Dritter Vortrag: Die Ursprünge des Bolschewismus und Was tun?

Teil 6

Von David North
5. Oktober 2005

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Von David North
5. Oktober 2005

Die Socialist Equality Party (USA) und die World Socialist Web Site veranstalteten vom 14. bis 20. August in Ann Arbor, Michigan, eine Sommerschule. Die dort gehaltenen Vorträge veröffentlichen wir im Laufe der kommenden Wochen jeweils in mehreren Teilen. Der vorliegende Vortrag stammt von David North, dem Chefredakteur der WSWS.

Wissenschaft, Gesellschaft und Arbeiterklasse

Dies bringt uns zu den zentralen theoretischen und philosophischen Fragen, die nicht nur Lenins Vorstellung von der Rolle der Partei, sondern dem gesamten marxistischen Unterfangen zugrunde liegen. Wenn die Wahrnehmungen und Ansichten, die Arbeiter aufgrund ihrer unmittelbaren Erfahrung entwickeln, ebenso gültig und begründet sind wie das Wissen, das durch Einsicht in die Gesetze der gesellschaftlichen Entwicklung gewonnen wird, wie Harding behauptet, dann gibt es keinen Bedarf für eine politische Partei, die danach strebt, ihre Praxis mit wissenschaftlich erkannten gesetzmäßigen Tendenzen in Einklang zu bringen. Ausgehend von Hardings Argumenten kann man bestreiten, dass überhaupt eine Notwendigkeit für Wissenschaft in irgendeiner Form besteht. Ausgangspunkt der Wissenschaft ist der Unterschied zwischen der Realität, wie sie sich in unmittelbaren Sinneseindrücken zeigt, und der Realität, die durch einen komplexen und langen Prozess der Analyse und theoretischen Abstraktion hervortritt.

Die wesentliche Frage lautet: Kann die objektive gesellschaftliche Realität - vorausgesetzt, man akzeptiert die Existenz einer solchen Realität (was für viele Akademiker mit einem großen Wenn einhergeht) - von einem einzelnen Arbeiter oder der Arbeiterklasse als Ganzer auf der Basis unmittelbarer Erfahrung verstanden werden? Diese Frage studierte Lenin eingehend, insbesondere als er sieben Jahre später die theoretische Schrift Materialismus und Empiriokritizismus verfasste. Lenin schrieb: "Wenn die Menschen miteinander in Verkehr treten, sind sie sich in allen einigermaßen komplizierten Gesellschaftsformationen - und insbesondere in der kapitalistischen Gesellschaftsformation - nicht bewusst, was für gesellschaftliche Verhältnisse sich daraus bilden, nach welchen Gesetzen sie sich entwickeln usw. Zum Beispiel: der Bauer, der Getreide verkauft, tritt mit den Weltgetreideproduzenten auf dem Weltmarkt in ‚Verkehr’, aber er ist sich dessen nicht bewusst, ebenso wenig, wie er sich bewusst ist, welche gesellschaftlichen Beziehungen aus dem Austausch entstehen. Das gesellschaftliche Bewusstsein widerspiegelt das gesellschaftliche Sein - darin besteht die Lehre von Marx. Die Widerspiegelung kann eine annähernd richtige Kopie des Widergespiegelten sein, aber es ist unsinnig, hier von Identität zu sprechen." [24]

"Jeder einzelne Produzent in der Weltwirtschaft ist sich bewusst, dass er die und die Änderung in die Produktionstechnik hineinbringt, jeder Warenbesitzer ist sich bewusst, dass er die und die Produkte gegen andere austauscht, doch diese Produzenten und Warenbesitzer sind sich nicht bewusst, dass sie dadurch das gesellschaftliche Sein verändern. Die Summe aller dieser Veränderungen in allen ihren Verästelungen hätten innerhalb der kapitalistischen Weltwirtschaft auch 70 Marxe nicht bewältigen können. Das Höchste, was geleistet werden kann, war, dass die Gesetze dieser Veränderungen entdeckt wurden, dass die objektive Logik dieser Veränderungen und ihrer geschichtlichen Entwicklung in den Haupt- und Grundzügen aufgezeigt wurde - objektiv nicht in dem Sinne, dass eine Gesellschaft von bewussten Wesen, von Menschen, existieren und sich entwickeln könnte unabhängig von der Existenz bewusster Wesen (nur diese Albernheit unterstreicht aber Bogdanow gerade mit seiner ‚Theorie’), sondern in dem Sinne, dass das gesellschaftliche Sein unabhängig ist von dem gesellschaftlichen Bewusstsein der Menschen. Aus der Tatsache, dass ihr lebt und wirtschaftet, Kinder gebärt und Produkte erzeugt, sie austauscht, entsteht eine objektiv notwendige Kette von Ereignissen, eine Entwicklungskette, die von eurem gesellschaftlichen Bewusstsein unabhängig ist, die von diesem niemals restlos erfasst wird. Die höchste Aufgabe der Menschheit ist es, diese objektive Logik der wirtschaftlichen Evolution (der Evolution des gesellschaftlichen Seins) in den allgemeinen Grundzügen zu erfassen, um derselben ihr gesellschaftliches Bewusstsein und das der fortgeschrittenen Klassen aller kapitalistischen Länder so deutlich, so klar, so kritisch als möglich anzupassen." [25]

In welchem Maße sind sich Menschen, die arbeiten gehen, des riesigen Netzes weltweiter Wirtschaftsverbindungen bewusst, von denen ihre Arbeit ein winziger Bestandteil ist? Man kann mit gutem Grund argumentieren, dass selbst der intelligenteste Arbeiter nur eine vage Vorstellung von den Beziehungen seiner Arbeit oder seines Unternehmens zu den immens komplexen Prozessen der modernen transnationalen Produktion und des weltweiten Waren- und Dienstleistungshandels hat. Der einzelne Arbeiter ist auch nicht in der Lage, die Mysterien der internationalen kapitalistischen Finanzen zu durchdringen, die Rolle der globalen Hedge Fonds, und die geheimen und (selbst für Experten auf diesem Gebiet) oft rätselhaften Wege, auf denen Dutzende Milliarden Dollar an Finanzvermögen täglich über internationale Grenzen hinweg bewegt werden. Die Realitäten der modernen kapitalistischen Produktion, ihres Handels und ihrer Finanzen sind so komplex, dass Unternehmensleiter und Spitzenpolitiker auf die Analyse und die Ratschläge größerer Forschungseinrichtungen angewiesenen sind, die wiederum eher häufig als selten uneins sind über die Interpretation der zur Verfügung stehenden Daten.

Aber das Problem des Klassenbewusstseins beschränkt sich nicht auf die offensichtliche Schwierigkeit, die komplexen Phänomene des modernen Wirtschaftslebens zu verstehen. Grundlegender und wesentlicher ist, dass die exakte Beschaffenheit der gesellschaftlichen Beziehung zwischen einem einzelnen Arbeiter und seinem Arbeitgeber, ganz zu schweigen von der zwischen der gesamten Arbeiterklasse und der Bourgeoisie, nicht auf der Grundlage von Sinneseindrücken und unmittelbarer Erfahrung zu begreifen sind.

Selbst ein Arbeiter, der auf der Basis seiner eigenen bitteren Erfahrung davon überzeugt ist, dass er ausgebeutet wird, kann die zugrunde liegenden sozioökonomischen Mechanismen dieser Ausbeutung nicht wahrnehmen. Darüber hinaus ist der Begriff der Ausbeutung nicht leicht zu verstehen, und er lässt sich erst recht nicht direkt aus dem instinktiven Gespür ableiten, dass man nicht ausreichend bezahlt wird. Der Arbeiter, der sich um eine Stelle bewirbt, nimmt nicht wahr, dass er seine Arbeitskraft zum Kauf anbietet, oder dass die einzigartige Qualität dieser Arbeitskraft in ihrer Fähigkeit besteht, einen Wert zu produzieren, der größer ist als der Preis (der Lohn), zu dem sie gekauft wird, und dass der Profit aus dieser Differenz zwischen den Kosten der Arbeitskraft und dem durch sie erzeugten Wert gewonnen wird.

Wenn der Arbeiter eine Ware für eine bestimmte Summe Geld kauft, ist er sich auch nicht bewusst, dass das Wesen dieses Austauschs nicht eine Beziehung zwischen Dingen ist (ein Mantel oder irgendeine andere Ware gegen eine bestimmte Summe Geld), sondern eine zwischen Menschen. Er versteht das Wesen des Geldes nicht, wie es historisch als Ausdruck der Wertform entstanden ist und wie es in einer Gesellschaft, in der die Produktion und der Austausch von Waren verallgemeinert worden ist, dazu dient, die zugrunde liegenden sozialen Beziehungen der kapitalistischen Gesellschaft zu verschleiern.

Das eben Gesagte könnte als eine allgemeine Einführung in die theoretische und erkenntnistheoretische Grundlage von Marx’ wichtigstem Werk, dem Kapital, dienen. Im Schlussteil des zentralen ersten Kapitels im Band 1 führt Marx seine Theorie des Warenfetischismus ein, die die objektive Quelle der Mystifizierung sozialer Beziehungen innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft erklärt - d.h. den Grund, warum in diesem spezifischen Wirtschaftssystem die gesellschaftlichen Beziehungen zwischen Menschen notwendigerweise als Beziehungen zwischen Dingen erscheinen. Es ist auf der Grundlage von Sinneswahrnehmung und unmittelbarer Erfahrung für Arbeiter nicht offensichtlich, dass jeder gegebene Warenwert der kristallisierte Ausdruck der in ihr enthaltenen menschlichen Arbeitskraft ist, die im Produktionsprozess aufgewendet wurde. Die Entdeckung des objektiven Wesens der Warenform bedeutete einen historischen Meilenstein im wissenschaftlichen Denken. Ohne diese Entdeckung hätten weder die objektiven sozioökonomischen Grundlagen des Klassenkampfes noch ihre revolutionären Konsequenzen verstanden werden können.

So sehr der Arbeiter die gesellschaftlichen Folgen des Systems, in dem er lebt, verabscheuen mag, ist er nicht in der Lage, auf der Grundlage unmittelbarer Erfahrung die Ursprünge und internen Widersprüche dieses Systems oder den geschichtlich begrenzten Charakter seiner Existenz zu begreifen. Das Verständnis der Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise, der ausbeuterischen Beziehung zwischen Kapital und Lohnarbeit, der Unvermeidlichkeit des Klassenkampfes und seiner revolutionären Konsequenzen wurde auf der Grundlage echter wissenschaftlicher Arbeit erlangt, mit der der Name Marx’ für immer verbunden sein wird. Die Kenntnisse, die aus dieser Wissenschaft hervorgingen, und die Methode der Analyse, mit deren Hilfe dieses Wissen erlangt wurde und erweitert wird, müssen in die Arbeiterklasse hineingetragen werden. Das ist die Aufgabe der revolutionären Partei.

Wenn man Lenin als elitär bezeichnet, dann muss man dasselbe über alle sagen, die unter dem Banner der wissenschaftlichen Wahrheit gegen unzählige Formen des Obskurantismus gekämpft haben. Schrieb nicht Thomas Jefferson, er hätte jeder Form der Ignoranz und Tyrannei über den Geist der Menschen ewige Feindschaft geschworen? Der Vorwurf des Elitismus sollte gegen jene erhoben werden, die sich gegen die politische und kulturelle Aufklärung der Arbeiterklasse stellen und sie dadurch auf Gedeih und Verderb ihren Ausbeutern ausliefern.

Widmen wir uns zuletzt dem Vorwurf, Lenins Haltung sei "undemokratisch" oder sogar "totalitär", weil er darauf beharrte, dass ein Kampf gegen die Formen des Bewusstseins in der Arbeiterklasse geführt werden müsse, die sich in der kapitalistischen Gesellschaft spontan entwickeln, und weil er feindselig gegenüber der vulgären öffentlichen Meinung war, die sich unter dem Bombardement der Propaganda der Massenmedien bildet. Hinter dieser Anschuldigung verbirgt sich eine gesellschaftliche Erbitterung, die in Klasseninteressen und sozialen Vorurteilen wurzelt und durch die Bemühungen der sozialistischen Bewegung geweckt wird, eine andere, nicht-bürgerliche Form der öffentlichen Meinung zu schaffen, in der die wirklichen politischen und historischen Interessen der Arbeiterklasse Ausdruck finden.

Es gibt kein anderes Unterfangen, das so grundlegend demokratisch ist, wie die Bemühungen der marxistischen Bewegung, das Klassenbewusstsein der arbeitenden Bevölkerung zu entwickeln. Lenin versuchte nicht, sein wissenschaftlich begründetes Programm der Arbeiterklasse "aufzuzwingen". Vielmehr galt seine ganze politische Arbeit in dem Vierteljahrhundert vor 1917 der Aufgabe, das soziale Denken der fortgeschrittensten Teile der russischen Arbeiterklasse auf das Niveau der Wissenschaft zu heben. Und darin waren er und die Bolschewistische Partei erfolgreich. Indem er dieses Ziel erreichte, wurde Lenin, wie John Reed schrieb: "Ein Volksführer eigner Art - Führer nur dank der Überlegenheit seines Intellekts; [...] mit der Fähigkeit, tiefe Gedanken in einfachste Worte zu kleiden und konkrete Situationen zu analysieren. Sein Scharfsinn ist verbunden mit der größten Kühnheit des Denkens."[26]

Lenin war nicht der Erste, der die Notwendigkeit betonte, sozialistisches Bewusstsein in die Arbeiterklasse zu tragen. Seine Streitschrift gegen die Ökonomisten und ihre Glorifizierung des "spontanen Elements" stützte sich mit Sicherheit auf eine gründliche Lektüre von Marx’ Kapital und auf ein Verständnis, wie der Kapitalismus als System von Produktionsverhältnissen zwischen Menschen die wahren, sozial verankerten Ausbeutungsmechanismen verschleiert. Lenins Originalität als politischer Denker besteht nicht darin, dass er die Notwendigkeit betonte, Bewusstsein in die Arbeiterklasse zu tragen - diese Auffassung wurde von Marxisten in ganz Europa weitgehend geteilt. Das Besondere war, mit welcher Konsequenz und Nachdrücklichkeit Lenin dieses Prinzip anwandte und welche weitreichenden politischen und organisatorischen Schlüsse er daraus zog.

Wird fortgesetzt.

Anmerkungen:

[24] Lenin, Materialismus und Empiriokritizismus, in: Werke Bd. 14, S. 326.

[25] Ebenda, S. 328f.

[26] Reed, 10 Tage, die die Welt erschütterten, Berlin 1977, S. 180f.

Siehe auch:
Die Russische Revolution und die ungelösten Probleme des 20. Jahrhunderts
(14. September 2005)
Zweiter Vortrag: Marxismus gegen Revisionismus am Vorabend des 20. Jahrhunderts
( 21. September 2005)
Dritter Vortrag: Die Ursprünge des Bolschewismus und Was tun? - Teil 1
( 27. September 2005)
Dritter Vortrag: Die Ursprünge des Bolschewismus und Was tun? - Teil 2
( 28. September 2005)
Dritter Vortrag: Die Ursprünge des Bolschewismus und Was tun? - Teil 3
( 30. September 2005)
Dritter Vortrag: Die Ursprünge des Bolschewismus und Was tun? - Teil 4
( 01. Oktober 2005)