Imperialismus und Irak: Lehren aus der Vergangenheit

Teil 1

Von Jean Shaoul
14. Juni 2003

Wenn man die heutigen Ereignisse im Irak betrachtet, so fallen Parallelen zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ins Auge.

Etwa die gleichen imperialistischen Mächte wie heute zeigten damals ihr Interesse an der Region, doch die dominante imperialistische Macht war zu jener Zeit Großbritannien, nicht die Vereinigten Staaten. Britische Truppen fielen 1914 in Mesopotamien, wie der Irak damals hieß, ein und versprachen Freiheit - von den Türken. Aber dieses Freiheitsversprechen war nur gedacht, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Hinter der Rhetorik standen wie immer materielle Interessen, und in dieser Region war dies vor allem das Öl. Ganz wie heute die Vereinigten Staaten, leugneten die Briten damals vehement ein solches Motiv.

Der militärische Vorteil, den die Briten genossen, war ähnlich groß wie die heutige Überlegenheit der Vereinigten Staaten. Und nachdem ein Krieg geführt worden war, um "die Araber von der türkischen Herrschaft zu befreien", folgte darauf keine Freiheit sondern die britische Besetzung des Landes.

Auch damals wurde die Besetzung des Landes von schrecklichen Luftangriffen begleitet. Und auch damals gab es eine Reihe von schmutzigen Deals zwischen den imperialistischen Mächten - den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Frankreich und Italien - über die Verteilung der Kriegsbeute. Die Briten versuchten, ihren so genannten Alliierten ein Schnippchen zu schlagen, und der Völkerbund (der Vorläufer der Vereinten Nationen) billigte die Zerstückelung des Landes auf schamlose Weise.

Noch wichtiger ist, dass die Briten zur Verteidigung ihrer Ölinteressen faktisch die Macht im Irak ausübten - bis 1932 unter dem Mandat des Völkerbundes und später als die wahre Macht hinter dem Königsthron. Die irakische Bevölkerung trug dabei die finanzielle Last des Krieges, der britischen Besatzung und Herrschaft.

Die britische Herrschaft endete schließlich 1958, als massive Demonstrationen auf den Straßen außer Kontrolle zu geraten drohten. Die Armee schritt ein, stürzte die Monarchie, übernahm die Macht und die Kontrolle über das irakische Öl.

Es ist sehr lehrreich, diese Periode und die Rolle der imperialistischen Länder bei der Herausbildung der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen im Irak zu studieren. Nachdem sich alle Mächte bemüht hatten, die Ölressourcen des Nahen und Mittleren Ostens zu kontrollieren, gelang es den Briten schließlich nach dem Tod von Millionen Arbeitern im Ersten Weltkrieg und zahllosen Täuschungsmanövern, ihre Vorherrschaft zu etablieren.

Eine solche historische Analyse bestätigt, dass die amerikanische Besetzung des Iraks nach dem jüngsten Golfkrieg alles andere als eine Befreiung oder ein Fortschritt für das Land bedeutet. Sie kennzeichnet vielmehr die Rückkehr zur direkten Herrschaft und Kontrolle über die Ölressourcen durch den Imperialismus - diesmal durch die Vereinigten Staaten mit Großbritannien als Juniorpartner.

Imperialistische Interessen in Mesopotamien vor dem Ersten Weltkrieg

Die erste imperialistische Macht, die sich im Nahen Osten festsetzte, war Großbritannien. Die erste Verbindung mit der Region erwuchs aus dem britischen Interesse, die Route nach Indien und damit seinen Handel mit dem indischen Subkontinent zu beschützen. Zu diesem Zweck führte die britische Marine wiederholte Angriffe auf die arabische Küste durch und richtete in den 1840-er Jahren koloniale Besitzungen am Persischen Golf und in Aden ein. Die britische Beherrschung der Küste öffnete das Hinterland für den westlichen Imperialismus.

Die drei Provinzen Basra, Bagdad und Mosul, die den heutigen Irak bilden, trugen damals den Namen Mesopotamien. Mesopotamien stellte über mehrere Jahrhunderte hinweg den östlichsten Teil des Osmanischen Reiches dar. Es war eine kaum entwickelte, ländliche Region mit einer Bevölkerung, die teils als Halbnomaden lebte. Am Ende des neunzehnten Jahrhunderts, als der Suezkanal eröffnet wurde und die Briten die Flussschifffahrt entwickelten, wurde Mesopotamien immer mehr in die kapitalistische Wirtschaftsweise integriert. Die Region Basra gewann an Bedeutung durch ihren Export von Getreide und Baumwolle nach Manchester und Bombay.

Gleichzeitig wuchs das Interesse an den Ölressourcen der Region. Obwohl seit Tausenden Jahren bekannt war, dass in bestimmten Gebieten Mesopotamiens und Persiens, wie der Iran damals hieß, Ölquellen und -seen zu finden waren, fand das Öl vor Beginn der Industrialisierung nur auf primitive Weise in der Region Verwendung.

Das europäische Interesse an der Ausbeutung des mesopotamischen und persischen Öls erwachte im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts, als das Kapital in die Region eindrang. An Konstantinopel wurden zahlreiche Anträge zur Ausbeutung von Ölquellen gestellt, die oft als archäologische Ausgrabungen getarnt waren. Die Anglo-Persian Oil Company fand im Jahre 1908 das erste kommerziell verwertbare Öl in Südpersien.

Während der britische und indische Handel mit etwa 75 Prozent des gesamten Handelsaufkommen die Region klar beherrschte, drang auch deutsches Kapital in Mesopotamien ein - besonders nachdem Deutschland 1903 die Konzession für den Bau der Bagdadbahn, einer Eisenbahnstrecke von Konstantinopel nach Bagdad, erhalten hatte. Es war beabsichtigt, die Strecke bis nach Basra und Kuwait zu verlängern, und diese direkte Verbindung zwischen dem Mittelmeer und dem Persischen Golf hätte eine strategische Bedrohung der britischen Position in Indien dargestellt.

Die Eisenbahn gewann nach der Entdeckung von kommerziell verwertbarem Öl in Persien an Bedeutung, da mit der Konzession zum Streckenbau die exklusiven Rechte an allen Mineralien in 20 Kilometern Entfernung von den Schienen vergeben worden waren.

Im Jahre 1904 stieg die Britische Königliche Marine von Kohle auf Öl um, wodurch der Transport sowohl schneller als auch billiger wurde. Gleichzeitig begann die Regierung nach Ölvorräten zu suchen, die näher lagen als der Golf von Mexiko und langfristig zu nutzen waren. Die Berater der britischen Regierung waren der Ansicht, dass die Exporte der wichtigsten Ölproduzenten sinken und die Großen im Ölgeschäft in die Lage versetzen würden, der Königlichen Marine - einer der wesentlichen Stützen des Empires - die Bedingungen zu diktieren. Über die kommenden zwanzig Jahre hinweg konzentrierte sich die Regierung zunehmend darauf, sowohl die Quellen als auch die Lieferanten des britischen Öls unter ihre Kontrolle zu bringen. Britische Staatsbürger, die sich um Ölkonzessionen in Mesopotamien bemühten, genossen daher die volle diplomatische Unterstützung der Regierung.

Im Jahre 1911 erhielt ein englisch-deutsch-holländisches Konsortium (bestehend aus der Royal Dutch Shell, dem Unternehmer C.S. Gulbenkian, der britischen National Bank of Turkey und der Deutschen Bank) von der Türkei die exklusive Konzession, sämtliches Öl innerhalb der Grenzen des Osmanischen Reiches auszubeuten. 1913 fusionierte die so entstandene Turkish Petroleum Company (TPC) mit der Anglo-Persian Oil Company (APOC), wobei die Anteile zwischen Gulbenkian und den britischen, deutschen und holländischen Eignern aufgeteilt wurden. Nach langen Verhandlungen erwarb die britische Regierung im August 1914 für 2,2 Millionen Pfund eine Aktienmehrheit an der Anglo-Persian Oil Company (dem Vorläufer der BP, des heute größten britischen Unternehmens) und damit die Ölrechte in Mesopotamien, was ihr Interesse an der Region weiter verstärkte.

Zur gleichen Zeit versuchten zahlreiche andere internationale Gruppen in der Gegend von Bagdad und Mosul Ölkonzessionen zu erhalten. Diese wirtschaftlichen Spannungen beschleunigten den Ausbruch des Ersten Weltkriegs, der auch und gerade um die Aufteilung der östlichen Gebiete des Osmanischen Reiches geführt wurde. Aus britischer Sicht führte die Tatsache, dass die neuen Quellen des für Großbritannien so lebenswichtigen Rohstoffs Öl außerhalb der Grenzen des Empires lagen, zu dem unvermeidlichen Schluss, das die Grenzen des Empires ausgedehnt werden mussten.

Großbritannien übernimmt im Ersten Weltkrieg die Kontrolle über Mesopotamien

Während dem größten Teil des neunzehnten Jahrhunderts gründete sich die "Ostpolitik" des britischen Imperialismus darauf, das bankrotte Osmanische Reich als Bollwerk gegen den Expansionismus des russischen Zarenreichs zu stützen. Aber als der Erste Weltkrieg ausbrach und sich die Türkei im Krieg an die Seite Deutschlands und Österreichs stellte, erfuhr die britische Politik einen umfassenden Wandel.

Aus Angst, dass die Türkei auf deutschen Befehl hin den Ölhandel und die Lieferungen behindern könnte, sandten die britischen Machthaber in Indien ein Expeditionskorps nach Basra. Dieses sollte die Türkei daran hindern, die britischen Interessen am Golf und besonders in Südpersien zu durchkreuzen. Dieser Schritt verwandelte den Mittleren Osten in einen Kriegsschauplatz. Das Auseinanderbrechen des Osmanischen Reiches wurde ausdrücklich zum Ziel der britischen Politik erklärt, und die arabischen Teile des Reiches sollten unter britische Kontrolle gebracht werden.

Nach einer Reihe von schändlichen Niederlagen wurde deutlich, dass die Eroberung der türkischen Gebiete kein Spaziergang sein würde. Großbritannien begann daraufhin zynische, betrügerische und sich gegenseitig ausschließende Abkommen zu schließen, die eine Niederlage der Türkei herbeiführen und die eigenen Handels- und Landansprüche in der Region fördern sollten.

Zum einen kalkulierte Großbritannien, dass ein arabischer Aufstand von unschätzbarem Wert wäre, um die Türken im Süden anzugreifen und zu schlagen und von Osten her einen Weg nach Europa zu öffnen. So sollte auch die Pattsituation aufgebrochen werden, die in den Schützengräben von Flandern eingetreten war.

Erster britischer Kontakt waren die Haschemiten, eine Wüstendynastie in Hejaz im heutigen Saudi Arabien, die die heiligen Stätten des Islam, Mekka und Medina, kontrollierte und die Osmanische Herrschaft durch ihre eigne ersetzen wollte. Großbritannien erwartete, dass eine solche Allianz helfen würde, die Loyalität der indisch-muslimischen Wehrpflichtigen im mesopotamischen Expeditionskorps sicherzustellen, die als Kanonenfutter im Krieg gegen Deutschland eingesetzt wurden.

Nach den katastrophalen Niederlagen bei Gallipoli akzeptierten die Briten die Bedingungen, die im Damakus-Protokoll festgelegt wurden: Britische Unterstützung für die Araber beim Sturz der türkischen Herrschaft im Gegenzug für arabische Unabhängigkeit in den Gebieten des heutigen Syrien, Libanon, Israel/Palästina, Jordanien, Irak und Saudi Arabien. Im Jahre 1915 trafen die Briten ein Abkommen mit dem Haschemiten Scharif Hussein von Mekka und versprachen ihm Unabhängigkeit als Gegenleistung für seine Unterstützung gegen die Türken.

Zum andern waren die Briten, als sie die Araber zur Förderung der eigenen Interessen nutzten, mit rivalisierenden Forderung ihrer Kriegsalliierten Frankreich und Russland konfrontiert, die bei der Aufteilung des Osmanischen Reiches ebenfalls einen Anteil beanspruchten - und sahen sich gezwungen, auch mit ihnen eine Abmachung zu schließen.

Im Mai 1916 unterzeichnete Großbritannien das Tripartite-Abkommen, besser bekannt als Sykes-Picot-Abkommen. Laut diesem sollte Russland Istanbul, den Bosporus und Armenien erhalten, Frankreich sollte das heutige Syrien und den Libanon bekommen, und für Großbritannien blieben Bagdad, Basra und Transjordanien (das heutige Jordanien).

Großbritannien hatte bei den Verhandlungen offensichtlich nicht gut aufgepasst und die potenziell ölreiche Region Mosul Frankreich zugeschlagen. Jedenfalls verbrachten die Briten die folgende Periode damit, Mosul wieder in ihre Einflusssphäre zu bringen. Palästina sollte von Syrien abgetrennt und unter internationale Verwaltung gestellt werden, bis eine Konferenz am Ende des Krieges über das weitere Schicksal dieses Landstrichs entscheiden würde. Allein im rückständigsten und ärmsten Teil der Region, auf der arabischen Halbinsel, sollte den Arabern Unabhängigkeit gewährt werden.

Man muss wohl kaum erwähnen, dass der Bevölkerung, deren Zukunft von dieser Entscheidung betroffen war, kein Mitspracherecht eingeräumt und die Vereinbarungen des Vertrags geheim gehalten wurden. Nach der Russischen Revolution, als die Bolschwiki die Geheimverträge veröffentlichten, um die imperialistischen Verschwörungen gegen die unterdrückte Bevölkerung der Region offen zu legen, verlangte Scharif Hussein eine Erklärung. Aber bis zum Ende des Krieges versprachen die Briten und Franzosen den Arabern die volle Unabhängigkeit.

"Das Ziel, das Frankreich und Großbritannien verfolgen, wenn sie den von Deutschland entfachten Krieg im Osten führen, ist die vollständige und endgültige Befreiung der Völker, die so lange von den Türken unterdrückt wurden, und die Errichtung von nationalen Regierungen und Staaten, deren Autorität auf der Initiative und der freien Wahl der einheimischen Bevölkerung beruht", stellte die englisch-französische Erklärung vom 7. November 1918 fest. "Frankreich und Großbritannien haben sich darauf verständigt, die Errichtung von einheimischen Regierungen und Staaten zu unterstützen und zu ermöglichen [...] in jenen Territorien, deren Befreiung sie erreichen wollen."

Schließlich versuchten die Briten im November 1917 Frankreich ein Schnippchen zu schlagen und die eigenen Interessen in der Region zu sichern, indem sie Palästina behielten. Im Zuge dessen gingen sie eine weitere politische Verpflichtung ein, als sie ihre Herrschaft über das Land mit dem zynischen Vorwand rechtfertigten, dies geschehe aus humanitären Erwägungen und Mitgefühl mit den Juden. Großbritannien gab die absichtlich vage formulierte Balfour-Erklärung heraus, die "der Errichtung einer jüdischen Heimstatt in Palästina mit Sympathie gegenübersteht".

Mit der Hilfe der Araber waren die Briten in der Lage, das Kriegsglück zu wenden. Sie nahmen im März 1917 Bagdad und später Jerusalem und Damaskus ein. Die arabische Revolte gegen die Türken, die von Faisal, dem Sohn von Scharif Hussein von Hejaz, angeführt wurde, war für die Briten von strategischer Bedeutung. Sie band etwa 30.000 türkische Soldaten an der Eisenbahnstrecke von Amman nach Medina und verhinderte, dass sich die türkisch-deutschen Kräfte in Syrien mit der türkischen Garnison in Jemen vereinen konnten.

In gewohnter Perfidie ignorierten die britischen Streitkräfte in Mesopotamien den mit der Türkei am 30. Oktober 1918 in Mudros unterzeichneten Waffenstillstand und marschierten weiter nach Norden, wo sie einige Tage später die überwiegend von Kurden bewohnte Provinz Mosul einnahmen. Dies geschah, weil es wenig Sinn machte, die zentralen und südlichen Provinzen Mesopotamiens zu behalten, wenn die ölreiche nördliche Provinz nicht dazugehörte. Mosul war auch von Bedeutung als Station auf dem Weg zu den von Russland kontrollierten ölreichen Ländern des Kaukasus und des Kaspischen Beckens. Großbritannien eignete sich dann den deutschen Anteil von 25 Prozent an der Turkish Petroleum Company an, die sich mit der Erkundung und Nutzbarmachung der Ölfelder beschäftigte.

Ende des Jahres 1918 hatten die britischen Truppen aus Kairo somit Palästina und Syrien erobert und geholfen, die Türken aus Hejaz zu vertreiben. Britische Streitkräfte aus Indien hatten Mesopotamien erobert und Persien und Ibn Saud von Nejd auf der arabischen Halbinsel in die britische Einflusssphäre gebracht. Diese Truppen drangen durch Persien nach Norden vor, um den Kaukasus gegen die Türken zu halten. Eine weitere Truppe zog nach Norden und bekämpfte die Rote Armee zur Unterstützung der konterrevolutionären "weißen" Kräfte, um eine "Unabhängigkeit" der ölreichen Staaten Aserbaidschan, Armenien, Georgien und Dagestan zu erreichen. Sie wurde 1920 zum Rückzug gezwungen.

Die Freiheitsversprechen erweisen sich als Betrug

Während die Siegermächte des Ersten Weltkriegs Schlange standen, um die ehemaligen Provinzen des Osmanischen Reiches und die deutschen Kolonien in Afrika und im Fernen Osten zu übernehmen, war Großbritannien entschlossen, seine Eroberungen im Mittleren Osten zu behalten, um die Handelsroute nach Indien und das Öl der Region zu sichern. Der britische Blick richtete sich vor allem auf Palästina und die drei mesopotamischen Provinzen, die den neuen Namen Irak erhielten. Kuwait sollte vom Irak aus regiert werden, während gleichzeitig die britische Einflusssphäre über Persien und die südliche und westliche Küste der arabischen Halbinsel beibehalten würde. Der Persische Golf und das Rote Meer würden somit zu britischen Gewässern.

Die zentrale und südliche Provinz von Mesopotamien wurden unter direkte britische Herrschaft gestellt. Sie wurden von Indien aus regiert und standen bis zum Abschluss eines Friedensabkommens unter Militärrecht. Nach dem Muster ihrer Herrschaft über Indien wandten sich die Briten an die alten Stammesführer, deren Einfluss gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts geschrumpft war, damit diese die Steuern eintrieben und die vorwiegend ländliche Bevölkerung kontrollierten. Im Gegenzug dafür blieben sie sicher und langfristig in ihren Ämtern. Diese Politik verschärfte die Ungleichverteilung des Bodens, die Verarmung der Bauernschaft und die tief verwurzelte Feindschaft gegenüber den Briten.

Die Briten förderten auch kleine, aber wichtige Minderheiten, besonders die christlichen und jüdischen Gemeinden, die eine Schlüsselrolle in der Wirtschaft spielten und deren Beziehungen zu Großbritannien später, als der zionistisch-palästinensische Konflikt entstand, eine bedeutende Rückwirkung haben sollten.

Die Kurden in der neu eroberten Provinz Mosul nahmen die Briten beim Wort und gründeten sofort einen unabhängigen Staat, den Großbritannien im Verlauf von nahezu zwei Jahren brutal unterdrückte. Britische und indische Truppen wurden gegen die Kurden eingesetzt, die Königliche Luftwaffe bombardierte die Guerillatruppen und Churchill, der damalige Kriegsminister, befürwortete den Einsatz von Giftgas.

Mosul wurde in den irakischen Staat integriert und die Idee der kurdischen Autonomie, die in den Vertrag von Sèvres eingeflossen war, fallen gelassen. Wie es ein britischer Vertreter damals formulierte: "Jede Idee eines arabischen Staates ist derzeit einfach blutiger Unsinn."

Aber Großbritanniens Pläne, die arabische Welt zum Bestandteil des Empires zu machen, wurden vereitelt. Vor allem die Alliierten aus dem Ersten Weltkrieg, und unter ihnen besonders die Amerikaner, waren entschlossen, die Briten nicht mit dem Löwenanteil an der Kriegsbeute davonziehen zu lassen. Die Vierzehn Punkte, die Präsident Woodrow Wilson am Vorabend des amerikanischen Kriegseintritts 1917 bekannt machte, waren der Preis, den Großbritannien und Frankreich für den Beistand der Vereinigten Staaten zu zahlen hatten.

Wilsons Punkte bedeuteten eine neue Weltordnung, in der die politischen und wirtschaftlichen Interessen Amerikas höher standen als die der alten imperialistischen Mächte. Es würde keine Geheimdiplomatie oder Annexionen durch die Sieger geben und ehemalige Kolonien sollten das Recht auf Selbstbestimmung erhalten. Aber vor allem sollte es in Bezug auf den Handel eine Politik der Offenen Tür geben. Dies bedeutete das Ende eines exklusiven Zugangs zu Ressourcen und Handel. Hinsichtlich des Mittleren Ostens und Iraks standen die Ölkonzessionen auf dem Spiel, die Großbritannien dem Osmanischen Reich abgezwungen hatte. Die Briten sahen Wilsons Politik als eine solche Bedrohung an, dass sie die Veröffentlichung der Vierzehn Punkte in der Region verboten. Erst zwei Jahre später erschienen diese in Bagdad.

Fortsetzung - Teil 2

Siehe auch:
Fünfzig Jahre seit der Gründung Israels
(10. Juni 1998)
Der politische Bankrott der PLO und die Wurzeln der Hamas
( 9. Juli 2002)