Die radikale Linke in Frankreich

Einleitung - Trotzkismus und Zentrismus

Von Peter Schwarz
22. Juni 2004

Der folgende Text leitet die siebenteilige Serie "Die radikale Linke in Frankreich" ein, die bereits auf der WSWS veröffentlicht wurde.

Der Aufbau der Vierten Internationale stellt sich heute in ganz Europa und weltweit mit höchster Dringlichkeit. Die sozialdemokratischen und stalinistischen Parteien und Gewerkschaften haben keine Antwort auf die Gefahren und Probleme, auf sozialen Niedergang und Kriegsgefahr, denen die Bevölkerung gegenübersteht. Sie sind selbst Teil des Problems geworden und treiben den Abbau sozialer und demokratischer Errungenschaften tatkräftig voran. Millionen von Wählern und Mitgliedern haben ihnen den Rücken gekehrt und suchen nach einem Ausweg. Die Massendemonstrationen gegen den Irakkrieg und die anhaltenden Proteste gegen Sozialabbau in fast allen europäischen Ländern zeigen das.

Doch der spontane Widerstand gegen Sozialabbau und Krieg kann aus sich heraus keine tragfähige neue Perspektive hervorbringen. Das kann nur eine Partei, die die Lehren aus den Siegen und Niederlagen der Arbeiterklasse im zwanzigsten Jahrhundert gezogen und verstanden hat. Eben darin besteht die Bedeutung der Vierten Internationale. Hervorgegangen aus der von Trotzki geführten linken Opposition gegen den Stalinismus, hat sie das marxistische Programm des internationalen Sozialismus gegen Reformismus, Stalinismus und Zentrismus verteidigt.

In diesem Zusammenhang erfordert das Geschehen in Frankreich höchste Aufmerksamkeit. Im ersten Wahlgang der Präsidentenwahl vom 21. April 2002 votierten dort rund drei Millionen Wähler für Kandidaten, die sich selbst als Trotzkisten bezeichnen - Arlette Laguiller von Lutte Ouvrière (LO), Olivier Besancenot von der Ligue Communiste Révolutionnaire (LCR) und Daniel Gluckstein von der Parti des Travailleurs (PT). In einem Land, in dem der Stalinismus lange Zeit die Arbeiterbewegung dominierte, erhielten die trotzkistischen Kandidaten drei Mal so viele Stimmen wie der Kandidat der Kommunistischen Partei (PCF), Robert Hue. Dieses Ergebnis zeigt, dass beachtliche Teile der Arbeiterklasse und der Jugend nach einer revolutionären Antwort auf die sozialen und politischen Probleme suchen, nachdem sie durch jahrzehntelange bittere Erfahrungen mit Stalinisten und Sozialisten gegangen sind.

Doch die Organisationen der radikalen Linken - LO, LCR und PT - lassen nicht die Spur einer solchen Antwort erkennen. Ihre Politik hat nichts mit der revolutionären Tradition der Vierten Internationale gemein. Sie haben, wie wir in dieser Serie zeigen werden, alle drei bereits vor Jahrzehnten an entscheidenden historischen Wendepunkten mit dem Programm der Vierten Internationale gebrochen. Ihre heutige Politik erinnert fatal an den Zentrismus, den Trotzki in seinen letzten Lebensjahren energisch bekämpft hatte.

Der Zentrismus entwickelte sich in den 1930er Jahren zum entscheidenden Hindernis, das einem Bruch mit Reformismus und Stalinismus im Weg stand. Nach der vom Stalinismus verantworteten Niederlage der deutschen Arbeiterklasse im Jahr 1933 und der anschließenden Rechtsentwicklung der Kommunistischen Internationale suchten viele fortschrittliche Arbeiter nach einer neuen revolutionären Orientierung. Der Zentrismus passte sich an dieses Bedürfnis an und neigte in Worten zur Revolution, lehnte es aber gleichzeitig ab, einen konsequenten Bruch mit den reformistischen und stalinistischen Apparaten zu vollziehen.

Der klassische Fall einer zentristischen Organisation war die spanische POUM, die Arbeiterpartei für Marxistische Einheit unter Führung von Andrés Nin. Trotzki charakterisierte die POUM mit den Worten: "Die Führer der POUM beanspruchten nicht einen Augenblick, eine unabhängige Rolle zu spielen; sie unternahmen alles, um in der Rolle guter ‚linker' Freunde und Ratgeber der Führer der Massenorganisationen zu verbleiben." (1) Nin hatte oft seine allgemeine Übereinstimmung mit Trotzki betont, doch an den entscheidenden Wendepunkten der spanischen Revolution passte er sich an den Stalinismus an und trug so maßgeblich zu deren Niederlage bei. 1936, auf dem Höhepunkt der revolutionären Welle, trat Nin sogar in die katalonische Volksfrontregierung ein, die die Revolution abwürgte.

In Frankreich fand die POUM ihre Entsprechung in der PSOP, der Parti Socialiste Ouvrier et Paysan. Diese Partei, die 1938 von Marceau Pivert gegründet wurde und den Beginn des Zweiten Weltkriegs nicht überlebte, prägte maßgeblich die politischen Methoden, Sichtweisen und Gewohnheiten, die man bis heute in der französischen radikalen Linken findet. In einem Brief an Daniel Guérin schrieb Trotzki über die PSOP: "Der Linkszentrismus ist immer bereit, besonders unter revolutionären Bedingungen, in Worten das Programm der sozialistischen Revolution zu übernehmen und geizt nicht mit klangvollen Phrasen. Aber die verhängnisvolle Krankheit des Zentrismus besteht darin, aus seinen allgemeinen Konzeptionen keine mutigen taktischen und organisatorischen Schlussfolgerungen ziehen zu können. Sie erscheinen ihm immer ‚verfrüht'..." (2)

Wie die POUM unterstützte die PSOP die Revolution in Worten, während sie gleichzeitig politisch, gesellschaftlich und moralisch an das korrupte Milieu der Sozialdemokratie und des Stalinismus gebunden blieb. In einem Brief an Alfred Rosmer betonte Trotzki 1939: "Das Schwierigste und Wichtigste in der Zeit, die Frankreich durchlebt, ist die Befreiung vom Einfluss der öffentlichen bürgerlichen Meinung, der innere Bruch mit ihr, die Überwindung der Angst vor ihrem Gift, ihren Lügen, ihren Verleumdungen, wie die Verachtung gegenüber ihren Lobhudeleien und ihrer Kriecherei. Nur so kann man sich die notwendige Bewegungsfreiheit bewahren, die revolutionäre Stimme der Massen hören und sich zum entscheidenden Angriff an ihre Spitze stellen." (3) Dazu war die PSOP organisch unfähig.

Ihr Gründer, Marceau Pivert, hatte bis Mitte der dreißiger Jahre an der Spitze der Tendenz Gauche Révolutionnaire innerhalb der Sozialistischen Partei (SFIO) gestanden. Er näherte sich 1934, nach der Niederlage der deutschen Arbeiterklasse, den Trotzkisten an und unterstützte deren Forderung nach einer Arbeitereinheitsfront. Als die französischen Trotzkisten vom Sommer 1934 bis zum Sommer 1935 innerhalb der SFIO arbeiteten, um links orientierte Mitglieder für ihr Programm zu gewinnen, unterhielt Pivert enge Beziehungen zu ihnen. Wiederholt äußerte er in Worten seine Übereinstimmung mit Trotzki.

1936, auf dem Höhepunkt des Generalstreiks unter der Volksfrontregierung, kündigte Pivert in einem Artikel "Jetzt ist alles möglich" sogar begeistert den Beginn der Revolution an. Er schrieb: " Die Massen sind viel weiter fortgeschritten, als man sich das vorstellt. Sie befassen sich nicht mit komplizierten doktrinären Überlegungen, aber mit sicherem Instinkt verlangen sie grundlegende Lösungen, sie erwarten viel. [...] Die riskantesten chirurgischen Operationen werden ihr Einverständnis finden, denn sie wissen, dass sich die kapitalistische Welt im Todeskampf befindet und dass man eine neue Welt aufbauen muss, wenn man der Krise, dem Faschismus und dem Krieg ein Ende setzen will." (4)

Doch während Pivert diese Zeilen verfasste, war und blieb er hochrangiges Mitglied der Volksfrontregierung Léon Blums, die die revolutionäre Welle erstickte. Er war im Büro des Regierungschefs für die politische Kontrolle von Radio, Presse und Kino zuständig. Er löste sich politisch und organisatorisch nie von der Sozialdemokratie und stellte sich schließlich offen gegen die Vierte Internationale.

Bezeichnend für die Weigerung Piverts, mit dem Milieu der offiziellen Arbeiterführer zu brechen, war auch seine Mitgliedschaft in einer Freimaurerloge. Trotzki maß diesem Umstand symptomatische Bedeutung bei und kommentierte ihn mit den Worten: "In der Freimaurerei schließen sich Leute aus verschiedenen Parteien zusammen, mit unterschiedlichen Interessen und unterschiedlichen persönlichen Zielen. Die ganze Kunst der Führung der Freimaurer besteht darin, die auseinanderstrebenden Tendenzen zu neutralisieren und die Widersprüche zwischen den Gruppen und Cliquen einzuebnen (im Namen der ‚Demokratie' und der ‚Menschlichkeit', d.h. der herrschenden Klasse). So gewöhnt man sich daran, in hochtrabenden Worten über alles zu sprechen, außer über das Wesentliche. Diese falsche, heuchlerische, entstellte Moral prägt in Frankreich, direkt oder indirekt, die Mehrheit der offiziellen Arbeiterführer." (5)

Die zentristischen Traditionen der PSOP lebten nach deren Ende fort. Es gibt in Frankreich Tausende, für die diese Art von Zentrismus nur eine Etappe auf dem Weg ins bürgerliche Lager darstellte und die heute führende Funktionen in der Politik und im Wirtschaftsleben ausüben. Viele von ihnen bezeichneten sich zeitweilig sogar als "Trotzkisten" - so der frühere sozialistische Premier Lionel Jospin, der zwanzig Jahre lang in Pierre Lamberts OCI (heute Teil der PT) tätig war, der Chef-Redakteur von Le Monde, Edwy Plenel (zehn Jahre LCR), und die Gründer der Buchkette FNAC, André Essel und Max Théret.

In sämtlichen Organisationen der radikalen Linken findet man die typischen Kennzeichen des Zentrismus Pivertscher Prägung: die Gewohnheit, "in hochtrabenden Worten über alles zu sprechen, außer über das Wesentliche", die Anpassung an die öffentliche bürgerliche Meinung, die engen Beziehungen zum Milieu der offiziellen Arbeiterführer und - im Falle der PT, die enge Beziehungen zur Loge Grand Orient unterhält - sogar die Verbindung zur Freimaurerei. Wie bei der PSOP geht die revolutionäre, sozialistische Rhetorik dieser Organisationen mit einer völlig opportunistischen Praxis einher.

Alle historischen Erfahrungen zeigen, dass der Kampf gegen den Zentrismus eine unabdingbare Voraussetzung für den Aufbau einer revolutionären Partei in Frankreich ist - und nicht nur in Frankreich. Nur auf dieser Grundlage kann eine Partei aufgebaut werden, die für die bevorstehenden Klassenkämpfe politisch gewappnet und vorbereitet ist. "Um die Partei auf eine solche Probe vorzubereiten", schrieb Trotzki im Brief an Daniel Guérin, "muss man ihr Bewusstsein immer und immer wieder schärfen, ihre Unversöhnlichkeit stählen, alle Ideen zu Ende denken und die falschen Freunde nicht schonen". (6)

Die vorliegende Serie dient diesem Ziel. Sie unterzieht politische Konzeptionen, Programm und Geschichte von LO und LCR einer sorgfältigen Kritik. (7) Trotz ihrer Behauptung, eine revolutionär sozialistische Perspektive zu vertreten, lassen diese Organisationen jede tatkräftige Initiative in dieser Richtung vermissen. Zwischen ihrem Anspruch und ihrer politischen Praxis liegt eine tiefe Kluft.

In der Geschichte der französischen Arbeiterbewegung gab es zahlreiche enttäuschte Hoffnungen. Immer wieder endeten vielversprechende Massenbewegungen in einer Sackgasse, weil die politischen Führer ihrer Aufgabe nicht gewachsen waren oder die Bewegung bewusst verrieten. Die Volksfront der 1930er Jahre und der Generalstreik von 1968 sind die bekanntesten Beispiele dafür. Diese Artikelserie will dazu beitragen, eine Wiederholung derartiger Niederlagen zu vermeiden. Sie bemüht sich, in einer kritischen Auseinandersetzung die Grundlagen zu klären, auf denen eine wirkliche sozialistische Massenbewegung entwickelt und zum Erfolg geführt werden kann.

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Anmerkungen

1) Leo Trotzki, "Zentrismus und die Vierte Internationale", in "Revolution und Bürgerkrieg in Spanien 1931-39", Band 2, S. 328

2) ebd.

3) Léon Trotsky, « Où va le P.S.O.P. », Oeuvres 20, Janvier-Mars 1939, p125-126

4) Marceau Pivert, « Tout est possible », Le Populaire, 27 mai 1936 (http://ensemble.snuipp.free.fr/index.php?
mode=dossiers&dossier=bibliotheque&filetype=pdf&filename=pivert36
)

5) Léon Trotsky, « Centrisme et Quatrième Internationale », Oeuvres 20, Janvier-Mars 1939, p241

6) ebd. p240

7) Mit der PT können wir uns im Rahmen dieser Serie nicht befassen.

Siehe auch:
Teil 1 - Das Wahlbündnis von LO und LCR
(6. Mai 2004)
Teil 2 - Die Sammlung der "antikapitalistischen Linken" durch die LCR
( 7. Mai 2004)
Teil 3 - Der 15. Weltkongress der pablistischen Internationale
( 8. Mai 2004)
Teil 4 - Die Wurzeln des Pablismus
( 11. Mai 2004)
ein historischer Rückblick
( 13. Mai 2004)
Teil 5 - Die Pablisten und die Regierung Lula
( 25. Mai 2004)

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