Papstbesuch in Bayern

Feldzug gegen die Aufklärung

Von Peter Schwarz
14. September 2006

Die Berichterstattung der deutschen Medien über den sechstägigen Papstbesuch in Bayern ist, schlicht gesagt, ein Skandal.

Wenn das öffentlich-rechtliche Fernsehen stundenlang jede Geste und jedes Wort Joseph Ratzingers live überträgt, könnte man das im äußersten Notfall noch mit der öffentlichen Neugier rechtfertigen, die der Besuch des katholischen Kirchenoberhaupts auslöst. Wenn sich aber ARD und ZDF wie Zweigstellen von Radio Vatikan gebärden, jedem journalistischen Grundsatz Hohn sprechen, unkommentiert mittelalterlichen Obskurantismus verbreiten und auch noch Jubelgesänge auf Benedikt XVI. anstimmen, dann ist das ein Verstoß gegen die gesetzlich gebotene Unabhängigkeit der Rundfunkanstalten und gegen die verfassungsmäßige Trennung von Kirche und Staat.

"70 Stunden Pope-TV, davon allein 46 Stunden live im Dritten Programm", wurden laut Süddeutscher Zeitung vom Bayrischen Rundfunk produziert und "aus vier Millionen Euro Gebühren bezahlt". ARD und ZDF übernahmen das Programm täglich mehrere Stunden live.

Begleitet wurden die meisten Sendungen vom Chefredakteur des Bayrischen Rundfunks persönlich, dem ebenso bigotten wie konservativen Sigmund Gottlieb. Der "Lieblingsjournalist" (Der Spiegel) des bayrischen Ministerpräsidenten und CSU-Chefs Edmund Stoiber ist seit einem Jahr Träger des Bayerischen Verdienstordens.

Gottlieb beschränkt sich nicht auf Bayern. Am Dienstag sprach er auch den Kommentar in den Tagesthemen, die im evangelischen Hamburg produziert werden. Der Ton, den er dabei anschlug, ist charakteristisch für sämtliche Sendungen über die Papst-Reise.

"Die Fan-Gemeinde wächst! Woher diese Zustimmung? Woher diese Begeisterung?" frohlockte Gottlieb. Es handle sich um keine Mode-Erscheinung, nein: "Den Menschen ist es bitter ernst. Die Menschen stellen wieder die Sinnfrage. Wo die weltlichen Eliten aus Politik und Wirtschaft mit ihrem Latein am Ende sind, da setzt dieser Papst mit seinem Alternativangebot ein: Haltung statt Beliebigkeit, Demut statt Überheblichkeit, Langfristigkeit gegenüber Kurzatmigkeit, Heimat statt Globalisierung. Die Wissenschaft und den Glauben will er miteinander versöhnen. ... Dieser Papst trifft mitten hinein in eine Wertedebatte, die dieses Land erfasst hat. Er kommt an! Er spricht an!"

Hinterfragt man, welche "Werte" dieser Papst verbreitet, kann einem schwarz vor Augen werden: Marienglaube, Mysterienkult, Einbeziehung des Gottesglaubens in Wissenschaft und Vernunft.

Der Bericht der Süddeutschen Zeitung über Benedikts privates Gebet vor der Schwarzen Madonna in Altötting (das riesengroß auf Videowände übertragen wurde) gibt davon einen Eindruck. "Wie nicht anders zu erwarten", heißt es dort, "geriet die Station Altötting zu einer Manifestation geistlicher und weltlicher Erdung. Der Papst selbst hat es ja immer wieder wissen lassen, wie sehr ihn als Kind die Altöttinger Wallfahrt, diese unverwechselbare Melange aus Dunkel und Kerzenschimmer, aus Weihrauchschwaden und Gebetsgemurmel, aus halbem Kitsch und ganzer Hingabe, fasziniert und in seiner religiösen Entwicklung geprägt hat."

In einer Vorlesung an seiner alten Wirkungsstätte, der Regensburger Universität, plädierte der Papst gegen eine positivistische Verengung der Wissenschaften und für die Einbeziehung der Theologie "nicht nur als historische und humanwissenschaftliche Disziplin, sondern als eigentliche Theologie ... in den Dialog der Wissenschaften". Er warnte vor einer "Vernunft, die dem Göttlichen gegenüber taub ist und Religion in den Bereich der Subkulturen abdrängt".

In Deutschland herrscht Religionsfreiheit und es bleibt jedem selbst überlassen, ob und zu welchem Glauben er sich bekennt. Es ist aber ausdrücklich nicht die Aufgabe der öffentlichen Rundfunkanstalten, einen bestimmten Glauben oder eine bestimmte Ideologie zu propagieren. Der Rundfunkstaatsvertrag, die gesetzliche Grundlage für Rundfunk und Fernsehen, ist in dieser Hinsicht eindeutig.

Es heißt dort in § 10: "Berichterstattung und Informationssendungen haben den anerkannten journalistischen Grundsätzen ... zu entsprechen. Sie müssen unabhängig und sachlich sein." § 3 legt fest, dass die Sendungen "dazu beitragen, die Achtung vor Leben, Freiheit und körperlicher Unversehrtheit, vor Glauben und Meinung anderer zu stärken" (unsere Hervorhebung). Und § 11 verlangt die Berücksichtigung der "Grundsätze der Objektivität und Unparteilichkeit der Berichterstattung" und der "Meinungsvielfalt".

All das wird im Sendemarathon über den Papst mit Füßen getreten. Kritische Stimmen kommen darin nicht vor, weder von außerhalb noch von innerhalb der katholischen Kirche. Dabei mangelt es nicht an Kritikern Ratzingers, der schon als Chef der Glaubenskongregation wiederholt interveniert hatte, um den deutschen Katholiken seine stockkonservativen Ansichten in Fragen der Verhütung, der Schwangerschaftsberatung und der Betätigung von Frauen und Laien aufzuzwingen. Ganz zu schweigen von Angehörigen anderer Religionen und nicht Gläubigen, die durch die katholische Propagandaoffensive regelrecht an die Wand gedrückt werden.

Von Seiten der offiziellen Politik gibt es keine Kritik an der PR-Kampagne für den Katholizismus. Bundeskanzlerin Angela Merkel, eine protestantische Pastorentochter, hatte den Papst schon vor der Deutschlandreise in seiner italienischen Sommerresidenz aufgesucht, um den Besuch zu besprechen. Als er in München einschwebte, stand sie auf dem Flughafen Spalier, neben Bundespräsident Horst Köhler, ebenfalls Protestant.

Angesichts wachsender sozialer Spannungen und der Diskreditierung aller offiziellen Parteien ist die herrschende Elite - ob katholisch, protestantisch oder nicht gläubig -, dringend auf den "Glauben" und die "Werte" angewiesen, die der Papst zu bieten hat. Religiöser Obskurantismus ist ein erprobtes Mittel, um von sozialen Fragen abzulenken, und niemand kennt sich damit besser aus als der Vatikan. Sigmund Gottlieb sprach ihnen allen aus dem Herzen, als er sagte: "Wo die weltlichen Eliten aus Politik und Wirtschaft mit ihrem Latein am Ende sind, da setzt dieser Papst mit seinem Alternativangebot ein."

Die von Gottlieb festgestellte Zustimmung und Begeisterung ist allerdings eine Erfindung der Medien. Die Zahl der Menschen, die die Fahrtroute des Papstes säumten und zu den Messen unter offenem Himmel erschienen, blieb trotz herrlichem Wetter weit hinter den Erwartungen der Kirche zurück, die die Angaben systematisch übertrieb. So kamen in München nach internen Schätzungen der Polizei nur 75.000, um die Vorbeifahrt des winkenden Papstes im Papamobil zu beobachten. Das Erzbistum hatte von 200.000 gesprochen. In Regensburg blieb ein großer Teil des vorbereiteten Islinger Feldes während der Papstmesse leer.

Erst wurde versucht, die geringe Teilnahme mit der intensiven Fernsehberichterstattung zu erklären. Viele zögen es vor, hieß es, den Papst am Bildschirm zu verfolgen, wo man ihn besser und länger sehen könne. Doch erste interne Auswertungen der ARD haben ergeben, dass auch hier die Einschaltquoten katastrophal niedrig sind.

Die Kirche selbst leidet weiterhin an Mitgliederschwund. Die Zahl der Katholiken ist in den letzten anderthalb Jahrzehnten um neun Prozent auf 26 Millionen gesunken, von denen nur 15 Prozent regelmäßig den Gottesdienst besuchen. 1990 waren es noch 22 und vor einem halben Jahrhundert fünfzig Prozent. Und trotz des Rummels um den deutschen Papst haben laut einer repräsentativen Umfrage 60 Prozent der Deutschen eine kritische Meinung über die katholische Kirche; sogar unter den Katholiken sind es 30 Prozent.

Siehe auch:
Die politische Laufbahn von Papst Benedikt XVI: Theokratie und gesellschaftlicher Rückschritt
(26. April 2005)
Papst Benedikt XVI. - ein konservativer Dogmatiker
( 21. April 2005)

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