Ergebnis von sozialer Polarisierung und Militarisierung

Amoklauf und Selbstmord von Emsdetten

Von Stefan Steinberg
25. November 2006

Die Medienbilder sind noch gut in Erinnerung. Am vergangenen Montag, stürmte um halb zehn Uhr morgens ein schwer bewaffneter maskierter Achtzehnjähriger seine ehemalige Schule, die Geschwister-Scholl-Realschule im nordrhein-westfälischen Emsdetten. Er eröffnete das Feuer auf den Hausmeister, Lehrer und Schüler, warf Rauchgasbomben und nahm sich zuletzt das Leben, nachdem er über dreißig Personen verletzt hatte.

Ganz in Schwarz gekleidet betrat Bastian B. das Schulgelände. Er trug eine schwarze Sturmhaube, einen Gürtel mit mehreren Rohrbomben und Rauchgaspatronen, sowie einen Vorderlader, mehrere Pistolen und Sprengsätze. In der Schule feuerte er wild um sich. Eine Lehrerin wurde aus einer Gaspistole direkt ins Gesicht getroffen. Dem Hausmeister, der ihr zu Hilfe kommen wollte, schoss Bastian B. mit einem Gewehr in den Bauch. Er wurde später im kritischen Zustand ins Krankenhaus gefahren.

Bastian B. zielte auf mehrere Schüler, verletzte vier von ihnen. Die übrigen Verletzten, unter ihnen mehrere Polizisten, wurden Opfer der Rauchbomben, die er im Obergeschoss des Schulgebäudes zündete. Der Achtzehnjährige hatte schon vor dem 20. November in mehreren Veröffentlichungen im Internet seine Absicht angekündigt, eine solche Tat begehen zu wollen.

Der Amoklauf in Emsdetten ist die jüngste einer Reihe von Gewalttaten an deutschen Schulen in den letzten Jahren. Im November 1999 erstach ein Fünfzehnjähriger in der ostdeutschen Stadt Meißen seine Lehrerin. Im April 2002 kam es zum Amoklauf des neunzehnjährigen Robert Steinhäuser in seiner ehemaligen Schule in Erfurt. Dabei wurden siebzehn Menschen getötet: mehrere Lehrer, zwei Schüler und ein Polizist. Wenige Monate vor seinem Amoklauf war Steinhäuser vom Gutenberg-Gymnasium verwiesen worden. Das Erfurter Massaker war die bisher schlimmste Gewalttat in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg.

Nur ein Jahr später verletzte ein sechzehnjähriger Jugendlicher in der bayrischen Stadt Coburg seine Lehrerin und nahm sich anschließend das Leben. Und im Frühsommer dieses Jahres stach der sechzehnjährige Mike P. während der Eröffnungsfeier des neuen Hauptbahnhofs in Berlin mit einem Messer in der Menge wild um sich und verletzte über dreißig Personen.

Wie zu erwarten äußerten Politiker und Soziologen unisono Schock und Unverständnis über diese "unerklärliche" Untat. Schnell waren sie bei der Hand, gewalttätige Computerspiele als Hauptfaktor für Bastians Verhalten verantwortlich zu machen. Politiker aller Parteien forderten, Videospiele wie das Kriegsspiel Counterstrike verbieten zu lassen, von dem man weiß, dass Bastian B. es spielte.

Zweifellos können solche Spiele dazu beitragen, gestörte und asoziale Verhaltensweisen zu stimulieren. Die Herstellung und Vermarktung ist jedoch ein Riesengeschäft. Counterstrike und ähnliche Spiele werden millionenfach auf der ganzen Welt an Jugendliche verkauft, aber nur bei einem Bruchteil der Jugendlichen kommt es zu einem so entsetzlichen Ausrasten wie dem Amoklauf in Emsdetten.

Die Schießerei vom Montag ist eine verabscheuungswürdige und bedauerliche Tat, aber sie ist alles andere als unerklärlich.

Ein solches Verbrechen hat seine tiefere Ursache in dem schnellen sozialen Niedergang in Deutschland, der jungen Menschen die Aussicht auf ein sicheres, harmonisches und lebenswertes Leben raubt. Millionen Jugendliche werden von den etablierten politischen Parteien im Stich gelassen und ignoriert; deren Politik führt dazu, dass die Gesellschaft zerfällt und zunehmend militarisiert wird. Auch wenn sie die brutale Schießerei eines Bastian B. ablehnen, stehen sie doch vor ähnlichen Problemen wie er und erfahren wie er das tiefe Gefühl gesellschaftlicher Entfremdung, Verbitterung und Verzweiflung.

Mitschüler haben bestätigt, dass Bastian B. ein intelligenter Schüler war, der früher gute Noten erhalten hatte. Dennoch war er zunehmend von Gewalt und Töten fasziniert. Er machte seine eigene Internetsite auf, wo er Bilder von sich im Kampfanzug und mit Waffen behängt einstellte. Er hatte Bekannten gegenüber geäußert, er wolle zur Bundeswehr gehen. Gleichzeitig beschrieb er auf seiner Website mehrfach klar die Ursachen seiner wachsenden Frustration mit dem Schulsystem und mit der Gesellschaft insgesamt, die sich schließlich in einer derart explosiven Form entladen sollte.

"Das Einzige, was ich intensiv in der Schule gelernt habe, war, dass ich ein Verlierer bin", schrieb er. An anderer Stelle erklärte er: "Wozu soll ich arbeiten? Damit ich mich kaputt maloche, um mit 65 in den Ruhestand zu gehen und fünf Jahre später abzukratzen?"

Über die Atmosphäre an der Schule schrieb er: "Man musste das neueste Handy haben, die neusten Klamotten und die richtigen ‚Freunde’. Hat man sie nicht, ist man nicht wert, beachtet zu werden."

Er schloss: "Das Leben, wie es heute täglich stattfindet, ist wohl das Armseligste, was die Welt zu bieten hat."

Aus Erfahrung zog Bastian B. den Schluss, dass die Menschheit selbst schuld an der miserablen Lage sei, und deshalb bestraft werden müsse. In einer letzten Botschaft verabschiedete er sich von allen, die es ehrlich mit ihm gemeint hatten, und bat sie um Verzeihung dafür, was er tun werde. Der Brief endet mit den Worten: "Ich bin weg."

Soziale Bedingungen in Nordrhein-Westfalen

Bastian B.s Kommentare über den Mangel an Zukunft für die Arbeiterjugend in der deutschen Gesellschaft sind nicht aus der Luft gegriffen. Nach den Gewalttaten an den Schulen in Meißen und Erfurt hatten einige Kommentatoren darauf aufmerksam gemacht, dass bei solchen Ereignissen die Zerstörung der Industrie, der Mangel an vernünftigen Arbeitsplätzen und kulturellen Alternativen in weiten Teilen Ostdeutschlands seit der Wiedervereinigung von 1990 eine große Rolle spielen.

Die jüngste Debatte über das Auftauchen einer so genannten "Unterschicht" hat trotz ihres überwiegend rechten Charakters wenigstens gezeigt, dass große Teile Westdeutschlands an einem ähnlichen sozialen Niedergang leiden. Vernünftig bezahlte Arbeitsplätze weichen immer häufiger prekärer Beschäftigung.

Der jüngste Bericht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) kam aufgrund von Zahlenmaterial aus dem Jahr 2004 auf eine Schätzung von 16 Prozent Armen in Deutschland, was eine Steigerung von fast fünf Prozent seit 1999 bedeutete. Laut diesem Institut nahmen die Armen allein im Jahr 2005 noch einmal um ein halbes Prozent auf 16,5 Prozent zu. In den neuen Bundesländern waren den DIW-Forschern zufolge sogar 21,5 Prozent arm, und neueren Berichten zufolge sacken auch einige Gegenden im Westen rasch auf das Ostniveau ab.

In der Nachkriegszeit spielten die Eisen, Stahl und Kohleindustrie des Ruhrgebiets eine wichtige Rolle für das deutsche Wirtschaftswunder. In den letzten Jahrzehnten sind Hunderttausende Arbeitsplätze zerstört worden, und diese Industriezweige sind heute nur noch ein Schatten ihrer selbst. Viele NRW-Städte weisen eine hohe Arbeitslosigkeit auf und die Jugendarbeitslosigkeit beträgt über zwanzig Prozent. Angesichts dieser Lage übertrifft die Armut in vielen Regionen NRWs gewiss den im DIW-Bericht angegebenen Durchschnitt.

Einer kürzlichen Studie zufolge nehmen irreguläre, Teilzeit- und Niedriglohn-Arbeitsplätze stark zu. Arbeiter verdienen oft nur einen Euro pro Stunde und verlieren ihren Anspruch auf vernünftige Gesundheits- und Rentenversicherung. Unter dem Zwang, mehrere Jobs zu haben, um genug zum Leben zu verdienen, gehören sie zu der schnell wachsenden Armee der "Working poor", der arbeitenden Armen. Im östlichen Nordrhein-Westfalen haben solche Arbeitsstellen von 2000 bis 2005 um 34,9 Prozent zugenommen.

Junge Schulabgänger geraten besonders schnell in solche Arbeitsverhältnisse, während viele ihrer Altersgenossen unbezahlte Lehrstellen oder Studentenpraktika annehmen, in der oft vergeblichen Hoffnung, dadurch schließlich einen Vollzeitarbeitsplatz zu erhalten.

Der enorme und schnelle Niedergang der Beschäftigungsaussichten für junge Menschen ist das direkte Resultat der Gesellschaftspolitik, die die Vorgängerregierung der aktuellen Großen Koalition, die Rot-Grüne Koalition unter Gerhard Schröder und Joschka Fischer von 1998 bis 2005 eingeführt hat. Diese Regierung hat die umfassendsten und übelsten Angriffe auf den Sozialstaat in der deutschen Nachkriegsgeschichte organisiert. Bastian hatte in seinen Internettexten bekannt, Angst davor zu haben, bis zum Alter von 65 Jahren auf einem Arbeitsplatz zu arbeiten, der eine Sackgasse sei. Tatsächlich ist der jetzige Vizekanzler Franz Müntefering dabei, das Rentenalter auf 67 Jahre anzuheben.

Die Militarisierung der deutschen Gesellschaft.

Man muss heute in Deutschland nicht notwendigerweise ein Videospiel laden, um militärische Gewalt in ihrer brutalsten Form zu erleben. Wie Dutzende Millionen Europäer wurde auch die deutsche Öffentlichkeit in den letzten Jahren Zeuge zahlloser Fernsehbilder, die horrende Gewaltszenen aus dem Irak zeigen.

Erst vor kurzem haben sich Zeitungsberichte in Deutschland mit dem Fall von US-Soldaten befasst, die ein junges irakisches Mädchen vergewaltigten und das Opfer und seine Familie danach kaltblütig exekutierten. Bastian B. spielte Szenen aus dem irakischen Widerstand nach, als er sich einen Selbstmordgürtel mit Sprengsätzen umhängte, um an denen Rache zu nehmen, die er so tragisch als seine Feinde missverstand.

Gleichzeitig führt das deutsche Establishment seine eigene Debatte. In den Medien und in führenden politischen und militärischen Kreisen wird der Notwendigkeit einer stärkeren militärischen Einmischung Deutschlands in aller Welt das Wort geredet.

Am Tag der Untat von Emsdetten erschien Der Spiegel mit dem Bild eines jungen deutschen Soldaten auf der Titelseite, der in fast identischer Weise in voller militärischer Kampfmontur aufgemacht war wie Bastian B. auf seinen Bildern, die er ins Internet gestellt hatte. Die Überschrift in großen Buchstaben lautete: "Die Deutschen müssen lernen zu töten". In dem dazugehörigen Artikel ging es um den starken internationalen Druck auf Deutschland, Truppen in die umkämpften Kriegsgebiete im Süden Afghanistans zu entsenden.

Die gleiche rot-grüne Bundesregierung, die drastische Kürzungen des Sozialstaats durchsetzte und Millionen Arbeiter und Jugendliche in Armut und Ausbeutung stieß, war auch für umfangreiche militärische Einsätze Deutschlands im Ausland verantwortlich. Die Bundeswehr hat gegenwärtig mehr als 10.000 Soldaten in Afrika, dem Nahen Osten und Europa im Dienst. 56 deutsche Soldaten sind in den letzten acht Jahren bei diesen Einsätzen ums Leben gekommen, die meisten davon in Afghanistan.

Die unvermeidliche Brutalisierung dieser jungen Rekruten wurde neulich durch die Veröffentlichung von Fotos beleuchtet, auf denen deutsche Soldaten mit menschlichen Totenschädeln posierten und Oralsex mit ihnen simulierten. Einige Soldaten drapierten ihre Fahrzeuge mit Parolen und Symbolen, die denen der Nazi-Wehrmacht ähnelten.

Noch nicht zufrieden mit militärischen Interventionen auf drei Kontinenten, bereitet die Große Koalition aus CDU/CSU und SPD eine qualitative Ausweitung ihrer imperialistischen Aktivitäten im Ausland vor. Das kürzlich veröffentlichte militärische Weißbuch legte die neuen Aufgaben und Verantwortlichkeiten der Bundeswehr im 21. Jahrhundert dar.

Hinter der geheuchelten Empörung über die afghanischen Fotos und dem bekundeten Entsetzen über die Schüsse von Emsdetten bereiten Regierung und Bundeswehrführung noch schlimmere Verbrechen vor, die noch viel mehr junge Leute brutalisieren werden und die deutsche Öffentlichkeit auf Tod und Leiden in einem Ausmaß vorbereiten, wie sie es seit dem Dritten Reich nicht mehr erlebt hat.

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