Dritter Vortrag: Die Ursprünge des Bolschewismus und Was tun?

Teil 4

Von David North
1. Oktober 2005

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Von David North
1. Oktober 2005

Die Socialist Equality Party (USA) und die World Socialist Web Site veranstalteten vom 14. bis 20. August in Ann Arbor, Michigan, eine Sommerschule. Die dort gehaltenen Vorträge veröffentlichen wir im Laufe der kommenden Wochen jeweils in mehreren Teilen. Der vorliegende Vortrag stammt von David North, dem Chefredakteur der WSWS.

Was tun?

Lenin setzt sich eingangs mit der Forderung der russischen Ökonomisten - d.h. der russischen Anhänger von Eduard Bernstein - nach "Freiheit der Kritik" auseinander. Er stellt diese Parole - die zunächst einmal überaus demokratisch und ansprechend klingt - in den Kontext der Auseinandersetzung, die in den Reihen der internationalen Sozialdemokratie zwischen den Verteidigern des orthodoxen Marxismus und den Revisionisten tobt, die einen systematischen theoretischen und politischen Angriff auf diese Orthodoxie begonnen haben.

Lenin bemerkt, dass Bernsteins theoretische Revisionen der programmatischen Grundlagen der deutschen Sozialdemokratischen Partei ihren logischen politischen Ausdruck darin gefunden haben, dass der französische Sozialist Alexandre Millerand der Regierung von Waldeck-Rousseau beigetreten ist, und stellt dann fest, dass "die ‚Freiheit der Kritik’ die Freiheit der opportunistischen Richtung in der Sozialdemokratie ist, die Freiheit, die Sozialdemokratie in eine demokratische Reformpartei zu verwandeln, die Freiheit bürgerliche Ideen und bürgerliche Elemente in den Sozialismus hineinzutragen". [8]

Niemand verweigere den Revisionisten das Recht, Kritik zu üben, antwortet er den Ökonomisten. Aber die Marxisten, darauf beharrte er, hätten ebenso das Recht, diese Kritik zurückzuweisen und dagegen zu kämpfen, dass die Sozialdemokratie in eine reformistische Partei verwandelt werden solle.

Lenin geht dann kurz auf die Ursprünge der ökonomistischen Tendenz in Russland ein und bemerkt, dass sie theoretischen Fragen gleichgültig gegenüberstehe. Er stellt fest, dass die von den Ökonomisten "vielgerühmte Freiheit der Kritik nicht das Ablösen einer Theorie durch eine andere bedeutet, sondern das Freisein von jeder geschlossenen und durchdachten Theorie, dass sie Eklektizismus und Prinzipienlosigkeit bedeutet". Die Revisionisten, so Lenin, rechtfertigen diese Gleichgültigkeit gegenüber der Theorie mit einem aus dem Zusammenhang gerissenen Ausspruch von Marx, wonach jeder Schritt wirklicher Bewegung wichtiger sei als ein Dutzend Programme. "Diese Worte in einer Zeit der theoretischen Zerfahrenheit wiederholen", antwortet Lenin, "ist dasselbe, als wolle man beim Anblick eines Leichbegräbnisses ausrufen: ‚Mögen euch immer so glückliche Tage beschieden sein!’" [9]

Es folgen Worte, die nicht oft genug zitiert werden können: "Ohne revolutionäre Theorie kann es auch keine revolutionäre Bewegung geben. Dieser Gedanke kann nicht genügend betont werden in einer Zeit, in der die zur Mode gewordene Predigt des Opportunismus sich mit der Begeisterung für die engsten Formen der praktischen Tätigkeit paart." [10] Er argumentiert, dass " nur eine Partei [...] , die von einer fortgeschrittenen Theorie geleitet wird ", die revolutionäre Führung der Arbeiterklasse übernehmen kann, und erinnert daran, welche große Bedeutung Engels der revolutionären Theorie beimaß: "Engels spricht nicht von zwei Formen des großen Kampfes der Sozialdemokratie (dem politischen und dem ökonomischen) - wie das bei uns üblich ist - sondern von drei, indem er neben diese auch den theoretischen Kampf stellt." [11] Weiterhin zitiert Lenin folgende Aussage Engels: "Ohne Vorausgang der deutschen Philosophie, namentlich Hegels, wäre der deutsche wissenschaftliche Sozialismus - der einzige wissenschaftliche Sozialismus, der je existiert hat - nie zustande gekommen. Ohne theoretischen Sinn unter den Arbeitern wäre dieser wissenschaftliche Sozialismus nie so sehr in ihr Fleisch und Blut übergegangen, wie dies der Fall ist." [12]

Das zweite Kapitel von Was tun? trägt die Überschrift "Spontaneität der Massen und Bewusstheit der Sozialdemokratie". Dies ist zweifellos der wichtigste Abschnitt von Lenins Broschüre und unvermeidlich derjenige, der den unablässigen Angriffen und Falschdarstellungen am stärksten ausgesetzt war. In diesem Teil des Buches, erklärt man uns regelmäßig, erweise sich Lenin als arrogant und elitär, blicke voller Verachtung auf die Masse der Arbeiter und ihre Erwartungen, zeige sich feindlich gegenüber ihren tagtäglichen Kämpfen, giere nach persönlicher Macht und träume nur von dem Tag, an dem er und seine verfluchte Partei ihre erbarmungslose totalitäre Diktatur über die arglose russische Arbeiterklasse errichten könnten. Es lohnt sich, diesen Abschnitt des Werks mit besonderer Sorgfalt zu untersuchen.

Die zentrale Frage, die Lenin analysiert, ist einerseits das Wesen der Beziehung zwischen dem Marxismus und der revolutionären Partei und andererseits die spontane Bewegung der Arbeiterklasse und die Formen des gesellschaftlichen Bewusstseins, die sich im Laufe dieser Bewegung unter Arbeitern entwickeln. Er beginnt, ausgehend von den Klassenkonflikten der 1860er und 1870er Jahre, die Herausbildung von Bewusstseinsformen unter russischen Arbeitern nachzuvollziehen.

Der Charakter dieser Kämpfe war äußerst primitiv. Unter anderem zerstörten die Arbeiter Maschinen. Die spontanen Ausbrüche wurden von Verzweiflung getrieben, es fehlte ihnen jedes Verständnis für den sozialen Inhalt und den Klassencharakter der Revolte, Klassenbewusstsein gab es nur in einer "Keimform".

Die Situation, die sich drei Jahrzehnte später entwickelte, war bedeutend fortgeschrittener. Verglichen mit den frühen Kämpfen offenbarten die Streiks der 1890er Jahre ein wesentlich höheres Niveau an Klassenbewusstsein unter den Arbeitern. Die Streiks waren viel besser organisiert und es wurden sogar recht detaillierte Forderungen aufgestellt. Aber das Bewusstsein, das die Arbeiter in diesen Kämpfen zeigten, war eher gewerkschaftlich als sozialdemokratisch geprägt. Das heißt, in den Streiks wurden weder politischen Forderungen aufgestellt, noch zeigte sich in ihnen ein Verständnis des unversöhnlichen Konflikts zwischen den Arbeitern und der vorherrschenden sozioökonomischen und politischen Ordnung. Die Arbeiter versuchten lediglich, ihr Los im Rahmen des bestehenden Gesellschaftssystems zu verbessern.

Diese Beschränkung war unvermeidlich, weil die spontane Bewegung der Arbeiterklasse nicht aus sich selbst heraus, "spontan" ein sozialdemokratisches, d.h. revolutionäres Bewusstsein entwickeln konnte. An dieser Stelle führt Lenin das Argument an, das so viele Verleumdungen provoziert hat. Er schreibt:

"Wir haben gesagt, dass die Arbeiter ein sozialdemokratisches Bewusstsein gar nicht haben konnten. Dieses konnte ihnen nur von außen gebracht werden. Die Geschichte aller Länder zeugt davon, dass die Arbeiterklasse ausschließlich aus eigener Kraft nur ein trade-unionistisches Bewusstsein hervorzubringen vermag, d.h. die Überzeugung von der Notwendigkeit, sich in Verbänden zusammenzuschließen, einen Kampf gegen die Unternehmer zu führen, der Regierung diese oder jene für die Arbeiter notwendigen Gesetze abtrotzen u.a.m. Die Lehre des Sozialismus ist hingegen aus den philosophischen, historischen und ökonomischen Theorien hervorgegangen, die von den gebildeten Vertretern der besitzenden Klassen, der Intelligenz, ausgearbeitet wurden. Auch die Begründer des modernen wissenschaftlichen Sozialismus, Marx und Engels, gehörten ihrer sozialen Stellung nach der bürgerlichen Intelligenz an. Ebenso entstand auch in Russland die theoretische Lehre der Sozialdemokratie ganz unabhängig von dem spontanen Anwachsen der Arbeiterbewegung, entstand als natürliches und unvermeidliches Ergebnis der ideologischen Entwicklung der revolutionären sozialistischen Intelligenz." [13]

Um sein Verständnis der Beziehung zwischen dem Marxismus und des sich spontan entwickelnden gewerkschaftlichen, d.h. bürgerlichen Bewusstseins der Arbeiterklasse zu untermauern, zitiert Lenin Karl Kautskys Kommentare zum Programmentwurf der österreichischen Sozialdemokratischen Partei:

"’Je mehr die Entwicklung des Kapitalismus das Proletariat anschwellen macht, desto mehr wird es gezwungen und befähigt, den Kampf gegen ihn aufzunehmen. Es kommt zum Bewußtsein’ der Möglichkeit und Notwendigkeit des Sozialismus etc. In diesem Zusammenhang erscheint das sozialistische Bewusstsein als das notwendige direkte Ergebnis des proletarischen Klassenkampfes. Das ist aber falsch. Der Sozialismus als Lehre wurzelt allerdings ebenso in den heutigen ökonomischen Verhältnissen wie der Klassenkampf des Proletariats, entspringt ebenso wie dieser aus dem Kampfe gegen die Massenarmut und das Massenelend, das der Kapitalismus erzeugt; aber beide entstehen nebeneinander, nicht auseinander, und unter verschiedenen Voraussetzungen. Das moderne sozialistische Bewusstsein kann nur entstehen auf Grund tiefer wissenschaftlicher Einsicht. In der Tat bildet die heutige ökonomische Wissenschaft ebenso eine Vorbedingung sozialistischer Produktion wie etwa die heutige Technik, nur kann das Proletariat beim besten Willen die eine ebensowenig schaffen wie die andere; sie entstehen beide aus dem heutigen gesellschaftlichen Prozess. Der Träger der Wissenschaft ist aber nicht das Proletariat, sondern die bürgerliche Intelligenz (hervorgehoben von K.K.); in einzelnen Mitgliedern dieser Schicht ist denn auch der moderne Sozialismus entstanden und durch sie erst geistig hervorragenden Proletariern mitgeteilt worden, die ihn dann in den Klassenkampf des Proletariats hineingetragen, wo die Verhältnisse es gestatten. Das sozialistische Bewusstsein ist also etwas in den Klassenkampf des Proletariats von außen Hineingetragenes, nicht etwas aus ihm urwüchsig Entstandenes. Dem entsprechend sagt auch das alte Hainfelder Programm ganz richtig, dass es zu den Aufgaben der Sozialdemokratie gehöre, das Proletariat mit dem Bewusstsein (hervorgehoben von K.K.) seiner Lage und seiner Aufgaben zu erfüllen. Das wäre nicht notwendig, wenn dies Bewusstsein von selbst aus dem Klassenkampf entspränge." [14]

Aus dieser Passage zieht Lenin den folgenden Schluss:

"Kann nun von einer selbständigen, von den Arbeitermassen im Verlauf ihrer Bewegung selbst ausgearbeiteten Ideologie keine Rede sein, so kann die Frage nur so stehen: bürgerliche oder sozialistische Ideologie. Ein Mittelding gibt es hier nicht (denn eine ‚dritte’ Ideologie hat die Menschheit nicht geschaffen, wie es überhaupt in einer Gesellschaft, die von Klassengegensätzen zerfleischt wird, niemals eine außerhalb der Klassen oder über den Klassen stehen Ideologie geben kann). Darum bedeutet jede Herabminderung der sozialistischen Ideologie, jedes Abschwenken von ihr zugleich eine Stärkung der bürgerlichen Ideologie. Man redet von Spontaneität. Aber die spontane Entwicklung der Arbeiterbewegung führt eben zu ihrer Unterordnung unter die bürgerliche Ideologie, sie verläuft eben nach dem Programm des ‚Credo’, denn spontane Arbeiterbewegung ist Trade-Unionismus, ist Nur-Gewerkschafterei, Trade-Unionismus aber bedeutet eben ideologische Versklavung der Arbeiter durch die Bourgeoisie. Darum besteht unsere Aufgabe, die Aufgabe der Sozialdemokratie, im Kampf gegen die Spontaneität, sie besteht darin, die Arbeiterbewegung von dem spontanen Streben des Trade-Unionismus, sich unter die Fittiche der Bourgeoisie zu begeben, abzubringen und sie unter die Fittiche der revolutionären Sozialdemokratie zu bringen." [15]

Wird fortgesetzt.

Anmerkungen:

[8] Lenin, Was tun?, in: Werke Bd.5, Berlin 1959, S 364.

[9] Ebenda, S. 379.

[10] Ebenda.

[11] Ebenda, S. 380f, Hervorhebung im Original.

[12] Ebenda, S. 381.

[13] Ebenda, S. 385f.

[14] Ebenda, S. 394f.

[15] Ebenda, S. 395f.

Siehe auch:
Die Russische Revolution und die ungelösten Probleme des 20. Jahrhunderts - Teil 1
(14. September 2005)
Die Russische Revolution und die ungelösten Probleme des 20. Jahrhunderts - Teil 2
( 16. September 2005)
Die Russische Revolution und die ungelösten Probleme des 20. Jahrhunderts - Teil 3
( 17. September 2005)
Die Russische Revolution und die ungelösten Probleme des 20. Jahrhunderts - Teil 4
( 20. September 2005)
Zweiter Vortrag: Marxismus gegen Revisionismus am Vorabend des 20. Jahrhunderts - Teil 1
( 21. September 2005)
Zweiter Vortrag: Marxismus gegen Revisionismus am Vorabend des 20. Jahrhunderts - Teil 2
( 22. September 2005)