Dritter Vortrag: Die Ursprünge des Bolschewismus und Was tun?

Teil 7

Von David North
6. Oktober 2005

Die Socialist Equality Party (USA) und die World Socialist Web Site veranstalteten vom 14. bis 20. August in Ann Arbor, Michigan, eine Sommerschule. Die dort gehaltenen Vorträge veröffentlichen wir im Laufe der kommenden Wochen jeweils in mehreren Teilen. Der vorliegende Vortrag stammt von David North, dem Chefredakteur der WSWS.

Klassenbewusstsein und "politische Enthüllungen"

Wie sollte demnach das politische Bewusstsein der Arbeiterklasse entwickelt werden? Die Antwort, die Lenin auf diese Frage gab, verlangt ein aufmerksames Studium. Den Ökonomisten galt die Agitation zu "Brot und Butter"-Fragen und unmittelbaren Problemen im Betrieb als Hauptinstrument, um Klassenbewusstsein zu fördern. Lenin wies die Vorstellung ausdrücklich zurück, dass wirkliches Klassenbewusstsein auf solch einer engen ökonomischen Grundlage entwickelt werden könnte. Die Agitation zu unmittelbaren wirtschaftlichen Anliegen reichte lediglich für die Entwicklung von gewerkschaftlichem Bewusstsein, d.h. des bürgerlichen Bewusstseins der Arbeiterklasse. Die Entwicklung eines revolutionären Klassenbewusstseins setzt nach Lenin voraus, dass Sozialisten ihre Agitation auf "politische Enthüllungen" konzentrierten, wie er es bezeichnete.

"Anders als durch diese Enthüllungen kann das politische Bewusstsein und die revolutionäre Aktivität der Massen nicht herangebildet werden. Darum ist diese Art Tätigkeit eine der wichtigsten Funktionen der gesamten internationalen Sozialdemokratie, denn auch die politische Freiheit beseitigt keineswegs die Sphäre, auf die diese Enthüllungen gerichtet sind, sondern verschiebt sie nur." [27]

In Worten, die an Relevanz nichts verloren haben - oder die durch den enormen Rückgang des sozialistischen Bewusstseins in unserer heutigen Zeit noch an Bedeutung gewonnen haben - schrieb Lenin:

"Das Bewusstsein der Arbeiterklasse kann kein wahrhaft politisches sein, wenn die Arbeiter nicht gelernt haben, auf alle und jegliche Fälle von Willkür und Unterdrückung, von Gewalt und Missbrauch zu reagieren, welche Klassen diese Fälle auch betreffen mögen, und eben vom sozialdemokratischen [d.h. revolutionären] und nicht von irgendeinem anderen Standpunkt aus zu reagieren. Das Bewusstsein der Arbeitermassen kann kein wahrhaftes Klassenbewusstsein sein, wenn die Arbeiter es nicht an konkreten und dazu unbedingt an brennenden (aktuellen) politischen Tatsachen und Ereignissen lernen, jede andere Klasse der Gesellschaft in allen Erscheinungsformen des geistigen, moralischen und politischen Lebens dieser Klasse zu beobachten; wenn sie es nicht lernen, die materialistische Analyse und materialistische Beurteilung aller Seiten der Tätigkeit und des Lebens aller Klassen, Schichten und Gruppen der Bevölkerung in der Praxis anzuwenden. Wer die Aufmerksamkeit, die Beobachtungsgabe und das Bewusstsein der Arbeiterklasse ausschließlich oder auch nur vorwiegend auf sie selbst lenkt, der ist kein Sozialdemokrat, denn die Selbsterkenntnis der Arbeiterklasse ist untrennbar verbunden mit der absoluten Klarheit nicht nur der theoretischen... sogar richtiger gesagt: nicht so sehr der theoretischen als vielmehr der durch die Erfahrung des politischen Lebens erarbeiteten Vorstellungen von den Wechselbeziehungen aller Klassen der modernen Gesellschaft. Darum ist die Predigt unserer Ökonomisten, dass der ökonomische Kampf das weitest anwendbare Mittel zur Einbeziehung der Massen in die politische Bewegung sei, so überaus schädlich und ihrer praktischen Bedeutung nach so überaus reaktionär." [28]

Die Revisionisten, die die Auffassung vertraten, dass die Aufmerksamkeit und Unterstützung von Arbeitern am schnellsten und einfachsten durch eine Konzentration auf wirtschaftliche und "betriebliche" Fragen zu erreichen sei, und dass die Hauptaktivität der Sozialisten im tagtäglichen ökonomischen Kampf der Arbeiter liegen sollte, trugen nach Lenin im Hinblick auf die Entwicklung sozialistischen Bewusstseins nichts Bedeutendes zur spontanen Arbeiterbewegung bei. Tatsächlich handelten sie nicht als revolutionäre Sozialisten, sondern als bloße Gewerkschafter. Die wirklich wesentliche Aufgabe der Sozialisten bestand nicht darin, mit den Arbeitern über das zu sprechen, was sie bereits wissen - über tagtägliche Betriebs- und Arbeitsplatzfragen, sondern ihnen das zu vermitteln, was sie aus ihrer unmittelbaren ökonomischen Erfahrung nicht gewinnen können: politisches Wissen.

"Dieses Wissen könnt ihr, Intellektuelle, erwerben", schrieb Lenin und legte diese Worte einem Arbeiter in den Mund, "und ihr seid verpflichtet, es uns in hundert- und tausendfach größerem Ausmaß zu übermitteln, als ihr es bis jetzt getan habt, und zwar nicht nur in der Form von Abhandlungen, Broschüren und Artikeln (die oft - entschuldigt unsere Offenheit! - etwas langweilig sind), sondern unbedingt in der Form von lebendigen Enthüllungen dessen, was gerade jetzt unsere Regierung und unsere herrschenden Klassen auf allen Lebensgebieten tun." [29]

Natürlich riet Lenin nicht dazu, den ökonomischen Kämpfen der Arbeiterklasse gleichgültig gegenüber zu stehen oder ihnen gar fern zu bleiben. Aber er stellte sich gegen die ungerechtfertigte und schädliche Fixierung von Sozialisten auf solche Kämpfe, ihre Tendenz, die Agitation und praktische Aktivität auf ökonomische Fragen und Gewerkschaftskämpfe zu beschränken, und ihre Vernachlässigung und ihr Ausweichen vor den kritischen und grundlegenden politischen Fragen, vor denen die Arbeiterklasse als die revolutionäre Kraft in der Gesellschaft steht. Wenn Sozialisten in gewerkschaftliche Kämpfe eingreifen, besteht zudem ihre wirkliche Verantwortung darin, wie Lenin schrieb, "die Funken politischen Bewusstseins, die der ökonomische Kampf in den Arbeitern entstehen lässt, auszunutzen, um die Arbeiter auf das Niveau des sozialdemokratischen politischen Bewusstseins zu heben." [30]

Ich habe dieser Besprechung von Was tun? so viel Zeit eingeräumt, weil ich dabei - und ich hoffe, das ist euch allen klar - über die Theorie und die Perspektive der World Socialist Web Site gesprochen haben.

Ende.

Anmerkungen:

[27] Lenin, Was tun?, in: Werke Bd.5, Berlin 1959, S. 425 (Hervorhebungen im Original).

[28] Ebenda, S. 426 (Hervorhebungen im Original).

[29] Ebenda, S. 430 (Hervorhebungen im Original).

[30] Ebenda, S.429 (Hervorhebungen im Original).

Siehe auch:
Die Russische Revolution und die ungelösten Probleme des 20. Jahrhunderts
(14. September 2005)
Zweiter Vortrag: Marxismus gegen Revisionismus am Vorabend des 20. Jahrhunderts
( 21. September 2005)