Der Marxismus und die politische Ökonomie Paul Sweezys

Teil 5: "Die steigende Tendenz des Surplus"

Von Nick Beams
9. Juni 2004

Dies ist der fünfte Teil einer Artikelserie von Nick Beams, einem Mitglied der internationalen Redaktion der World Socialist Web Site , die sich mit Leben und Werk des radikalen politischen Ökonomen Paul Sweezy befasst. Der Gründer und erste Herausgeber der Monthly Review ist am 27. Februar 2004 in Larchmont, New York, gestorben.

Paul Sweezys Behauptung, die von Marx entdeckten Gesetze träfen nur auf die Konkurrenzwirtschaft des neunzehnten Jahrhunderts zu, lief darauf hinaus, dass das Anwachsen der Arbeitsproduktivität nicht mehr länger zu einem tendenziellen Fall der Profitrate führte. Vielmehr würden die Monopole zu einem "tendenziellen Ansteigen des Mehrwerts" führen.

Nach Sweezy waren Firmen im Konkurrenzkapitalismus "Preisnehmer", während sie im Monopolkapitalismus "Preismacher" waren. Mit anderen Worten: riesige Konzerne seien in der Lage, "die Preise für ihre Produkte beliebig festsetzen" zu können [21]. Im Monopolkapitalismus versuchten Firmen nicht, sich gegenseitig zu unterbieten. Aber sie bemühten sich weiterhin, ihre Kosten durch Innovationen zu senken, was zu "abwärtsgerichteten Trend der Produktionskosten" führte.

"Die ganze Motivation der Kostenreduzierung ist das Ziel, die Profite zu erhöhen. Die monopolistische Marktstruktur versetzt die Kapitalgesellschaften in die Lage, von den Früchten der steigenden Produktivität den Löwenanteil in Form von höheren Profiten direkt einzustecken. Das heißt, im Monopolkapitalismus sind fallende Kosten gleichbedeutend mit ständig wachsenden Profitspannen. Und ständig wachsende Profitspannen bedeuten wiederum Gesamtprofite, die nicht nur absolut, sondern auch im Verhältnis zum Sozialprodukt steigen. Setzen wir die angehäuften Profite vorerst mit dem ökonomischen Surplus der Gesellschaft gleich, so können wir es ein Gesetz des Monopolkapitalismus nennen, dass der Surplus in dem Maße, wie sich das System entwickelt, sowohl eine absolut wie relativ steigende Tendenz aufweist." [22]

Dies wurde zwar als eine neue Analyse verkauft, aber es war in vielerlei Hinsicht nichts weiter als die Umkehrung der Theorie der fallenden Profitrate von Adam Smith. Während nach Smith die fallende Profitrate das Ergebnis zunehmender Konkurrenz war, schlossen Baran und Sweezy, dass aufgrund des Fehlens von Konkurrenz und aufgrund der Fähigkeit der Firmen, "die Preise zu machen", der Mehrwert oder der Profit anstiegen.

Baran und Sweezy verhehlten nicht, dass das Gesetz des steigenden Mehrwerts ein grundlegendes Abweichen von der Marxschen Analyse war.

"Dieses Gesetz fordert unverzüglich zu einem Vergleich mit dem klassisch-marxistischen Gesetz von der fallenden Tendenz der Profitrate heraus. Ohne in eine genaue Untersuchung der verschiedenen Versionen jenes Gesetzes einzutreten, können wir sagen, dass sie alle ein Konkurrenzsystem voraussetzen. Wenn wir das Gesetz von der fallenden Profitrate durch das Gesetz des steigenden Surplus ersetzen, weisen wir damit nicht einen geheiligten Lehrsatz der politischen Ökonomie zurück; wir revidieren ihn auch nicht, wir berücksichtigen lediglich die unzweifelhafte Tatsache, dass die kapitalistische Wirtschaft einem grundlegenden Wandel unterworfen ist, seit dieser Lehrsatz aufgestellt wurde. Was an der strukturellen Veränderung vom Konkurrenz- zum Monopolkapitalismus wesentlich ist, findet in diesem Austausch der Theoreme seinen theoretischen Ausdruck." [23]

Bei der Formulierung dieses neuen Gesetzes beging Sweezy den Fehler, unterschiedliche Dinge in einen Topf zu werfen.

Es ist vollkommen richtig, dass ein einzelnes Unternehmen, oder auch mehrere Unternehmen, ihre Profite durch die Monopolisierung ihrer Produktmärkte und das Anheben ihrer Preise erhöhen können. Aber daraus folgt nicht, dass in der Wirtschaft insgesamt der Mehrwert steigt. In dem Ausmaß, in dem einzelne Firmen ihre Preise so weit erhöhen, dass sie eine überdurchschnittliche Profitrate erzielen, erhöhen sich damit die Gestehungskosten der Firmen, die diese Produkte kaufen, wodurch deren Profitrate eher sinkt. Es wird kein zusätzlicher Mehrwert geschaffen, er wird lediglich von einer Firma auf eine andere übertragen, so wie auch durch Betrug oder Raub kein neuer Wert entsteht - obwohl einzelne Individuen sich durch solche Methoden durchaus bereichern können. Und insoweit die Produkte monopolisierter Unternehmen in den Konsum der Arbeiterbevölkerung eingehen, werden die Kosten der Arbeitskraft tendenziell ansteigen, ein Ansteigen der Löhne erfordern und dadurch die Profite drücken. Natürlich kann man argumentieren, dass die Löhne unter Druck und unter dem Wert der Arbeitskraft bleiben mögen. Aber in diesem Fall hätten wir kein neues Gesetz, sondern lediglich eine der von Marx klar bestimmten Methoden, mit denen das Kapital ständig versucht, dem tendenziellen Fall der Profitrate entgegenzuwirken.

Sweezys Ablehnung des Gesetzes des tendenziellen Falls der Profitrate sollte weitreichende Folgen für seine Einschätzung der historischen Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise haben.

Marx beschrieb den tendenziellen Fall der Profitrate als "das wichtigste Gesetz der modernen politischen Ökonomie", besonders in "historischer Sicht". Denn der Versuch, seiner Wirkung zu entkommen, ist die Triebkraft für die ständige Revolutionierung der Produktivkräfte im Kapitalismus.

Marx betonte, dass die Entwicklung der gesellschaftlichen Arbeitsproduktivität die objektiven Grundlagen für den Aufbau einer wirklich menschlichen Zivilisation schafft, frei von Armut und Mangel. Das mache zum ersten Mal in der Geschichte die "freie Entfaltung Aller" möglich. Aber das Gesetz bewies, dass der Anstieg der Arbeitsproduktivität unvereinbar mit einem Gesellschaftssystem ist, das auf dem Privateigentum an den Produktionsmitteln beruht. "Über einen gewissen Punkt hinaus wird die Entwicklung der Produktivkräfte eine Schranke für das Kapital... An diesem Punkt angelangt, tritt das Kapital, das heißt Lohnarbeit, in dasselbe Verhältnis zur Entwicklung des gesellschaftlichen Reichtums und der Produktivkräfte, wie Zunftwesen, Leibeigenschaft, Sklaverei, und wird als Fessel notwendig abgestreift. Die letzte Knechtsgestalt, die die menschliche Tätigkeit annimmt, die der Lohnarbeit auf der einen, des Kapitals auf der anderen Seite, wird damit abgehäutet." Die zunehmende Unvereinbarkeit der Entwicklung der Produktivkräfte mit den bestehenden Produktionsverhältnissen, die sich in Krisen und Widersprüchen äußert, die aus der Natur des Kapitals selbst entspringen, "ist die schlagendste Form, worin ihm advice gegeben wird, to be gone and to give room to a higher state of social production". [24]

Die Unterkonsumtionstheorie

Sweezys Gesetz des ständig zunehmenden Mehrwerts bedeutete, dass der zentrale Widerspruch des Kapitalismus nicht mehr, wie bei Marx, im Produktionsprozess und dem Zwang, Mehrwert anzuhäufen, zu suchen war. Stattdessen war er in der Sphäre der Marktbeziehungen angesiedelt. Das zentrale historische Problem des Kapitalismus war nicht mehr die Akkumulation von Mehrwert, sondern seine Verteilung.

Diese "Unterkonsumtions"-Theorie hatte, wie Sweezy anmerkte, eine lange Geschichte, die bis zu Malthus und Sismondi zurückging. Er erklärte: "Was sowohl die Klassiker wie Marx davon abhielt, sich intensiver mit der Frage einer angemessenen Surplusabsorbierung zu befassen, war vielleicht ihre tiefe Überzeugung, dass das zentrale Dilemma des Kapitalismus in der... ‚fallenden Tendenz der Profitrate' bestand. Unter diesem Blickwinkel schienen die Grenzen der kapitalistischen Expansion mehr in einer Verknappung des Surplus als Triebkraft zur Aufrechterhaltung der Akkumulation zu bestehen, als in der Unzulänglichkeit der charakteristischen Arten der Surplusverwertung". [25]

Der Grund für die Hartnäckigkeit der "Unterkonsumtions"-These - von Sismondi im frühen neunzehnten Jahrhundert bis heute - liegt in der Tatsache, dass sie direkt mit den Erscheinungsformen der kapitalistischen Krisen korrespondiert. Wenn Waren nicht mehr verkauft werden können, Unternehmen Überkapazitäten haben und Arbeitslosigkeit sich breit macht, dann erscheint nichts logischer, als für das Problem die Überproduktion und die Unfähigkeit des Marktes verantwortlich zu machen, den Mehrwert zu absorbieren, der im Produktionsprozess geschaffen wurde. Aber wenn, wie Marx oft bemerkte, Erscheinung und Wesen zusammenfielen, dann wäre jede Wissenschaft unnötig.

Die Realisierung des Mehrwerts, der in den dem kapitalistischen Produktionsprozess entsprungenen Waren verkörpert ist, ist für das Kapital ein allgegenwärtiges Problem. Damit der Prozess der Akkumulation weitergehen kann, müssen diese Waren wieder in Geld verwandelt werden, indem sie auf dem Markt verkauft werden.

Ein Teil der "effektiven Nachfrage" kommt aus der Konsumtion der Arbeiter, und ein Teil aus der produktiven Konsumtion der kapitalistischen Betriebe - durch den Kauf von Rohmaterialien und Produktionsmitteln. Aber wenn Betriebe keine neuen Investitionen tätigen, dann wird diese Nachfrage unzureichend. Der Markt wird sich nur dann genügend ausdehnen, um den Mehrwert realisieren zu können, wenn die Produktion erweitert wird. Und das wird nur geschehen, wenn weiterhin Mehrwert gewonnen wird. Also ist die fortgesetzte Erzielung von Mehrwert der Schlüssel zum Problem der Realisierung.

Wenn die Akkumulation weitergeht, wird ein Teil des Mehrwerts für Investitionen eingesetzt - das heißt, um Arbeiter einzustellen und zusätzliche Rohstoffe, Maschinen und andere Produktionsmittel anzuschaffen. Diese zusätzlichen Ausgaben in einer Sphäre der Wirtschaft stellen die "effektive Nachfrage" für die Realisierung von Mehrwert dar, der in anderen Sphären der Wirtschaft produziert worden ist. Aber wenn der Akkumulationsprozess ins Stocken gerät, werden Investitionen gekürzt und es kommt zu einem Warenstau, zu Überkapazitäten und Arbeitslosigkeit, und es entsteht der Eindruck einer Überproduktion.

Mit andern Worten ist das Phänomen der Überproduktion die Form, in der auf dem Markt die Probleme erscheinen, die im Produktionsprozess entstanden sind (nämlich die Probleme der Akkumulation von Mehrwert), und die ihren Ausdruck im Fall der Profitrate finden.

Fortsetzung folgt

Anmerkungen:

21. Paul A. Baran und Paul M. Sweezy, Monopolkapital, Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1967, S. 63

22. Baran und Sweezy, ibid., S. 77

23. Baran und Sweezy, ibid.

24. Karl Marx, Grundrisse, Berlin 1974, S. 635-36

25. Baran und Sweezy, ibid., S. 115

Siehe auch:
Teil eins: Frühe Einflüsse
(2. Juni 2004)
Teil zwei: Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung
( 3. Juni)
Teil drei: Die Zusammenbruchstheorie
( 4. Juni)

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