Türkei: Dutzende Tote nach Einsturz von Wohnhaus

Von Justus Leicht und Sinan Ikinci
10. Februar 2004

Die Zahl der Toten nach dem Einsturz eines zehnstöckigen Hochhauses mit 36 Wohnungen in der zentralanatolischen Stadt Konya am 2. Februar ist mittlerweile auf fast 75 gestiegen. Es ist zudem immer noch unklar, wie viele Menschen noch unter den Trümmern begraben liegen. Offiziell sollen 138 Personen in dem Gebäude gemeldet gewesen sein.

Während erste Meldungen noch von der Explosion eines Boilers sprachen, geht man nun allgemein davon aus, dass schlampige Bauweise, insbesondere schlechtes Baumaterial die Ursache des Einsturzes war. Rettungsmannschaften berichteten, die Betonwände seien wie Sand zerbröselt. Nur zwei Tage zuvor waren in Istanbul zwei aus Holz gebaute Häuser zusammengestürzt und hatten sechs Menschen unter sich begraben.

Die Türkei hat zwar strenge Bauvorschriften, diese werden jedoch gerade beim Bau von Wohnhäusern für die arbeitende und arme Bevölkerung oft nicht eingehalten, obwohl das Land aufgrund seiner geographischen Lage ständig erdbebengefährdet ist. Vor fünf Jahren führte ein Erdbeben in der Westtürkei zum Tod von Zehntausenden Menschen und machte Hunderttausende obdachlos.

Schon damals wurden kriminelle Bauunternehmer und korrupte Politiker dafür verantwortlich gemacht, dass so viele Gebäude eingestürzt waren. Ein Team türkischer und internationaler Vereinigungen von Architekten und Bauingenieuren stellte anschließend in einer Untersuchung fest, dass ein großer Teil ohne Rücksicht auf Statik, Untergrund und Lage hochgezogen und über die Hälfte mit minderwertigem Material gebaut worden waren. (http://www.builderswithoutborders.ca/projects/turkey_disaster.cfm)

Die Politiker schworen natürlich hoch und heilig, die Baumafia zur Rechenschaft zu ziehen - als würden sie vor ihrem Treiben nicht routinemäßig die Augen verschließen, aus Unfähigkeit oder gegen Bezahlung. Die Presse im In- und Ausland dagegen entrüstete sich über die Korruption und Unfähigkeit der staatlichen Bürokratie und forderte mehr Deregulierung und Privatisierung der Wirtschaft - als wäre die Katastrophe nicht gerade ein Ergebnis des ungehemmten freien Unternehmertums gewesen.

Noch im selben Jahr 1999 wurde das jetzt eingestürzte Haus in Konya gebaut. Zwei Jahre später stürzte ein Hotel in Istanbul ein, obwohl es von der städtischen Baupolizei überprüft und für sicher befunden worden war. Zwei Menschen kamen dabei ums Leben. Und letztes Jahr im Mai führte ein Erdbeben im ostanatolischen Bingöl zum Einsturz unter anderem einer schlampig gebauten Schule, was über 80 Kinder das Leben kostete.

Es gibt keinen Grund zur Annahme, die Situation werde sich künftig verbessern. Seit 1999 ist die Türkei den Auflagen von EU und IWF nachgekommen und hat noch mehr "freie Marktwirtschaft" eingeführt, insbesondere unter der jetzigen islamischen Regierung der AKP von Recep Tayip Erdogan. Dadurch ist die Bevölkerung verarmt und der Baumafia hilflos ausgeliefert.

Der Staat gibt seine wenigen Finanzmittel für den Schuldendienst, d.h. die internationalen Banken aus, insbesondere seit der verheerenden Finanzkrise von 2001. Für die Infrastruktur bleibt da wenig übrig, während die Einkommen der ohnehin schlecht bezahlten Beamten sinken und sie für Korruption und Vetternwirtschaft noch anfälliger machen. Die Unternehmer werden noch weniger vom Staat kontrolliert als bisher. Nicht zufällig mussten sich die Behörden in Konya gegen Vorwürfe wehren, sie hätten zugelassen, dass Geschäftsleute im Erdgeschoss Pfeiler und Säulen teilweise entfernt hätten, um Platz für ihre Geschäfte zu schaffen.

Siehe auch:
Heftige Proteste nach Erdbeben in der Türkei
(7. Mai 2003)