Schiller und seine Zeit

Von Sybille Fuchs
10. Mai 2005

Auch wenn zur Zeit die Feuilletons der Tageszeitungen geradezu mit Schillerartikeln überschwemmt werden und zahlreiche mehr oder weniger spektakuläre "Events" landauf landab in der Republik stattfinden, tun sich die meisten Deutschen im 200. Todesjahr Friedrich Schillers mit ihrem "Nationaldichter" ziemlich schwer.

Er war uns in den letzten Jahrzehnten ziemlich entfremdet. In den Schulen wurden seine Dichtungen höchstens noch gestreift und die Anzahl derjenigen, die noch die "Glocke" rezitieren konnten, dürfte ziemlich zusammengeschmolzen sein. Seine Dramen wurden in den deutschen Stadttheatern nur noch selten aufgeführt. Die Angst vor seiner pathetischen Sprache lässt viele Regisseure heute vor seinen großen Dramen zurückschrecken. An die Schauspieler und Schauspielerinnen stellen sie hohe Anforderungen, da es schwer ist, seine schöne, aber gehobene Sprache mit Leben zu füllen und seinen komplexen Gedankenreichtum dem heutigen Zuschauer nahe zu bringen.

Es ist gewiss kein Zufall, dass einige Theater, darunter das Schauspielhaus Bochum, auf die von Schiller bearbeitete Komödie "Der Parasit" des französischen Autors Louis-Benoît Picard zurückgegriffen haben, um wenigstens einen Beitrag zum Schillerjahr zu leisten.

Dennoch ist Schiller im Augenblick von einer erstaunlichen Präsenz, die offensichtlich über den gewöhnlichen Marktrummel eines Gedenkjahres hinausgeht.

Die deutsche Schillergesellschaft hat schon zu Beginn des Jahres ein Internetportal eröffnet, in dem Interessierte die zahlreichen Veranstaltungen und Veröffentlichungen mit ziemlicher Vollständigkeit verfolgen können. (http://www.schillerjahr2005.de/)

In Berlin fand bereits im März eine spektakuläre 24-Stunden-Lesung von Schillertexten statt. Man hatte das frühe Datum gewählt, weil der eigentliche Todestag, der 9. Mai, offenbar zu nah an einem anderen für Deutschland so bedeutsamen Gedenktag, dem 8. Mai, dem Tag der Kapitulation des Naziregimes lag.

In Marbach am Neckar wird unter dem Titel "Götterpläne & Mäusegeschäfte" eine Ausstellung gezeigt, die uns den "realen" Schiller näher bringen soll. Er wird dort mit den Worten zitiert: "Ich stürze aus meinen idealistischen Welten, sobald mich ein zerrissener Strumpf an die wirkliche mahnt", was zweifellos seinen oft bestrittenen Sinn für Humor und ein gehöriges Maß an Selbstironie beweist. Ob aber der gezeigte Strumpf und die offenen Wirtshausrechnungen uns eher einen Zugang zu Schiller öffnen als seine Werke, möge dahingestellt bleiben, auch wenn der oft mühselige Alltag des immer wieder von Geldsorgen und schweren Krankheiten Geplagten zweifellos sein Werk in bestimmter Weise beeinflusst hat. Immerhin hat Schiller als einer der ersten versucht, von seiner Schriftstellerei zu leben. Er war gezwungen, sich von Anfang an ernsthaft damit auseinanderzusetzen, was sein Publikum von ihm erwartete, auch wenn er nie bereit war, Abstriche in Bezug auf die Qualität seiner Werke zu machen.

Auch touristisch ist Schiller zur Zeit überaus präsent. Der ADAC organisiert Schillertouren. Alle "Schillerstädte", wie seine Geburtstadt Marbach, Lorch, wo er seine frühe Jugend verbrachte, Ludwigsburg und Stuttgart, wo er unter der Knute des Herzogs Karl Eugen stand und gegen den militärischen Drill der Karlsschule rebellierte, Mannheim, wo seine Räuber uraufgeführt wurden, Jena, wo er viele Jahre wohnte und als Geschichtsprofessor lehrte, Weimar, sein letzter Wohnort - sie alle überschlagen sich mit Programmen und Angeboten bis hin zum Kulinarischen, um Besucher anzulocken. Ja selbst Orte, in denen er sich nur kurze Zeit aufhielt, wie Oggersheim oder Bauerbach, wo er sich jeweils ein paar Monate vor den Häschern Karl Eugens verborgen hielt, warten mit Schillerveranstaltungen oder Ausstellungen auf. Ob das seinen Werken neue Leser zuführen wird, bleibt abzuwarten.

Eher sind dazu vielleicht einige Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt geeignet. Mehrere Biographien, Werkausgaben und Briefsammlungen sind anlässlich seines 200. Todestages erschienen oder neu aufgelegt worden. Darunter sehr gut lesbare, und wie die lebendige, sehr informative, mit eingeschobenen Zitaten und Illustrationen versehene Schillerbiografie von Kurt Wölfel (1), in der sich auch Nichtgermanisten rasch einen Einblick in Werk, Leben und Bedeutung Schillers verschaffen und zur Lektüre anreizen lassen können. Wer noch etwas tiefer in die Welt der deutschen Klassik einsteigen möchte, kann zu dem umfangreichen Werk Rüdiger Safranskis Schiller oder die Erfindung des Deutschen Idealismus greifen. (2)

Mehr als 150 Jahre haftete Schiller das Etikett der Pflichtlektüre an, unzählige Schülergenerationen mussten Die Glocke auswendig lernen und Schillers Dramen im Deutschunterricht behandeln. Die vielen aus dem Zusammenhang gerissenen Zitate, die meist mit moralisch erhobenem Zeigefinger der Jugend auf den Weg gegeben wurden, all das ist dem Andenken dieses Dichters und Denkers irgendwie nicht gut bekommen. Darüberhinaus wurde in den 200 Jahren seit seinem Tod immer wieder versucht, seine Werke oder Teile davon politisch zu missbrauchen. Aber der tote Dichter verstand es durchaus sich zu wehren. Weder die Nationalsozialisten noch die Stalinisten in der DDR konnten es wagen, alle Stücke von ihm aufzuführen, Wilhelm Tell oder Don Karlos wurden geächtet. Ihre politische Sprengkraft, so sehr sie auch auf seine eigene, längst vergangene Zeit bezogen war, blieb gefährlich für Diktatoren.

Joseph Goebbels tat alles, um Schiller zum großen "Vorkämpfer unserer Revolution" zu machen. (3) Anlässlich der Schillerfeiern 1934 zu seinem 175. Geburtstag wurden noch alle seine Dramen vom Rundfunk übertragen. Dramen wie Wilhelm Tell und Don Karlos missfielen jedoch Hitler aus nahe liegenden Gründen sehr und durften nicht mehr aufgeführt werden, nachdem es bei Theateraufführungen bei den Worten Marquis Posas, "Sire geben Sie Gedankenfreiheit", Szenenapplaus gegeben hatte. Am 3. Juni 1941 schrieb der Reichsleiter Martin Bormann an den Reichsminister Dr. Lammers: Der Führer wünsche, dass Schillers Schauspiel über den Schweizer Heckenschützen Wilhelm Tell nicht mehr behandelt werde.

Der Autor Günter Kunert schreibt Ähnliches über den stalinistisch beherrschtenTeil Deutschlands, der sich in seinen frühen Jahren durch eine geradezu frenetische Schillerverehrung ausgezeichnet hatte: "Eines der letzten und bezeichnenden Beispiele war die Aufführung des Wilhelm Tell im Ostberliner Deutschen Theater. Walter Ulbricht, der Zwergdiktator, war bei der Premiere anwesend und anschließend empört - über Schillers Respektlosigkeit und Bedrohlichkeit. Wahrscheinlich erkannte sich der ‚Staatsratsvorsitzende der DDR’ als Geßler persönlich. Folge: Tell durfte nie wieder auf die Bühne. Und der Regisseur und zugleich Intendant des Deutschen Theaters, Wolfgang Langhoff, musste sich zu einer öffentlichen Selbstkritik erniedrigen. Da stand der Mann, der im KZ gesessen hatte und das Moorsoldaten-Lied geschrieben, vor dem sowjetischen Geßler und brach sich selber das Rückgrat." (4)

Um zu verstehen, was diesen deutschen Dichter und Denker in unserem heutigen Bewusstsein einerseits so abgedroschen und veraltet erscheinen lässt, ihn aber andererseits so plötzlich wieder in die Gegenwart katapultiert, ist es notwendig, einen kurzen Blick in die Zeit zu werfen, in der er gelebt und seine Werke verfasst hat.

Absolutismus in Form der deutschen Kleinstaaterei

Schillers Jugend unter dem absolutistisch herrschenden Herzog Karl Eugen von Württemberg, der Drill in der Militärakademie, der Karlsschule, seine abenteuerliche Flucht aus Stuttgart sind vielleicht bekannter als seine Werke. Filme und ganze Fernsehabende und Nächte wurden in diesen Wochen seiner Biographie gewidmet. Seine ersten Dramen entstanden aus einem rebellischen Geist gegen die erbärmlichen Zustände an den Höfen der deutschen Duodezfürsten und haben seitdem viele Generationen junger Menschen immer wieder begeistert. Der junge Engels liebte Schillers Räuber und sprach von ihm als "unser größter liberaler Poet... er ahnte die neue Zeit, die nach der französischen Revolution anbrechen werde....." In seinem Artikel Deutsche Zustände (1845) beschreibt er fast hundert Jahre später diese Zeit:

"So war der Zustand Deutschlands gegen Ende des vorigen Jahrhunderts. Das ganze Land war eine lebende Masse von Fäulnis und abstoßendem Verfall. Niemand fühlte sich wohl. Das Gewerbe, der Handel, die Industrie und die Landwirtschaft des Landes waren fast auf ein Nichts herabgesunken; die Bauernschaft, die Gewerbetreibenden und Fabrikanten litten unter dem doppelten Druck einer blutsaugenden Regierung und schlechter Geschäfte; der Adel und die Fürsten fanden, daß ihre Einkünfte, trotz der Auspressung ihrer Untertanen, nicht so gesteigert werden konnten, daß sie mit ihren wachsenden Ausgaben Schritt hielten; alles war verkehrt, und ein allgemeines Unbehagen herrschte im ganzen Lande. Keine Bildung, keine Mittel, um auf das Bewußtsein der Massen zu wirken, keine freie Presse, kein Gemeingeist, nicht einmal ein ausgedehnter Handel mit anderen Ländern - nichts als Gemeinheit und Selbstsucht - ein gemeiner, kriechender, elender Krämergeist durchdrang das ganze Volk. Alles war überlebt, bröckelte ab, ging rasch dem Ruin entgegen, und es gab nicht einmal die leiseste Hoffnung auf eine vorteilhafte Änderung; die Nation hatte nicht einmal genügend Kraft, um die modernden Laichname toter Institutionen hinwegzuräumen.

Die einzige Hoffnung auf Besserung wurde in der Literatur des Landes gesehen. Dieses schändliche politische und soziale Jahrhundert war zugleich die große Epoche der deutschen Literatur. Um das Jahr 1750 wurden alle großen Geister Deutschlands geboren, die Dichter Goethe und Schiller, die Philosophen Kant und Fichte und kaum zwanzig Jahre später der letzte große deutsche Metaphysiker, Hegel. Jedes bemerkenswerte Werk dieser Zeit atmete einen Geist des Trotzes und der Rebellion gegen die deutsche Gesellschaft, wie sie damals bestand. ... Selbst die besten und bedeutendsten Köpfe der Nation gaben alle Hoffnung auf die Zukunft ihres Landes auf." (5)

Wie es bei der Uraufführung der Räuber an jenem denkwürdigen Theaterabend am 13. Januar 1782 in Mannheim zuging, schildert ein Zeitzeuge: "Das Theater glich einem Irrenhause, rollende Augen, geballte Fäuste, heisere Aufschreie im Zuschauerraum. Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Türe. Es war eine allgemeine Auflösung wie im Chaos, aus dessen Nebeln eine neue Schöpfung hervorbricht." Offenbar hatte der junge Autor einen Nerv der Zeit getroffen.

Dabei waren Schillers Räubern die übrigen Dichtungen des Sturm und Drang bereits vorangegangen, sie waren gewissermaßen ein Nachzügler. Der zehn Jahre ältere Goethe hatte seinen Götz von Berlichingen längst hinter sich gelassen und wollte von dieser Art Literatur nichts mehr wissen. Aber das Publikum war von den Räubern begeistert, und der junge Dichter genoss plötzlich einen Ruhm, der allerdings in größtem Kontrast zu seinen äußerst ärmlichen wirtschaftlichen Verhältnissen stand. Das Theater, selbst eine damals so verhältnismäßig fortschrittliche Bühne wie die in Mannheim, war nicht nur von der Gunst des Publikums, sondern auch noch von den Schatullen des Hochadels abhängig, und sein Intendant Dalberg traute sich nicht, den jungen Dichter weiter zu fördern, sondern ließ ihn fast buchstäblich am ausgestreckten Arm verhungern.

Ihm war ein unkritischerer Stückeschreiber - wie Iffland — lieber als Schiller, der selbst seinen erfolgreichen Erstling einer heftigen Selbstkritik unterzog, den Ehrgeiz hatte, seine folgenden Stücke um Vieles besser zu machen und daher viel Zeit und Mühe auf die Erarbeitung des Stoffes und seine formale Gestaltung verwendete. Das war seiner wirtschaftlichen Situation nicht gerade zuträglich.

In der ersten Zeit nach der Uraufführung seines Erstlingsdramas lebte er vor allem von den Ersparnissen seines Freundes Andreas Streicher, der ihm seine eigene Karriere als Musiker opferte. Schillers Schuldenberg wuchs und er dachte daran, seine auf der Karlsschule erworbenen medizinischen Kenntnisse wieder zur Grundlage seiner Existenz zu machen. Aber für eine Fortsetzung seines Studiums an der Heidelberger Universität fehlte ihm ebenfalls das Geld. Von seinen literarischen Projekten, Almanachen, Dramen, Zeitschriften konnte er nicht überleben. Seine Gesundheit wurde in der Mannheimer Zeit durch eine schwere Malaria erschüttert, die er unter den erbärmlichen Lebensumständen nicht richtig auskurieren konnte, was ihn für immer anfällig machte.

Nur durch die tatkräftige Unterstützung seiner Freunde und Freundinnen, allen voran Christian Gottfried Körners, hielt er sich in den folgenden Jahren über Wasser. Selbst seine Professur in Jena 1789 brachte ihm außer den mageren Hörergeldern nichts ein. Sein Arbeitstag dauerte 12 bis 14 Stunden. Zwar verkauften sich seine Werke für die damalige Zeit recht gut, aber eine sichere Existenzgrundlage bildeten sie erst für seine Erben. Er selbst nahm die 200 Taler des Weimarer Herzogs recht gern an, die ihm dieser später jährlich zukommen ließ, da sie ihm zusammen mit den etwa 600 Talern, die er aus seinen Veröffentlichungen einnahm, die Heirat und eine einigermaßen sichere bürgerliche Existenz ermöglichten, obwohl sie verglichen mit dem fürstlichen Gehalt, das Goethe bezog, ein Almosen waren.

Aber nicht allein die niedergedrückten deutschen Zustände haben den jungen Schiller geprägt. Der junge Mediziner war nicht nur naturwissenschaftlich gebildet. Sein Lehrer Abel auf der Karlsschule brachte ihm auch die große französische und englische Literatur sowie die Philosophie der Aufklärung nahe. In seiner Dissertation beschäftigte Schiller sich mit dem damals hoch aktuellen Thema Versuch über den Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen. Die von ihm aufgeworfenen Fragen nach dem Verhältnis von Geist und Materie sind trotz der gewaltigen Fortschritte der Neurophysiologie bis heute in der Wissenschaft nicht vollständig beantwortet worden.

Schiller nahm nicht nur den Materialismus der französischen Aufklärer, sondern auch die Ideen Rousseaus und der britischen Philosophen Shaftesbury und Ferguson auf. Sein Gespür für die Dynamik der sozialen Situation seiner Zeit und der Geschichte hat ihn zum Dramatiker gemacht. Die Themen, mit denen er sich beschäftigt, liegen in der Luft. Zwar relativiert er bereits in den Räubern die wilden Anklagen gegen das "tintenklecksende Säkulum" durch das Schicksal, dem er die beiden feindlichen Brüder Moor überantwortet. Franz, die materialistisch gesonnene Kanaille, richtet sich selbst und Karl, der zum Räuber gewordene Idealist, erkennt seine Schuld und überantwortet sich letztlich der Justiz, aber der aufrührerische Geist des Stücks dominiert es bei weitem und macht es bis heute für das Theater attraktiv.

Revolutionäre Zeitkritik

Die nächsten Themen, die Schiller aufgreift, sind in noch stärkerem Maße politisch brisant. In Die Verschwörung des Fiesco zu Genua, einem Revolutionsdrama, das im Genua des 16. Jahrhunderts spielt, geht es um eine Verschwörung, deren Teilnehmer jeweils recht unterschiedliche, teilweise entgegengesetzte Ziele verfolgen. Die höchst verwickelte Handlung überforderte offenbar Schauspieler und Zuschauer. Es wird bis heute nur höchst selten aufgeführt. Lange Zeit schwankte Schiller, wie er es ausgehen lassen sollte. Ob der historische Fiesco die Republik wieder errichten oder nur einfach selbst an die Macht strebte, war unklar, also hatte Schiller alle Freiheit, sich für das eine oder andere zu entscheiden.

Sein Problem, einen adäquaten Schluss für das Drama zu finden, war vielleicht weniger ein dramaturgisches als ein zeitgeschichtlich bedingtes Zögern, weil der Autor selbst nicht wusste, für welchen Weg er sich politisch entscheiden sollte. War nicht der Weg eines Fiesco, der die errungene Macht zum eigenen Vorteil (miss)brauchte, der in seiner Zeit realistischere? War die Welt schon reif für eine bürgerliche Republik? Schiller entschied sich schließlich für die republikanische Lösung, was angesichts der Tatsache, dass sich die Handlung etwa vor 200 Jahr abgespielt hatte, relativ ungefährlich war.

Anders als in den Räubern oder im Fiesco hat sich Schiller den Stoff zu seinem einzigem zeitgenössischen Drama, dem bürgerlichen Trauerspiel Luise Millerin, "nicht erst gesucht, um seine dichterische Wucht hineinzulegen; ihn selbst überwältigend, ist es aus seinem Leben und Leiden erwachsen", wie es Franz Mehring ausdrückte. (6)

Zwar knüpfte er durchaus an literarische Vorbilder wie Lessings Emilia Galotti oder Diderots Hausvater an, aber für Personen, die in diesem Stück - er nannte es auf Anraten des Schauspielers und erfolgreichen Theaterautors, August Wilhelm Iffland, Kabale und Liebe - auftreten, wie den Präsidenten von Walter, den Sekretär Wurm, die Lady Milford, die Mätresse des Herzogs, brauchte er keine literarischen Vorbilder. Er hat sie selbst am Hofe Karl Eugens kennengelernt. Ereignisse wie sie in der Szene mit dem Kammerdiener geschildert werden, empörten damals die Untertanen vieler deutscher Fürsten:

KAMMERDIENER. Seine Durchlaucht der Herzog empfehlen sich Mylady zu Gnaden, und schicken Ihnen diese Brillanten zur Hochzeit. Sie kommen soeben erst aus Venedig.

LADY (hat das Kästchen geöffnet und fährt erschrocken zurück). Mensch! was bezahlt dein Herzog für diese Steine?

KAMMERDIENER (mit finstrem Gesicht). Sie kosten ihn keinen Heller!

LADY. Was? Bist du rasend? Nichts ? - und (indem sie einen Schritt von ihm wegtritt) du wirfst mir ja einen Blick zu, als wenn du mich durchbohren wolltest - Nichts kosten ihn diese unermeßlich kostbaren Steine?

KAMMERDIENER. Gestern sind siebentausend Landskinder nach Amerika fort - die bezahlen Alles.

LADY (setzt den Schmuck plötzlich nieder und geht rasch durch den Saal, nach einer Pause zum Kammerdiener). Mann, was ist dir? Ich glaube, du weinst?

KAMMERDIENER (wischt sich die Augen, mit schrecklicher Stimme, alle Glieder zitternd). Edelsteine wie diese da - ich hab’ auch ein paar Söhne drunter.

LADY (wendet sich bebend weg, seine Hand fassend). Doch keinen Gezwungenen?

KAMMERDIENER (lacht fürchterlich). O Gott - Nein - lauter Freiwillige! Es traten wohl so etliche vorlaute Bursch’ vor die Front heraus und fragten den Obersten, wie teuer der Fürst das Joch Menschen verkaufe? - Aber unser gnädigster Landesherr ließ alle Regimenter auf dem Paradeplatz aufmarschieren und die Maulaffen niederschießen. Wir hörten die Büchsen knallen, sahen ihr Gehirn auf das Pflaster sprützen, und die ganze Armee schrie: Juchhe nach Amerika! " (7)

Zwar scheitert die Liebe des Präsidentensohnes Ferdinand von Walter zur Musikertochter Luise tragisch mit dem Tod der Liebenden. Aber nicht nur der Standesunterschied und die Ränke des im Dienste des hochgestellten Vaters stehenden Sekretärs Wurm sind dafür verantwortlich, sondern ebenso sehr die unterschiedliche Auffassung Ferdinands und Luises von der Liebe. Während Luise schließlich bereit ist, realistisch die Verwirklichung ihrer Liebesträume einzuschätzen und ihnen zu entsagen, führen Ferdinands Absolutheitsanspruch an die Liebe und seine daraus resultierende grenzenlose Eifersucht (mit der der Intrigant Wurm kalkuliert) ihn in die tödliche Falle. Schiller lässt also die Standesunterschiede nicht nur in der äußeren Handlung, sondern bis tief in die Gefühlswelt wirksam werden.

"Gedankenfreiheit"

Mit seinem nächsten Drama, dem Don Karlos, greift Schiller wieder einen historischen Stoff auf. Aber auch hier ist der Bezug zur Gegenwart mehr als deutlich. Während der sich lange hinziehenden Behandlung des Stoffs gewinnt eine Nebenfigur unversehens die Oberhand über den Titelhelden, der Marquis Posa. Der Autor bekennt sich dazu selbstkritisch in den Briefen über Don Karlos. Posa wird zum Sprachrohr der nach Unabhängigkeit von der spanischen Krone und republikanischer Freiheit strebenden Niederlande. Er spricht die berühmt gewordenen Worte zu König Philipp von Spanien: "Geben Sie Gedankenfreiheit." Doch seine Hoffnung, den König zu einem aufgeklärten Monarchen zu machen, scheitert ebenso wie sein Freund Carlos an der unseligen Verbindung von Absolutismus und Inquisition.

Die Figur des Marquis Posa ist näher betrachtet durchaus nicht der strahlende Revolutionär, als der er oft verstanden wird. Mehring beschreibt ihn recht treffend als einen schwärmerischen Typus, wie er unter Freimaurern und Anhängern des Illuminatenordens recht häufig zu finden war:

"Als Abgesandter der niederländischen Revolution weiß er von dieser nichts zu melden, sondern ergeht sich in den allgemeinsten Schlagworten der Aufklärung, mit denen er das tiefgewurzelte Regierungssystem eines Weltreichs zu erschüttern hofft. In seinen Mitteln so wenig wählerisch wie ein Jesuit, ist er um so ungeschickter in dem Gebrauch dieser Mittel, und der Dichter selbst kann die Verwirrung, die sein Held angestiftet hat, in den Briefen über Don Karlos nur mit Argumenten beschönigen, wie etwa: ‚Er hat den richtigen Gebrauch seiner Urteilskraft verloren - er ist nicht mehr Meister seiner Gedankenreihe - endlich will ich ja den Marquis von Schwärmerei durchaus nicht freigesprochen haben.’ Freilich blendet der Ritter durch den glänzenden Mantel der Rhetorik, den ihm Schiller um die Schultern gehängt hat, aber der Versuch des Dichters, den Charakter Posas zu retten, hat Körner schon mit den trockenen Worten erledigt: ‚Du gibst dein Kunstwerk preis und willst nur deine Ideale retten, in die du verliebt bist.’" (8)

Aber die dramaturgischen Probleme, mit denen sich Schiller bei diesem Stück so herumplagt, so dass er sich, wie er seinem Freund Körner bekennt, "ausgeschrieben fühlt", sind gleichzeitig auch die, mit denen sich die fortschrittlichen Intellektuellen seiner Zeit quälen, die aus der Misere ihrer Zeit keinen unmittelbaren Ausweg erkennen können. Mit den Worten, mit denen sich Posa in sein Schicksal ergibt, mögen sich damals viele Zeitgenossen getröstet haben.

"Das Jahrhundert ist meinem Ideal nicht reif. Ich lebe ein Bürger derer, welche kommen werden."...... "Sanftere Jahrhunderte verdrängen Philipps Zeiten; Die bringen mildre Weisheit; Bürgerglück wird dann versöhnt mit Fürstengröße wandeln, der karge Staat mit seinen Kindern geizen, und die Notwendigkeit wird menschlich sein." (9)

Aber von einem sanfteren Jahrhundert kann bekanntlich weder bei Schillers eigenem noch bei den beiden darauffolgenden Jahrhunderten die Rede sein. Nur zwei Jahre nach dem Erscheinen des Don Karlos kommt es in Frankreich zum Sturz des Ancien Regime und zur Revolution.

Siehe auch:


Schiller und die Geschichte - Teil 1

Schiller und die Geschichte - Teil 2

Schiller und die Geschichte - Teil 3

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Anmerkungen:

Da Schillers Werke in vielfältigen Ausgaben vorliegen und fast vollständig im Internet verfügbar sind, werden in diesem Artikel nur die Werke angegeben, aus denen die Zitate stammen.

1. Kurt Wölfel: Schiller (dtv 310169) München 2004

2. Rüdiger Safranski: Schiller oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus. München 2004. Weitere biografische Bücher über Schiller (ohne Anspruch auf Vollständigkeit): Peter-Andre Alt: Friedrich Schiller. 2004, Beck'sche Reihe Bd.2357 Wissen, 7,90 €; Jörg Aufenanger: Friedrich Schiller. Patmos, 325 S., 24,90 Euro; Friedrich Dieckmann: Diesen Kuß der ganzen Welt! Der junge Mann Schiller. Insel, 446 S., 22,90 Euro - u. a. enthält das Buch die witzigen " Avanturen des neuen Telemach " mit von Schiller gezeichneten Karikaturen; Sigrid Damm: Das Leben des Friedrich Schiller. Eine Wanderung. Insel, 491 S., 24,90 Euro; Marie Haller-Nevermann: Friedrich Schiller : "Ich kann nicht Fürstendiener sein". Aufbau-Verlag, 303 S., 24,80 Euro; Ehrenfried Kluckert: Schnellkurs Schiller. Dumont, 14,90 Euro; Johannes Lehmann: Unser armer Schiller. 2005 Rowohlt TB., 8.90 EUR; Jörg Aufenanger: Schiller und die zwei Schwestern. dtb, 195 S., 12,50 Euro; Ursula Naumann: Schiller, Lotte und Line. Eine klassische Dreiecksgeschichte. insel tb, 196 S., 8 Euro; Eva Gesine Baur: Mein Geschöpf musst du sein. Das Leben der Charlotte Schiller. Hoffman und Campe, 430 S., 24,95 Euro; Renate Feyl : Das sanfte Joch der Vortrefflichkeit, Köln 1999 (Biografie der Schwägerin und ersten Biografin Schillers, Caroline von Wolzogen); Monika Carbe: Schiller. Vom Wandel eines Dichterbildes. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2005, 208 Seiten, 24,90€ (befasst sich mit der Wirkungsgeschichte Schillers).

3. Rede von Joseph Goebbels zur Schiller-Gedächtnisfeier in Weimar am 10. November 1934

4. Hamburger Abendblatt, 30. April 2005

5. MEW, Bd. 2, S. 567

6. Franz Mehring: Gesammelte Schriften Bd. 10. S. 138

7. Schiller: Kabale und Liebe, 2. Akt, zweite Szene

8. Franz Mehring: Gesammelte Schriften Bd. 10. S. 163

9. Don Karlos, 3. Akt, 10. Auftritt