Das soziale Elend in Polen

Eine Reportage aus dem schlesischen Zabrze

Von Tadeusz Sikorski und Marius Heuser
27. Januar 2005

In den letzten 15 Jahren hat in Polen ein beispielloser sozialer Niedergang stattgefunden. Als das stalinistische Regime Ende der 80-er Jahre zusammen brach, machten zunächst die alten Bürokraten, die sich über Nacht zu neoliberalen Wendehälsen gewandelt hatten, und später Vertreter der oppositionellen Gewerkschaft Solidarnosc das Land zu einer Oase für Privatunternehmen. Die staatlichen Betriebe wurden erst umstrukturiert, d.h. in erster Linie von überzähligem Personal befreit, und anschließend privatisiert, was erneut mit Massenentlassungen einher ging. Dabei beförderten sich die Mächtigen gegenseitig in die Spitzenpositionen der neu entstandenen Unternehmen und häuften unerhörten Reichtum an. Mit den Vorbereitungen für den EU-Beitritt wurde diese Politik von den wechselnden Regierungen verschärft vorangetrieben.

Die offizielle Arbeitslosenquote Polens betrug Ende Oktober letzten Jahres bereits 18,7%. Allein im Bereich des Kohlebergbaus wurden seit der Wende mehr als 250.000 Arbeitsplätze abgebaut. Gleichzeitig erfreuen sich die Unternehmen bester Profite. 2003 stieg das Bruttoinlandsprodukt um 3,8%, für 2004 werden Zahlen von über 5% erwartet. 2004 war das erste Jahr, in dem alle fünf Bergbauunternehmen Polens Gewinne einfahren konnten. Dennoch hat sich die soziale Lage im Land eher verschlechtert.

Schlesien hat als ehemaliges Zentrum von Bergbau und Stahlproduktion die Umstrukturierung besonders deutlich zu spüren bekommen. Waren die Bergleute unter dem stalinistischen Regime als "Arbeiterelite" gegenüber anderen Arbeitern durch höhere Löhne und bessere Sozialleistungen privilegiert, wurden sie von den Entlassungen der letzten 15 Jahre am härtesten getroffen.

In der oberschlesischen Stadt Zabrze lebten im Januar 2004 192.000 Menschen. Die Tendenz ist seit Jahren rückläufig, 1996 waren es noch 201.000. Im Dezember letzten Jahres waren offiziell 14.318 Menschen oder 22,9% der Erwerbsfähigen arbeitslos. Viele Bergleute wurden aufgrund der Umstrukturierung und Stilllegung von Zechen entlassen. Von den registrierten Arbeitslosen haben nur 11,1% Anspruch auf Arbeitslosenhilfe. Alle übrigen sind auf das Sozialamt angewiesen. Die Sozialhilfe ist aber viel zu gering, um davon überleben zu können.

Die sechsköpfige Familie Maciak (Name von der Redaktion geändert) lebt in einer Sozialwohnung in der Nähe des Stadtzentrums von Zabrze. Die Eltern sowie beide volljährigen Söhne sind arbeitslos. Bis vor acht Jahren arbeitete die Mutter im Handel und der Vater auf dem Bau, Beschäftigungen, die sie schon vor 1989 ausgeübt hatten. Nach der Schließung der wichtigsten Zechen und Industriebetriebe haben sie ohne spezialisierte Ausbildung aber kaum mehr eine Chance, reguläre Arbeit zu finden.

"Mein Mann ist ohne Berufsausbildung, hat nur einen einfachen Schulabschluss. Jetzt, wo alle Betriebe liquidiert sind, benötigt man überall Nachweise über Abschlüsse," erklärt die 45-jährige Mutter Sofia gegenüber der WSWS.

Für Fortbildungsprogramme hat das Arbeitsamt nach eignen Angaben im gesamten Zeitraum von Januar bis November 2004 gerade einmal 467 Zloty (ca. 117 Euro) je registrierten Arbeitslosen zur Verfügung gestellt. Eine solche Maßnahme kann ohnehin nur annehmen, wer die Zusicherung eines Arbeitgebers vorweisen kann, anschließend von ihm auch eingestellt zu werden. Für die beiden Söhne kommt erschwerend hinzu, dass sie keinen Führerschein haben.

Die Wohnung der Familie besteht aus zwei Zimmern und einer Küche. Ein WC befindet sich auf dem Hof. Da kein Gasanschluss vorhanden ist, steht den Maciaks nur kaltes Wasser zur Verfügung. Trotz dieser unmenschlichen Wohnbedingungen verschlingt die Miete von 210 Zloty (ca. 52 Euro) fast die gesamte Sozialhilfe. Gerade einmal 15 Zloty (knapp 4 Euro) bleiben der Familie für alle weiteren Ausgaben im Monat. "Außerdem gibt es noch Zuschüsse. Z.B. habe ich für Schuhe 40 Zloty (ca. 10 Euro) bekommen. Da wusste ich nicht, welchem der Kinder ich jetzt neue Schuhe kaufen sollte. Lächerliche Summen. Da bleibt einem nichts übrig, als sich hinzusetzen und zu weinen."

Offiziell stünde den Maciaks mehr Geld zu, aber diesen Anspruch einzufordern ist in der Realität nahezu unmöglich. Gibt man auf dem Amt keine Zusatzeinkünfte an, wird man massiv unter Druck gesetzt. "Wir bekommen 86 Zloty Kindergeld und außerdem habe ich zwei bis dreihundert Zloty Einkünfte aus dem Schrottsammeln angegeben. Irgendwas muss man nämlich vorweisen, auch wenn das gar nicht stimmt. Sonst wird man eingeschüchtert, dass man aus der Wohnung rausgeschmissen wird und in eine Obdachlosenunterkunft ziehen muss oder dass einem die Kinder weggenommen werden, weil man kein Geld für den Unterhalt habe. Früher haben wir für die ganze Familie sogar nur 50 Zloty bekommen."

Wie Zehntausende anderer Familien, müssen die Maciaks auf anderem Wege zu Geld kommen. Früher habe Sofia durch schwarze Saisonarbeit ein wenig Geld dazu verdienen können. Seit aber die mittlerweile 4-jährige Tochter geboren wurde, muss die Mutter zu Hause bleiben. Die Söhne erwirtschaften noch zusätzliche Einkünfte, indem sie auf Müllhalden und Schrottplätzen nach Altmetall suchen oder auf den Halden und in alten Stollen nach Kohle graben. Mit etwas Glück hat ein Familienmitglied hin und wieder die Gelegenheit, für einige Wochen schwarz zu arbeiten.

Eine Perspektive sieht Sofia Maciak in Zabrze nicht. "Politisch ist keine Veränderung abzusehen. Ich weiß nicht, wie ich da raus kommen soll. Mein Sohn ist erst mal für zwei Wochen in den Westen gefahren, Hotels reinigen. Der jüngere Sohn hat gar keine Hoffnung. Vielleicht bekommt er mal über Beziehungen eine Arbeit, weil irgendwer irgendwen kennt."

Um Familien wie die Maciaks kümmert sich Beata Dabrowska. Sie ist Vorsitzende der Demokratischen Frauenunion in Zabrze, einer gemeinnützigen Organisation, die nach eigenen Angaben bei ihrer Gründung zwar der Demokratischen Linksallianz (SLD) nahe stand, sich in den letzten Jahren aber unter dem Eindruck der Regierungspolitik zusehends von dieser abgewandt habe.

In Zabrze halfen Dabrowska und ihre Mitstreiterinnen zunächst Frauen, Männern und Kindern, die mit häuslicher Gewalt konfrontiert waren. Später weiteten sie ihre Arbeit auf allgemeine Rechtsberatung aus. Nun helfen sie den Familien Anträge vor Gericht und Behörden zu stellen, begleiten sie bei Prozessen und versuchen ihnen Arbeit zu vermitteln. "Wir kümmern uns um diejenigen, denen sonst niemand hilft", fasst Dabrowska das Anliegen ihrer Gruppe zusammen.

Die Situation innerhalb der Familie ist für sie nicht von der sozialen Situation in Schlesien zu trennen. Die Familienstruktur sei früher sehr klar gewesen. Der Mann habe in der Zeche gearbeitet und sei der Kopf der Familie gewesen. Die Frau habe sich um Haus und Kinder gekümmert. Wenn der Mann seine Arbeit verloren habe, sei auch sein Ansehen in der Familie gesunken. Viele hätten deshalb das Trinken angefangen. So sei die traditionelle schlesische Bergarbeiterfamilie auseinander gebrochen.

Die offizielle Arbeitslosenstatistik hält Dabrowska für verklärt. Da viele ohnehin keine Unterstützung erhielten, ließen sie sich auch nicht registrieren. "Meine Klienten sagen mir, ich bin zu dem Termin nicht erschienen, weil mich mein Schwarzarbeitgeber an diesem Tag nicht gehen ließ. Darüber hinaus registrieren sich viele Frauen gar nicht erst. Sie sehen nicht ein, dass sie für 20 Zloty Unterstützung drei bis vier Stunden in der Schlange stehen sollen. Und deshalb ist die Arbeitslosigkeit viel höher, als die Statistik anzeigt."

Hinzu kämen auch diejenigen, die ihre Wohnung schon verloren hätten und auf der Straße lebten. Früher habe man täglich Menschen sehen können, die auf Baren aus den Bahnhöfen getragen worden seien. In letzter Zeit seien die Obdachlosen lediglich aus dem Stadtzentrum vertrieben worden. In der Arbeitslosenstatistik tauchten diese Menschen nicht auf.

Die Situation der Familie Maciak ist also keineswegs ein Einzelfall. Die meisten Arbeitslosen versuchen sich mit Schwarzarbeit über Wasser zu halten. Sie sind vollständig vom Diktat des Arbeitgebers abhängig und haben keinerlei Absicherung. Bemerken Polizei oder Behörden etwas von der Schwarzarbeit, werden für den Arbeitnehmer 5000 Zloty (ca. 1200 Euro) Strafe fällig.

"Der Schwarzarbeiter hat nichts, nichts außer den paar Groschen und der Ungewissheit, ob er am nächsten Tag noch Arbeit hat", bemerkt Dabrowska. "Ein Schwarzarbeiter ist sozusagen seiner Freiheiten beraubt. Weil bei uns Wohnmeldung und Arbeitsstelle mit Gehaltsangabe Grundlage für alles sind. Dann zählt ein Mensch etwas. Er kann einen Antrag auf eine Gemeindewohnung stellen, er ist versichert und kann zum Arzt gehen; er kann einen Kredit aufnehmen. Ein Schwarzarbeiter kann nicht einmal von jemandem privat eine Wohnung mieten, weil jeder, der eine Wohnung vermietet, nach regulärem Einkommen fragt."

Zudem gehe jeder Schwarzarbeiter ständig ein unkalkulierbares Risiko ein. "Wenn zum Beispiel an einer Arbeitsstelle ein Unfall geschieht und die Hand ist schwer verletzt, dann zahlt der Arbeitgeber dem Arbeitnehmer nichts. Die Versicherung zahlt nichts. Im Krankenhaus kann er nicht angeben, dass es ein Arbeitsunfall war. Weil sonst das Arbeitsamt sofort Bescheid weiß, dass es bei der Arbeit passiert ist. Also müssen er und sein Chef je 5000 Zloty Strafe zahlen und er verliert seinen Anspruch auf Arbeitslosengeld. Außerdem wird noch ein Strafverfahren wegen Erschleichung der Gesundheitsversicherung eröffnet, weil er als Arbeitsloser minimal versichert war. Der Arbeitgeber stellt ihn dann nicht mehr ein. Im Falle einer dauerhaften Schädigung gibt es keinen Anspruch auf Invalidenrente."

Dabrowska weiß noch von anderen Strategien, die ihre Klienten entwickeln, um am nächsten Tag etwas zu Essen auf dem Teller zu haben. Wie die Maciaks sammelten viele Familien auf Deponien und in Mülleimern nach Altmetall oder anderen verwertbaren Materialien. Teilweise hätten sich richtige Zuweiser entwickelt, die die verschiedenen Straßenzüge eines Stadtteils unterschiedlichen Familien zuteilen. Andere graben in den stillgelegten Stollen auf eigene Faust nach Steinkohle.

Geschickte Frauen stellten zu Hause auch verschiedene Handarbeiten, wie Topflappen oder Körbe her, um diese dann auf dem Markt zu verkaufen. Andere verkaufen dort Gemüse, das sie in ihren eigenen Kleingärten angebaut oder im Wald gesammelt haben. Werden diese Menschen von der Stadtwache beim Verkauf ihrer Waren gesehen, müssen sie hohe Strafen zahlen. Des weiteren gehörten Betteln, Betrug und Diebstahl zum Alltag in Zabrze.

Gerade für jüngere Frauen und Mädchen bliebe als letzte Möglichkeit oft nur noch die Prostitution. Wenn eine Frau ein Arbeitsgesuch aufgebe, bekomme sie viele Angebote, nur keine seriösen. "Das ist der einzige Arbeitsmarkt, auf dem niemand danach fragt, welche Ausbildung man hat oder ob man reden kann." Für viele Familien sei die Prostitution die einzige sichere Einnahmequelle. Teilweise zwängen Männer ihre Frauen, manchmal sogar Eltern ihre Kinder dazu. "Ich hatte Klientinnen, deren Männer ihnen Wohnungen angemietet haben, wo sie sich damit abmühen sollten. Der Mann hat in dieser Zeit eine Jüngere, aber sie muss für ihn weiterarbeiten, weil er sie erpresst. Er droht, ihr die Kinder mit der Begründung wegzunehmen, dass sie so etwas tut."

Der in Schlesien weit verbreitete Katholizismus und die konservative Moral machten die Situation noch prekärer. Viele Jungen und Mädchen seien noch gar nicht aufgeklärt, suchten aber nach irgendeiner Möglichkeit, ihre Schulbücher zu finanzieren und die Familie zu unterstützen. So entstünden dann ungewollte Schwangerschaften und ernste psychische Probleme. "Einige glauben, dass das für die Frauen leicht sei, aber wenn ich mit meinen Klienten spreche, merke ich, dass es ihnen sehr schwer fällt und ihre Psyche schwer belastet." Zu einem eigenen regulären Familienleben seien die wenigsten Prostituierten in der Lage.

Einen Ausweg aus der Armut gebe es selten. "Nur wenige Sozialarbeiter sagen einer Familie, die zu acht in einem Zimmer ohne Strom wohnt und kein Geld für die nötigen Reinigungsmittel hat, dass es die und die Kurse oder Möglichkeiten gibt. Nein. Denn die sind dazu verdammt. Die haben keine Ausbildung."

Auch die Kinder seien zur Armut verdammt. Jedes Kind bekommt in seinem Leben nur eine einmalige Leistung von 100 Zloty (ca. 25 Euro) für Schulmaterialien. Alles weitere müssen die Eltern selbst aufbringen. "In der Schule gibt es Informatikuntericht, aber nur drei Computer für drei- bis vierhundert Kinder. Selbstverständlich stellt der Informatiklehrer hohe Anforderungen. Wo soll so ein Kind die Hausaufgaben auf dem Computer machen? Ich hatte selbst eine Phase, in der ich finanziell am Boden lag, und mein Kind hat auf der Mittelschule eine 6 nach der anderen bekommen, weil ich ihm das Internetcafe nicht bezahlen konnte. Die Leute unten haben keine Möglichkeit. Man verbaut ihnen die Möglichkeit ihre Kinder auszubilden."

Auch der ehemalige Polizist und Privatdetektiv Wojtek Wob (Name von der Redaktion geändert) erklärt, wie ausweglos die Lage für die meisten armen Familien sei. Er werde häufig von Familien beauftragt, Angehörige aus dem kriminellen Milieu oder der Prostitution zu holen. Die Chancen seien aber sehr gering. Die Leute würden von ihrer Armut getrieben. Als er noch Polizist war, habe er einmal einen Autodieb gestellt. Der habe sich damit gerechtfertigt, dass er einfach kein Geld habe, seine Familie zu ernähren. Wojtek habe das Auto daraufhin sichergestellt, den Mann aber laufen lassen. Er versuche zwar den Leuten zu helfen, die Ursache für die Kriminalität sei aber die Arbeitslosigkeit. Ohne Arbeitslosigkeit, so der Privatdetektiv, gäbe es auch keine Kriminalität.

Völlig ignorant gegenüber dem Elend der Menschen zeigte sich Edward Orpik, der stellvertretende Direktor des Sozialamtes in Zabrze. In seinem überdimensionierten und edel eingerichteten Büro erklärte er gegenüber der WSWS, dass er ein konfuzianisches Weltbild habe. "Du kannst die Welt nicht ändern, ändere Dich, dann ändert sich die Welt. Die Jahrzehnte des Kommunismus haben bewirkt, dass die Leute verlernt haben, Verantwortung für ihr eigenes Leben zu tragen. Grundsätzliche soziale Güter, wie Arbeit, Zugang zu Ausbildung und Gesundheitssystem waren auf minimalem Niveau zugesichert. Dadurch haben die Leute verlernt, ihr eigenes Schicksal zu schmieden."

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