Iglu: Internationaler Lesetest von 10-Jährigen belegt erneut die soziale Selektion des deutschen Schulsystems

Von Dietmar Henning
17. April 2003

In der "Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung" (Iglu) bewiesen deutsche Viertklässler, dass sie im internationalen Vergleich recht gut mithalten können - anders als deutsche 15-Jährige, die bei der vieldebattierten PISA-Studie vor zwei Jahren sehr schlecht abschnitten. Die Ergebnisse beider Studien sind zusammengenommen ein schlagkräftiges Argument gegen das deutsche, sozial selektierende Schulsystem.

Deutschlands Grundschüler haben im Lesen grundlegende Kompetenzen erworben - das ist das wichtigste Ergebnis der Iglu-Studie. Mehr als 140.000 Viertklässler in aller Welt wurden im Frühjahr und Herbst 2001 auf ihre Lesefähigkeit getestet. In Deutschland nahmen rund 9.000 Viertklässler an 211 Grundschulen im Alter von neun und zehn Jahren an dem Test teil - und schnitten unerwartet gut ab. Beim beliebten Ranking der Ergebnisse belegten sie unter den 35 teilnehmenden Ländern Platz elf. Wilfried Bos und Eva-Maria Lankes vom "Institut für international und interkulturell vergleichende Erziehungswissenschaft" an der Universität Hamburg werteten in den vergangenen zwei Jahren die Ergebnisse aus und stellten sie am letzten Dienstag in Berlin vor.

Insgesamt, so das Fazit der Iglu-Forscher, hätten die Viertklässler hier zu Lande "kaum Schwierigkeiten beim Lesen" und könnten zudem "häufig die erforderlichen Schlussfolgerungen aus den Texten ziehen". Die Studie sei die erste repräsentative Untersuchung dieser Art, die es für Deutschland überhaupt gibt, betonte Eva Lankes.

Die Studie belegt ein hohes Niveau deutscher Grundschüler sowohl bei literarischen als auch bei Sachtexten. 98,7 Prozent der deutschen Schüler können am Ende der vierten Klasse in befriedigendem Maße Wörter entschlüsseln. Neun von zehn Jungen und Mädchen können angegebene Sachverhalte aus Sätzen oder kleineren Textpassagen erschließen.

Das relativ hohe Niveau der deutschen Viertklässler wird von einem verhältnismäßig großen Teil der Schülerschaft erreicht. 61,1 Prozent erreichen mit der dritten von vier Kompetenzstufen ein Leseniveau, das zwar weiter förderungsbedürftig ist, aber schon die Basis für selbstständiges Weiterlernen schafft. International trifft dies auf weniger als die Hälfte zu. Allerdings erreicht Schweden, dessen Schüler am besten abschneiden, hier ein Niveau von 73,1 Prozent, die Niederlande 70,4 Prozent.

Die besten Ergebnisse erreichten im internationalen Vergleich denn auch Schweden, die Niederlande und Großbritannien. Knapp über den Ergebnissen aus Deutschland lagen auch die aus Bulgarien, Lettland, Kanada, Litauen, Ungarn, USA und Italien. Finnland, dessen Schüler bei der Pisa-Studie besonders gut abgeschnitten hatten, nahm bei Iglu nicht teil.

18,1 Prozent erreichen in Deutschland die höchste Kompetenzstufe mit der Fähigkeit, mehrere Textpassagen sinnvoll miteinander in Beziehung zu setzen. Bei etwa einem Drittel eines Jahrgangs gehen die Fähigkeiten nicht über die Kompetenzstufe II - angegebene Sachverhalte aus einer Textpassage erschließen - hinaus. Diese Schüler werden ohne weitere Förderung in der Sekundarstufe I (Klassen 5 bis 10) erhebliche Schwierigkeiten haben.

Der auf Deutschland begrenzte Rechtschreib-Test ist sehr schlecht ausgefallen. Von 45 diktierten Wörtern wurden im Durchschnitt nur 25,6 richtig geschrieben. Alle 45 Wörter konnten nur drei der rund 9.000 Kinder korrekt schreiben. Die schwächsten fünf Prozent machten beim Schreiben der 45 Wörter sogar mehr als 63 Fehler.

In Deutschland wurde der Iglu-Lese-Test in zwölf Bundesländern außerdem um die Erhebung mathematischer und naturwissenschaftlicher Kompetenzen am Ende der Grundschulzeit (Iglu/E) erweitert. Niedersachsen, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt verzichteten auf diesen Teil der Studie.

Beim naturwissenschaftlichen Verständnis erreichten die deutschen Viertklässler mit 560 Punkten einen um 36 Punkte über dem internationalen Durchschnitt liegenden Mittelwert. Auch bei den mathematischen Kompetenzen lagen sie mit 545 Punkten um 16 Punkte über dem Mittel.

Nach dem schlechten Abschneiden des deutschen Schulsystems in der Pisa-Studie von 2001 hatten nicht wenige Bildungspolitiker auch für die Neun- und Zehnjährigen mit ähnlichen Ergebnissen gerechnet, auch weil die Rahmenbedingungen - die bereits verglichen worden sind - nicht gerade für die deutschen Grundschulen sprechen. So gibt Deutschland pro Grundschulplatz im Jahr weniger aus als die meisten anderen Industrienationen (3.818 Dollar gegenüber 4.148 im OECD-Durchschnitt). Hiesige Grundschüler werden in größeren Klassen unterrichtet als ihre Alterskameraden in den anderen Industrieländern (im Schnitt sitzen 22 Schüler in einer deutschen Klasse, beim Iglu-Spitzenreiter Schweden sind es nur 13). Gleichzeitig haben deutsche Kinder vergleichsweise in den ersten vier Jahren erheblich weniger Unterricht.

Dass die Viertklässler dennoch relativ gut abschnitten, ist also eine Überraschung. Selbstverständlich sollten die Ergebnisse der Iglu-Studie nicht zu dem Irrglauben verleiten, alles sei in bester Ordnung. Das Ergebnis ist nicht schlecht - aber zweifelsohne ist das Grundschulsystem in Deutschland verbesserungsbedürftig und -fähig. Auf den wichtigsten Punkt wird weiter unten einzugehen sein. Die Ergebnisse der Iglu-Studie sind auch nicht eins zu eins mit denen der Pisa-Studie zu vergleichen.

Doch betrachtet man beide Studien zusammen, erhält man folgendes Bild: "Die Grundschulen sind anscheinend nicht unser Problem", sagt Klaus Klemm, Erziehungswissenschaftler der Universität Essen: "Bis zur vierten Klasse läuft es im internationalen Vergleich im Großen und Ganzen normal. Die Schwierigkeiten beginnen mit Klasse fünf." Und für genau diese Schwierigkeiten ist die frühe Aufteilung der Kinder auf die weiterführenden Schulen verantwortlich, die es übrigens weltweit außer in Deutschland nur noch in Österreich gibt.

Eine der wichtigsten Erkenntnisse aus der Pisa-Studie war ja weniger der Nachweis mangelhafter Lesekompetenzen bei den 15-jährigen Schülern, sondern dass auch die Ursache beim Namen genannt wurde: "Die Entwicklung des Zusammenhangs von sozialer Herkunft und Leistung scheint ein kumulativer Prozess zu sein, der lange vor der Grundschule beginnt und an Nahtstellen des Bildungssystems verstärkt wird."

Jetzt weiß man, dass eine der wichtigsten "Nahtstellen" der Übergang von der Grundschule zu den weiterführenden Schulen ist. Von den Grundschulen einmal in die verschiedenen Schularten einsortiert, gibt es in der weiteren Schullaufbahn fast ausschließlich nur noch eine Richtungsänderung: nach unten. "Die frühzeitige Aufteilung erhöht die soziale Bildungsselektion und erschwert die Förderung lernschwacher Schüler", befindet daher auch Jürgen Baumert, der Direktor am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und Leiter der deutschen Pisa-Studie.

Der Schwachpunkt im Grundschulsystem, den die Iglu-Studie offen legt, liegt denn auch in der frühen Aufteilung auf die verschiedenen Schulformen (Gymnasium, Haupt-, Real- und Gesamtschule). So wertete die Iglu-Studie unter anderem die Schulform-Empfehlungen, die Grundschulen für die weitere Schullaufbahn ihrer Schüler vergeben, aus. "Die Iglu-Studie legt hier den Finger in die Wunde," gab Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) bei der Vorstellung der Studie zu. Denn es wird deutlich, dass die Auslese der Kinder nach Klasse 4 sich stark nach der sozialen Herkunft richtet. Die Eltern der Schüler werden bewertet und weniger die Schüler. Kinder aus sozial höher eingeschätzten Familien erhalten unabhängig von ihren wirklichen Fähigkeiten und Kenntnissen bessere Noten und Empfehlungen für die weiterführenden Schulen als Kinder aus armen Familien.

Die Konsequenz aus Pisa- und Iglu-Studie liegt auf der Hand - eine gemeinsame Schulzeit von neun bis zehn Jahren - so wie etwa beim Pisa-Sieger Finnland. Nach Pisa lehnten alle Politiker dies ab, egal ob CDU, FDP, SPD oder Grüne. In vielen Bundesländern ist aus den Pisa-Ergebnissen gar geschlussfolgert worden, nicht das selektierende Bildungssystem sei falsch, sondern der Umstand, dass es nicht stark genug selektiere, sei das Problem - mit der Folge, dass eine noch frühere Sortierung der Kinder und Leistungsdruck und Drill bereits im Kindergarten gefordert wurde.

Der wiederholt vorgebrachte Hinweis der Iglu-Forscher Bos und Lanke, dass nicht die Schulorganisation oder Schulform entscheidend sei, "sondern der konkrete Unterricht", ist wohl dieser vehementen Verteidigung der Zementierung sozialer Ungleichheit als auch der Mauer von Ignoranz seitens der politisch Verantwortlichen geschuldet. Die beiden Bildungsforscher glauben offensichtlich, eine Schulformdebatte sei zum Scheitern verurteilt und lenke daher von anderen positiven Erkenntnissen ab.

Doch gerade die Iglu-Studie hat die Schulformdebatte und damit eine Debatte über soziale Ungleichheit und ihre Aufrechterhaltung durch das Schulsystem erneut auf die Tagesordnung gesetzt.

Siehe auch:
Note: Ungenügend Die PISA-Studie und das deutsche Bildungssystem - Teil 1
(8. Februar 2002)
Note: Ungenügend Die PISA-Studie und das deutsche Bildungssystem - Teil 2
( 9. Februar 2002)

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