Frankreich: Über 10.000 Tote in Rekordhitzewelle

Von Francis Dubois
23. August 2003

Die beispiellose Hitzewelle in Europa hat auf dem ganzen Kontinent zu vielen Todesfällen geführt, doch die meisten Opfer forderte sie in Frankreich, wo Krankheit und Tod ein epidemisches Ausmaß erreichten.

Zwar ist das volle Ausmaß der Hitzekatastrophe noch nicht bekannt, doch hat die hohe Zahl an Todesfällen die französische Regierung in eine ernste politische Krise gestürzt. Zu Beginn dieser Woche wurde eine Zahl von 5.000 Menschen genannt, die infolge der Hitze gestorben sind, aber Medienexperten zufolge wird diese Zahl wahrscheinlich noch steigen, weil die Hälfte der Opfer außerhalb der Krankenhäuser gestorben sind und noch nicht erfasst wurden.

Frankreichs führender Bestattungsunternehmensverband berichtete am Donnerstag, dass sogar 13.000 Menschen an den Folgen der Hitze gestorben seien.

Nachdem schon im Juni und Juli ungewöhnlich hohe Temperaturen herrschten, erreichte die Hitzewelle zwischen dem 6. und 11. August ihren Höhepunkt, als das Thermometer auf 40°C. stieg. Im Verlauf dieser Woche breitete sich in den Krankenhäusern das Chaos aus, weil sie nicht mehr in der Lage waren, die wachsende Patientenzahl zu bewältigen - zumeist ältere, gebrechliche und chronisch kranke Menschen -, die ihnen durch die Ambulanzen zugewiesen wurden.

Die Anzahl von Todesfällen in der Region Paris stieg dramatisch und erreichte das Vierfache der um diese Jahreszeit üblichen Zahl. Die meisten waren an Austrocknung oder Hitzschlag gestorben. Viele wurden zu spät ins Krankenhaus eingeliefert. Laut einer Schätzung waren über achtzig Prozent derjenigen, die starben, über 75 Jahre alt.

Die Krankenhäuser nahmen schließlich niemanden mehr auf, und den Menschen, die einen Krankenwagen bestellten, wurde gesagt, sie müssten an Ort und Stelle zurechtkommen. Infolgedessen starben die Menschen in Seniorenheimen, in Hotels oder in ihren Wohnungen. Obdachlose starben auf offener Straße.

Leichenschauhäuser und Bestattungshallen waren überfüllt, und einige der Toten wurden tagelang an Ort und Stelle liegengelassen.

Um mit der wachsenden Leichenzahl fertig zu werden, kündigte die Regierung des konservativen Premierministers Jean-Pierre Raffarin am 18. August an, einen alten Obst- und Gemüsemarkt in Rungis, südlich von Paris, in eine zentrale Leichenhalle zu verwandeln. In diesem improvisierten Leichenschauhaus können bis zu 2.000 Leichen untergebracht werden.

Diese Entscheidung bringt treffend die Haltung von Raffarin und Präsident Jacques Chirac zum Ausdruck. Für die Tausenden, die ihre Verwandten oder Freunde verloren hatten, wirkte das wie ein weiterer Schlag ins Gesicht.

Die Regierung hatte Warnungen des meteorologischen Amtes ignoriert und versäumt, vor den Konsequenzen der intensiven und langen Hitzewelle zu warnen, und das in einem Land, wo nur wenige Privathäuser oder Büros mit Klimaanlage ausgestattet sind. Sie unternahm darüber hinaus keine Schritte, um die Krise zu bewältigen, die sich von Tag zu Tag mehr zum Notstand auswuchs.

Viele Ärzte und Gesundheitsexperten haben betont, dass ein großer Teil der Todesfälle hätte verhindert werden können. Schon am 7. August gab es Warnungen, dass die Hitze ernste Folgen haben würde, und Appelle, Notfallpläne auszuarbeiten, aber die Regierung blieb vollkommen passiv. Dies führte zu einem offenen Konflikt zwischen verschiedenen Zweigen des Gesundheitswesens und der Regierung. In der zweiten Augustwoche sah sich die Regierung endlich gezwungen, Anschuldigungen wegen Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit zu beantworten.

Statt jedoch ernsthafte Schritte zu unternehmen, um die Situation aufzufangen, bestand die Antwort der Regierung darin, Krisenbewältigungsprogramme zu zitieren, die aus einem Plan für den Umgang mit terroristischen Angriffen oder allgemeinen Naturkatastrophen stammten. Schon in den ersten Augusttagen berichteten Krankenhäuser und Notaufnahmestellen über Hitzetote, aber die Regierung bestand selbst Mitte der zweiten Woche noch darauf, dass diese Menschen "eines natürlichen Todes" gestorben seien.

Dies veranlasste Patrick Pelloux, den Leiter der französischen Notarztvereinigung, zur Aussage: "Sie haben die Frechheit, über natürliche Todesfälle zu sprechen. Mit dieser Aussage bin ich absolut nicht einverstanden."

Am 11. August bestand der Gesundheitsminister immer noch darauf, dass "Notfalldienste nicht massiv überlaufen" seien, und sagte: "Die Schwierigkeiten sind mit früheren Jahren vergleichbar, mit Ausnahme einiger Krankenhäuser und eines oder zwei Departements in [der Pariser Region] Ile de France."

Der "Plan blanc" (der Weiße Plan), der dazu da ist, um im Notfall zusätzliche Ausrüstungen, Transportkapazitäten, Personal und Betten bereitzustellen, trat erst am 13. August in Kraft, nachdem die öffentliche Kritik lauter geworden und die Spitze der Hitzewelle erreicht war.

Diese Situation ist nicht einfach durch die Haltung der Regierung in den letzten paar Wochen entstanden. Viele Ärzte und Gesundheitsexperten betonten, sie stehe im Zusammenhang mit einem Mangel an vorbeugenden Maßnahmen, die relativ leicht durchzuführen gewesen wären, und einem allgemeinen Abbau des Gesundheitsdienstes über die letzten fünfzehn Jahre. Krankenhäuser sind regelrecht finanziell ausgetrocknet worden. Sie haben keine Reserven für unvorgesehene Situationen und keine Mittel, um zusätzliches Personal einzustellen.

Laut Professor Pierre Carli, dem Leiter von SAMU (Pariser Ambulanzdienst) beim Necker-Krankenhaus, und Professor Bruno Riou, dem Chef der Notfallaufnahme am Krankenhaus Pitié Salpétrière in Paris, war es so, dass die Hitzewelle "auf dramatische Wiese einen permanenten Mangel beleuchtet hat... Wenn die Situation [der Hitzeopfer, die keine Krankenhausbetten erhielten] skandalös erscheint, so macht sie nur einen täglichen Skandal sichtbar, den es auch ohne Epidemie in vielen Krankenhäusern gibt."

Ende Juli hatte die Vereinigung der Notfallärzte gewarnt, dass die Kürzungen bei Krankenhausbetten um 25 bis 30 Prozent während der Sommerferienmonate eine gefährliche Situation geschaffen habe. Diese Sommerschließungen wurden durchgesetzt, um das allgemeine Defizit zu entlasten.

Der Präsident der Vereinigung der Altersheimdirektoren, Pascal Champvert, prangerte den "Mangel an Personal in Seniorenheimen" an und gab ihm die Schuld an der hohen Todeszahl während der Hitzewelle. "Tausende alter Menschen sind gestorben", sagte er, "weil es in den Seniorenheimen nicht genug Personal gibt. Man weiß, dass in diesem Milieu... Personalmangel jeden Tag tötet." Er verlangte vom Gesundheitsminister, die hundert Millionen Euro Kredit freizugeben, die Anfang 2003 "eingefroren" worden waren.

In einem Altersheim in Vitry-sur-Seine erklärte ein Arzt, dass eine Pflegerin für 72 Menschen zuständig sei, und das ein Teil des Personals kaum ausgebildet sei.

Die Regierung geriet durch die Empörung über ihre Gleichgültigkeit in die Defensive. Sie reagierte mit einer Mischung aus Arroganz und Ignoranz. Schadensbegrenzung war an der Tagesordnung. Gleichzeitig appellierte sie an die oppositionellen Parteien, sich nicht an parteilicher Polemik zu beteiligen.

Als Raffarin sich am 14. August gezwungen sah, seine Ferien abzubrechen, machte er anfänglich die Öffentlichkeit für die steigende Anzahl von Toten verantwortlich und beschuldigte die Familien, sie hätten ältere Verwandte hilflos sich selbst überlassen, während sie in die Ferien gefahren seien. Diese Anklage wurde durch die Tatsache, dass die Hälfte der gestorbenen Menschen in Altenheimen gelebt hatten und gar nicht alleine gewesen waren, eindeutig widerlegt.

Gleichzeitig predigten er und sein Gesundheitsminister Jean-François Mattei Solidarität und Anteilnahme - genau das, was die Regierung selbst hatte vermissen lassen. Raffarin beeilte sich, ein Altersheim in der Bourgogne zu besuchen (eins, in dem es keine Todesfälle gegeben hatte), um reichlich spät der Kritik entgegenzutreten, seine Regierung habe die Alten und Kranken vernachlässigt.

Mattei gab Erklärungen ab, die an die berüchtigten Worte der Marie Antoinette im Jahre 1789 - "Sollen sie doch Kuchen essen!" - erinnerten. Er sagte in einem Interview, der Grund dafür, dass so viele Alte an der Hitze gestorben waren, liege darin, dass es infolge steigender Lebenserwartung viel mehr Alte gebe.

Eine ständig wiederholte Aussage der Regierung lautete, dass sie an der Hitzewelle nicht schuld sei. Ein Regierungssprecher wurde mit der Frage zitiert: "Wollen sie sagen, die Rolle der Regierung bestehe darin, an Autobahnraststätten Wasserflaschen an Babies zu verteilen?"

Der Gesundheitsminister versuchte, die Kritik von sich abzulenken und seine unmittelbaren Untergebenen zu beschuldigen. Er sagte, er habe es deshalb an Vorsorge mangeln lassen, weil er über das Ausmaß der Krise nicht unterrichtet worden sei. Er zeigte mit dem Finger auf das Gesundheits-Generaldirektorat (DGS), die Abteilung, die für die Überwachung des nationalen Gesundheitswesens zuständig ist. Dies führte zum Rücktritt des DGS-Leiters, Lucien Abenhaïm, der jedoch in späteren Interviews die Darstellung der Regierung bestritt und darauf bestand, sie rechtzeitig gewarnt zu haben.

In einem plumpen Versuch, diejenigen zu bestechen und zu beschwichtigen, die mit der Krise unmittelbar zu tun hatten - Ärzte, Krankenschwestern und Altersheimpersonal - versprach Mattei dem Personal, das den Hitzebetroffenen geholfen hatte, einen Pauschalbetrag zu überweisen.

Die Raffarin-Regierung war im letzten Jahr an die Macht gekommen, nachdem Chirac als Präsident wiedergewählt worden war. Die gesamte offizielle Linke in Frankreich - die Sozialisten, die Kommunistische Partei, die Grünen - wie auch eine Schicht der sogenannten "äußersten Linken" setzte sich offen für Chiracs Wiederwahl ein, nachdem der Kandidat der Sozialistischen Partei, Lionel Jospin, dem Faschisten von der Nationalen Front, Jean-Marie Le Pen, im ersten Wahlgang unterlegen war. Diese "linken" Kräfte stellten Chirac, den prominentesten Führer der traditionell rechten Parteien, als Verteidiger der Demokratie gegen Le Pen dar, und riefen die Arbeiter auf, ihn mit einem massiven Mandat auszustatten. Das voraussehbare Resultat war nicht nur die Wiederwahl Chiracs als Präsident, sondern ein überwältigender Sieg der rechten Parteien in den Parlamentswahlen, die kurze Zeit später stattfanden.

Die gegenwärtige politische Krise, die die Hitzewelle für Raffarin und Chirac ausgelöst hat, zeigt, wie isoliert und schwach die rechte Regierung tatsächlich ist, trotz der großen Mehrheit rechter Abgeordneter in der Nationalversammlung. Ohne jeden Bezug zur Realität, wie sie Dutzende Millionen normaler Menschen täglich erleben, und als Repräsentanten einer dünnen Schicht Wohlhabender und Superreicher, können sie sich in der Gesellschaft nur auf eine äußerst schmale Basis stützen.

Die aktuelle Gesundheitskatastrophe hat zahlreichen Leute viel deutlicher vor Augen geführt, welche bedrohlichen Ziele diese Regierung im Gesundheitswesen verfolgt, als es Raffarin und Chirac lieb ist. Die Regierung plant, in den kommenden Tagen einen grundlegenden Angriff auf die Krankenversicherung und das Gesundheitswesen einzuleiten, der die Grundlagen über den Haufen wirft, die nach dem zweiten Weltkrieg geschaffenen wurden.

Außerdem ist die politische Krise nur wenige Wochen nach beispiellosen Angriffen der Regierung auf die Renten ausgebrochen, die durch die Gewerkschaften erleichtert wurden, die eine Massenbewegung von Streiks und Protesten sabotierten.

Die Reaktion der Parteien der offiziellen Linken bestand darin, die Krise der Raffarin-Regierung nicht ausufern zu lassen. François Hollande, der nationale Sekretär der Sozialistischen Partei, tadelte die Regierung milde, während die Grünen den Rücktritt von Mattei forderten und einige linke Abgeordnete eine parlamentarische Untersuchung des Krisenmanagements der Regierung verlangten.

Die Stalinisten der Kommunistischen Partei haben das Bild, das die Regierung während der Hitzewelle abgab, als ein "Fiasko" bezeichnet, aber haben es vermieden, irgendwelche politischen Forderungen daran zu knüpfen.

Nicht eine dieser Parteien stellen die Politik ernsthaft in Frage, die zu der Katastrophe geführt hat, oder weisen auf das Versagen des französischen kapitalistischen Systems selbst hin. Dies ist keine Überraschung angesichts der Tatsache, dass die selben Parteien ebenfalls Kürzungen im Gesundheitswesen durchsetzten, als sie vor wenigen Jahren an der Regierung waren.

Siehe auch:
Frankreich: Gericht stellt Verfahren wegen AIDS-verseuchtem Blut ein
(4. Juli 2003)
Thousands die in European heat wave
( 14. August 2003)

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