Ein Unrechtsstaat: Israel bricht den Waffenstillstand und droht Hisbollah-Führer zu ermorden

Von Patrick Martin
22. August 2006

Am Samstag verletzte Israel den Waffenstillstand an der libanesisch-israelischen Grenze grob, als Dutzende israelischer Soldaten das Dorf Budai überfielen, das in der Nähe von Baalbek im Bekaa-Tal östlich von Beirut liegt. Der Überfall war der erste wirkliche Bruch der Waffenruhe, die seit dem 14. August zwischen der israelischen Armee und der Hisbollah in Südlibanon herrscht.

Vertreter des Libanon und der Vereinten Nationen verurteilten den Überfall. Der libanesische Premierminister Fuad Siniora gab in Beirut eine Presseerklärung heraus, in der er den Angriff als "krasse Verletzung" der UN-Waffenstillstandsresolution bezeichnete, und UN-Sekretär Kofi Annan erklärte, er sei "sehr besorgt darüber, dass die Einstellung der Kampfhandlungen von Seiten Israels verletzt wurde".

Obwohl das angebliche Ziel des Angriffs darin bestand, aus Syrien kommende Waffenlieferungen für die Hisbollah-Kämpfer bei Baalbek zu unterbinden, erbeuteten die israelischen Streitkräfte keine Waffen und legten keine Beweise dafür vor, dass der nächtliche Überfall tatsächlich gegen einen solchen Transport gerichtet war. Es scheint vielmehr, als hätte das Kommando versucht, den hochrangigen Hisbollah-Führer Scheich Mohammed Jasbek zu entführen, um ihn gegen die zwei verschleppten israelischen Soldaten auszutauschen. Die Gefangennahme der beiden israelischen Soldaten durch die Hisbollah war vergangenen Monat zum Vorwand für den beinah fünfwöchigen israelischen Angriffskrieg auf den Libanon genommen worden.

Laut Augenzeugenberichten in der libanesischen Presse wurden israelische Kommandoeinheiten von Helikoptern in den östlichen Ausläufern des Libanon-Gebirges abgesetzt. Sie trugen libanesische Armeeuniformen, und als sie Hisbollah-Posten an der Straße nach Baalbek passierten, sprachen sie Arabisch, um ihre Identität zu verbergen. Sie griffen ein Schulgebäude an, das angeblich Jasbek gehört, der in Budai geboren ist, aber heute nicht mehr da lebt.

Der Überfall endete jedoch in einem Debakel. Hisbollah-Kämpfer entdeckten die israelische List - wie berichtet wurde, soll der palästinensisch-arabische Akzent der Soldaten aufgefallen sein - und eröffneten das Feuer. Anfangs waren zwar nur zehn Hisbollah-Soldaten vor Ort, doch es strömten etwa 300 Dorfbewohner herbei, die sich bewaffneten und mithalfen, das israelische Kommando in die Flucht zu schlagen.

Die Los Angeles Times berichtet: "Die in Geländewagen sitzenden Israelis nuschelten offenbar einen traditionellen arabischen Gruß, wie die Kämpfer sagten. Sie wurden durchgewunken bis zum nächsten Posten, wo Hisbollah-Kämpfer schon im Hinterhalt lagen und sie zur Flucht in die Tabakfelder zwangen. 'Als die Israelis kamen, kämpften alle gegen sie', sagte Fausat Chamas, 51, ein Landwirtschaftsangestellter, der sich auch am Kampf beteiligt hatte. Von oben feuerten Apache-Helikopter, während größere Hubschrauber die Männer mit ihren Fahrzeugen evakuierten, sagten die Kämpfer."

Susanne Masloun, die 22-jährige Frau des Bürgermeisters von Budai Suleiman Chamas, sagte der Presse: "Alle haben gekämpft, nicht nur die Hisbollah. Alle Menschen im Dorf kamen mit Gewehren heraus und kämpften. Fünfzehnjährige Jungen brachten uns Gewehre." Ein israelischer Kämpfer wurde getötet und mindestens zwei verwundet, und noch vor Ablauf einer Stunde hatten Hubschrauber die Einheit wieder abgeholt.

Dorfbewohner erklärten gegenüber amerikanischen Journalisten, der Überfall sei ein vollständiger Fehlschlag gewesen. Sie hatten blutigen Verbandsstoff und Spritzen gefunden, die das flüchtende Kommando zurückgelassen hatten und die darauf hindeuten, dass einige der Israelis schwere Verletzungen erlitten hatten. "Sie sind vollkommen gescheitert", sagte Sadik Hamdi, ein Schrotthändler, der New York Times. "Sie waren noch auf der Straße, als Hisbollah sie angriff. Sie haben nicht ein Prozent von dem erreicht, was sie tun wollten."

Ein israelischer Militärsprecher bestätigte sowohl den Überfall als auch, dass es Verluste gegeben habe. Er fügte hinzu, israelische Kampfflugzeuge hätten an dem Gefecht teilgenommen, um Feuerschutz aus der Luft zu geben, während die eingeschlossenen Kämpfer herausgeholt wurden. Auch Bomben wurden abgeworfen und eine Brücke zerstört, um zu verhindern, dass die Hisbollah Verstärkung erhielt. Auf Seiten der Hisbollah gab es widersprüchliche Berichte über Verluste, die von keinem bis zu drei Getöteten und drei Verwundeten reichten.

Am Sonntag besichtigte Siniora die Zerstörungen in Südbeirut und nannte den einmonatigen israelischen Bombenkrieg gegen sein Land "ein Verbrechen gegen die Menschheit". Im Gespräch mit Reportern sagte er: "Was wir heute sehen, ist ein Bild der Verbrechen, die Israel begangen hat. Man kann das nur als verbrecherischen Akt bezeichnen, der Israels ganzen Hass zeigt."

Ohne Beweise dafür vorzulegen, rechtfertigten israelische Vertreter den Überfall vom Samstag weiterhin mit der Notwendigkeit, syrische und iranische Versuche zu unterbinden, die Hisbollah wiederzubewaffnen. Es gab aber bei dem Zwischenfall keinerlei syrische oder iranische Beteiligung, sondern nur libanesische Dorfbewohner, die unter Führung der Hisbollah kämpften. Wie vorauszusehen war, verteidigte die Bush-Regierung den Überfall wie auch den Vorwand, den die Israelis dafür angaben.

Der Überfall auf Budai ist eine Art Metapher für den ganzen Krieg: Israels Arroganz und militärische Beherrschung des Luftraums stößt auf erbitterten Widerstand in Form einer Miliz, die sich auf die lokale Bevölkerung stützt und aus ihr rekrutiert. Selbst die notorisch pro-israelische amerikanische Presse, deren Leitartikeler die Hisbollah ständig als terroristische Organisation bezeichnen und mit Al Qaida gleichsetzen, muss die Massenbasis der schiitischen Miliz zwangsläufig anerkennen.

In der New York Times vom Freitag findet sich zum Beispiel folgender Absatz: "Hisbollah-Guerillas, die im Libanon als 'der Widerstand' bekannt sind, operieren seit Jahren im Süden. Es sind fast alles Männer aus der Gegend, gestählt durch 18 Jahren israelische Besetzung nach der Invasion von 1982. In dieser Zeit lebten und arbeiteten sie in ihren Heimatdörfern und schufen ein umfangreiches Netz an sozialen Diensten, sowie ausgedehnte Untergrundbefestigungen und Verstecke mit modernen Waffen, die Israel in einem Monat erbitterter Kämpfe in Erstaunen versetzten. 'Niemand wusste, dass sie diese Sachen hatten, nicht das Militär, nicht der Geheimdienst', sagte ein ebenfalls erstaunter General der libanesischen Armee im privaten Gespräch."

Das Ergebnis des vierwöchigen Kriegs war für Israel und die Bush-Regierung eine strategische Katastrophe. Israel und die USA hatten den Krieg von langer Hand vorbereitet und nur auf einen günstigen Vorwand gewartet, um die angeblich unwiderstehliche Macht der israelischen Luftwaffe, Artillerie und Panzer gegen die Guerillakämpfer zu entfesseln, die selbst nur mit Raketen und kleinen Waffen ausgerüstet waren. Das Ziel bestand darin, Bedingungen zu schaffen, um im Libanon ein gefügiges, pro-amerikanisches Regime einzusetzen, das als Stützpunkt gegen Syrien und den Iran dienen sollte.

Der Überfall vom Samstag ist einer von vielen Versuchen der israelischen und amerikanischen Regierung, auf die öffentliche Wirkung des Kriegs zu reagieren und seine verheerenden Folgen für das Bewusstsein der Bevölkerung sowohl in den arabischen Ländern als auch in Israel selbst zu überwinden.

Dieser Versuch mag teilweise der Grund für das ungewöhnliche Interview sein, das ein hochrangiger israelischer General, der seinen Namen nicht nennen wollte, der New York Times gab, und das am Sonntag veröffentlicht wurde. Unter dem Titel "Israel ist entschlossen, die Waffen aufzuhalten und Nasrallah zu töten", gab die Times die Worte dieses "führenden israelischen Kommandanten" wieder: "Israel hat die Absicht, sein Bestes zu geben, [...] um den Milizführer Scheich Hassan Nasrallah zu töten".

"Für ihn gibt es nur eine Lösung", sagte der israelische Offizier der Times über Nasrallah. "Dieser Mann muss sterben."

Kein anderes Land in der Welt könnte seine Absicht, einen prominenten politischen Gegner umzubringen, so unverblümt bekannt geben und dabei durchaus darauf hoffen, dass diese blutrünstige Erklärung weder in den USA noch in der europäischen Presse auf Kritik stößt. Man stelle sich einmal den Aufschrei vor, wenn die Situation umgekehrt wäre, wenn Scheich Nasrallah seine Entschlossenheit bekundet hätte, den israelischen Ministerpräsidenten Ehud Olmert oder Verteidigungsminister Peretz zu ermorden.

Diese Kommentare beweisen nicht nur, dass die israelische Regierung erfreut, die offen ihre Verachtung für das Völkerrecht bekannt gibt, bislang mit allem straflos davongekommen ist. Sie verweisen auch auf die wachsende Verzweiflung dieses Regimes. Die Olmert-Regierung hat offensichtlich das Gefühl, die Ausschaltung des Hisbollah-Führers wäre ein angemessener Ersatz für ihren gescheiterten Versuch, die gesamte Organisation auszulöschen. Sie meint, es wäre dann doch noch möglich, den Krieg im In- und Ausland als Sieg hinzustellen.

Bei einer weiteren Provokation nahm die israelische Armee am Samstagmorgen den stellvertretenden Premierminister der Palästinensischen Autonomiebehörde fest. Nasser Schaer wurde von Soldaten überwältigt, die im Morgengrauen sein Haus in Ramallah umzingelten und ihn verhafteten, weil er Hamas-Mitglied ist. Seit dem israelischen Überfall auf den Gazastreifen zwei Wochen vor Ausbruch des Kriegs im Libanon, ist Schaer der höchstrangige Vertreter der Palästinensischen Autonomiebehörde, der von Israel gefangen genommen wurde.

Vieles deutet darauf hin, dass das instabile Waffenstillstandsabkommen, das am 11. August im Weltsicherheitsrat ausgehandelt wurde, innerhalb weniger Tage zerbrechen könnte. Der führende UN-Repräsentant in der Region, Reje Roed-Larsen, sagte, das erst eine Woche alte Abkommen könnte zerfallen und in "einem Abgrund von Gewalt und Blutvergießen" enden, wenn es zu weiteren schweren Verstöße käme. Er warnte, dass der israelische Überfall und mehr noch die Androhung künftiger Überfälle Länder davon abhalten könnte, Soldaten beizusteuern, um die UNIFIL-Friedenstruppe aufzustocken.

Frankreich, das die Erweiterung der UNIFIL-Truppe am stärksten befürwortet und sich um ihre Führung bemüht hatte, bot nur 200 Soldaten an, zusätzlich zu den 200, die schon im Südlibanon stationiert sind. Dies ist weit weniger als die 3.000 oder mehr Soldaten, die von der europäischen Macht erwartet werden, die die Führung der 15.000 Mann starken Truppe übernehmen soll, und hat dazu geführt, dass sowohl die UNO als auch die Bush-Regierung und die Israelis jetzt nach einer Alternative suchen. Der israelische Ministerpräsident Olmert telefonierte am Sonntag mit dem italienischen Premierminister Romano Prodi und appellierte an Italien, die Führung der Truppe zu übernehmen.

Die Israelis möchten außerdem ein Vetorecht in Bezug auf die Zusammensetzung der UN-Friedenstruppe ausüben. Olmert gab am Sonntag bekannt, er sei dagegen, dass an dieser Truppe Soldaten aus einer Nation teilnähmen, die den Staat Israel nicht anerkennt. Damit schließt er Indonesien, Malaysia und Bangladesh von vorneherein aus, denn diese vorwiegend muslimischen Länder unterhalten keine diplomatischen Beziehungen zu Israel. Die drei Länder sind die einzigen, die gepanzerte Fronteinheiten für den UNIFIL-Einsatz anbieten und könnten deshalb ein Hindernis für zukünftige israelische Militäraktionen darstellen.

Siehe auch:
Europäische Mächte drängen in den Libanon
(16. August 2006)
Vor Beginn des Waffenstillstands: USA und Israel stehen vor politischem Debakel
( 15. August 2006)

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