Milton Friedman 1912-2006: Architekt des "Freien Marktes" und der sozialen Reaktion

Von Nick Beams
29. November 2006

Im Nachwort zur zweiten Auflage des Kapitals schrieb Karl Marx im Jahre 1873, der wissenschaftliche Charakter der bürgerlichen Wirtschaftswissenschaften sei um 1830 zuende gegangen. Zu jenem Zeitpunkt hätten die aus der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise entstandenen Klassenspannungen jeden weiteren Fortschritt unmöglich gemacht. "An die Stelle uneigennütziger Forschung trat bezahlte Klopffechterei, an die Stelle unbefangner wissenschaftlicher Untersuchung das böse Gewissen und die schlechte Absicht der Apologetik."

Der Ökonom Milton Friedman, der vergangenen Donnerstag im Alter von 94 Jahren starb, wird in einmal als klassischer Vertreter dieser Richtung angesehen werden. Tatsächlich ist seine eigene Karriere, die ihren Höhepunkt in seiner Eigenschaft als intellektueller Pate des "Freien Marktes" finden sollte, ein anschauliches Beispiel für genau diejenigen Prozesse, die Marx anspricht.

Während des Nachkriegsbooms (der uns heute wie eine Art "Goldenes Zeitalter" des Kapitalismus erscheint) stand Friedmann einigermaßen am Rande des Spektrums der bürgerlichen Ökonomie. Als er in den späten 60er Jahren das Studium der Wirtschaftswissenschaften begann, wurden Friedman und die ganze am Freien Markt orientierte "Chicagoer Schule", deren zentrale Figur er war, als Exzentriker betrachtet - wenn nicht gar als Kuriositäten. Es war die Hochzeit des Keynesianismus, der davon ausging, dass die "effektive Nachfrage" in Form von staatlicher Politik - gesteigerte Ausgaben in Zeiten von Rezession, Kürzungen in Zeiten von Wirtschaftswachstum und Expansion - das Wiederaufkommen einer Krise verhindern könne, wie sie in den 1930er Jahren den Weltkapitalismus verheert hatte.

All das war in Veränderung geraten. Der Zusammenbruch des Nachkriegsbooms in den frühen 70er Jahren, der einherging mit tiefer Rezession, hohen Inflationsraten und steigender Arbeitslosigkeit, brachte auch den Kollaps der keynesianischen Auffassungen. Diese hatten die Inflation als Gegengift zur Arbeitslosigkeit betrachtet. Jetzt traten beide gemeinsam auf und schufen das Phänomen der "Stagflation".

Das Abklingen des Booms war nicht Ausdruck eines "Versagens" des Keynesianismus. Ursächlich waren vielmehr tief reichende Widersprüche der kapitalistischen Wirtschaftsweise. Es zeigte sich, dass die Bourgeoisie der großen kapitalistischen Nationen nicht mehr in der Lage war, ihre Politik der Kompromisse weiterzuverfolgen, die auf Zugeständnissen an die Arbeiterklasse beruht hatte - das Streben nach Vollbeschäftigung und die Sicherung von Sozialstaatsmaßnahmen hatten die Zeit des Booms charakterisiert. Eine scharfe Wende musste eingeleitet werden.

Friedman lieferte für diese Neuorientierung den ideologischen Rahmen: Die Zurückweisung staatlichen Eingreifens und eine Rückkehr zu den Prinzipien des "Freien Marktes", die in den 1930er Jahren so sehr in Misskredit geraten waren. Weniger als ein Jahrzehnt nach dem Kollaps des Nachkriegsbooms war Friedmans "Exzentrik" die neue Orthodoxie - und der Keynesianismus Ketzerei.

Im Oktober 1976 verlieh die Schwedische Akademie - die spürte, dass der Wind sich gedreht hatte - Friedman den Nobelpreis. Einen Monat zuvor hatte der britische Premierminister James Callaghan in einer wichtigen Rede auf einem Parteitag der Labour-Party den neuen Konsens und seine Implikationen für die Politik so zusammengefasst:

"Früher haben wir geglaubt, der Weg aus der Rezession und zur Schaffung von Arbeitsplätzen läge in Steuersenkung und gesteigerten Staatsausgaben. Ich sage ihnen in aller Offenheit, dass dieser Weg nicht mehr existiert. Sofern er überhaupt je existierte, dann bestand er in jedem einzelnen Fall seit dem Krieg lediglich darin, der Wirtschaft eine größere Dosis Inflation zu verabreichen, die dann als nächsten Schritt eine noch höhere Arbeitslosigkeit nach sich zog."

Die Große Depression

Milton Friedman wurde im New Yorker Stadtteil Brooklyn als vierter Sohn einer aus Mitteleuropa stammenden Einwandererfamilie geboren. Später sollte er schreiben, das Einkommen der Familie sei "klein und höchst unsicher" gewesen, und die Geldnot ein ständiger Gast im Hause. Dennoch habe es stets genug zu essen gegeben, und die familiäre Atmosphäre sei warm und herzlich gewesen.

Nachdem er noch vor seinem sechzehnten Geburtstag die High School abgeschlossen hatte, gewann Friedman ein Stipendium der Universität von Rutgers, New Jersey. Ursprünglich plante er, Versicherungsmathematiker zu werden und studierte Mathematik. Doch unter dem Einfluss der Großen Depression wuchs sein Interesse an der Ökonomie. 1932 schloss er das Studium sowohl der Mathematik, als auch der Wirtschaftswissenschaften ab und erhielt zwölf Monate später den Magister der Universität Chicago. Anfangs nahm er eine Stelle beim Nationalen Ressourcenausschuss an - einer von Roosevelts New Deal geschaffenen Institution- und ging dann zur Nationalen Behörde für Wirtschaftsforschung. Bei Kriegsbeginn war er mit der Ausarbeitung der staatlichen Steuerpolitik befasst - die Quellensteuer, und damit die Grundlage der Nutzerfinanzierung, wird ihm zugeschrieben.

Nachdem ihm 1946 die Columbia University den Doktorgrad verliehen hatte, kehrte Friedman an die Universität von Chicago zurück, um dort Ökonomie zu lehren. Er blieb dort, bis er sich 1976 zur Ruhe setzte und wurde zum führenden Kopf der sogenannten Chicagoer Schule. Diese gründete sich auf die Bejahung des Freien Marktes und die Betonung der herausragenden Rolle, die der Geldmenge für den Konjunkturzyklus zukommt.

Friedman war politisch aktiv in Kreisen der Republikanischen Partei. 1964 diente er dem Präsidentschaftskandidaten und Bannerträger der republikanischen Rechten Barry Goldwater als informeller Ratgeber. Auch für Richard Nixon (1968) und Ronald Reagan (1980) arbeitete er als Berater. Als Reagan die Wahl gewann, wurde Friedman Mitglied des wirtschaftspolitischen Beraterstabes des Präsidenten und bekam 1988 die Freiheitsmedaille des Präsidenten verliehen. Im Jahr 2002 lobte George W. Bush bei einem Empfang des Weißen Hauses anlässlich von Friedmans 90. Geburtstag dessen "lebenslange Verdienste" und pries ihn als "Helden der Freiheit".

Friedmans Arbeiten zur Wirtschaftstheorie waren geprägt von der Hingabe an die sog. Geldmengentheorie. Friedman benutzte diese Theorie, deren Geschichte bis zu dem englischen Philosophen David Hume zurückreicht, um seine Gegnerschaft zur Keynesianischen Perspektive der nachfrageorientierten Politik mittels staatlicher Interventionen zu formulieren. Friedman zufolge steigen im Fall von zu großer Geldmengenerhöhung durch die Zentralbank die Preise - Inflation, so betonte er, sei stets ein monetäres Phänomen. Aufgabe der Regierung war für ihn nicht das Eingreifen in die Wirtschaft durch höhere Staatsausgaben, sondern die Sicherstellung einer ausreichenden Steigerung der Geldmenge, so dass diese dem natürlichen Wachstum zur Verfügung stünde. Die Lösung der Probleme Arbeitslosigkeit und Rezession sollte man dem Freien Markt überlassen.

Doch Friedman begriff, dass, um den Keynesianismus zu widerlegen, man den Kampf auf dessen eigenes Territorium würde tragen müssen: das der historischen und statistischen Analyse. Dies war der Hintergrund seines wichtigsten theoretischen Werkes A Monetary History of the United States 1867-1960, das er gemeinsam mit Anna Schwartz schrieb und im Jahre 1963 veröffentlichte. Mittels einer wirtschaftshistorischen Untersuchung suchten Friedman und Schwartz die entscheidende Rolle der Geldmengensteigerung für den Grad wirtschaftlicher Aktivität aufzuzeigen und dadurch die nötigen Grundlinien zukünftiger Politik zu umreißen.

In ihrer Ankündigung der Verleihung des Nobelpreises an Friedman legte die Schwedische Akademie eine besondere Betonung auf eben dieses Werk. Sie schrieb: "Am herausragendsten ist dabei vielleicht seine originelle und mit großem Elan betriebene Studie der strategischen Rolle, die die Politik der Zentralbank bei der Auslösung der Krise von 1929 sowie der Vertiefung und Verlängerung der auf sie folgenden Depression spielte."

Doch gerade eine Untersuchung der Depression der 1930er Jahre - des bedeutendsten wirtschaftlichen Ereignisses im ganzen zwanzigsten Jahrhundert - offenbart am deutlichsten den theoretischen Bankrott von Friedmans Werk. Friedman zufolge wurde durch die Politik der Zentralbank, der für die Geldmengensteigerung verantwortlichen Instituton, in den Jahren 1929-30 aus einer - an und für sich ganz normalen - Rezession ein ökonomisches Desaster.

Zunächst, stellt Friedman fest, hatte die Zentralbank fälschlicherweise im Frühjahr 1928 mit einer restriktiveren Geldpolitik begonnen und fuhr damit bis zu dem Börsencrash im Oktober 1929 fort. Dies aber geschah unter Bedingungen, die für eine Verknappung der Geldmenge nicht günstig waren: Die Wirtschaft hatte während des Jahres 1927 gerade erst damit begonnen, aus dem vorhergehenden Konjunkturzyklus hinauszutreten, die Warenpreise sanken und es gab keinerlei Anzeichen für eine Inflation. Die Zentralbank jedoch erachtete es als notwendig, den spekulativen Einsatz von Krediten an der Börse einzuschränken.

Für Friedmans lag jedoch die bedeutendste Auswirkung der Zentralbankpolitik nicht in der Auslösung der Depression, sondern in der Verursachung des Zusammenbruchs von 1931-32. Während Banken liquidiert wurden, schränkte die Zentralbank die Ausweitung der Geldmenge weiter ein und verschärfte so die Krise, anstatt Kreditaufnahmen zu erleichtern und dadurch das Finanzsystem zu stabilisieren. Alles in allem, so fanden er und Anna Schwartz heraus, verringerte sich die Geldmenge zwischen 1929 und 1933 um ein Drittel. Kritiker Friedmans haben seither aufgezeigt, dass dies ebenso sehr ein Ergebnis des Rückgangs wirtschaftlicher Aktivität war, wie seine Ursache.

Menschliche "Freiheit"

Ungeachtet derartiger Einwände diente Friedmans Analyse wichtigen politischen Zielen - sie lenkte die Aufmerksamkeit weg vom Versagen des Kapitalismus´ und des Freien Marktes, und stattdessen auf die Rolle der Regierungen. Wie Friedman in einem Interview mit dem australischen Hörfunk im Juli 1998 darlegte, war die Große Depression nicht "das Ergebnis eines Versagens des Freimarktsystems, wie dies weithin interpretiert wird", sondern "vielmehr die Konsequenz eines sehr ernsten Versagens einer Regierung und besonders die Unterlassung der Finanzbehörden, das zu tun, wozu sie ursprünglich ins Leben gerufen worden waren" - die Panik der Anleger zu verhindern.

Die augenscheinliche Frage lautete natürlich: Warum konnte die Zentralbank den Zusammenbruch nicht verhindern? Friedman zufolge war die Zentralbank durch eine Reihe von Konflikten zerrüttet, die auf den Tod des mächtigen Gouverneurs Benjamin Strong folgten. Dies verhinderte die Durchführung einer korrekten Politik.

Die Tatsache, dass eine schlechte Geldpolitik gemacht wurde", so erklärte er in einem Fernsehinterview für die Reihe First Measured Century des Senders PBS "war zum Teil das Ergebnis eines realen Ereignisses, nämlich des Todes der bestimmenden Figur des Zentralbanksystems, Daniel Strongs, im Jahre 1928... Es ist meine feste Überzeugung, dass es vielleicht nicht zur Großen Depression gekommen wäre, hätte er zwei oder drei Jahre länger gelebt."

Zu derartigen Absurditäten war Friedman sich zu versteigen bereit, um einer ernsthaften Untersuchung der Rolle des Kapitalismus´ und des Freien Marktes bei der Auslösung der größten Wirtschaftskrise der Weltgeschichte aus dem Weg zu gehen. Noch absurder war vielleicht, dass seine Analyse in akademischen Kreisen ernst genommen wurde - man begann Nachforschungen bezüglich Strongs tatsächlicher Ansichten anzustellen und versuchte herauszufinden, ob er damals anders gehandelt hätte.

Friedmans Aufstieg zum "führenden Wirtschaftswissenschaftler" hatte wenig mit dem intellektuellen oder wissenschaftlichen Wert seines Werkes zu tun. Er war vielmehr das Ergebnis seiner fortwährenden Bemühungen, die Vorzüge des "Freien Marktes" und des Privateigentums im Gegensatz zu der damals herrschenden Orthodoxie anzupreisen. Als dann die Kompromisspolitik der Nachkriegszeit zu Ende war und neue hauptamtliche Chefideologen benötigt wurden, wurde er konsequenterweise zum wichtigsten Propagandisten einer neuen Ära der sozialen Repression gemacht, die in der ungehemmten Anhäufung von Reichtum durch eine schmale Minderheit bestand - all das im Namen der menschlichen "Freiheit"

Grundlage von Friedmans Ideologie war die Annahme, dass die Freiheit des Menschen untrennbar mit dem ungehemmten Wirken des Marktes und des auf dem Privateigentum basierenden Systems zusammenhing. Der Markt war darüber hinaus nicht eine bestimmte gesellschaftliche Erscheinung, die zu einem gewissen Zeitpunkt in der Geschichte der menschlichen Gesellschaft auftritt, sondern eine zeitlose Eigenschaft des Menschen. Wie die herrschenden Klassen des feudalen Zeitalters die Priesterschaft zur Hand hatten, die ihnen die Gottgegebenheit ihres Platzes in der Stufenleiter der Gesellschaft versicherten, so versicherte Friedman den herrschenden Klassen seiner Zeit, dass die Gesellschaftsform, die sie mit Wohlstand und Privilegien überschüttete, in der Natur der menschlichen Gesellschaft selbst begründet lag.

In seinem 1962 veröffentlichten Buch Kapitalismus und Freiheit schrieb er: "Die geschichtlichen Tatsachen sprechen eine deutliche Sprache bezüglich des Verhältnisses zwischen politischer Freiheit und dem Freien Markt." In einem Vortrag aus dem Jahr 1991 entwickelt er dieses Thema weiter und setzt den Markt gleich mit allen Formen sozialer Interaktion des Menschen.

"Ein freier, privater Markt, "so Friedman, "ist ein Mechanismus zur freiwilligen Zusammenarbeit von Menschen. Er besteht in menschlicher Aktivität, nicht nur in ökonomischen Transaktionen. Wir sprechen eine Sprache. Woher kommt diese Sprache? Hat irgendeine Regierung die Sprache entworfen und den Menschen befohlen, sie zu benutzen? Gab es irgendeine Kommission zur Aufstellung der Regeln der Grammatik? Nein, die Sprache, die wir sprechen, entwickelte sich durch einen freien, privaten Markt."

Friedmans Versuch, die Entwicklung der Sprache und mithin jedes menschlichen Handelns als ein Phänomen des Marktes umzudeuten, fällt schon bei der geringsten Analyse in sich zusammen. Der Freie Markt setzt die Existenz unterschiedlicher Individuen voraus, die die Produkte ihrer eigenen Arbeit austauschen. In der Sprache jedoch tauschen die Menschen nicht ihre persönlichen Schöpfungen untereinander aus. Um zu verstehen und selbst verstanden zu werden, muss das Individuum die Sprache so erlernen, wie sie bereits von der sozialisierten Menschheit entwickelt worden ist. Friedmans Deutung ergibt in etwa soviel Sinn wie die Behauptung, einzelne chemische Elemente befänden sich in einem "Marktverhältnis", wenn sie Elektronen austauschen um ein Molekül zu bilden.

Das chilenische "Experiment"

Wenn Friedmans Dogmen über den Freien Markt auch keinen wissenschaftlichen Gehalt besaßen, so waren sie doch ungemein wertvoll im Dienste klar definierter Klasseninteressen, wie die Erfahrung in Chile anschaulich zeigen sollte

Nachdem in dem Putsch vom 11. September 1973 die demokratisch gewählte Allende-Regierung gestürzt worden war, berief der Kopf der Junta, Augusto Pinochet, Friedman und seine "Chicago-Jungs" (unter seiner Schirmherrschaft ausgebildete Ökonomen) zur Neuorganisierung der chilenischen Wirtschaft.

Unter direkter Anleitung Friedmans und seiner Anhänger begann Pinochet mit der Durchführung eines Programms "Freier Marktwirtschaft", bestehend aus wirtschaftlicher Deregulierung und Privatisierungen. Er schuf Mindestlöhne ab, beschnitt die Rechte der Gewerkschaften, privatisierte das Rentensystem, die staatlichen Industrien und die Banken, und senkte die Steuern auf Einkommen und Profite.

Das Ergebnis war eine soziale Katastrophe für die Masse der chilenischen Bevölkerung. Die Arbeitslosigkeit stieg von etwas über 9% im Jahr 1974 auf beinahe 19% ein Jahr darauf. Während der gleichen Zeit fiel die Produktion um 12,9% - ein Niedergang, der mit demjenigen der USA während der 30er Jahre vergleichbar ist.

Nach 1977 kam es zu einer gewissen Erholung, das Wirtschaftswachstum erreichte 8%. Ronald Reagan proklamierte Chile zum "Modell" für die Entwicklung der Dritten Welt, und Friedman selbst behauptete, das "chilenische Experiment" sei "dem Wirtschaftswunder in Nachkriegsdeutschland vergleichbar." 1982 überschüttete er den Diktator Pinochet mit Lob, der, wie er erklärte, "eine gänzlich freie Marktwirtschaft als eine Grundsatzangelegenheit unterstützt hat. Chile ist ein Wirtschaftswunder."

Doch die Erholung war kurzlebig. 1983 brach die Wirtschaft erneut ein, die Arbeitslosigkeit stieg zwischenzeitlich auf 34,6%. In der Fertigung sank die Produktion um 28%. Zwischen 1982 und 83 sank das Bruttoinlandprodukt um 19%. Anstatt die Freiheit zu bringen, resultierte der Freie Markt in der Anhäufung von gewaltigem Wohlstand an einem Ende der Gesellschaft - und Armut und Elend am anderen. 1970 hatten 20% der chilenischen Bevölkerung in Armut gelebt. Bis 1990, dem letzten Jahr der Militärdiktatur, war die Rate auf 40% gestiegen. Im gleichen Zeitraum waren die Reallöhne um mehr als 40% gesunken. Die Reichen dagegen wurden reicher. 1970 hatte das obere Fünftel der Gesellschaft 45% des Wohlstrandes kontrolliert, verglichen mit 7,6% in den Händen des untersten Fünftels. 1989 lag diese Verteilung bei 55% bzw. 4,4%.

Das chilenische Experiment stand als Erfahrung nicht allein. Es war lediglich die erste Demonstration dafür, dass die Entfesselung der kapitalistischen Freien Marktwirtschaft - weit davon entfernt, Freiheit zu bringen - nur mittels der organisierten Gewalt des Staates vonstatten gehen konnte.

In den Vereinigten Staaten wurde das finanzpolitische Programm der Reagan-Administration begleitet von der Zerstörung der Gewerkschaften, beginnend mit der Fluglotsengewerkschaft PATCO im Jahre 1981. Der Zentralbankchef Paul Volcker sollte später bemerken: "Die wichtigste Einzelaktion der Regierung im Kampf gegen die Inflation war der Kampf gegen den Fluglotsenstreik."

Ebenso führte in England die wirtschaftspolitische Konterrevolution unter Thatcher, die sich auf die Ideen Friedmans und seines Mentors Friedrich Hayek gründete, direkt zur Zerschlagung der Bergarbeitergewerkschaft durch das massive Eingreifen der Polizei und anderer staatlicher Kräfte während des einjährigen Streiks 1984-85.

Auch anderswo waren die gleichen Kräfte am Werk - besonders erwähnenswert ist hierbei Australien, wo das Programm von Privatisierungen, Deregulierung und Freier Marktwirtschaft mit der staatlich organisierten Unterdrückung der Arbeiterbewegung einherging, ausgeführt von den Labor-Regierungen unter Hawke und Keating von 1983 bis 1996.

Als Friedman dahingeschieden war, kam von überall her Anerkennung. Bush pries ihn als "revolutionären Denker und außergewöhnlichen Wirtschaftswissenschaftler, dessen Arbeiten halfen, die Würde und Freiheit des Menschen voranzubringen." Margaret Thatcher lobte seine Wiederbelebung der "freiheitlichen Wirtschaft" und beschrieb ihn als "intellektuellen Kämpfer für die Freiheit". US-Finanzminister Henry Paulson sagte, Friedman werde allzeit "zu den größten Ökonomen" gezählt werden. Der Nachruf der New York Times beschrieb ihn als einen "Giganten der Ökonomie", für den die Kritik an seinem Vorgehen in Chile lediglich "ein Kieselstein auf dem Weg" war. Der australische Premier Howard sprach von Friedman als einer "überragender Gestalt der Theorie der Weltwirtschaft", und ein Editorial in Rupert Murdochs Zeitung The Australian nannte ihn "den Champion der Freiheit".

Und so weiter. Es hat den Anschein, als sei den Reichen nichts so angenehm, wie die Rechtfertigung ihrer privilegierten Stellung in Begriffen der Freiheit. In zukünftigen Zeiten dagegen, unter veränderten sozialen Bedingungen und anderen politischen Umständen, wird der Name Milton Friedman einen gänzlich anderen Klang haben.

Siehe auch:
Hegel Marx Engels und die Ursprünge des Marxismus
(3. Juni 2006)
Die britische Socialist Workers Party und die Verteidigung des Nationalreformismus
( 6. August 2004)

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