Belgisches VW-Werk rund um die Uhr besetzt

25. November 2006

Das Volkswagenwerk Forest im Westen von Brüssel wird seit einer Woche rund um die Uhr besetzt. 4.000 der 5.800 Beschäftigten sind von Entlassung bedroht, da die Golf-Produktion aus dem Werk abgezogen und nach Deutschland verlagert werden soll.

Eine erste Versammlung des Betriebsrats mit dem Personaldirektor Jos Kayaerts am Donnerstag Nachmittag brachte kein neues Ergebnis: Vor einer Verwaltungsratssitzung am 15. Dezember werden keinerlei Zugeständnisse gemacht. Der belgischen Premierminister, Guy Verhofstaedt, will sich Anfang Dezember mit dem VW-Vorstand treffen.

Schon seit Wochen war bekannt, dass der Abbau von tausend Arbeitsplätzen im Raum stehe, und in der Belegschaft herrschte ziemliche Anspannung. Als dann am Freitag, dem 17. November, Abends um 20 Uhr im Radio die Nachricht vom Abzug der Golf-Produktion kam, legte die Spätschicht spontan die Arbeit nieder. Zwei Stunden später schloss sich ihnen die Nachtschicht an.

Hans Spiliers, ein langjähriger VW-Arbeiter, berichtete der WSWS am Donnerstag vor dem Werk: "Der Radiobericht war der Auslöser, darauf haben die Arbeiter spontan reagiert. Es war nicht die Gewerkschaft, die zum Streik aufrief. Seither haben sich alle geweigert, die Arbeit wieder aufzunehmen. Kein Fahrzeug wird mehr gebaut, und wir sorgen dafür, dass die fertig gestellten Wagen hier im Werk stehen bleiben. Die Direktion ist aus dem Werk verschwunden, und unsere Leute haben die Fabrik in der Hand. Das ist schon seit vergangenem Wochenende so. Seither stehen wir in Schichten von drei- bis vierhundert Mann rund um die Uhr hier. Ich glaube, wir werden noch lange, lange streiken müssen."

Die Entscheidung betrifft nicht nur 4.000 VW-Beschäftigte (3.500 Produktionsarbeiter und 500 Angestellte), sondern indirekt noch mindestens ebenso viele Beschäftigte der Zuliefererbetriebe, von denen sich viele jetzt schon mit dem Streik solidarisieren. Zwei Subunternehmer, Faurecia mit 130 Beschäftigten und Decoma mit hundert Beschäftigten, sind zurzeit ebenfalls besetzt.

Die ganze Region ist seit Jahren von Arbeitsplatzabbau betroffen: Ungefähr 300 heutige VW-Arbeiter haben früher im Renault-Werk Vilvorde im Norden von Brüssel gearbeitet, das vor nicht allzu langer Zeit geschlossen wurde. Für sie ist es schon die zweite Betriebsschließung innerhalb weniger Jahre.

VW-Brüssel ist nicht nur ein moderner und hochproduktiver Betrieb, sondern die Belegschaft ist gut organisiert und für ihre Militanz bekannt. 93 Prozent der Belegschaft sind gewerkschaftlich organisiert, im Werk sind mindestens drei Gewerkschaften vertreten: die sozialistische FGTB (Fédération générale des Travailleurs de Belgique), die liberale CGSLB (Centrale générale des Syndicats Libéraux de Belgique) und die christliche CSC (Confédération des Syndicats chrétiens).

Christian Henneuse und Jean Weemaels, zwei FGTB-Delegierte der Fabrik, gaben der WSWS ein längeres Interview. Sie sagten: "Das hier ist ein militanter Betrieb, und die Arbeiter wurden sogar schon als ‚Wirtschaftsterroristen’ verschrien. 1994 haben wir einen Monat lang für die Einführung der 35 Stundenwoche gestreikt.

Unser Werk ist das einzige, das nicht unter dem ‚Plus-Minus’-Arbeitszeit-System von VW arbeitet. Das ist ein System, das die Arbeiter unmittelbar der Nachfrage am kapitalistischen Mark unterwirft. Weil wir diesem Arbeitszeitsystem nicht zugestimmt haben, will man es uns per Gesetz aufoktroyieren."

Beide Gewerkschafter äußerten die Befürchtung, Volkswagen plane die gut organisierte Belegschaft loszuwerden, um später unter schlechteren Bedingungen, mit unorganisierten Kräften und Zeitarbeitern, eine neue Produktion wieder aufzunehmen. Bei Ford in Genk sei es vor wenigen Jahren genau so gegangen.

Auf die Frage nach der Rolle der IG Metall berichteten die beiden FGTB-Delegierten, dass an diesem Donnerstag drei Kollegen von der IG Metall das Werk besucht hätten. Sie seien aus drei verschiedenen VW-Werken gekommen - Braunschweig, Kassel und Salzgitter. Zwei waren Vertrauenskörperleiter ihrer Fabriken, der dritte Betriebsratsmitglied. "Diese Leute haben uns erklärt, dass auch die Belegschaften in Deutschland mit der Drohung von Produktionsverlagerung konfrontiert seien und Lohnopfer und Produktionssteigerung hinnehmen müssten."

Die deutschen IG-Metaller hätten versprochen, ihre Belegschaften zu informieren und die Basis zu mobilisieren. Sie hätten hoch und heilig versprochen, auf keinen Fall hinzunehmen, dass es in Brüssel zu betriebsbedingten Kündigungen kommt. "Die Botschaft der IG Metaller lautete, sie hätten bei ihren eigenen Tarifverträgen als Bedingung ausgehandelt, dass keine weiteren Werke in Europa benachteiligt werden dürften. Das war das erste, was sie uns sagten."

Henneuse und Weemaels berichteten aber auch, dass der Betriebsrat bisher vor allem nach Wegen suche, wie die geplanten Entlassungen sozial abzufedern seien, was darauf hindeutet, dass der Abbau der 4.000 Arbeitsplätze von gewerkschaftlicher Seite aus schon weitgehend akzeptiert wird. Konkret werde vom Betriebsrat im Moment die Gehaltszahlung während des Streiks bis zum 15. Dezember gefordert.

Der Volkswagen-Vorstand fordere rigoros den Stellenabbau. Produktionsvorstand Dr. Reinhard Jung habe sich völlig unmissverständlich ausgedrückt und eindeutig die Zahl von 4.000 Stellenstreichungen genannt. Dr. Bernhard habe sogar den Betrieb in Brüssel kategorisch schließen wollen.

Die beiden Delegierten beschwerten sich über die Rolle der Zeitungen: "Die Presse bringt nur Interviews mit Arbeitern, die bereit sind, den Arbeitsplatz gegen eine finanzielle Abfindung aufzugeben. Die Zeitungen versuchen, die Leute zu demoralisieren, sie bringen immer nur heulende Arbeiter. Dabei ist die Belegschaft in Wirklichkeit sehr kampfbereit."

Letzteres wird uns von den Arbeitern vor dem Volkswagenwerk klar bestätigt. Kampflos wollen sie den Verlust ihrer Existenzen keinesfalls hinnehmen. Nach einer Betriebsversammlung am Dienstag, auf der sie offiziell über den geplanten Abbau informiert worden waren, hatte die Belegschaft den Werkschutz und zwei Zivilpolizisten aus dem Gebäude vertrieben. Die Situation spitzte sich vorübergehend zu, als die Arbeiter eine Durchgangsstraße besetzten und die Polizei in einer Seitenstraße Hundertschaften und Wasserwerfer postierte.

Viele Arbeiter erklärten uns, warum sie nicht nachgeben wollen:

Alain Luystermans, der seit 28 Jahren bei VW Brüssel arbeitet, sagt: "Wir haben alles stillgelegt. Nur wenn wir solidarisch sind, können wir etwas verändern. Heute trifft es uns, morgen kann es genauso jemand anderen treffen. Das Großkapital kassiert hier die Subventionen und geht woanders hin, um auch dort zu kassieren. Das Maß ist voll. Aber die Politiker sind ebenfalls verantwortlich, sowohl in Belgien wie in ganz Europa.

Anstatt ein Europa für die Menschen aufzubauen, ist dies einzig und allein ein Europa des Kapitals. Man muss eine Zukunft schaffen, nicht nur für uns, sondern auch für die Generationen, die nach uns kommen."

Nach den europäischen Gewerkschaften gefragt, antwortet Luystermans: "Die heutigen europäischen Gewerkschaften sind nichts als Marionetten. Auf der sozialen Ebene wird nichts gemacht, das ist ein großes Problem."

Er fügt hinzu: "Es ist höchste Zeit, dass alle aufwachen und politisch werden. Es ist nie zu spät, aber jetzt ist es wirklich Zeit." Er verweist auf den Krieg im Irak und sagt: "Das ist ein Krieg des Kapitals, Generationen werden darunter leiden. Die einfachen Menschen wollen das nicht. Das ist auch ein Grund, warum ich hier stehe. Ich stehe auch für sie hier, nicht nur für mich."

Ibisi Ramadan, ein arabischer Arbeiter, der seit fünf Jahren am Montageband arbeitet, weist auf die schlechte Lage auf dem Arbeitsmarkt hin: "Die politische Lage ist für die Arbeiter zur Zeit sehr schlecht, zu viele sind arbeitslos. In Belgien gibt es zwölf Prozent Arbeitslose. Jetzt sollen noch 4.000 Arbeiter mehr hinzukommen - die finden doch nichts anderes mehr. Viele haben doch Familien, die sie ernähren müssen. Im Moment sind die Gewerkschaften ja sehr aktiv, aber ich weiß nicht, ob man darauf vertrauen kann. Ich habe keine Ahnung, wie es weitergeht. Es ist ein Problem des Kapitalismus."

Jesu Manchego, ein älterer spanischer Arbeiter, war fast dreißig Jahre bei VW und ist heute Rentner. Er berichtet: "Als VW 1972 hier den Betrieb aufnahm, kamen viele spanische Arbeiter hierher, die vorher in den Gruben beschäftigt waren. Es war die Zeit großer Grubenschließungen. Ich selbst habe nicht im Bergbau gearbeitet, aber ein Bruder von mir. Ich habe direkt bei VW angefangen.

Volkswagen hat damals das Brüsseler Werk D’Ieteren gekauft, wo vorher schon der Käfer für Volkswagen gebaut wurde. Wir waren damals jung und haben überall gearbeitet, und VW war für uns besser als die Gruben: Die Arbeit unter Tage ist unmenschlich. Es gab immer viele Unfälle - wie gerade heute wieder in Polen. Damals gab es ein großes Grubenunglück in Belgien, in Charleroi.

Wenn hier der Golf abgezogen wird, kommt das einer Schließung gleich. Von der zweiten Schiene allein kann das Werk nicht leben."

Eddy de Martelaere, erklärt: "Hier sind 4.000 Personen betroffen, und es gibt keine andere Arbeit. Wir stehen hier, um die Arbeitsplätze zu verteidigen. Wir sind ja mit vielen Versprechungen einverstanden, die man uns jetzt macht, aber werden sie auch eingehalten? Es gibt hier gute, eingespielte Montageketten - und doch wird hier praktisch das ganze Werk geschlossen. Damit spielt man nur in die Hände der Chauvinisten, wie zum Beispiel von Vlaams Belang. Das sind extrem nationalistische Gruppierungen, ich bin vollkommen dagegen.

Das Kapital agiert ja international. Das Kapital spielt uns gegenseitig aus. Sobald die Nachricht über die Entlassungen bei VW Brüssel bekannt wurde, sind die VW-Aktien massiv in die Höhe geschossen."

Eddy berichtet von dem Besuch der drei IG-Metaller: "In Deutschland ist die IG Metall doch sehr stark: Es ist eine Einheitsgewerkschaft, während wir hier in drei verschiedenen Gewerkschaften organisiert sind. Die drei IG-Metall-Delegierten, die hierher gekommen sind, haben uns erklärt, dass es nicht ihr Fehler sei. Jetzt warten wir auf ein positives Signal aus Deutschland, um die Arbeitsplätze gemeinsam zu verteidigen. Darauf hoffen wir."

Am 2. Dezember wird in Brüssel eine internationale Gewerkschaftsdemonstration gegen Arbeitsplatzabbau stattfinden, an der die Metallarbeiter mit Zulieferbelegschaften gegen die VW-Pläne protestieren wollen.

Siehe auch:
Streik und Besetzung bei VW in Belgien
(23. November 2006)
Volkswagen: Mehr Arbeit - weniger Geld
( 4. Oktober 2006)

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