Über eine Viertelmillion auf dem südfranzösischen Larzac

José Bové’s Weg - eine Sackgasse

Von Marianne Arens und Françoise Thull
22. August 2003

Eine Viertelmillion Menschen beteiligten sich am Wochenende vom 8. bis 10. August an einem Festival der Globalisierungskritiker oder "altermondialistes" in Südfrankreich. Das Motto lautete "Die Welt ist keine Handelsware" und richtete sich gegen den bevorstehenden Gipfel der Welthandelsorganisation WTO vom 10. bis 14. September in Cancún, Mexiko.

Es war eine der größten Veranstaltungen Frankreichs seit vielen Jahren, die auf dem Larzac, einem Hochplateau im südfranzösischren Zentralmassiv, stattfand. Die Veranstalter selbst waren von der Massenbeteiligung völlig überrascht. Als trotz glühender Hitze und Urlaubszeit auch am Samstagnachmittag der Menschenstrom nicht abriss, begannen sie, die Zufahrtsstraßen zu sperren, um Sicherheitsproblemen und den Folgen akuten Trinkwassermangels vorzubeugen.

Organisiert wurde das Ereignis von Attac, G10-Solidaire (einer Gruppe von zehn SUD-Gewerkschaften) und der auf dem Larzac entstandenen Bauerngewerkschaft Confédération paysanne. Außerdem beteiligten sich Ortsverbände der KPF und der Grünen, die Ligue Communiste Révolutionnaire (LCR), die Menschenrechtsliga, Greenpeace, Amnesty International, die Anarchistische Föderation, Lehrer- und Künstlerkollektive, mehrere Bauernorganisationen aus Europa, Via Campesina (internationaler Bauernverband) usw. - im ganzen über 150 Parteien, Gewerkschaften, Organisationen, Bürgerinitiativen und Zeitungen.

Vorausgegangen waren in Frankreich monatelange Streiks zur Verteidigung der Renten, des Schulwesens und der Arbeitslosenkasse der Künstler und Kulturtechniker. Letztere, die sogenannten Intermittents, bereicherten das Treffen mit ihren Darbietungen, während zahlreiche Anwesende in der einen oder anderen Form selbst an den Streiks der letzten Wochen teilgenommen hatten.

Die Tatsache, dass auch nach dem Abflauen der Streik- und Protestbewegung und trotz ihrer faktischen Niederlage so viele gekommen waren, macht deutlich, dass die politische Entschlossenheit, gegen die Angriffe der Regierung zu kämpfen, nach wie vor ungebrochen ist und eher noch zunimmt. "Die Leute haben sichtbar Lust, zusammenzukommen, um Bilanz über das Vergangene zu ziehen und die Rentrée [Zeit nach den großen Ferien] vorzubereiten", berichtete ein Veranstaltungsordner.

Viele sehr junge Teilnehmer waren zum Teil per Fahrrad, PKW oder Mitfahrgelegenheit Hunderte Kilometer weit hergekommen. Zehntausende warteten geduldig in mörderischer Hitze auf die Reden der zentralen Kundgebungen, und auf den Diskussionsforen wurde lebhaft über Themen wie Irakkrieg, Angriffe der Regierung auf Renten und demokratische Grundrechte, Verteidigung der Bildung und der Flüchtlinge, etc. diskutiert. Die Veranstaltung, die eigentlich als ein buntes Volksfest konzipiert war, widerspiegelte durch die Ernsthaftigkeit vieler Teilnehmer das starke Bedürfnis nach einer neuen politischen Perspektive, nachdem sich die Illusionen in die etablierten Linksparteien und Gewerkschaften zerschlagen haben.

Das Zelt der Sozalistischen Partei (PS) auf dem Larzac wurde von Mitgliedern der Obdachloseninitiative DAL (Droit au logement - Recht auf Wohnung) und anderen Teilnehmern abgebaut, was der DAL-Sprecher Jean-Claude Meunier so rechtfertigte: "Die PS hat hier nichts zu suchen, sie hat eine rechte Politik gemacht. Was die heutige Regierung tut, steht in der Kontinuität der Jospin-Regierung." Schon während des G8-Gipfels in Evian hatten Attac-Sympathisanten die PS vertrieben.

Zwar halfen Ordner des Bauernverbands, den PS-Stand anschließend wieder aufzubauen - schließlich hatten sie vom PS-kontrollierten Regionalrat Midi-Pyrénées eine halbe Million Euro für die Durchführung von Larzac 2003 erhalten. Doch hatten weder PS, noch Kommunistische Partei (PCF), Grüne oder die Gewerkschaft CGT großen Zulauf an ihren Infoständen, und die Diskussionsleiter distanzierten sich spürbar von all diesen Organisationen.

José Bové’s Perspektive

Was die Redner der Kundgebungen - Vertreter von Attac, den SUD-Gewerkschaften und dem Bauernverband von José Bové - jedoch anzubieten hatten, kam dem Versuch gleich, eine wirkliche Diskussion und politische Bilanz der letzten Monate zu verhindern und der sozialen Empörung ihre Brisanz zu nehmen. Die Sprecher propagierten einen unkritischen Aktionismus - was sie "das Erfinden konkreter Kampfaktionen" nannten - als geeignetes Mittel, um die Herrschenden unter Druck zu setzen und den globalen Kapitalismus menschlicher zu gestalten. Sie forderten, alle politischen Differenzen zurückzustellen, und priesen "soziale und ökologische Bewegungen", wie die Confédération paysanne von José Bové, als leuchtendes Beispiel und Alternative zu den politischen Parteien.

José Bové, der Sekretär der Confédération paysanne (einer Abspaltung vom Mehrheitsbauernverband FNSEA), war Hauptsprecher aller Kundgebungen und wurde als Star der Versammlung herumgereicht und anschließend in allen Zeitungen zitiert. Libération titelte: "Bové, der Oppositionelle Nummer eins". Aber sein Erfolg war weniger der Kraft seiner eigenen Ideen, als der wachsenden Unzufriedenheit mit den alten Parteien zu danken.

Bové rief dazu auf, gegen multinationale Konzerne zu protestieren und sich auf einen September vorzubereiten, "der nicht bloß heiß, sondern glühend heiß sein wird": "Es muss überall im Land Demonstrationen vor den Zentralen der multinationalen Konzerne geben", rief er. Er wandte sich direkt an Premier Jean-Pierre Raffarin (UMP) und forderte ihn auf, "den Mut aufzubringen, noch vor dem WTO-Gipfel von Cancún eine Debatte zu eröffnen".

José Bové lehnt keineswegs den Kapitalismus schlechthin ab - wie übrigens auch Attac keine antikapitalistische Organisation ist -, sondern kämpft gegen die Übermacht multinationaler Agrarkonzerne, die den Welthandel dominieren, genmanipulierte Produkte begünstigen und die französischen Kleinbauern ersticken. Ideologisch ist seine Verteidigung der französischen Qualität von Nahrungsmitteln gegen "billigen Einheitsfraß" (malbouffe) à la McDonald’s mit der nationalistischen Kampagne der Regierung zur Reinhaltung der französischen Sprache vergleichbar. Politisch läuft sein Kampf gegen die WTO und die mächtigen US-Konzerne auf eine Unterstützung für die großen französischen Agrarexporteure gegen ihre Rivalen im globalen Handelskrieg hinaus. Im Grunde ist es eine nationalistische und reaktionäre Perspektive.

Bové und der Larzac

Bovés Geschichte ist eng mit dem Larzac-Gebiet verbunden: Als junger Philosophiestudent aus Bordeaux war er vor dreißig Jahren auf den Larzac gekommen, als die Bauern gegen ihre Enteignung wegen einer geplanten Truppenübungsplatz-Erweiterung kämpften und von Studenten aus den Städten unterstützt wurden. Gemeinsam besetzten sie damals die enteigneten Höfe und gründeten unter dem Einfluss sowohl maoistischer wie christlicher Vorstellungen ein Bauernkollektiv. Dieser Kampf dauerte von 1973 bis 1981, als François Mitterrand an die Macht kam, das Militärprojekt stoppte und den Bauern die Höfe überließ. Seither hat auch Bové hier einen eigenen Hof, auf dem Schafszucht betrieben und Roquefort-Käse hergestellt wird.

Lange war es um Bové und die Confédération Paysanne ruhig, bis Ende der neunziger Jahre ein Handelskonflikt zwischen Frankreich und den USA entbrannte: Die EU boykottierte damals den Import hormonbehandelten Rindfleischs aus den Vereinigten Staaten, worauf die US-Regierung einige französische Käse- und Weinprodukte mit Strafzöllen belegte, wovon auch Bovés Roquefort betroffen war. Während der Antiglobalisierungsproteste im Herbst 1999 in Seattle trat Bové als Vertreter seines Roquefortkäses auf, um die Überlegenheit von dessen "französischer Qualität" über das amerikanische "junk food" zu demonstrieren.

Im gleichen Jahr beteiligte er sich in Millau, der Kleinstadt am Fuß des Larzac, an der Demolierung eines im Bau befindlichen McDonald’s-Restaurants, und als er deswegen vor Gericht stand, kam es im Juni 2000 zum Wiederaufleben der großen Larzac-Zeiten: Über 60.000 Sympathisanten kamen zu einem Solidaritätsfest, um Bové den Rücken zu stärken.

Wegen weiterer Straftaten im Zusammenhang mit der Zerstörung genmanipulierter Pflanzen wurde der Bauernführer später zu zehn Monaten Haft verurteilt, und erst im Juni 2003 wurde er mittels eines martialischen Polizeiaufgebots von seinem Hof weg verhaftet und in der Nähe von Montpellier inhaftiert. Am 14. Juli erließ ihm Staatspräsident Jacques Chirac zwei Monate seiner Strafe, und am 2. August wurde er schließlich überraschend, aber pünktlich zum Larzac-Treffen, gegen bestimmte Auflagen auf freien Fuß gesetzt.

Reaktion der Politiker

Wenn José Bové in seinen Reden direkt an Raffarin appelliert, so ist dies sicher kein Zufall: Er hat im Lauf der Jahrzehnte als prominentester Sprecher der Larzac-Bauern immer wieder mit führenden Politikern über mögliche Gemeinsamkeiten diskutiert: 1981 mit Pierre Mauroy (PS-Premier unter François Mitterrand), später mit Lionel Jospin (PS-Premier), noch 1999 auch mit dem gaullistischen Staatspräsidenten Jacques Chirac (UMP).

Bovés Kampf gegen die Vorherrschaft amerikanischer Multis und seine Verteidigung des französischen Nationalstaats lässt ihn auch ganz rechten Politikern sympathisch erscheinen. Im Jahr 2000 debattierte er öffentlich mit Charles Pasqua, dem Präsidenten des Rassemblement pour la France (RPR) und ehemaligen Innenminister, über Globalisierung und die Souveränität des Nationalstaats. Pasqua bescheinigte ihm anschließend, sein Kampf sei legitim.

Im Anschluss an "Larzac 2003" gab es zwar viele Politiker, die sich in den Medien scharf gegen die Veranstaltung aussprachen, wie Jean-François Copé, der Regierungssprecher von Raffarin, der sie als "Rückkehr einer organisierten extremen Linken" bezeichnete, deren Ziel es sei, "jede Reform zu behindern und die französische Gesellschaft zu paralysieren"; oder Bernard Kouchner, der ehemalige sozialistische Gesundheitsminister, der Bové beschuldigte, er vertrete einen "gefährlichen, populistischen, poujadistischen Irrweg".

Aber mehrere Politiker, auch rechte, unterstützten Bové. François Bayrou, der Chef der rechtsliberalen UDF, erklärte: "Hier entsteht eine sehr wichtige Bewegung".

Philippe Séguin, der frühere gaullistische Minister und ex-Präsident der damaligen RPR (heute rechte Regierungspartei UMP), bot sich indirekt schon als Gesprächspartner an. Zwar bezeichnete er die Bové-Organisation als "Alibi" und "Schreckgespenst", sagte aber dann: "Es ist so bedauerlich wie gefährlich, dass José Bové und seine Freunde scheinbar das Monopol darauf haben, wie mit der Globalisierung umzugehen sei. Wir überlassen es ihnen übrigens nicht gerne." Er bedaure es, dass diejenigen, die in dieser Debatte notwendig wären, nicht dabei gewesen seien. "Die Globalisierung ist ein zentrales Thema, das auch mich schon seit langem beschäftigt", sagte Séguin.

Viele Zeitungen berichteten, Bové habe es abgelehnt, sich im kommenden Jahr als Kandidat für die Europawahl aufstellen zu lassen, habe aber angekündigt, sein Amt als Sprecher der Confédération Paysanne im April 2004 niederzulegen. Dies ist ein Hinweis darauf, dass es zumindest Versuche gibt, ihn als gemeinsamen Kandidaten einer volksfrontartigen linken Sammlungsbewegung aufzubauen.

Eine Reihe von lokalen PS-Politikern sind aus der Sozialistischen Partei ausgetreten und haben auf der Homepage des Attac-nahen Forums Politis Beiträge veröffentlicht, die dazu auffordern, eine neue, gemeinsame, alternative "politische Kraft" außerhalb der bisherigen politischen Parteien aufzubauen.

Besonders die Ligue Communiste Révolutionnaire (LCR), eine kleinbürgerlich radikale Organisation, tut was sie kann, um dem Bauernführer vom Larzac, den sie seit Jahren unterstützt, die nötige linke Glaubwürdigkeit zu verschaffen. In einem Kommuniqué der LCR vom 6. August heißt es: "Seit 1973 hat der Kampf von Larzac illustriert, wie eine Handvoll Bauern die Projekte von Armee und Staat zum Scheitern bringen können." Alain Krivine, der LCR-Vorsitzende, äußerte in seiner persönlichen Einschätzung über Larzac 2003 vom 12. August keine Silbe der Kritik an Bovés politischer Orientierung.

Es steht keineswegs fest, in welche politische Richtung Bové selbst in Zukunft gehen wird, ob er eine Art linke, zentristische Sammlungsbewegung mittragen wird oder sich als nicht-parteigebundener Populist von den Rechten benutzen lässt.

Während viele Teilnehmer der Versammlung auf dem Larzac ernsthaft nach einer neuen politischen Orientierung suchten, führt die politische Perspektive der Organisatoren in eine gefährliche Sackgasse. José Bovés Maxime - "global denken, lokal handeln" - steht im Gegensatz zu einem wirklich internationalistischen Programm, das die Aufgabe hat, die Arbeiterklasse grenzübergreifend zu vereinen und in die Lage zu versetzen, als unabhängige politische Kraft zu handeln. Die Grundlage seiner Organisation sind die Kleinbauern, nicht die Arbeiter.

"Leisten wir Widerstand! Andere Welten sind möglich" lautete die Maxime von Larzac 2003. Sie war so allgemein wie nichtssagend formuliert, um völlig unterschiedliche und gegensätzliche politische Orientierungen zu versöhnen, auch solche, die mit einer sozialistischen Perspektive nicht das geringste zu tun haben. Dass "Widerstand leisten" buchstäblich alles bedeuten kann, machte der nationale Sekretär von Bovés Bauerngewerkschaft, Jean-Emile Sanchez, deutlich, der auf dem Larzac erklärte: "Die Gründung des Komitees Roquefort, die Schaffung einer Gruppe für den direkten Verkauf, das waren Akte des Widerstands. Hätte ich meine Schafe nicht aufgewertet, wäre ich jetzt ökonomisch tot."

Siehe auch:
Wie weiter in Frankreich?
(5. Juli 2003)
Demonstration gegen Globalisierung in Frankreich fordert Handelskriegsmaßnahmen gegen die USA
( 26. Juli 2000)

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