Stoppt die Zerschlagung von Chrysler!

Für Arbeiterkontrolle und Gemeineigentum in der Autoindustrie!

Von der Redaktion
29. März 2007

Die Vernichtung von 13.000 Arbeitsplätzen bei Chrysler in den USA und Kanada und der drohende Ausverkauf des 82 Jahre alten Automobilunternehmens ist der bisher letzte in einer ganzen Reihe von Angriffen auf die Arbeitsplätze und den Lebensstandard der Automobilarbeiter in den USA und international.

Die Fabrikschließungen und Massenentlassungen bedeuten, dass man Tausenden von Arbeitern und ihren Familien das Einkommen nimmt, und dass sie ihre Krankenversicherung und ihre Renten verlieren. Städte wie Detroit, St. Louis, Newark, Delaware und Windsor, Ontario, - die schon von Jahren industriellen Niedergangs gezeichnet sind - werden noch weiter verwüstet, da die Firmen, die von Chrysler abhängig sind, schließen und Schulen sowie andere öffentliche Einrichtungen Millionen an Steuereinnahmen verlieren.

Diese soziale Katastrophe, die auf die Vernichtung von fast 100.000 nordamerikanischen Arbeitsplätzen durch GM, Ford und den Teilezulieferer Delphi im letzten Jahr folgt, ist eine Anklage gegen das gesamte kapitalistische Profitsystem. Es ist nicht in der Lage, die grundlegendsten Bedürfnisse der arbeitenden Menschen, deren Arbeit den Reichtum der Gesellschaft schafft, zu befriedigen.

Die Arbeiter bei Chrysler sind nicht verantwortlich für die Unternehmensentscheidungen, die zu dieser Katastrophe geführt haben. Dennoch zahlen sie den Preis dafür, in Form von Verlust ihrer Wohnungen und zerbrochenen Familien, während die Bosse und großen Investoren, die das Unternehmen in den Sand gesetzt haben, Millionen, wenn nicht Milliarden, mit dem Gesundschrumpfen und der Zerschlagung der Firma machen.

Die Wall Street-Investmentbank JPMorgan Chase verteilt schon ein Prospekt an potentielle Käufer, die an den wertvollsten Anlagen interessiert sind. Außer US-amerikanischen und internationalen Automobilfirmen gibt es unter den möglichen Aufkäufern mehrere private Kapitalgesellschaften - bei einigen stehen an deren Spitze ehemalige Vorsitzende von Chrysler -, die voraussichtlich die Firmen-Krankenversorgung und -Rentenversicherung abschaffen und die Löhne drastisch kürzen würden, bevor sie die Firma mit einem riesigen Aufschlag weiter verkaufen.

Was für eine Demokratie ist das, die erlaubt, dass das Schicksal von Millionen Menschen von einer Handvoll Geschäftsführern und Bankiers entschieden wird, die nur daran interessiert sind, den Wert ihrer Finanzanlagen zu erhöhen? Die große Masse der Bevölkerung hat absolut kein Mitspracherecht bei Entscheidungen, die ihr Leben zerstören.

Die Arbeiter von Chrysler sollten "nein" sagen zu den Massenentlassungen und Fabrikschließungen und den Plan von Firmenleitung und Gewerkschaften zurückweisen, den Weg dorthin mit lächerlichen Abfindungen zu ebnen. Die Arbeiter in den USA und Kanada müssen einen gemeinsamen Kampf führen, um die Demontage des Unternehmens zu beenden und das Recht auf eine anständige Bezahlung und einen sicheren Job zu verteidigen

Arbeiterkomitees müssen den Kampf anführen

Komitees aus Arbeitern und Angestellten sollten gebildet werden - unabhängig von den Handlangerorganisationen der Firma, der United Auto Workers- und der Canadian Auto Workers-Gewerkschaft - um Streiks, Fabrikbesetzungen, Massenveranstaltungen und Demonstrationen zu organisieren. Das muss Teil einer breiten Kampagne sein, die Unterstützung aller arbeitenden und jungen Menschen in den Städten zu gewinnen, die von Fabrikschließungen und Entlassungen betroffen sein werden, und die Arbeiterklasse überall in Nordamerika und international zu vereinen.

Die einzige Antwortung auf die Zerstörung von Chrysler besteht darin, Chrysler und die gesamte Automobilindustrie in ein öffentliches Unternehmen zu verwandeln, demokratisch kontrolliert von den Autoarbeitern und der arbeitenden Bevölkerung insgesamt.

Die Arbeiter von Chrysler kennen die komplexen Firmenabläufen und sind in der Lage, mit der Unterstützung von ausgebildeten Ingenieuren und anderen Fachleuten, die dem Gemeinwohl verpflichtet sind, Chrysler effizienter zu leiten, als die Firmenbosse. Die Arbeiter sollten das Argument zurückweisen, dass die kapitalistische Klasse ein heiliges "Recht" besitzt, die industriellen und finanziellen Reichtümer der modernen Massengesellschaft zu kontrollieren.

Die Eigentümer von Chrysler haben jegliches Recht verwirkt, die Firma zu leiten. Seit Jahren haben sie das langfristige Wohlergehen des Unternehmens geopfert, um die kurzfristigen Gewinne zu maximieren, die an die oberen Führungskräfte und die großen Investoren gegangen sind. Sie haben die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens untergraben, indem sie sich auf Benzin fressende Fahrzeuge konzentriert haben, die größere Profite pro Stück einbrachten. Ohne einen umfassenden und öffentlichen Rechenschaftsbericht ist es unmöglich herauszufinden, wie viel Geld auf Grund der Inkompetenz, Gier und Dummheit der Firmenbosse verschwendet wurde. Und das gilt nicht nur für die Automobilunternehmen, sondern für jeden Zweig der Wirtschaft, wo die leitenden Angestellten sich regelmäßig mit Gehältern in Höhe von mehreren Millionen belohnen - eine Form der Plünderung der Gesellschaft, die von den Medien als notwendiger Preis dafür verteidigt wird, um die "Besten und Klügsten" zu gewinnen!

Für Industrie-Demokratie und Arbeiterkontrolle

Der erste Schritt zur Verteidigung der Interessen der arbeitenden Menschen besteht darin, die demokratische Kontrolle über alle wirtschaftlichen Entscheidungen herzustellen, die die Arbeitsbedingungen, die Sicherheit, die Löhne, die Einstellungen und die Arbeitszeit betreffen. Diese Entscheidungen sollten nicht von den wenigen Reichen getroffen werden, sondern von Komitees der Fabrikarbeiter, Techniker und anderen Fachleuten, die den Interessen der arbeitenden Menschen verpflichtet sind.

Die Herstellung von Wirtschaftsdemokratie erfordert die Öffnung der Bücher aller Unternehmen zur Prüfung durch die Arbeiter und die Bestätigung der Firmenführung durch eine demokratische Abstimmung aller Beschäftigten.

Die globale Autoindustrie veranschaulicht den anarchischen und irrationalen Charakter des kapitalistischen Profitsystems. Die gewaltigen Produktivitätssteigerungen der Arbeit - angetrieben durch die Fortschritte in Wissenschaft und Technologie, wie z.B. die Robotertechnik, die Computerisierung und die Satellitenkommunikation - und die globale Integration der Automobilherstellung sollten es einfacher machen, den Millionen von Arbeitern, die Autos herstellen, einen guten Lebensstandard zu garantieren.

Stattdessen haben diese Fortschritte zu einer Überproduktion auf den Welt-Automobilmärkten geführt, die noch durch die Tatsache verschlimmert wird, dass die große Mehrheit der Weltbevölkerung zu arm ist, um sich ein Auto leisten zu können. Um ihre Konkurrenten zu schlagen und den größten Anteil am Profit an sich zu reißen, verfolgen die globalen Automobilkonzerne eine skrupellose Strategie, um die Arbeitskosten zu senken, indem sie Fabriken schließen, Arbeitsplätze vernichten, die Arbeitshetze erhöhen und die Produktion in Niedriglohn-Länder verlagern.

Eine neueste Untersuchung des Analyse-Unternehmens für den Automobilmarkt Harbour-Felax klagt darüber, dass die US-Automobilfirmen im Vergleich zu japanischen Firmen, die gewerkschaftsfreie Fabriken in Amerika unterhalten, einen Profitnachteil von durchschnittlich 2400 Dollar pro Fahrzeug haben. Das liege an Krankenkassenbeiträgen und Zusatzbeiträgen zur Arbeitslosenversicherung und "scharfen Bestimmungen der Arbeitsordnung, Pausenzeiten am Fließband, unkontrolliertem Blaumachen sowie der hohen Zahl an Urlaubstagen und bezahlten Feiertagen".

GM und Ford haben deutlich gemacht, dass sie die Drohung mit weiteren Fabrikschließungen und Massenentlassungen benutzen werden, um bei den bevorstehenden nationalen Tarifverhandlungen beispiellose Angriffe durchzusetzen, darunter möglicherweise eine 20-prozentige Lohnkürzung, dramatische Kürzungen bei der Krankenversorgung und den Renten und Abschaffung jeglicher Art von Einkommenssicherung für entlassene Arbeiter.

Zehntausende ältere Arbeiter, die aus den Fabriken gedrängt werden, werden von jungen Arbeitern ersetzt werden, die nur einen Bruchteil der Löhne erhalten, keinen Arbeitsschutz in der Produktion genießen und ständig von Kündigung bedroht sind. Das gilt nicht nur für Fließbandarbeiter, sondern auch für Ingenieure, Konstrukteure, Führungskräfte und andere Büroangestellte.

Niedrige Profitraten haben die US-Autoindustrie schon vor längerer Zeit zu einer unattraktiven Wahl für große Investoren gemacht. Deshalb fordert die Wall Street einen vollständigen Strukturwandel der Industrie, um sie auf eine Profitrate mit einer "Anlagebonität" von 10 bis 15 Prozent anzuheben, was das Vier- bis Sechsfache des gegenwärtigen Durchschnitts bedeutet!

Bruch mit den Demokraten

Der Kampf zur Verteidigung der Arbeitsplätze ist nicht nur ein Kampf gegen einen Arbeitgeber, sondern vielmehr ein Kampf gegen die gesamte wirtschaftliche und politische Ordnung der USA.

Die Demokratische Partei, die vorgibt, eine Partei des Arbeiters zu sein, hat noch nicht einmal in Worten gegen die Angriffe auf die Chrysler-Arbeiter protestiert. Nicht ein einziger führender Kandidat der Demokraten für die Präsidentschaftswahl 2008 -Hillary Clinton, Barack Obama, John Edwards - hat irgendetwas vorgeschlagen, um die Arbeitsplätze und den Lebensunterhalt der Arbeiter und ihrer Familien zu verteidigen.

Jennifer Granholm, die demokratische Gouverneurin von Michigan -Heimat von 26.000 Chrysler-Arbeitern - nannte die Stellenverluste bedauerlich aber "marktorientiert". Wenn sie sich überhaupt äußern, dann wiederholen die Demokraten den reaktionären Chauvinismus der United Auto Workers (UAW)-Bürokratie und behaupten, die Arbeiter in den asiatischen und europäischen Autokonzernen "stehlen amerikanische Arbeitsplätze".

Die Arbeiter müssen dieses nationalistische Gift zurückweisen. Es dient nur dazu, die Arbeiterklasse zu spalten und zu schwächen und in einem Unterbietungswettkampf gegeneinander auszuspielen. In jedem Land sind die Arbeiter mit dem Angriff der global organisierten Unternehmen konfrontiert. Sie müssen darauf reagieren, indem sie ihren Widerstand in internationalem Maßstab und auf einer prinzipiellen Grundlage organisieren. Die Arbeitsplätze und Löhne aller Arbeiter müssen unabhängig von ihrer Nationalität verteidigt werden.

Das bedeutet, eine sozialistische Politik zu verfolgen, die die Arbeitsplätze und den Lebensstandard der Arbeiter überall auf der Welt über die Profite und den persönlichen Reichtum der Finanzeliten stellt. Die massive Konzentration von Reichtum an der Spitze muss bekämpft, das Privateigentum an den Produktionsmitteln durch gesellschaftliches Eigentum ersetzt, sowie die Anarchie des Marktes durch Einführung einer Wirtschaftsplanung beendet werden.

Ein derartiger Kampf erfordert einen vollständigen und unwiderruflichen Bruch mit der Demokratischen Partei und den Aufbau einer sozialistischen Massenpartei.

Der Bankrott der Gewerkschaften

Der Präsident der United Auto Workers-Gewerkschaft Ron Gettelfinger - der im Aufsichtsrat von DaimlerChrysler sitzt - hat klar gemacht, dass die UAW nichts unternehmen wird, um die Arbeitsplätze der Autoarbeiter zu verteidigen. Sie bietet ihre Dienste an, um das Ausscheiden von Tausenden weiterer Arbeiter zu erleichtern. So wie sie es in den letzten drei Jahrzehnten bei allen drei großen US-Automobilkonzernen getan hat.

Die UAW-Politik der Zusammenarbeit mit dem Management begann so richtig, als Chrysler 1979-80 vor dem Bankrott stand. Die Gewerkschaft lehnte jeglichen Kampf gegen die Lohnkürzungen des Unternehmens ab und erklärte den Arbeitern, Zugeständnisse seien der einzige Weg, die Rentabilität der Firma wiederherzustellen und die Zukunft zu sichern.

Der Chrysler-Vorstandsvorsitzende Lee Iacocca berief den UAW-Prasidenten Douglas Fraser in den Aufsichtsrat, wo Fraser mithalf, eine Gesamteinsparung von 1,1 Milliarden Dollar durch Zugeständnisse der Arbeiter durchzusetzen - das sind fast 10.000 Dollar pro Arbeiter - und im Verlauf der nächsten Jahre 65.000 Arbeitsplätze zu vernichten.

Die Behauptung, die Arbeiter könnten ihre Arbeitsplätze durch Zugeständnisse retten, hat sich als massive Lüge herausgestellt. Die einzigen, die von dieser Politik profitiert haben, sind die obersten Führungskräfte, die großen Investoren und die UAW-Bürokraten selbst.

Zum Ende dieses Jahres wird es nur noch 46.000 UAW-Mitglieder bei Chrysler geben, im Vergleich zu 110.000 im Jahr 1979. Alles in allem wird sich die Zahl gewerkschaftlich organisierter Arbeitern im Vergleich zu 1979 um gigantische 76 Prozent verringert haben - von 750.000 auf 177.000.

Die UAW hat ihren Mitgliedern schon mitgeteilt, dass sie bei den bevorstehenden Abschlüssen mit "Opfern rechnen" müssen. Außerdem hat sie jede Menge örtliche "moderne Betriebsabschlüsse" unterschrieben, mit denen langjährige Jobgarantien außer Kraft gesetzt werden, die es dem Management erlauben, UAW-Arbeiter durch neu eingestellte Arbeiter zur Hälfte der Löhne einzustellen und UAW-"Teamleiter" anzuwerben, um Arbeitshetze und Disziplinarmaßnahmen gegen ihre Kollegen durchzusetzen.

Als Gegenleistung erwartet die UAW-Bürokratie weitere Vergünstigungen. Das Wall Street Journal berichtete, dass die Autokonzerne erwägen, die Aufsicht über ihre Mutimillionen-Dollar-Pensionskassen an die Gewerkschaften zu übergeben. Das würde der UAW-Bürokratie einen massiven Einkommenszuwachs bescheren, die dann für die Kürzung der Bezüge für eine Million Rentner und ihre Angehörigen verantwortlich wäre.

Ein Kampf zur Verteidigung der Arbeitsplätze ist nur möglich, wenn er unabhängig von der unternehmerfreundlichen UAW geführt wird. Neue Kampforganisationen müssen aufgebaut werden - Organisationen die wirklich demokratisch und den Interessen der Arbeiter verpflichtet sind. Vor allen Dingen müssen sich die Automobilarbeiter einem politischen Kampf zum Aufbau einer unabhängigen Massenpartei der Arbeiterklasse zuwenden. Das ist die Perspektive der Socialist Equality Party.

Wir rufen alle Chrysler-Arbeiter und diejenigen, die ihren Kampf unterstützen, dazu auf, diese Perspektive zu diskutieren und mit der Redaktion der World Socialist Web Site Kontakt aufzunehmen.

Siehe auch:
Chrysler streicht in Nordamerika 13.000 Stellen
(17. Februar 2007)
Volkswagen Brüssel-Forest: Stimmt gegen den Ausverkauf der Gewerkschaften und Betriebsräte!
( 5. Januar 2007)
Einige Lehren aus Detroit
( 23. Juli 2004)