush); er geht nicht auf so wichtige Ereignisse ein wie die Milzbrandanschläge auf demokratische Senatsführer, die die Verabschiedung des USA Patriot Acts und die Massenverhaftungen arabischer und südasiatischer Einwanderer erleichterten.

In dem ganzen Heuhaufen finden sich aber auch ein paar erwähnenswerte Stecknadeln, die im Zusammenhang mit dem zweiten, viel größeren militärischen Konflikt, auf den der amerikanische Imperialismus zusteuert, von Bedeutung sind. Sie fallen zumeist in die Kategorie unangenehmer Tatsachen, die nicht so recht in das Bild der regierungsamtlichen Kriegspropaganda passen wollen.

Hinweise auf den 11. September

Eine Passage schildert die Reaktion von CIA-Direktor George Tenet auf die Nachricht, dass soeben Flugzeuge in das World Trade Center gerast sind. "’Ich frage mich’, sagte Tenet, ‚ob es was mit dem Kerl zu tun hat, der eine Pilotenausbildung machte’." (Bush im Krieg, S.19) Er meinte damit Zacarias Moussaoui, den das FBI einen Monat vor den Anschlägen vom 11. September wegen Verletzung der Einwanderungsbestimmungen hatte verhaften lassen. Das beweist, dass Informationen über Moussaoui lange vor den Terroranschlägen die höchsten Geheimdienstkreise erreicht hatten, ganz im Gegensatz zu den Angaben der Bush-Regierung, allein die FBI-Leitung in Washington sei dafür verantwortlich, dass in diesem Fall nichts unternommen wurde.

Woodward bestätigt auch, dass die CIA dreißig afghanische Agenten rekrutiert hatte, die unter dem Codewort GE/SENIORS operierten, und "die dafür angeworben worden waren, herauszufinden, wo Bin Laden sich während der letzten drei Jahre in Afghanistan aufgehalten hatte". (S.20) Das führt wieder zu der Frage, warum die US-Regierung, nicht in der Lage war, Bin Laden zu fangen oder seine Operationen vor dem 11. September zu stören. Es weist darauf hin, dass Teile der Nachrichtendienste nach wie vor mit Bin Laden in Verbindung standen, der früher im Krieg gegen die Truppen der Sowjetunion in Afghanistan ein Verbündeter der CIA gewesen war.

Woodward zufolge war CIA-Direktor Tenet der aggressivste Befürworter einer militärischen und paramilitärischen Reaktion auf den 11. September in Afghanistan. Er setzte sich gegen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld durch, der den Irak als Ziel vorzog und schon weit vor dem 11. September Pläne für eine Invasion des Irak entwerfen ließ. Rumsfeld beschwerte sich später, dass die amerikanische Intervention in Afghanistan weitgehend von der CIA und nicht vom Pentagon geleitet wurde.

Tenet ließ sich von Bush eine präsidentielle Direktive erteilen, die der CIA unbeschränkte Vollmachten für verdeckte Operationen in Afghanistan und weltweit erteilte, was Mordanschläge auf und Entführungen von Al-Qaida-Führern und -Mitgliedern einschloss. Tenet forderte von Bush, er müsse die Agentur vor dem "Schwarze-Peter-Spiel", wie er es nannte, in Schutz nehmen. Woodward zufolge warnte er Bush: "Wenn etwas schiefginge, würde man mit den Fingern aufeinander zeigen, und es würde Untersuchungen geben wie beim Überfall auf Pearl Harbour, der endlos wiedergekäut wurde, um einen Schuldigen zu finden, einen, der nicht aufgepasst hatte." (S.108) Anders ausgedrückt verhielt er sich schon wenige Stunden nach dem 11. September wie jemand, der einiges zu verbergen hat.

Mafia-ähnliche Methoden

Zum Wichtigsten, was Woodward aufzeigt, gehören die Methoden, mit denen die Vereinigten Staaten das Taliban-Regime gestürzt haben. Allgemein herrscht die Ansicht, dass dies durch eine technologische Revolution der Kriegsführung erreicht wurde, das heißt, die CIA und militärische Kundschafter auf dem Boden lieferten den Piloten der Luftwaffe und der Marine mittels Hightech-Ausrüstung Zielkoordinaten, die eine beispiellos genaue und zerstörerische Bombardierung ermöglichten.

Darin liegt ein Teil Wahrheit, es ist aber doch stark vereinfacht. Diese verzerrte Version der Ereignisse wurde zur Basis für die Annahme, der US-Krieg gegen den Irak werde ein Unternehmen mit ähnlich geringen Verlusten und einem ähnlich schnellen Sieg. Woodwards Darstellung zeigt jedoch, dass die Eroberung Afghanistans eher durch Bestechung und Einschüchterung im Mafiastil erreicht wurde, als durch intelligente Bomben.

CIA-Agenten investierten 70 Millionen Dollar, meistens in 100-Dollar-Bündeln, um die Loyalität Tausender örtlicher Milizkommandeure, Stammesführer und regionaler Warlords zu kaufen und sie zu "überzeugen", von den Taliban abzufallen und sich der oppositionellen Nordallianz anzuschließen. Woodward zufolge lag der Tarif bei "10.000 Dollar für diesen Unterführer und seine paar Dutzend Leute, 50.000 Dollar für jenen bedeutenderen Führer mit seinen paar hundert Kämpfern" (S.330). Ein großer Teil dieser Gelder, nämlich zehn Millionen Dollar, gingen direkt an russische Quellen, die die Nordallianz mit Waffen belieferten.

Warlords, die sich nicht bestechen lassen wollten, wurden mit Demonstrationen der Wirkung intelligenter Bomben davon überzeugt, dass ihr physisches Überleben ebenso wie ihr zukünftiges Wohlergehen von einem Seitenwechsel im Krieg abhingen. Woodward überliefert einen Zwischenfall, der stark an die Pferdekopf-Szene aus Francis Ford Coppolas Der Pate erinnert:

"In einem Fall wurden einem Kommandanten 50.000 Dollar dafür angeboten, dass er die Seiten wechsle. ‚Ich muss darüber nachdenken’, sagte der Kommandant. Also lenkte das A-Team der Special Forces eine Präzisionsbombe vom Typ J-DAM direkt neben sein Hauptquartier. Am nächsten Tag nahm man wieder Verbindung zu dem Mann auf. ‚Wie steht’s mit 40.000 Dollar?’ Er akzeptierte". (S. 330)

Falscher Alarm im Inland

An einem weiteren Ereignis zeigt Woodward die Methoden der Regierung auf, unter Berufung auf schwammige und unbegründete Geheimdienstberichte vor unmittelbaren Bedrohungen im Innern der Vereinigten Staaten zu warnen. Er zitiert die "streng geheime Bedrohungsliste", die am Freitag, den 5. Oktober 2001 vorgestellt wurde und einen Bericht der Defense Intelligence Agency mit dem Kodenamen "Dragonfire" enthielt. Darin wird behauptet, Terroristen hätten möglicherweise aus dem Arsenal der ehemaligen Sowjetunion eine nukleare Zehn-Kilotonnen-Bombe mit dem Auftrag erhalten, New York anzugreifen. Die Bush-Regierung warnte Bundesbehörden, jedoch nicht die Behörden des Staates und der Stadt New York.

Der Bericht war in sich selbst unstimmig, da einige technische Details der Atombombe falsch waren. Woodward schreibt: "Wie sich herausstellte, handelte es sich bei der Quelle um einen amerikanischen Mitbürger, der mitangehört hatte, wie sich einige nicht näher bezeichneten Personen in einem Casino in Las Vegas über die Möglichkeit einer Atombombe unterhalten hatten. Das ganze war vollkommener Quatsch." (S.221)

Aufgrund ähnlich haltloser Berichte wurde der US-Bürger Jose Padilla verhaftet und auf unbegrenzte Zeit ohne Gerichtsverfahren inhaftiert, sowie eine Reihe von Warnungen herausgegeben, darunter der kürzliche Alarm der Stufe Orange. Das alles erfolgte im allgemeinen, weil die Regierung es für nötig hielt, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit abzulenken.

Vize-Präsident Richard Cheney führte einen ähnlichen Bericht über einen möglichen Angriff auf Washington mit einer radiologischen Bombe an, als er sich an den berühmten, "sicheren, geheimgehaltenen Ort" außerhalb der Hauptstadt zurückzog. Woodward zufolge ging die Initiative von Cheney aus, der Bush über seine Entscheidung informierte, nachdem dieser Bedenken geäußert hatte. "Er würde nicht um Erlaubnis bitten. Er würde gehen", schreibt Woodward. (S.300)

Eine Krisenregierung

Entgegen den offensichtlichen Absichten des Autors vermittelt das Buch jedoch eins: Den Eindruck einer Regierung, die durch interne Auseinandersetzungen zwischen den führenden Personen nahezu gelähmt ist, wobei jeder versucht, den Präsidenten zu beeinflussen, der komplexe Fragen weder versteht, noch sich bemüht, sie zu verstehen, sondern instinktiv auf Macht und Gewalt als Patentlösung für alle Probleme setzt.

Woodward schreibt über das Ende eines Treffens mit Top-Beratern: "Powell zum Beispiel erkannte, dass Bush der Worte überdrüssig war. Der Präsident wollte endlich Tote sehen." (S.69)

Weiter hinten fasst Woodward Bushs Methode zusammen: "Die eigentlichen Herausforderungen für einen Präsidenten beginnen mit der Entscheidung, wann und wo man Gewalt anwendet, wann und wo man dem Feind mit verdeckten Operationen und Militärschlägen unter Beschuss nimmt. Am nächsten Tag fragten sich Bushs Berater des öfteren, ob sie es jemals schaffen würden, das Gerede zu beenden, aus dem Meer der Worte aufzutauchen und abzudrücken." (S.90)

Bush selbst äußerte Woodward gegenüber: "Ich kann nur meinen Instinkten folgen." (S.165) Bei einer seiner Besprechungen auf Führungsebene meinte Bush: "Ich muss nichts erklären - ich muss nicht erklären, warum ich bestimmte Dinge sage. Das ist ein interessanter Aspekt der Position eines Präsidenten. Vielleicht hat manch anderer den Wunsch, mir zu erklären, warum er etwas sagt, aber ich habe nicht das Gefühl, dass ich irgendwem eine Erklärung schuldig bin." (S.166)

Spitzenpolitiker wie Vizepräsident Cheney, Außenminister Powell und die nationale Sicherheitsberaterin Rice versuchten ihre Vorlagen so abzufassen, dass sie die gewünschte spontane Reaktion von Bush erhielten. Sie benutzten häufig Metaphern aus dem Sport, wenn sie mit dem Präsidenten sprachen, dessen wichtigste Erfahrung mit Führungsaufgaben sich auf die eines Teilhabers und Geschäftsführers des Texas Rangers Baseball Clubs beschränkte.

Woodward berichtet folgende Unterhaltung, die wegen ihrer Banalität bemerkenswert ist:

"Später, in einer Diskussion mit dem Präsidenten, erklärte Rice, was sie bei Rumsfeld zu erreichen versucht hatte. Vor Ort mussten CIA und Militär vollkommen integriert sein. Eine Person musste den Laden schmeißen. Es war ein klassischer Fall für die Geltung des Prinzips der einheitlichen Führung. Hier ging es nicht einfach um ein Passspiel - ein Weiterleiten des Balls von der CIA zu den Streitkräften -, denn die CIA würde dableiben und ihre Präsenz noch steigern. Rice und der Präsident verwandten im Gespräch oft Analogien aus der Welt des Sports.

‚Mr. President’, sagte sie, ‚für diese Aufgabe brauchen Sie einen Spielführer.’

‚Bin ich nicht der Spielführer?’ fragte er.

‚Nein, ich denke, Sie sind der Trainer’." (S.272)

Eine Methode, mit der offensichtlichen Unzulänglichkeit des Oberbefehlshabers umzugehen, bestand darin, die Politik im voraus zu entscheiden. Dann wurden Bush die Alternativen in einer Weise serviert, dass seine eigene "Entscheidung" der vorgefassten Schlussfolgerung fast zwangsläufig entsprechen musste. Rice beschreibt diesen Prozess gegenüber Woodward als den Versuch, unnötige Streitereien vor dem Präsidenten zu vermeiden. Außerdem sollte Bush einfach aus der Schusslinie gehalten werden, wie Cheney im Zusammenhang mit dem "Principal’s Committee" (PC) erklärte - einem Ausschuss von Spitzenpolitikern, der ohne den Präsidenten tagt - als die Diskussion sich dem Thema der Bestechung der afghanischen Warlords zuwandte. Woodward schreibt:

"Cheney schien beunruhigt und deutete an, dass er den Präsidenten aus solchen Diskussionen heraushalten, ja ihm beinahe Aussageverweigerungsrecht zugestehen wolle. ‚Die allgemeinen Fragen der Strategie müssen vom Präsidenten entschieden werden,’ sagte Cheney. ‚Man wird uns danach beurteilen, ob wir in Afghanistan konkrete Ergebnisse vorweisen können. Wir brauchen das PC, um die Frage zu erörtern, und legen sie dann dem Präsidenten vor.’ Das Principal’s Committee, die Versammlung auf Chefebene, war der wichtigste Ort für diese Art von taktischen Fragen, aber nicht vor dem Präsidenten." (S.248)

Pressestimmen über Woodwards Buch haben sich auf den Bericht konzentriert, wie Roger Ailes, der Kopf von Fox News und ehemalige Wahlkampfberater Ronald Reagans, dem Weißen Haus Vorschläge machte, wie es seinen "Krieg gegen den Terrorismus" der amerikanischen Öffentlichkeit verkaufen solle. Dass Fox News mit dem Weißen Haus im Bunde steht, ist nichts Neues. Aber eine weitere Anekdote unterstreicht den bedrohlichen, antidemokratischen Charakter der Bush-Regierung. Woodward beschreibt Bushs Auftritt im Yankee-Stadion in der Saison 2001:

"Der Präsident kam aufs Spielfeld in einer Windjacke der New Yorker Feuerwehr. Er hob den Arm und grüßte die Menge auf der Seite der third base mit hochgerecktem Daumen. Schätzungsweise fünfzehntausend Fans warfen die Arme in die Luft und machten die Geste nach.

Dann warf er einen strike vom Gummi aus, und das Stadion explodierte.

Karl Rove, der von der Box des Eigentümers George Steinbrenner aus zusah, dachte: Es ist wie bei einem Nazi-Aufmarsch." (S.307)

Es ist unklar, ob Rove das als Lob oder als Kritik meinte, oder ob er überhaupt über die politische Bedeutung seiner Bemerkung nachdachte. Die Geschichte ist nur deshalb bemerkenswert, weil der angebliche politische Chefdenker Bushs so einfältig ist, sie Woodward zu erzählen. Der Journalist der Washington Post selbst gibt zu dieser verheerenden Selbstentlarvung keinen Kommentar ab.

Siehe auch:
Abhören, Bestechen und Erpressen - wie die USA eine UN-Mehrheit erzwingen wollen
(8. März 2003)
Ein Jahr seit dem 11. September: Beispiellose Angriffe auf demokratische Rechte
( 17. September 2002)
Vertuschung und Komplott: Die Bush-Regierung und der 11. September
( 21. Mai 2002)