Arbeiterpresse Verlag

Neuausgabe von Trotzkis "Verteidigung des Marxismus"

Von Wolfgang Zimmermann und Peter Schwarz
8. September 2006

Kommende Woche liefert der Arbeiterpresse Verlag eine neue Ausgabe von Leo Trotzkis Buch "Verteidigung des Marxismus" aus. Es umfasst 260 Seiten und kostet 16,90 Euro. Das Buch kann über das Internet und im Buchhandel bestellt werden und wird am 16. September auch auf der zentralen Wahlveranstaltung der Partei für Soziale Gleichheit in Berlin zum Verkauf ausliegen. Wir dokumentieren hier das Vorwort der neuen Ausgabe.

Vorwort

Es gibt politische und theoretische Auseinandersetzungen, die auch nach Jahrzehnten noch brennend aktuell sind. Die bekannteste ist ohne Zweifel die Bernstein-Debatte, die Ende des 19. Jahrhunderts die deutsche und internationale Sozialdemokratie erschütterte und schließlich zur Spaltung zwischen sozialdemokratischer und kommunistischer Bewegung führte. Ähnlich bedeutsam, wenn auch weniger bekannt, ist die Auseinandersetzung, die in dem vorliegenden Band dokumentiert wird. Sie fand 1939 innerhalb der Socialist Workers Party, der amerikanischen trotzkistischen Bewegung statt. Leo Trotzki, der damals im mexikanischen Exil lebte und kurze Zeit später von einem stalinistischen Agenten ermordet wurde, nahm intensiven Anteil daran. "Verteidigung des Marxismus" enthält die Artikel und Briefe, die Trotzki zur damaligen Debatte beitrug.

Vor allem die Frage nach dem Charakter der Sowjetunion verleiht dieser Auseinandersetzung bis heute brennende Aktualität. War die Sowjetunion trotz der Verbrechen der stalinistischen Führung ein Arbeiterstaat? Gab es daran etwas zu verteidigen? Oder handelte es sich nur um eine andere Form der "totalitären Herrschaft", vergleichbar mit dem Nationalsozialismus?

Mit der Auflösung der Sowjetunion im Jahr 1991 schien sich diese Frage erledigt zu haben. Die bürgerlichen und post-stalinistischen Ideologen trugen mit der Sowjetunion auch den Marxismus und den Sozialismus zu Grabe. Das gesamte sozialistische Projekt habe sich als grandiose Illusion erwiesen. Die Oktoberrevolution sei ein gigantischer Irrtum oder ein kolossales Verbrechen gewesen, aus dem alle späteren Verbrechen des stalinistischen Regimes notwendigerweise hervorgegangen seien. Die Entwicklung der Menschheit habe mit dem Kapitalismus ihre Krönung erreicht, eine höhere Form der gesellschaftlichen Organisation sei nicht möglich, die Geschichte sei an ihr Ende gekommen.

Fünfzehn Jahre später stellt sich die Sache etwas anders dar. Die Einführung kapitalistischer Verhältnisse in der Sowjetunion und Osteuropa hatte eine soziale Katastrophe zur Folge, die in Friedenszeiten ihresgleichen sucht. Nie zuvor wurde die soziale Infrastruktur - Bildung, Gesundheit, Altersversorgung, Kultur - in so kurzer Zeit so radikal zerstört, wie in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion während der letzten fünfzehn Jahre. Die Lebenserwartung männlicher Russen sank von 64 auf knapp 59 Jahre. Die Todesrate liegt weit über der Geburtenrate. Hält die gegenwärtige Entwicklung an, hat das Land in fünfzig Jahren ein Drittel seiner Bevölkerung eingebüßt. Eine kleine Minderheit hat sich das gesellschaftliche Vermögen angeeignet und ist märchenhaft reich geworden, während die überwiegende Mehrheit mittel- und arbeitslos vor sich hin vegetiert. Freiheit und Demokratie erweisen sich als leerer Schein. Sie sind nicht mit den krassen sozialen Unterschieden vereinbar. Das Regime von Wladimir Putin gleicht zunehmend dem alten Sowjetregime. Es verfügt über all dessen Laster (Willkür, Zensur, Polizeiherrschaft), nicht aber über dessen Tugenden (ein gewisses Maß an sozialer Sicherheit und Gleichheit).

Die negativen Folgen des Zusammenbruchs der Sowjetunion beschränken sich nicht auf den Osten. Er ist auch dem Westen schlecht bekommen. Das Ende des Kalten Krieges hat keine Ära des Weltfriedens und der allgemeinen Abrüstung eingeleitet, sondern eine neue Ära heißer Kriege. Die Vereinigten Staaten von Amerika versuchen ihr sinkendes ökonomisches Gewicht auf der Weltbühne durch ihre militärische Überlegenheit wett zu machen. Dabei setzen sie sich über Regeln und Normen des Völkerrechts hinweg, die sie einst selbst verfochten hatten. Viele Geostrategen halten mittlerweile einen Konflikt zwischen der aufsteigenden Wirtschaftsmacht China und der absteigenden Großmacht USA für unausweichlich - so wie sich vor hundert Jahren der Gegensatz zwischen dem aufsteigenden Deutschland und dem absteigenden Großbritannien und Frankreich nicht friedlich lösen ließ.

Innerhalb der kapitalistischen Länder sind mit dem vermeintlichen Scheitern des Sozialismus alle sozialen Hemmschwellen gefallen. Hieß es während des Kalten Krieges, die Marktwirtschaft könne der breiten Bevölkerung einen höheren Lebensstandard gewähren als eine staatlich gelenkte Planwirtschaft, gilt heute der Abbau sämtlicher Sozialstandards als Voraussetzung für das Funktionieren der kapitalistischen Wirtschaft. Auch in Europa und Amerika hat die soziale Polarisierung ein bisher unerreichtes Ausmaß erreicht. Während der Lebensstandard der Durchschnittsbevölkerung sinkt, ein breites Heer von Langzeitarbeitslosen und Niedriglohnarbeitern entsteht und selbst die akademisch gebildete Mittelklasse immer tiefer ins Proletariat absinkt, wächst am anderen Pol der Gesellschaft eine kleine, aber äußerst einflussreiche Schicht von Millionären und Milliardären. Auch hier ist die soziale Kluft nicht mit Freiheit und Demokratie vereinbar. Davon legt der Abbau demokratischer Rechte, der unter dem Vorwand des "Kampfs gegen den Terrorismus" vor sich geht, ein beredtes Zeugnis ab.

Wie lässt sich der gesellschaftliche Rückschritt erklären, der nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion weltweit eingesetzt hat? Wer die Sowjetunion lediglich als Verkehrsunfall der Geschichte, als historischen Irrweg betrachtet, kann diese Frage nicht beantworten. Ein komplexes und widersprüchliches historisches Phänomen wie die Sowjetunion lässt sich nicht mit eindimensionalen Kategorien wie "Totalitarismus" fassen. Ohne die Frage der Sowjetunion zu klären - ohne zu verstehen, wie sie entstand, was sie darstellte, warum sie entartete und zusammenbrach, was daran zu verteidigen und was zu verurteilen war - ist kein fortschrittlicher Ausweg aus der heutigen gesellschaftlichen Sackgasse denkbar. Ohne ein Verständnis der Sowjetunion lassen sich weder Vergangenheit noch Zukunft begreifen. Die Frage der Sowjetunion bleibt auch im 21. Jahrhundert eine politische Schlüsselfrage.

Hierin - und in der Verteidigung der marxistischen Methode, die Trotzki in diesem Zusammenhang vornimmt - liegt die Bedeutung des vorliegenden Buchs. Zusammen mit anderen Schriften Trotzkis, allen voran "Verratene Revolution", bildet es den Schlüssel zum Verständnis des widersprüchlichen Charakters der Sowjetunion. Ein ernsthafter Historiker, der die innere Logik des geschichtlichen Prozesses aufspüren will, anstatt die Geschichte nur als Abfallhalde zu betrachten, auf der sich zusammenhangslose Versatzstücke zur Untermauerung vorgefasster Meinungen finden lassen, muss sich mit Trotzkis Schriften auseinandersetzen.

Mit unerreichter Klarheit hat Trotzki die sozialen, politischen und ideologischen Kämpfe aufgezeigt, die das Schicksal der Sowjetunion bestimmt haben. Seine Rolle als aktiver Teilnehmer und nicht als neutraler Beobachter tut seiner Objektivität keinen Abbruch. Objektivität ist nicht Neutralität. Oder kann man gegenüber den großen Schicksalskämpfen der Menschheit neutral sein? Würde jemand von einem Chronisten des Dritten Reiches verlangen, dass er strikte Neutralität zwischen den Nationalsozialisten und ihren demokratischen und sozialistischen Gegnern wahrt? Eine solche Arbeit wäre nicht objektiv, sondern suspekt.

Die Tätigkeit der von Trotzki geführten linken Opposition gegen den Stalinismus liefert den lebendigen Beweis dafür, dass die Degeneration der Sowjetunion keine unausweichliche Folge der Oktoberrevolution war, sondern das Ergebnis der beginnenden Konterrevolution, des gegen die Revolution gerichteten Thermidors (wie sie Trotzki in Anlehnung an die französische Revolution nannte). Das stalinsche Regime benötigte rund fünfzehn Jahre um sich zu konsolidieren. Es begann mit politischen Intrigen und historischen Fälschungen, ging zur Verfolgung und Unterdrückung seiner marxistischen Gegner über und liquidierte schließlich in den Moskauer Prozessen die Blüte der Revolution. Allein in den Jahren 1937 und 1938 wurden fast 700 000 Menschen auf staatliche Anweisung erschossen, der größte Teil von ihnen war den Zielen der Oktoberrevolution treu ergeben - ein politischer Völkermord, der seinesgleichen sucht. Stalin stützte sich dabei auf eine soziale Schicht, die zutiefst konservativ und den Idealen der Revolution - soziale Gleichheit und Internationalismus - abgeneigt war: auf die Bürokratie in Staat und Partei.

Der Fraktionskampf in der Socialist Workers Party

Der Fraktionskampf, der den Gegenstand des vorliegenden Buches bildet, begann ein Jahr nach der Großen Säuberung. Den Anstoß dazu gab der Hitler-Stalin-Pakt, der Nichtangriffspakt zwischen der Sowjetunion und Nazi-Deutschland, der den Weg für den deutschen Einmarsch in Polen und den Zweiten Weltkrieg ebnete.

Trotzki war schon 1933 zum Schluss gelangt, dass die Kommunistische Partei der Sowjetunion und die von ihr dominierte Kommunistische Internationale nicht auf den Weg der revolutionären, sozialistischen Politik zurückgeführt werden können. Anlass war die Niederlage der Arbeiterklasse in Deutschland, für die Stalin und die Komintern in hohem Maße mitverantwortlich waren. Moskau hatte der Kommunistischen Partei Deutschlands eine ultralinke und letztlich ohnmächtige Politik aufgezwungen, die die deutschen Arbeiter spaltete, lähmte und so Hitlers Machtübernahme ermöglichte. Als trotz der deutschen Katastrophe nicht eine Sektion der Komintern politische Konsequenzen zog, rief Trotzki zum Aufbau einer neuen, der Vierten Internationale auf. Sie wurde 1938 bei Paris gegründet.

Die Vierte Internationale trat in der Sowjetunion für den Sturz der herrschenden Bürokratie durch eine politische Revolution ein, verteidigte aber gleichzeitig die durch die Oktoberrevolution geschaffenen Eigentumsverhältnisse. Sie hielt das historische Schicksal der Sowjetunion nicht für entschieden. Es handelte sich um eine Übergangsgesellschaft, die sich sowohl vorwärts zum Sozialismus als auch rückwärts zum Kapitalismus entwickeln konnte. Zwischen den Eigentumsverhältnissen und dem Regime bestand ein fundamentaler Widerspruch. "So birgt das Regime der UdSSR bedrohliche Widersprüche", schrieb Trotzki im Gründungsprogramm der Vierten Internationale. "Aber es ist noch immer das Regime eines entarteten Arbeiterstaates. Das ist die soziale Diagnose. Die politische Prognose stellt sich als Alternative: Entweder stößt die Bürokratie, die immer mehr zum Werkzeug der Weltbourgeoisie im Arbeiterstaat wird, die neuen Eigentumsformen um und wirft das Land in den Kapitalismus zurück, oder die Arbeiterklasse zerschlägt die Bürokratie und öffnet den Weg zum Sozialismus." (Leo Trotzki, Das Übergangsprogramm. Essen 1997, Seite 120 f)

Ausgehend von diesem widersprüchlichen Charakter der Sowjetunion trat die Vierte Internationale für deren Verteidigung im Krieg ein. Trotzki nennt dafür zwei wesentliche Gründe: "Erstens, die Niederlage der UdSSR würde dem Imperialismus neue gewaltige Ressourcen zur Verfügung stellen und könnte den Todeskampf der kapitalistischen Gesellschaft um viele Jahre verlängern. Zweitens, die gesellschaftlichen Fundamente der UdSSR, befreit von der parasitären Bürokratie, sind in der Lage, grenzenlosen wirtschaftlichen und kulturellen Fortschritt zu gewährleisten, während die kapitalistischen Fundamente keine anderen Möglichkeiten zeigen als weiteren Niedergang." Die Verteidigung der Sowjetunion durch die Vierte Internationale bedeutete keine Unterstützung des stalinistischen Regimes, sondern war untrennbar mit dem Kampf gegen dieses Regime verbunden.

Bevor sich Stalin mit Hitler verbündete, genoss die Sowjetunion in den USA und Europa beträchtliche Sympathien unter linken und liberalen Intellektuellen. Die ging so weit, dass manche die Moskauer Prozesse unterstützten oder stillschweigend darüber hinwegsahen. In Deutschland waren Bertolt Brecht und Lion Feuchtwanger typische Vertreter dieser Gattung.

Die Komintern hatte sich 1935, ohne ihre Fehler einzugestehen, von der ultralinken Politik verabschiedet, die für die deutsche Katastrophe verantwortlich war, und sich der Volksfrontpolitik zugewandt. Hatte sie bisher ein Zusammengehen mit der Sozialdemokratie abgelehnt, strebte sie nun im Namen der Volksfront Bündnisse mit sozialdemokratischen und rein bürgerlichen Parteien an. Auf diese Weise versuchte sie, die "demokratische Bourgeoisie", gemeint sind die herrschenden Klassen Großbritanniens, Frankreichs und der USA, für eine gemeinsame Front gegen das nationalsozialistische Deutschland zu gewinnen.

Die Politik der Volksfront sollte bald ähnlich verheerende Folgen haben, wie zuvor der ultralinke Kurs. In Spanien und Frankreich, wo Volksfrontregierungen an die Macht gelangten, unterdrückten und verfolgten die Stalinisten revolutionäre Arbeiter, um ihre bürgerlichen Verbündeten nicht zu verprellen. Als Folge gelangten in Spanien die Franco-Faschisten und in Frankreich die Rechten an die Macht. In den USA unterstützte die Kommunistische Partei Präsident Franklin D. Roosevelt und dessen Politik des "New Deal", eines Programms von staatlichen Interventionen in die Wirtschaft und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, mit denen die amerikanische Bourgeoisie während der großen Depression nach dem Börsenkrach von 1929 der Radikalisierung der Arbeiterklasse begegnete.

Der Nichtangriffspakt zwischen Hitler und Stalin beendete das Liebäugeln der Liberalen mit der Sowjetunion abrupt. Enttäuscht über die verheerenden Niederlagen der Arbeiterklasse in Deutschland und im spanischen Bürgerkrieg wandten sich kleinbürgerliche Schichten bei Kriegsbeginn ernüchtert von revolutionären Perspektiven ab. Am 14. Dezember 1939 wurde die Sowjetunion wegen der Invasion Finnlands aus dem Völkerbund ausgeschlossen. Dieser Stimmungsumschwung ging nicht spurlos an den amerikanischen Trotzkisten vorüber.

Die Ursprünge der Socialist Workers Party gehen auf das Jahr 1928 zurück, als James P. Cannon, ein Gründungsmitglied der Kommunistischen Partei und früherer Führer der Industrial Workers of the World, Trotzkis Kritik am Programmentwurf der Komintern aus deren sechstem Kongress herausschmuggelte und veröffentlichte. In den folgenden Jahren gewannen die amerikanischen Trotzkisten beträchtlichen Einfluss unter Industriearbeitern, die sich in den 30er Jahren radikalisierten, und vermochten auch eine Reihe herausragender Intellektueller anzuziehen, die nicht bereit waren, sich mit den stalinistischen Verbrechen abzufinden. Letztere reagierten auf den politischen Druck, der nach dem Hitler-Stalin-Pakt auf ihrem sozialen Milieu lastete. Sie fanden es zunehmend schwierig, für die Verteidigung der Sowjetunion einzutreten.

Im Herbst 1939 bildete sich unter Führung Max Shachtmans, eines Gründungsmitglieds der amerikanischen trotzkistischen Bewegung, und des Philosophieprofessors James Burnham eine Fraktion. Burnham verlangte, dass die Vierte Internationale als Konsequenz aus den jüngsten Ereignissen ihr Programm ändere: Nachdem sich Stalin mit Hitler verbündet habe, sei die Sowjetunion kein Arbeiterstaat mehr und dürfe nicht mehr verteidigt werden. Trotzki widersprach dem heftig und wurde dabei von der Mehrheit der Socialist Workers Party unter ihrem Vorsitzenden James P. Cannon unterstützt. Er beharrte darauf, dass die Sowjetunion nach wie vor ein Arbeiterstaat sei, wenn auch ein degenerierter.

Der Streit über den Charakter der Sowjetunion entwickelte sich zu einem umfassenden Fraktionskampf, bei dem es um die historische Perspektive der revolutionären Arbeiterbewegung und um die Verteidigung des Marxismus ging. Es wurden ideologische Weichen gestellt, die bis in die heutige Zeit nachwirken. Ausgehend von ihrer Weigerung, die Sowjetunion zu verteidigen, entwickelten sich Burnham und Shachtman zu Stichwortgebern rechter politischer Tendenzen, die im Kalten Krieg und bis in die heutige Zeit eine wichtige Rolle spielen. Burnham wurde zu einem Ideologen der amerikanischen Rechten, Shachtman der antikommunistischen Gewerkschaftsbürokratie.

Ihre Weigerung, wegen der Verbrechen der stalinschen Bürokratie die Sowjetunion zu verteidigen, die oberflächlich betrachtet äußerst radikal und moralisch konsequent klang, lief in Wirklichkeit auf eine Kapitulation vor dem Imperialismus hinaus. Die stalinistische Bürokratie stützte sich ungeachtet ihrer reaktionären Politik nach wie vor auf die Eigentumsverhältnisse, die durch die Oktoberrevolution geschaffen worden waren - und diese galt es zu verteidigen. Burnham und Shachtman dagegen schütteten das Kind mit dem Bade aus. Aufgrund der Verbrechen der Bürokratie weigerten sie sich, die Sowjetunion zu verteidigen, und schrieben dieser Eigenschaften zu, die sie nicht besaß: Sie betrachteten die Bürokratie als neue Ausbeuterklasse, während sie in Wirklichkeit nur ein parasitäres Geschwür am Organismus des Arbeiterstaats war.

Materialistische Dialektik

Die richtige Definition der Sowjetunion erforderte eine dialektische Herangehensweise, sie konnte nicht allein vom reaktionären Charakter der regierenden Clique abgeleitet werden und schon gar nicht von einer einzelnen außenpolitischen Maßnahme wie dem Hitler-Stalin-Pakt, den Trotzki übrigens seit langem vorausgesehen hatte. Im Laufe der Auseinandersetzung sah sich Trotzki gezwungen, ausführlich auf die Frage der marxistischen Methode einzugehen.

"Wenn Burnham ein dialektischer Materialist wäre", schreibt er an einer Stelle, "hätte er die folgenden drei Fragen untersucht:

l. Welches ist der historische Ursprung der UdSSR? 2. Welche Veränderungen hat dieser Staat im Laufe seiner Existenz durchgemacht? 3. Sind diese Veränderungen von einem quantitativen Stadium in ein qualitatives übergegangen? Das heißt, haben sie die historisch notwendige Herrschaft einer neuen Ausbeuterklasse geschaffen?

Diese Fragen zu beantworten, hätte Burnham dazu gezwungen, die einzig mögliche Schlussfolgerung zu ziehen, die UdSSR ist immer noch ein degenerierter Arbeiterstaat."

Burnham, von Beruf Philosophieprofessor, lehnte die Dialektik ab. Shachtman akzeptierte sie. Aber beide schrieben, bisher habe noch niemand "... bewiesen, dass Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung mit den eher abstrakten Ideen des dialektischen Materialismus notwendigerweise die konkreten politischen Fragen von heute oder morgen berühren..."

Trotzki wandte sich entschieden gegen diesen, wie er es nannte, theoretischen Eklektizismus. "Was hat diese durch und durch erstaunliche Argumentation zu bedeuten?", schrieb er. "Weil manche Menschen mit einer schlechten Methode manchmal zu richtigen Schlussfolgerungen kommen und weil manche Menschen mit einer richtigen Methode nicht selten zu falschen Schlussfolgerungen gelangen, deswegen... ist die Methode nicht von großer Bedeutung."

Auf Shachtmans Behauptung, politische Parteien und Programme beruhten auf konkreten Streitfragen, entgegnete Trotzki: "Die Partei des Proletariats ist keine Partei wie alle anderen... Ihre Aufgabe ist die Vorbereitung einer sozialen Revolution und die Erneuerung der Menschheit auf neuen materiellen und moralischen Grundlagen. Um nicht dem Druck der bürgerlichen öffentlichen Meinung oder der Polizeirepression nachzugeben, braucht der proletarische Revolutionär, umso mehr noch ein Führer, eine klare, vorausschauende, vollkommen durchdachte Weltanschauung. Nur auf der Grundlage eines einheitlichen marxistischen Konzepts ist es möglich, an ‘konkrete’ Fragen richtig heranzugehen."

Trotzki kam immer wieder auf diese Frage zurück. Er hat zwar nie ein theoretisches Lehrbuch über den dialektischen Materialismus verfasst, aber all seine Schriften weisen ihn als Meister der marxistischen Methode aus. "Verteidigung des Marxismus" enthält lange Passagen - etwa in den Artikeln "Eine kleinbürgerliche Opposition in der Socialist Workers Party" und "Von einem Kratzer zur Gefahr von Wundbrand" -, in denen Trotzki Grundfragen der marxistischen Methode in einer anschaulichen und verständlichen Sprache erklärt. Diese Passagen gehören zum Besten, was jemals zu diesem Thema geschrieben wurde, und sind allein für sich genommen die Lektüre dieses Buches wert.

Weg nach rechts

Der politische Entwicklungsgang Shachtmans und Burnhams bestätigte Trotzkis Warnung, dass das Desertieren ins Lager der bürgerlichen Reaktion nicht selten mit der Ablehnung der Dialektik beginnt. Vor allem James Burnham, dessen Weg nach dem Bruch mit der SWP bis an den äußersten rechten Rand der amerikanischen Politik führte, sollte als antikommunistischer Ideologe weit über die amerikanischen Grenzen hinaus eine wichtige Rolle spielen.

Der Philosophieprofessor an der New Yorker Universität verließ 1940 die Socialist Workers Party, gründete mit Max Shachtman die Workers Party, trat aber bald wieder aus und entwickelte sich zu einem glühenden Antikommunisten. 1941 veröffentlichte er sein einflussreichstes Buch, "Das Regime der Manager". 1950 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des "Congress for Cultural Freedom", einer CIA-gesteuerten Organisation, die Intellektuelle für den Kalten Krieg mobilisierte. Er befürwortete einen Atomkrieg gegen die Sowjetunion und wurde führender Mitarbeiter der extrem rechten Zeitschrift "The National Review". Dort empfahl er unter anderem, schwarzen Arbeitern das Stimmrecht zu verweigern und die Atombombe über Vietnam abzuwerfen. In den achtziger Jahren verlieh Präsident Ronald Reagan Burnham die Freiheitsmedaille.

Burnhams "Das Regime der Manager" wiederholt im Wesentlichen die Ideen Bruno Rizzis, der in seinem 1939 erschienenen Buch "La Bureaucratisation du Monde" die These vertrat, ein "bürokratischer Kollektivismus" habe den Kapitalismus abgelöst, und die Bürokratie sei eine neue herrschende Klasse. Dabei stellte er die sowjetische Planwirtschaft, den italienischen Faschismus, den deutschen Nationalsozialismus und Roosevelts "New Deal" auf eine Stufe.

Trotzki hatte im Artikel "Die UdSSR im Krieg" auf diese Gleichsetzung von Faschismus und Stalinismus geantwortet: "All diese Regime weisen zweifellos gemeinsame Züge auf, die letzten Endes von den kollektivistischen Tendenzen der modernen Wirtschaft bestimmt werden ... Merkmale wie die Zentralisierung und Kollektivierung bestimmen sowohl die Politik der Revolution als auch der Konterrevolution. Aber das bedeutet auf keinen Fall, dass man Revolution, Thermidor, Faschismus und amerikanischen ‘Reformismus’ gleichsetzen kann... Mussolini und Hitler ‘koordinieren’ lediglich die Interessen der Besitzenden und ‘regeln’ die kapitalistische Wirtschaft, und noch dazu in erster Linie für Kriegszwecke. Die Kremloligarchie dagegen ist etwas ganz anderes: Sie hat nur deshalb die Möglichkeit, die Wirtschaft als Gesamtheit zu lenken, weil die Arbeiterklasse Russlands den größten Umsturz der Eigentumsverhältnisse in der Geschichte erreicht hat. Diesen Unterschied darf man nicht aus den Augen verlieren."

Burnhams Buch wirkte weit über die amerikanischen Grenzen hinaus. Die darin enthaltene Gleichsetzung von Faschismus und Stalinismus gehört bis heute zum gängigen Handwerkszeug der bürgerlichen Politik. Man findet sie auch in der Totalitarismus-Theorie von Hannah Arendt wieder, die vor allem in der Bundesrepublik nachhaltigen Einfluss ausübte.

Wie Burnham stützt sich Arendt auf äußerliche Ähnlichkeiten der beiden Regimes, ohne den unterschiedlichen historischen Ursprung, die ökonomischen Grundlagen und sozialen Wurzeln zu berücksichtigen. Das Wesen der totalen Herrschaft äußert sich als Terror, ihre zentrale Institution ist das Konzentrationslager. Eine Klassenanalyse der beiden Regimes weist Arendt, die bei Martin Heidegger und Karl Jaspers studierte, ebenso wie die Möglichkeit eines Verständnisses historischer Gesetzmäßigkeiten ausdrücklich zurück: "In diesem Sinne ist der Glaube an Kausalität in den Geschichtswissenschaften ein Aberglaube, der auch dann nicht überwunden ist, wenn man dem ‘naturwissenschaftlichen Erklären’ eines Kausalzusammenhanges das historische ‘Verstehen’ einer Entwicklung entgegenstellt. In beiden Fällen wird das eigentlich neu sich Entwickelnde... aus der Geschichte entfernt." (Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. München 1986, Seite 705)

In Frankreich erschien Burnhams "Das Regime der Manager" nach dem Krieg mit einem Vorwort von Léon Blum, dem Chef der Volksfrontregierung von 1936, und hatte großen Erfolg. "Sein Werk war in den 60er Jahren an der (politischen Eliteuniversität) Science Po obligatorischer Lesestoff und hat die französischen Eliten maßgeblich beeinflusst", schreibt ein Zeitzeuge. 1949 löste sich eine Gruppe namens "Sozialismus und Barbarei" unter Führung von Cornelius Castoriadis aus der französischen trotzkistischen Bewegung und propagierte die Schriften von Hannah Arendt und James Burnham. Zu den Mitgliedern dieser Gruppe gehörte damals auch Jean-François Lyotard, einer der führenden Vertreter des Postmodernismus.

Max Shachtmans Rechtsentwicklung verlief weniger rasant als diejenige Burnhams, aber auch sie führte stetig nach rechts. Noch fast ein ganzes Jahrzehnt lang bekannte er sich zum Sozialismus. Als dann 1950 der Koreakrieg ausbrach, unterstützten Shachtman und seine Gefolgsleute die militärische Intervention der USA. Schließlich wurde Shachtman Berater der antikommunistischen Bürokratie des amerikanischen Gewerkschaftsverbandes AFL-CIO und des US-Außenministeriums. Er unterhielt enge Verbindungen zum demokratischen Senator Henry Jackson, einem notorischen Kriegstreiber, der jeden Kompromiss mit Moskau ablehnte. Aus Jacksons Umfeld wiederum stammen zahlreiche Falken in der Regierung von George W. Bush: Paul Wolfowitz, Doug Feith, Richard Perle und Elliot Abrams, die zeitweilig hohe Stellungen im Pentagon bekleideten und maßgeblich an der Vorbereitung des Irakkriegs beteiligt waren.

Grenzen des Antikommunismus

Das Unvermögen, zwischen den fortschrittlichen historischen und gesellschaftlichen Ursprüngen der Sowjetunion und ihrem reaktionären bürokratischen Regime zu unterscheiden, entwaffnete die Masse der Bevölkerung, als Anfang der neunziger Jahre die Bürokratie mit westlicher Unterstützung dazu überging, das gesellschaftliche Eigentum zu liquidieren und kapitalistische Verhältnisse einzuführen.

Im Namen von "Freiheit" und "Demokratie" - und nicht selten gestützt auf Massenproteste, die einer echten Opposition gegen die Herrschenden entsprangen - organisierten führende Bürokraten im Bündnis mit Glücksrittern und Kriminellen den größten Raubzug der Weltgeschichte. 30-jährige Jugendfunktionäre wurden über Nacht zu Milliardären, gigantische Summen flossen ins Ausland, die soziale Infrastruktur zerfiel - ohne dass sich dagegen größerer Widerstand geregt hätte.

Die von Burnham und Shachtman mitbegründete Variante des Antikommunismus hat maßgeblich zur Desorientierung der Massen beigetragen. Sie machte sich die stalinistischen Verbrechen zunutze, um jegliche sozialistische Perspektive zu diskreditieren. Sie war nicht nur in rechten Kreisen weit verbreitet, sondern fand auch Eingang in die Gewerkschaften und in die Sozialdemokratie. Kein geringerer als Kurt Schumacher, der erste Führer der SPD nach dem Weltkrieg, hat die Kommunisten als "rotlackierte Faschisten" bezeichnet.

Doch langsam beginnen sich die Nebel zu lichten. Die Kluft zwischen Propaganda und Realität lässt sich nicht ewig überbrücken. Der Krieg im Irak und die wachsende soziale Polarisierung provozieren Widerstand, unterhöhlen die alten Organisationen und bringen Leute zum Nachdenken. Die Frage nach einer neuen politischen Perspektive stellt sich immer dringender. Sie lässt sich nicht beantworten, ohne die Erfahrungen des vergangenen Jahrhunderts zu verstehen, insbesondere die Erfahrung der Sowjetunion. Der Sozialismus ist dort nicht gescheitert, sondern durch eine korrupte Bürokratie unterdrückt und verraten worden. Die stalinistische Bürokratie hat das Programm des internationalen Sozialismus durch die nationalistische Konzeption des "Sozialismus in einem Land" ersetzt und auf der ganzen Welt revolutionäre Bestrebungen unterdrückt.

Trotzkis Schriften und das vorliegende Buch bilden einen Leitfaden, um diese Erfahrung zu verstehen und die Perspektive des wirklichen Sozialismus neu zu beleben, der die internationale Neuordnung des Wirtschaftslebens nach den menschlichen Bedürfnissen und nicht nach den Profitinteressen der Unternehmen anstrebt.

"Verteidigung des Marxismus" ist zudem eine wertvolle Einführung in die marxistische Methode. Die materialistische Dialektik ermöglicht ein lebendiges, wissenschaftliches Verständnis der Wirklichkeit in ihrer ständigen Veränderung. Sie steht in völligem Gegensatz zu den leblosen, abstrakten Schemen, in die der Stalinismus den Marxismus verwandelt hat.

Wolfgang Zimmermann

Peter Schwarz

August 2006

Siehe auch:
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