Dritter Vortrag: Die Ursprünge des Bolschewismus und Was tun?

Teil 3

Von David North
30. September 2005

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Von David North
30. September 2005

Die Socialist Equality Party (USA) und die World Socialist Web Site veranstalteten vom 14. bis 20. August in Ann Arbor, Michigan, eine Sommerschule. Die dort gehaltenen Vorträge veröffentlichen wir im Laufe der kommenden Wochen jeweils in mehreren Teilen. Der vorliegende Vortrag stammt von David North, dem Chefredakteur der WSWS.

Uljanow-Lenin tritt auf

Das bahnbrechende Werk von Plechanow beeinflusste eine ganze Generation von Intellektuellen und Jugendlichen, die in den späten 1880er und frühen 1890er Jahren in den revolutionären Kampf eintraten. Die Wirkung seiner Polemiken waren umso größer, als die gesellschaftlichen Veränderungen in Stadt und Land immer stärker mit Plechanows Analyse korrespondierten.

In den 1890er Jahren wurde zunehmend deutlich, dass Russland eine schnelle wirtschaftliche Entwicklung durchlief und mit der Industrie eine immer stärker werdende Arbeiterklasse heranwuchs. Dies waren die Bedingungen, unter denen Wladimir Iljitsch Uljanow, der jüngere Bruder eines hingerichteten revolutionären Terroristen, sich der revolutionären Bewegung anschloss. Im Jahre 1894 machte er sich einen Ruf als starker Theoretiker, als er eine bemerkenswerte Kritik an den Narodniki mit dem Titel Was sind die ‚Volksfreunde’ und wie kämpfen sie gegen die Sozialdemokratie? veröffentlichte. Auch wenn sich das Werk mit den spezifischen Bedingungen Russlands in den 1890er Jahren beschäftigt, weist es Eigenschaften auf, die es zu einem wichtigen Beitrag für die revolutionäre Arbeiterbewegung machten und ihm eine anhaltende Bedeutung verliehen.

Ein großer Teil von Uljanow-Lenins Werk ist einem Angriff auf Michailowskis subjektive Soziologie gewidmet, wie er es nannte. Er weist nach, dass sich die Politik der Narodniki nicht auf ein wissenschaftliches Studium der gesellschaftlichen Beziehungen in Russland gründete. Die Volkstümler verweigerten die Auseinandersetzung mit der Tatsache, dass sich die Warenproduktion stark entwickelt hatte und dass in großem Maßstab Industrien entstanden waren. Diese waren in den Händen von Einzelpersonen konzentriert, die die Arbeitskraft der besitzlosen Masse von Arbeitern kauften und ausbeuteten. Aber noch bedeutender als die ökonomische Analyse - die er in seinem nächsten Werk Die Entwicklung des Kapitalismus in Russland weiter ausbaute - war Lenins Charakterisierung des Klassenstandpunkts, den die Bewegung der Narodniki einnahm. Er erklärte, dass die Volkstümler im Wesentlichen kleinbürgerliche Demokraten waren, deren Ansichten die gesellschaftliche Stellung der Bauernschaft widerspiegelten.

Lenin betonte zwar die große Bedeutung demokratischer Fragen - d.h. aller Fragen die sich auf die Abschaffung der zaristischen Autokratie, auf die Zerschlagung der Überbleibsel des Feudalismus auf dem Lande und auf die Nationalisierung des Grundbesitzes bezogen - doch er vertrat nicht weniger leidenschaftlich die Ansicht, dass es grundlegend falsch sei, den Unterschied zwischen der demokratischen und der sozialistischen Bewegung zu ignorieren. Das größte Hindernis, das der Entwicklung von Klassenbewusstsein in der Arbeiterklasse im Wege stehe, sei die Tendenz, das Proletariat den bürgerlichen und kleinbürgerlichen demokratischen Gegnern der Zarenherrschaft unterzuordnen.

In seinem wütenden Angriff auf die Ansichten Michailowskis wies Lenin nach, dass der so genannte ‚Sozialismus’ des kleinbürgerlichen Demokraten absolut nichts mit dem Sozialismus des Proletariats gemein hat. Bestenfalls reflektiere der ‚Sozialismus’ des Kleinbürgertums dessen Frustration über das starke Wachstum des Kapitals und seiner Konzentration in den Händen der Finanz- und Industriemagnaten. Der kleinbürgerliche Sozialismus sei insofern unfähig, die Entwicklung des Kapitalismus wissenschaftlich und historisch zu analysieren, als eine solche Analyse die hoffnungslose Position des Kleinbürgertums selbst beweisen würde, das alles andere als eine aufstrebende Klasse, sondern vielmehr ein Überbleibsel der ökonomischen Vergangenheit darstelle.

Für die revolutionäre sozialistische Bewegung zog Lenin die wichtige Schlussfolgerung, dass diese einen unnachgiebigen Kampf gegen den Einfluss der kleinbürgerlichen demokratischen Ideologie innerhalb der Arbeiterbewegung führen müsse. Den Arbeitern müsse erklärt werden, dass demokratischen Forderungen nichts Sozialistisches anhaftet und dass die Abschaffung der Autokratie und die Zerschlagung des Feudalbesitzes zwar historisch fortschrittlich sei, aber nicht ein Ende der Ausbeutung der Arbeiterklasse bedeute. Tatsächlich würde die Erfüllung dieser Forderungen selbst die Entwicklung des Kapitalismus erleichtern und die Ausbeutung der Lohnarbeit intensivieren. Dies bedeute nicht, dass die Arbeiterklasse nicht den demokratischen Kampf unterstützen solle. Ganz im Gegenteil: Die Arbeiterklasse müsse die Avantgarde im demokratischen Kampf stellen. Aber unter keinen Bedingungen dürfe sie diesen Kampf unter dem Banner der Bourgeoisie oder des Kleinbürgertums führen. Vielmehr müsse sie den Kampf für Demokratie führen, um ihren Kampf gegen die Bourgeoisie selbst zu erleichtern.

Er verurteilte die "Herren Vereiniger" und "Befürworter eines Bündnisses", die im Namen des Kampfs gegen den Zarismus dafür eintraten, dass die Arbeiter ihre unabhängigen Klasseninteressen zurücksteckten und, ohne sich mit programmatischen Fragen zu belasten, Bündnisse mit allen politischen Gegnern des Regimes eingehen sollten. Marxisten fördern den demokratischen Kampf nicht, indem sie sich an die Liberalen und kleinbürgerlichen Demokraten anpassen, sondern indem sie die Arbeiter in ihrer eigenen, unabhängigen Partei organisieren, die auf einem revolutionären sozialistischen Programm beruht.

Das Wesen der Volkstümler fasste Lenin folgendermaßen zusammen: "Glaubt man den schwülstigen Phrasen über die ‚Volksinteressen’ nicht aufs Wort und versucht man, tiefer zu schürfen, so wird man sehen, dass man es mit Ideologen des Kleinbürgertums von reinstem Wasser zu tun hat [...]."

Am Ende seines Werkes betonte Lenin, es sei die vordringliche Aufgabe der revolutionären Partei, dass sie den Arbeiter "über seine Stellung aufklärt, über die politisch-ökonomische Struktur des ihn unterdrückenden Systems und über die Notwendigkeit und Unvermeidlichkeit des Klassenantagonismus in diesem System. [...] Wenn die fortgeschrittenen Repräsentanten der Arbeiterklasse sich die Ideen des wissenschaftlichen Sozialismus zu eigen gemacht haben, wenn sie sich der historischen Rolle des russischen Arbeiters bewusst sind, wenn diese Ideen weite Verbreitung erlangen, die Arbeiter feste Organisationen gegründet und diese den heute zersplitterten ökonomischen Kampf der Arbeiter in bewusst geführten Klassenkampf verwandelt haben - dann wird sich der russische ARBEITER erheben, sich an die Spitze aller demokratischen Elemente stellen, den Absolutismus stürzen und das RUSSISCHE PROLETARIAT (Schulter an Schulter mit dem Proletariat ALLER LÄNDER) auf dem direkten Wege des offenen politischen Kampfes der SIEGREICHEN KOMMUNISTISCHEN REVOLUTION entgegenführen." [4]

Schon in diesem bedeutenden Werk legte Lenin in ziemlich entwickelter Form die Auffassungen dar, die später den Aufbau der Bolschewistischen Partei anleiten sollte. Lenin erfand nicht das Konzept der Partei oder der unabhängigen politischen Organisation der Arbeiterklasse. Aber er verlieh diesen Konzepten eine politische und ideologische Konkretheit, die ohnegleichen war. Er war überzeugt, dass die politische Organisation der Arbeiterklasse nicht bloß durch Maßnahmen mit praktischem Charakter zu erreichen war, sondern durch einen erbarmungslosen theoretischen und politischen Kampf gegen alle ideologischen Formen, mit denen die Bourgeoisie die Arbeiterklasse zu beeinflussen und zu dominieren versucht. Die politische Einheit der Arbeiterklasse verlange einen unnachgiebigen Kampf gegen alle Theorien und Programme, die die Interessen fremder Klassenkräfte widerspiegeln, die politische Homogenität der Arbeiterklasse könne nur auf der Grundlage höchsten theoretischen Bewusstseins erreicht werden.

Im Jahre 1900 schrieb Lenin in einem Artikel mit dem Titel Die dringendsten Aufgaben unserer Bewegung das Folgende:

"Die Sozialdemokratie ist die Vereinigung von Arbeiterbewegung und Sozialismus, ihre Aufgabe besteht nicht darin, der Arbeiterbewegung in jedem einzelnen Stadium passiv zu dienen, sondern darin, die Interessen der Gesamtbewegung als Ganzes zu vertreten, dieser Bewegung ihr Endziel, ihre politischen Aufgaben zu weisen, ihre politische und ideologische Selbständigkeit zu wahren. Von der Sozialdemokratie losgerissen, verflacht die Arbeiterbewegung und verfällt unweigerlich in Bürgerlichkeit: führt die Arbeiterklasse nur den ökonomischen Kampf, so verliert sie ihre politische Selbständigkeit, wird sie zum Anhängsel anderer Parteien und übt Verrat an dem großen Vermächtnis: ‚Die Befreiung der Arbeiter muss das Werk der Arbeiter sein.’ In allen Ländern hat es eine Periode gegeben, in der Arbeiterbewegung und Sozialismus getrennt voneinander bestanden und getrennte Wege gingen - und in allen Ländern hat diese Trennung Schwäche des Sozialismus und der Arbeiterbewegung zur Folge gehabt; in allen Ländern hat erst die Vereinigung des Sozialismus mit der Arbeiterbewegung eine feste Grundlage für beide geschaffen." [5]

Als Lenin diese Worte schrieb, führte er einen erbitterten Kampf gegen eine neue Tendenz, die innerhalb der russischen Sozialdemokratie entstanden war: den Ökonomismus, der mit dem Anwachsen des Bernsteinschen Revisionismus in Deutschland verbunden war. Im Wesentlichen bestanden die Ansichten der Ökonomisten in einem Kleinreden des revolutionären politischen Kampfes. Stattdessen passten sich die Ökonomisten an die spontanen Bewegungen der Arbeiterklasse Mitte der 1890er Jahre an und vertraten den Standpunkt, dass sich die sozialdemokratische Bewegung auf die Entwicklung von Streiks und anderen Aspekten des wirtschaftlichen Kampfes der Arbeiterklasse konzentrieren sollte. Aus dieser Anschauung ergab sich logisch, dass die Arbeiterbewegung ihre revolutionären sozialistischen Ziele als praktisches Vorhaben aufgeben sollte. Der Ehrenplatz im politischen Kampf gegen die Autokratie sollte der liberal-demokratischen bürgerlichen Opposition überlassen werden. Das unabhängige revolutionäre Programm, das Plechanow und Lenin verkündet hatten, sollte über Bord geworfen werden. Stattdessen wollte man sich Gewerkschaftsaktivitäten zuwenden, mit denen die ökonomischen Bedingungen der Arbeiterklasse im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaft verbessert werden sollten. So schrieb E. D. Kuskowa in dem berüchtigten Credo, das 1899 erschien:

"Der unduldsame Marxismus, der verneinende Marxismus, der primitive Marxismus (der eine allzu schematische Vorstellung von der Klassenteilung der Gesellschaft hat) wird dem demokratischen Marxismus Platz machen, und die soziale Stellung der Partei in der heutigen Gesellschaft muss sich radikal ändern. Die Partei wird die Gesellschaft anerkennen, ihre eng korporativen, in den meisten Fällen sektiererischen Aufgaben erweitern sich zu gesellschaftliche Aufgaben, und ihr Streben nach Ergreifung der Macht wird zum Streben nach Änderungen, Reformierung der heutigen Gesellschaft in demokratischer Richtung, angepasst an die heutige Lage der Dinge, mit dem Ziel möglichst erfolgreicher, möglichst vollständiger Verteidigung der Rechte (jeder Art) der werktätigen Klassen."

Aber das war noch nicht Alles. Das Credo erklärte, das "Gerede von einer selbständigen politischen Arbeiterpartei ist nichts anderes als ein Produkt der Übertragung fremder Aufgaben, fremder Resultate auf unseren Boden". [6]

Das Auftreten des Ökonomismus war Teil eines internationalen Phänomens: Unter Bedingungen, wo der Marxismus die vorherrschende politische und ideologische Kraft in der Arbeiterbewegung Westeuropas geworden war, entwickelte sich innerhalb dieser Arbeiterbewegung etwas, das auf eine bürgerliche Opposition gegen den Marxismus hinauslief. Mit anderen Worten, das Anwachsen des Revisionismus stellte, wie ich bereits erklärt habe, den Versuch kleinbürgerlicher Ideologen des Kapitalismus dar, die Ausdehnung des marxistischen Einflusses innerhalb der Arbeiterbewegung zu verhindern und zu unterlaufen. Im Jahre 1899 waren die Konsequenzen des Revisionismus schon ziemlich klar geworden, als der französische Sozialist Millerand in eine bürgerliche Regierung eintrat.

Das Aufbrechen des Opportunismus rief eine Krise in der internationalen Sozialdemokratie hervor. Wie ich schon bemerkt hatte, war Plechanow der Erste, der dagegen Stellung bezog. Später leistete Rosa Luxemburg mit ihrer großartigen Broschüre Sozialreform oder Revolution? einen wichtigen Beitrag zu dem Kampf. Widerwillig wurden die deutschen Sozialdemokraten in die Auseinandersetzung gezogen. Aber nirgendwo war der Kampf gegen den Opportunismus so vollkommen entwickelt wie in Russland, unter der Führung von Lenin.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die russische sozialistische Bewegung keine einheitliche politische Organisation. Es existierten zahllose Tendenzen und Gruppen, die sich selbst als sozialistisch und sogar marxistisch bezeichneten, aber ihre politische und praktische Arbeit auf lokaler Basis oder als Vertreter einer bestimmten ethnischen oder religiösen Gruppe innerhalb der Arbeiterklasse leisteten. Der jüdische Bund war die bekannteste unter den letztgenannten Organisationen.

Als die russische Arbeiterbewegung in der zweiten Hälfte der 1890er Jahre an Stärke gewann, wurde die programmatische und organisatorische Geschlossenheit zur offensichtlichen und dringenden Aufgabe. Der erste Versuch, einen gesamtrussischen Kongress der Sozialdemokraten in Minsk 1898 abzuhalten, scheiterte an der Polizeirepression und der Verhaftung von Delegierten. Nach diesem Rückschlag verkomplizierten sich die Pläne zur Einberufung eines Parteitags durch den zunehmend heterogenen Charakter der russischen sozialistischen Bewegung. Das Aufkommen der Ökonomistischen Tendenz war ein bedeutender Ausdruck dieser Entwicklung.

Auch wenn Plechanow immer noch als theoretischer Führer des russischen Sozialismus verehrt wurde, trat Uljanow-Lenin als wichtigste Gestalt im Zuge der intensiven Vorbereitungsarbeiten für die Einberufung eines Vereinigungsparteitages der russischen Sozialdemokraten hervor. Die Grundlage seines Einflusses war seine führende Rolle bei der Herausgabe der neuen politischen Zeitung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands mit dem Namen Iskra (Der Funke). Unter der Emigrantenbewegung und unter den Marxisten, die praktische revolutionäre Arbeit in Russland leisteten, gewann die Iskra ein enormes Prestige, weil sie theoretische, politische und organisatorische Geschlossenheit auf einer gesamtrussischen Basis für eine Bewegung bot, die ohne sie vereinzelt und verstreut geblieben wäre.

Die erste Ausgabe der Iskra erschien im Dezember 1900. Lenin erklärte in einer größeren Stellungnahme auf der Titelseite: "Die politische Entwicklung und die politische Organisation der Arbeiterklasse zu fördern - das ist unsere wichtigste und grundlegende Aufgabe. Jeder, der diese Aufgabe in den Hintergrund schiebt, der ihr nicht alle Teilaufgaben und einzelnen Kampfmethoden unterordnet, beschreitet einen falschen Weg und fügt der Sache ernsten Schaden zu."

In Worten, die auch nach einem Jahrhundert für die heutigen Bedingungen hochrelevant bleiben, kritisierte Lenin jene, "die es für möglich und angebracht halten, den Arbeitern nur in besonderen Momenten ihres Lebens, nur bei feierlichen Anlässen ‚Politik’ vorzusetzen [...]". Lenin griff die Vertreter der Ökonomistischen Tendenz scharf an, für die das militante Gewerkschaftertum und die Agitation für wirtschaftliche Forderungen das Alpha und Omega radikaler Aktivität in der Arbeiterklasse bildeten. Er bestand darauf, dass die entscheidende Aufgabe, vor der die Sozialisten standen, die politische Erziehung der Arbeiterklasse und der Aufbau ihrer unabhängigen sozialistischen Partei sei. "Keine einzige Klasse in der Geschichte ist zur Herrschaft gelangt", schrieb Lenin, "ohne ihre eigenen politischen Führer, ihre fortschrittlichen Vertreter hervorgebracht zu haben, die fähig waren, die Bewegung zu organisieren und zu leiten.". Mit etwas lakonischen Worten schloss Lenin mit dem Vorschlag: "Den Organisationsfragen beabsichtigen wir in den nächsten Nummern eine Reihe von Artikeln zu widmen. Das ist einer unserer wundesten Punkte." [7]

Was aus diesem Vorschlag hervorging, war die wahrscheinlich brillanteste, einflussreichste und umstrittenste politische Schrift des 20. Jahrhunderts, Lenins Was tun?. Angesichts der erbitterten Kontroversen, die dieses Buch insbesondere nach der Bolschewistischen Revolution von 1917 provozierte, ist es bemerkenswert, dass Was tun? bei seiner Erstveröffentlichung 1902 von führenden russischen Sozialdemokraten - und besonders wichtig, von Plechanow - als Erklärung der Parteiprinzipien zu Fragen der politischen Aufgaben und der Organisation anerkannt wurde. Dies ist von politischer Bedeutung, da viele Verleumder von Lenins Broschüre behaupten, Was tun? habe ein konspiratives und totalitäres Element in den Marxismus eingeführt, das nicht aus dem klassischen Marxismus abzuleiten sei. Wir wollen uns mit dieser Kritik auseinandersetzen, wenn wir uns mit dem Werk beschäftigen.

Wird fortgesetzt.

Anmerkungen:

[4] Lenin, Was sind die ‚Volksfreunde’ und wie kämpfen sie gegen die Sozialdemokratie?, in: Werke Bd. 1, Berlin 1971, S. 299ff.

[5] Lenin, Die dringendsten Aufgaben unserer Bewegung, in: Werke Bd. 4, Berlin 1960, S. 367.

[6] Zit. nach: Lenin, Protest russischer Sozialdemokraten, in: Werke Bd. 4, Berlin 1960, S. 165ff.

[7] Lenin, Die dringendsten Aufgaben unserer Bewegung, a.a.O., S. 368f.

Siehe auch:
Die Russische Revolution und die ungelösten Probleme des 20. Jahrhunderts - Teil 1
(14. September 2005)
Die Russische Revolution und die ungelösten Probleme des 20. Jahrhunderts - Teil 2
( 16. September 2005)
Die Russische Revolution und die ungelösten Probleme des 20. Jahrhunderts - Teil 3
( 17. September 2005)
Die Russische Revolution und die ungelösten Probleme des 20. Jahrhunderts - Teil 4
( 20. September 2005)
Zweiter Vortrag: Marxismus gegen Revisionismus am Vorabend des 20. Jahrhunderts - Teil 1
( 21. September 2005)
Zweiter Vortrag: Marxismus gegen Revisionismus am Vorabend des 20. Jahrhunderts - Teil 2
( 22. September 2005)