Die Schlacht um Nadschaf und die Krise der USA im Irak

Von Peter Symonds
25. August 2004

Die Belagerung von Nadschaf wirft ein grelles Licht auf die Krise des US-Imperialismus im Irak. Unabhängig vom unmittelbaren Ergebnis der Konfrontation zwischen der US-Armee und den Milizen des schiitischen Geistlichen Moktada al-Sadr, hat sich die Besetzung für die amerikanische herrschende Elite in einen Alptraum verwandelt. Die USA, die im Irak einmarschierten, um sein Öl zu plündern und den Nahen Osten zu beherrschen, sind jetzt mit einem wachsenden Volksaufstand konfrontiert, der eine zutiefst destabilisierende Wirkung auf die ganze Region, ja auf den Weltkapitalismus hat.

Der bewaffnete Widerstand gegen die US-Besatzung besteht nicht bloß aus ein paar "Hussein-Getreuen", "Kämpfern aus dem Ausland" oder "Terroristen", wie die Bush-Regierung weismachen möchte, sondern aus einer wachsenden Bewegung von Sunniten und Schiiten, die in breiten Bevölkerungsschichten wohlwollende Sympathie findet. Al-Sadr und weitere Milizengruppen sind alles andere als isolierte Minderheiten, dagegen haben die USA und ihr Quisling-Regime unter Premierminister Ayad Allawi keine nennenswerte Unterstützung im Irak.

Selbst der konservativen Einschätzung des amerikanischen Brookings Institute zufolge stieg die Zahl der bewaffneten Aufständischen im Irak von April bis Juli sprunghaft von 5.000 auf 20.000. Viele, aber nicht alle Kämpfer sind arme Jugendliche, für die die US-Besatzung eine wahre Katastrophe bedeutet. Sie haben weder Ausbildung noch Arbeit und sind bereit, in einem Zermürbungskrieg gegen die US-Militärmaschinerie ihr Leben zu geben.

Kenneth Katzman, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Congressional Research Service, gab gegenüber US-Today folgenden Kommentar ab: "Zu einer Schlussoffensive wird es nie kommen, denn die Milizen neigen dazu, sich aufzulösen und den Kampf anderntags wieder aufzunehmen. Wir bekämpfen eine Bevölkerung, nicht eine kleine Fraktion. Eine Schlacht wird das Problem nicht lösen."

Ein seltenes Interview der Washington Post vom 15. August verlieh einem Mitglied der US-feindlichen Milizen ein menschliches Gesicht. Ahmed Eisa, 34 Jahre alt, arbeitete in einer kleinen Druckerei, ehe er seine Frau und zwei kleinen Kinder aus Nadschaf fortschickte und al-Sadrs Madhi-Armee beitrat, die den Imam-Ali-Schrein bewacht. Mit einer alten Kalaschnikow bewaffnet, sagte er der Zeitung: "Ich weiß, die Amerikaner haben bessere Waffen. Sie haben bessere Pläne. Sie haben Uniformen, die 3.000 Dollar kosten, und wir haben nur unsere eigenen Kleider. Aber ich habe Prinzipien. Ich habe ein heiliges Land zu verteidigen. Ich habe eine Familie zu beschützen, deshalb fühle ich mich stärker als sie."

Sprecher der US-Armee berichteten, in den jüngsten Kämpfen in Nadschaf seien Hunderte von al-Sadrs Milizen umgekommen, wobei sie die toten Zivilisten und die vielen Verletzten nicht mitrechneten. Dennoch haben sich Tausende Menschen der US-Armee und den irakischen Sicherheitskräften widersetzt und sind in die Stadt geströmt, um ihre Unterstützung für die Madhi-Armee zu bekunden. Die Konfrontation in Nadschaf hat Proteste und bewaffnete Konflikte nicht nur in den schiitischen Städten im Süden angeheizt, sondern auch in den Hochburgen der Sunniten überall im Land.

Trotz allen Dementis der Bush-Regierung ist der Irak zum Alptraum für Amerika geworden. Die einzigen Mittel, mit denen sich die US-Besatzung und die Marionette Allawi noch halten können, sind Repression und Terror. Aber deren Anwendung eröffnet nur immer neue Quellen von Zorn und Widerstand. Zehntausende Iraker sind gestorben, Hunderte US- und alliierte Soldaten wurden geopfert, Milliarden Dollar wurden verschleudert, und doch ist kein Ende in Sicht.

Nach nur zwei Monaten im Amt steht Allawi als Krimineller und langjähriger Lakai Washingtons da, der eingesetzt wurde, um den Polizeistaatsmaßnahmen gegen jegliche Opposition ein irakisches Gesicht zu verleihen. Er hat die Männer al-Sadrs als "kriminelle Gesetzlose" beschimpft und gedroht, die Regierung werde "mit eiserner Faust zurückschlagen" und ihnen die Lektion erteilen, die sie verdienten. Er gab grünes Licht für ein Massaker, sah sich aber dann zum Einhalten gezwungen, um keine noch größere schiitische Rebellion auszulösen.

Ein Leitartikel in US-Today kommentierte: "Die USA können in der [Nadschaf-]Krise nur verlieren. Eine von Allawi befohlene, amerikanisch geführte Attacke, die den Schrein zerstört, könnte ein taktischer Sieg, aber ein strategischer Verlust sein, der die Schiitenmehrheit im Irak gegen die US-gestützte Regierung aufbringt. Wenn Allawi aber einen Rückzug macht, beweist er, dass seine Regierung nicht stark genug ist, um die fraktionellen Kämpfe und die wachsende Unterstützung für al-Sadr zu stoppen."

Die Los Angeles Times schrieb in einem Leitartikel: "Er [al-Sadr] ist zum Alptraum nicht nur für die US-Besatzungskräfte geworden, sondern auch für das irakische Interims-Regime von Premierminister Ayad Allawi, der stark gesprochen, aber schwach gehandelt hat." Die Times hatte keine Antwort anzubieten, äußerte jedoch die Hoffnung, dass eine weiterer Verstärkung der irakischen Sicherheitskräfte und eine gewählte Regierung in der Lage sein würden, den Widerstand zu besiegen, und dass die US-Armee sich dann in den Hintergrund zurückziehen könne. "Dieser entmutigende Weg ist keine sichere Sache", gab sie zu bedenken, "aber die Alternativen sind unendlich viel schlimmer".

Lügen und gescheiterte Berechnungen

Die Leitartikel widerspiegeln einen wachsenden Pessimismus in den herrschenden Kreisen der USA. Irak ist zum Desaster geworden, und die amerikanische Bourgeoisie weiß kein Mittel, um herauszukommen. Eine nach der anderen sind die Lügen und Berechnungen, auf die sich die Invasion stützte, geplatzt.

Die absurde Behauptung, dass jubelnde irakische Massen die US-geführten Streitkräfte als Befreier begrüßen würden, wurde sofort widerlegt. Die meisten begrüßten zwar den Sturz der Hussein-Diktatur, waren jedoch von Anfang an zutiefst skeptisch über Washingtons Motive. Die Gründe liegen auf der Hand: tief verankerte und bittere Erinnerungen an die koloniale Vergangenheit des Irak paarten sich mit der Erbitterung über die US-Operationen der letzten Jahrzehnte im ganzen Nahen Osten, von der Unterstützung für die israelische Repression bis hin zum Golfkrieg von 1990-91 und der Zeit danach.

Alle Vorwände, die zur Rechtfertigung des Kriegs angeführt wurden, haben sich als Lügen und falsche Darstellungen erwiesen. Es wurden keine Beweise für irgendwelche Massenvernichtungswaffen oder Verbindungen zwischen dem Hussein-Regime und Al-Qaida gefunden. Der wachsende Widerstand gegen die amerikanische Besatzung widerlegt das Märchen von der "Demokratie", die angeblich von den USA in den Irak gebracht wird. Al-Sadrs Charakterisierung von Allawi als "schlimmer als Hussein" und als "Agent der Amerikaner" findet zu Recht Widerhall. Wie beim früheren irakischen Regierungsrat hat das irakische Volk auch bei der Einsetzung der Allawi-Regierung, die aus loyalen, handverlesenen Befürwortern der US-Invasion besteht, nichts mitzureden.

Mit einer Mischung aus brutaler Militärgewalt und heuchlerischen vertrauensbildenden Maßnahmen haben die USA versucht, die irakische Bevölkerung ruhig zu stellen. Weder das eine, noch andere hat funktioniert. Das Weiße Haus verkündete, die scheinbare Machtübertragung an die Allawi-Regierung im Juni markiere einen neuen Anfang. Aber die neue irakische "Souveränität" hat sich schnell als Deckmantel für die weitere Besetzung des Landes durch die USA erwiesen. Die Nationale Konferenz vom 16.-19. August sollte eigentlich Unterstützung für die Marionettenregierung signalisieren. Stattdessen wurde das ganze Ereignis völlig von einer Debatte über Nadschaf beherrscht und entlarvte Allawis Isolation. Das vertrackte Problem, vor dem die USA stehen, besteht in der Unmöglichkeit, Millionen einfache Iraker davon zu überzeugen, dass eine vom amerikanischen Militär eingesetzte Regierung irgendwelche Legitimität beanspruchen könne.

Washington zählte auf die Unterstützung, oder mindestens die Tolerierung der schiitischen Mehrheit des Landes, die von der Hussein-Diktatur brutal unterdrückt worden war. Aber Schiiten und Sunniten kämpfen zunehmend gemeinsam für ein Ende der US-Besatzung. Das US-Militär führt jetzt Operationen durch, die den brutalen Methoden ähneln, mit denen Hussein 1991 den Aufstand der Schiiten niederschlug - was die USA-feindlichen Gefühle im ganzen Land nur noch weiter anheizen kann. Die amerikanische Regierung und Medien versuchen, die Verantwortung für die Rebellion der Schiiten dem Iran anzuhängen, indem sie behaupten, Teheran schicke Kämpfer und Waffen. Aber die eng mit dem Iran verbundenen Schiiten-Organisationen - die Dawa Partei und der Oberste Rat der islamischen Revolution im Irak (SCIRI) - gehören der Allawi-Regierung an.

Die Bush-Regierung beabsichtigte, den Irak zum Sprungbrett für Operationen zu machen, die ihre Macht und ihren Einfluss ausweiten und die unangefochtene Vorherrschaft der USA im ganzen Nahen Osten festigen sollten. Stattdessen sind die USA nun in einen klassischen Kolonialkrieg gegen eine aufständische Bevölkerung verwickelt und ihr Vorgehen destabilisiert die gesamte Region. Der zunehmende Widerstand im Irak wird auch die Opposition gegen die autokratischen Regime ermutigen, auf die sich die USA bisher gestützt haben. Wie nervös die herrschenden Kreise der Region sind, zeigten besorgte Äußerungen über Nadschaf in Pakistan und Saudi-Arabien. Vergangene Woche verlangte der Iran die Einberufung einer Dringlichkeitssitzung der Organisation der Islamischen Konferenz und der Nachbarn des Irak, um über die Krise zu beraten.

Der gesamten Besetzung lag die plumpe Kalkulation zugrunde, die Kontrolle über die riesigen Ölreserven des Irak werde viele Probleme lösen: Die Ölförderung werde die US-Invasion finanzieren, amerikanische Konzerne bereichern, die OPEC schwächen und den Ölpreis senken. Der Medienmogul Rupert Murdoch brachte den überbordenden Optimismus in den herrschenden Kreisen der USA kurz vor der Invasion auf den Punkt, als er äußerte, dass "die beste Folge für die Weltwirtschaft... ein Ölpreis von zwanzig Dollar pro Fass" wäre. Stattdessen wird die irakische Ölförderung durch Angriffe auf Ölförderanlagen und Pipelines behindert, und die daraus resultierende Unsicherheit ist einer der wichtigsten Gründe, warum der Ölpreis inzwischen bei fünfzig Dollar pro Fass steht. Die enormen Preiserhöhungen haben schon ihre Schockwellen durch die Weltwirtschaft gesandt, nicht zuletzt in den Vereinigten Staaten.

Die Bush-Regierung hat im Irak eine Katastrophe angerichtet. Sie hat das mit der Unterstützung nicht nur der Demokratischen Partei in den USA, sondern von Regierungen in aller Welt getan. Die fehlende Opposition zeigt sich in der Rolle der Vereinten Nationen, die nach dem Sturz von Saddam Hussein den Vorwand für den Krieg und die Besetzung des Landes durch die USA akzeptierte. Der UN-Sicherheitsrat hat die Invasion nur deshalb nicht geradeheraus gebilligt, weil Amerikas imperialistische Rivalen - besonders Frankreich und Deutschland - fürchteten, ihre Interessen könnten durch die Pläne Washingtons, den Irak zu unterwerfen und den Nahen Osten zu beherrschen, gefährdet werden.

Die Krise im Irak wird Washington nicht dazu bewegen, seine grundlegende Strategie zu überdenken, sondern als Antrieb für weitere gewissenlose Abenteuer und neue Katastrophen dienen. Die Triebkraft hinter der amerikanischen Besetzung des Irak ist die tiefe Krise des amerikanischen und des Weltkapitalismus. Die Pläne der Bush-Regierung, sich die Kontrolle über die ölreichen Regionen des Nahen Ostens und Zentralasiens zu sichern, sind letztlich ein Versuch, den Grundwiderspruch des Profitsystems - den Widerspruch zwischen der Weltwirtschaft und dem Nationalstaatensystem - durch die Konsolidierung der unbeschränkten Überlegenheit der USA über ihre Rivalen zu überwinden.

Die Belagerung von Nadschaf ist nicht nur für das irakische Volk, sondern für die Arbeiterklasse der ganzen Welt eine Warnung. Der US-Imperialismus wird bei der Verfolgung seiner globalen Ambitionen vor nichts zurückschrecken. Er hat im Irak ein ökonomisches und soziales Desaster angerichtet und versucht, jede Opposition mit brutalen Methoden zu unterdrücken; er wird anderswo genauso vorgehen. Die einzige Möglichkeit, Washingtons räuberische Absichten zu durchkreuzen, besteht in der Vereinigung der Arbeiter des Irak und des Nahen Ostens mit ihren Klassenbrüdern in den USA und international auf der Grundlage einer gemeinsamen sozialistischen Perspektive, das Profitsystem abzuschaffen, das die wirkliche Ursache für imperialistischen Krieg und koloniale Unterdrückung ist.

Siehe auch:
USA begehen Kriegsverbrechen in Nadschaf
(14. August 2004)
Irak: Untersuchung zählt 37.000 zivile Kriegsopfer in sieben Monaten
( 6. August 2004)

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