Politische Wurzeln und Perspektiven von Jemaah Islamiyah

Teil 1

Von Peter Symonds
14. Januar 2004

Auf die Frage: "Was ist Jemaah Islamiyah?" hätten noch vor achtzehn Monaten wohl nur wenige Menschen eine Antwort gewusst. Doch seit den Bombenanschlägen von Bali im Oktober 2002 ist "JI" ein Alltagsbegriff geworden, synonym gebraucht mit islamischem Extremismus und terroristischer Gewalt in Südostasien. Trotz ihrer Verrufenheit aber wurde bislang wenig über die Organisation geschrieben, das wirklich Substanz hätte.

Im vergangenen Jahr nahm sich Australiens Premierminister John Howard der angeblichen Aktivitäten von JI an - zur weiteren Rechtfertigung für seine Unterstützung des "Krieges gegen den Terror" der Bush-Regierung und der Besetzung des Irak durch die USA. JI diente auch als Vorwand für das Wiedererwachen von Australiens neokolonialen Ambitionen im Südpazifik und für die Angriffe der Howard-Regierung auf demokratische Rechte und bürgerliche Freiheiten im Inneren.

Nach den Anschlägen von Bali haben die australischen Medien, darunter besonders die Publikationen von Murdoch, bereitwillig dazu beigetragen, ein Klima von Furcht, Verdächtigungen und Unsicherheit zu schaffen. Die Berichterstattung über Ermittlungen und Gerichtsverhandlungen waren durchweg sensationalistisch, teilweise sogar offen rassistisch. Andauernd werden neue Warnungen vor terroristischen Plänen und Gefahren ausgesprochen, meist basierend auf unüberprüften und ungenannten Quellen aus Polizei und Geheimdiensten.

In Indonesien herrscht ein anderes, wenn auch nicht weniger verzerrtes Bild von Jemaah Islamiyah vor. Hier besteht eine weit verbreitete und völlig legitime Opposition gegen die US-geführten Kriege gegen Afghanistan und den Irak. Mehr noch, viele Menschen sind zutiefst besorgt, dass im Namen des Kampfes gegen JI das Militär seine Autorität zu stärken versucht, während gleichzeitig fundamentale demokratische Rechte unterminiert werden - mit der offenen Unterstützung Canberras und Washingtons.

Als Ergebnis hiervon stehen einfache Indonesier den Motiven der USA und Australiens zutiefst misstrauisch gegenüber. Sie sehen die Behauptungen in Bezug auf JI höchst kritisch und sind bereit, an Verschwörungstheorien über die Attentate von Bali und andere terroristische Grausamkeiten zu glauben. Derartige Stimmungen ergeben sich auch aus dem nebulösen Charakter von JI, einer Organisation, die keine Stellungnahmen herausgibt, keine Dokumente veröffentlicht und niemals ein politisches Programm formuliert hat.

Schon der Name "Jemaah Islamiyah", "Islamische Gemeinschaft", führt zu Kontroversen. Ein Angriff auf JI kann als Angriff auf die Mehrheit der indonesischen Bevölkerung verstanden werden. JI für Bali verantwortlich zu machen ist für viele, wie die "Christliche Gemeinschaft" wegen des Anschlags von Oklahoma zu beschuldigen, oder die "Hindugemeinschaft" in Indien wegen der Zerstörung der Ayodhya-Moschee. Laut dem Analysten Sidney Jones von der International Crisis Group ICG liegt hierin der Grund, warum "weniger als die Hälfte der indonesischen Bevölkerung bereit ist zu glauben, dass JI überhaupt existiert".

Dennoch - Jemaah Islamiyah existiert in jedem Fall. Eine Reihe von Quellen liefern klare Hinweise darauf, dass JI während der frühen 1990er Jahre von Abdullah Sungkar und Abu Bakar Bashir in ihrem malaysischen Exil formell begründet wurde. Eng verbunden ist die Organisation mit einer kleinen Anzahl von islamisch-extremistischen Schulen in Indonesien, die wichtigste hiervon ist Bashirs Schule im Dorf Ngruki bei Solo im zentralen Java. JI wird daher gelegentlich als das Ngruki-Netzwerk bezeichnet.

Trotz ihres politisch motivierten und juristisch zweifelhaften Charakters haben die Gerichtsverhandlungen von Bali aufgedeckt, dass JI definitiv in die Anschläge involviert war. Die vier Männer, die bislang verurteilt worden sind, standen in langjähriger Verbindung zu der Organisation. Einer von ihnen wurde zum Kronzeugen, gestand seine Beteiligung und drückte sein Bedauern aus. Die anderen drei zogen zwar ihre ursprünglichen Aussagen zurück, gestanden aber dennoch, eine Rolle bei den Bombenanschlägen gespielt zu haben und begrüßten offen deren schreckliches Resultat.

Die meisten Behauptungen über die terroristischen Aktivitäten von JI sind allerdings niemals gerichtlich überprüft worden. Sie stammen von etwa 200 "JI-Verdächtigen", die in Malaysia, Indonesien, Singapur, den Philippinen, Afghanistan oder anderswo verhaftet wurden. Viele dieser Männer werden seit Monaten - oder gar Jahren - festgehalten, ohne Prozess, was eine offene Verletzung ihrer demokratischen und verfassungsmäßigen Rechte darstellt. In einigen Fällen wurden die Informationen mittels psychischer und physischer Folter aus ihnen herausgepresst. Als Folge hiervon sind viele dieser Informationen so verzerrt, dass sie von den meisten Gerichten als unzulässig abgewiesen würden.

Das Schlaglicht, dass die Medien unaufhörlich auf die terroristischen Methoden von JI werfen, dient dazu, die grundsätzlichen Fragen zu verwischen. Im Lauf der Geschichte ist eine lange und uneinheitliche Reihe von Organisationen und Gruppen zum Terrorismus übergegangen, mit sehr unterschiedlichen Zielen. Genau wie sie hat auch Jemaah Islamiyah eine bestimmte politische Perspektive. Nur anhand der Analyse ihres Ursprungs, ihrer Geschichte und ihrer Perspektiven kann man verstehen, warum die Organisation entstand, welchen Interessen sie dient und an wen sie sich wendet.

Eine politisch zutiefst reaktionäre Tendenz

Die unbezweifelbaren ideologischen Führer von Jemaah Islamiyah sind Bashir und, bis zu seinem Tod im Jahr 1999, Sungkar. Zwar veröffentlichten sie keine formalen politischen Dokumente. Doch die beiden Männer verbrachten Jahrzehnte mit der Ausarbeitung einer reaktionären fundamentalistischen Perspektive, die zur Rechtfertigung gewaltsamer Angriffe auf "Feinde des Islams" diente.

Unvermittelt fallen die Parallelen auf zwischen JI und deren erklärtem Todfeind - der gegenwärtigen US-Administration. Abgesehen von den offensichtlichen terminologischen Unterschieden ähnelt die ignorante und rückschrittliche Weltsicht, derer sich Bashir und Sungkar zur Rechtfertigung ihrer "Verteidigung des Islam" bedienen, auf bemerkenswerte Weise der Sicht von Bush und seinen Gangsterkumpanen im Weißen Haus.

Im Namen der Verteidigung der "Zivilisation" gegen eine "Achse des Bösen" gab Bush eine Doktrin der "Präventivschläge" heraus und brach unrechtmäßige Militärinvasionen in Afghanistan und im Irak vom Zaun - mit Zehntausenden unschuldiger Opfer in der Zivilbevölkerung. In ähnlicher Weise beschwören Bashir und Sungkar einen unversöhnlichen Konflikt zwischen "Gut" und "Böse" - den "Gefolgsleuten Allahs" und den "Gefolgsleuten des Satan" - zur Rechtfertigung des "Jihad" (Heiliger Krieg), der Verteidigung der Muslime der Welt.

Wie alle religiösen Fanatiker schreibt JI alle sozialen Probleme der Unmoral zu. Arbeitslosigkeit, Armut, Inflation, hohe Steuern, Missernten und allgemeines soziales Chaos werden sämtlich zurückgeführt auf lockere Sexualmoral, Alkoholkonsum, Vergnügungssucht, unangemessene Kleidung und die mangelnde Bereitschaft, hart zu arbeiten und fünfmal täglich in Richtung Mekka zu beten. Eine derartige Liste würde, mit den nötigen Änderungen, auch zu einer Versammlung rechter christlicher Fundamentalisten (der sozialen Basis der Bush-Administration) in den USA passen. Ebenso hat JI's Lösung für die Krankheit der Gesellschaft - die Errichtung der islamischen Sharia-Gesetzgebung mit ihren barbarischen Strafen - einiges gemeinsam mit den Forderungen der amerikanischen Rechten nach "Recht und Ordnung", familiären Werten und Anwendung der Todesstrafe.

Der neuseeländische Wissenschaftler Tim Behrend fasste Bashirs Lehren folgendermaßen zusammen: "Mit Ausnahme seiner Ideen über die moralische und zivilisatorische Überlegenheit des Islam und seiner rassisch gefärbten Theorien bezüglich internationaler Politik, hat das Hauptgewicht in seinen Lehren sehr deutlich die Moral... Für Bashir ist die gegenwärtige Welt ganz allgemein viel zu zügellos, fatal geschwächt durch ihr Basieren auf Kaffern-Prinzipen. Darunter zählen die Volkssouveränität, ein unseriöses Finanzsystem, soziale Gleichheit der Geschlechter und die Legalisierung unmoralischen (kulturell inakzeptablen) Handelns mit dem Ziel wirtschaftlichen Erfolgs." (Aus : Reading Past the Myth, The Public Teachings of Abu Bakar Bashir, Februar 2003, S. 7)

Nach ihrer Rückkehr aus dem Exil nach Indonesien, verfassten Bashir und Sungkar 1999 ein Traktat mit dem Titel: "Die jüngste Krise Indonesiens: Ursachen und Lösungen". Eingebettet in eine rohe antisemitische und rassistische Sprache, und gerichtet gegen "Hölländer-Kaffern, Japaner-Mushriks und Chinesen- sowie Christen-Kaffern", erklärt es das letzte Jahrhundert der Unterdrückung in Indonesien aus dem Fehlen eines islamischen Staates. All die Übel, welche die Finanzkrise in Asien mit sich brachte, seien "eine Form von Kufr (Strafe) für unsere Vernachlässigung der Segnungen Allahs." Es sei kein Arrangement mit dem Stand der Dinge möglich. Für einen Moslem böten sich nur zwei Alternativen: In einem islamistischen Staat unter Herrschaft der Sharia zu leben, oder für die Erreichung dieses Ziels zu sterben.

Derartige Sichtweisen sind nicht einfach schrullig oder exzentrisch - sie sind reaktionär im wahrsten Sinne des Wortes. JI steht dem säkularen Staat und den grundlegenden demokratischen Rechten in unversöhnlicher Feindschaft gegenüber. Ihr Ideal ist die Rückkehr zu einer weitgehend mystischen Vergangenheit, in der feudale Beziehungen zwischen Herr und Knecht, Priestern und Gläubigen, Mann und Frau dominieren. In diesen herrscht ein fester, vorgeschriebener und unveränderlicher sozialer Code, legitimiert durch die Religion und aufrechterhalten durch brutale, abschreckende Strafen.

Jemaah Islamiyah verteidigt in keiner Weise die Interessen der Arbeiterklasse oder der unterdrückten Massen. Ihr Programm artikuliert die ökonomischen und sozialen Aspirationen eines rückwärts gerichteten Teils der indonesischen Kapitalistenklasse, der den Islam als nützliches Werkzeug betrachtet, um Zugang zu den Privilegien und Profiten zu erlangen, derer er sich beraubt fühlt. Gleichzeitig propagiert die Organisation Gemeinsinn und religiöse Bigotterie, um so die arbeitenden Menschen in Ignoranz und Spaltung zu halten. So soll jeder Veränderung von unten vorgebeugt werden.

Siehe auch:
Politische Wurzeln und Perspektiven von Jemaah Islamiyah - Teil 2
(15. Januar 2004)
Politische Wurzeln und Perspektiven von Jemaah Islamiyah - Teil 3
( 16. Januar 2004)

Kämpft gegen Googles Zensur!

Google blockiert die World Socialist Web Site in Suchergebnissen.

Kämpft dagegen an:

Teilt diesen Artikel mit Freunden und Kollegen