US-Automobilarbeitergewerkschaft zu massiven Zugeständnissen bereit

Von Shannon Jones
23. März 2007

In den Vereinigten Staaten drohen die Automobilhersteller mit weiterem Arbeitsplatzabbau. In dieser Situation bereitet sich die amerikanische Automobilarbeitergewerkschaft United Auto Workers (UAW) darauf vor, im Interesse der Unternehmen eine Reihe von beispiellosen Zugeständnissen durchzusetzen.

Die Krise in der US-Autoindustrie zeigte sich erst jüngst wieder in den angekündigten Rekordverlusten beim Hersteller Ford. Insgesamt sind allein im vergangenen Jahr mehr als 100.000 Arbeitsplätze bei General Motors, Ford, Chrysler und dem Zulieferer Delphi verloren gegangen. Da die Tarifvereinbarung im September ausläuft, drohen die Autounternehmen mit weiterem Arbeitsplatzabbau, um generell und langfristig schlechtere Arbeitsbedingungen für die Belegschaften durchzusetzen.

Im Wall Street Journal vom 2. März findet sich dazu ein Artikel mit der Überschrift: "Bei der verzweifelten Suche nach Einsparmöglichkeiten kommt die Gewerkschaft Ford zu Hilfe". Darin heißt es, dass die Gewerkschaftsvertreter in 33 Fordwerken "innerbetrieblichen Vereinbarungen für Wettbewerbsfähigkeit" zugestimmt haben, mit denen im gesamten Unternehmen die Kosten gesenkt werden sollen.

Weiter berichtet die Zeitung: "Tausende UAW-Mitglieder akzeptierten den Übergang zu 10-Stunden-Schichten an vier aufeinander folgenden Tagen, die auch am Wochenende liegen können, ohne dass dabei Überstunden angerechnet werden. In einem Motorenwerk in der Stadt Lima im Bundesstaat Ohio sind einige Gewerkschafter bereit, für eine Zulage von 50 Cent pro Stunde leitende Funktionen zu übernehmen. Andernorts sind lang unangefochtene Regelungen zur Länge der Betriebszugehörigkeit außer Kraft gesetzt und Arbeitsaufgaben erweitert worden."

Die Gewerkschaftsvertreter im großen Fordwerk in Dearborn im Bundesstaat Michigan haben einer neuen Arbeitsregelung zugestimmt, die dem Konzern die Einstellung von nicht gewerkschaftlich organisierten Arbeitern erlaubt. Diese erhalten nur die Hälfte des üblichen Lohns, führen aber gleichzeitig Arbeiten aus, die zuvor von gewerkschaftlich organisierten Kollegen erledigt wurden. Die UAW sorgt allerdings dafür, dass ihre eigenen Einnahmen erhalten bleiben. Während sie Ford erlaubt, 100 bis 150 Arbeitsplätze auszulagern, vereinbarte sie gleichzeitig, dass die Gewerkschaft die Arbeiter aufnehmen kann, die nur einen Bruchteil dessen verdienen, was die UAW-Mitglieder in derselben Fabrik an Lohn erhalten, und die auch in Bezug auf sonstige Leistungen schlechter gestellt sind als ihre Kollegen.

Ford brüstet sich damit, dass die Vereinbarung eine Ersparnis von 70 Millionen Dollar für das Unternehmen bedeutet. Kein anderes Werk kann Einsparungen in dieser Höhe vorweisen.

Die im Motorenwerk in Lima getroffene Vereinbarung, leitende Posten mit Arbeitern zu besetzen, die Stundenlohn erhalten, hat dazu geführt, dass das Unternehmen die Zahl seiner Angestellten mit Festgehalt von 280 auf 90 reduzieren konnte. Durch die Regelung spart Ford Schätzungen zufolge 27 Millionen Dollar pro Jahr.

Im bereits erwähnten Artikel aus dem Wall Street Journal heißt es dazu: "Die Aufsicht führenden Gewerkschafter nennen sich 'Gruppenleiter' und arbeiten in einem Rahmen, der von japanischer Fließbandarbeit abgeguckt ist. Die Gruppenleiter beaufsichtigen acht bis zwölf Arbeiter und benutzen große elektronische Anzeigetafeln über ihren Köpfen, um das jeweilige Tagesziel in der Motorenmontage vorzugeben. Wird die Geschwindigkeit erhöht oder gedrosselt - "neu ausbalanciert", wie man bei Ford sagt - so liegt die Entscheidung bei den Gewerkschaftern und nicht länger bei Ingenieuren, deren Jahresgehalt bei etwa 60.000 Dollar lag."

Die Verwandlung von Gewerkschaftern in Vorarbeiter ist das logische Ergebnis der Zusammenarbeit zwischen Arbeitervertretern und Unternehmensführung, die seit Langem von der UAW verfolgt wird. Um die Vorgaben des Managements durchzusetzen, hat die Gewerkschaftsbürokratie alles daran gesetzt, die militanten Traditionen der Automobilarbeiter vergessen zu machen und die Illusion zu verbreiten, dass die Arbeiter keine der Unternehmensführung entgegen gesetzten Interessen haben.

Das Wall Street Journal beschreibt, wie ein ehemaliger Bandarbeiter zunächst zögernd die Aufsicht übernahm und nun elf andere Arbeiter anleitet, wobei er auch die Urlaubseinteilung vornimmt, die Qualität der Arbeit prüft und die Produktion beaufsichtigt. "Ich stehe hinter dem Unternehmen", erklärt er der Zeitung.

Angesichts der Kostenersparnis bei Ford fordert General Motors nun von der Gewerkschaft, dass sie dort ähnliche Änderungen der Arbeitsregeln hinnimmt. Zu den Zielen des Unternehmens gehört es, die Zahl der besser entlohnten Arbeitsplätze zu reduzieren, die derzeit 23 Prozent der Belegschaft ausmachen. Eine Verringerung des Anteils an ausgebildeten Arbeitern auf zehn Prozent würde eine erhebliche Kostensenkung mit sich bringen.

Der UAW-Vorsitzende Ron Gettelfinger hat deutlich gemacht, dass die Gewerkschaft zu massiven Zugeständnissen gegenüber den drei großen amerikanischen Automobilherstellern bereit ist. Ein wichtiges Ziel der Autounternehmen besteht darin, nicht länger die Gesundheitskosten für ihre pensionierten Arbeiter und Angestellten übernehmen zu müssen. Die UAW stimmt bereits einer bedeutenden Kürzung bei der Krankenversicherung der Rentner zu und verlangt erstmals von den ehemaligen Arbeitern, dass sie einen Teil ihrer Gesundheitskosten selbst tragen sollen.

Die jüngste Kürzungsrunde bei den Krankenversicherungen, die erhebliche Unruhe unter den einfachen Gewerkschaftsmitgliedern hervorrief, erfüllte aber keineswegs das Ziel der Unternehmensleitungen, die eben jene Bedingungen anstreben, wie sie beispielsweise bei der japanischen und anderen überseeischen Konkurrenz in den nicht gewerkschaftlich organisierten Werken im Süden der USA herrschen. Eine neuere Studie der Consulting-Gesellschaft Harbour-Felax mit dem Titel "Automotive Competitive Challenges - Going Beyond Lean" verurteilt die "zahlreichen strukturellen, kulturellen und philosophischen Hindernisse", die nach Angaben des Unternehmens den Gewinn pro Fahrzeug um durchschnittlich 2.400 Dollar zu Ungunsten der US-Autohersteller reduzieren, die sich gegen die japanische Konkurrenz und die nicht gewerkschaftlich organisierten Betriebe in den Südstaaten durchsetzen müssen.

Die Studie beklagt "die gewaltigen Gesundheitskosten für Arbeiter und Pensionäre" sowie andere "Probleme" wie die zusätzliche Arbeitslosenversicherung, die entlassenen Arbeitern eine Einkommensfortzahlung garantiert. Zudem verlangt die Studie von der UAW einen Beitrag, um "restriktive Arbeitsregelungen, Pausen bei der Fließbandarbeit, unkontrollierte Abwesenheit, Urlaubsansprüche und bezahlte Urlaubstage" abzuschaffen. Dies alles trage dazu bei, dass den Autoherstellern mit jedem Fahrzeug hunderte Dollar an Profiten verloren gehen.

Damit die UAW-Bürokratie sich direkt dafür einsetzt, die Krankenversicherung bei Pensionären zusammenzustreichen, bereiten die Autounternehmen nun eine milliardenschwere Bestechung vor. Nach einem Bericht aus dem Wall Street Journal vom 23. Januar planen Ford und General Motors, die gesamte Verwaltung zukünftiger Rentenzahlungen an die UAW zu übergeben. Dahinter steht die Überlegung, dass die künftigen Rentenansprüche dadurch aus den Unternehmensbilanzen herausfallen. Indem diese zu einem Preis abgetreten werden, der weit unter den tatsächlichen Kosten liegt, wollen sich die Unternehmen von einem Großteil ihrer Schulden freimachen, ohne Insolvenz anmelden zu müssen.

Nach Angaben des Wall Street Journal ist die Ausgangsbasis der Autoproduzenten und der UAW eine Vereinbarung der US-Stahlarbeitergewerkschaft (USWA) mit dem Unternehmen Goodyear. Danach trat das Unternehmen die Übernahme von Gesundheitskosten in Höhe von 1,2 Milliarden Dollar an einen Fond ab, den die Gewerkschaft verwaltet und der von dem Konzern mit Geldern und Aktien in Höhe von einer Milliarde Dollar ausgestattet wurde.

Die USWA nahm das Fehlen von 200 Millionen Dollar im Fond mit dem Argument hin, dass die pensionierten Arbeiter im Falle einer Insolvenz gar nichts erhalten würden.

Nach Informationen der Zeitung ist General Motors derartig interessiert an der Vereinbarung, dass eigens Berater angeheuert wurden, um die Regelung bei Goodyear genau zu studieren.

Vorausgesetzt sie kriegen die nötigen Gelder zusammen, werden Ford und General Motors wohl ihre künftigen Gesundheitskosten an die UAW abtreten. Sie zahlen dabei vermutlich noch weitaus weniger als die 83 Cent pro Dollar, die in der Goodyear-Vereinbarung gezahlt wurden.

Das Wall Street Journal zitiert einen Analysten der Bank JP Morgan, nach dessen Einschätzung "sich Ford und GM von ihren Verpflichtungen im Gesundheitskostenbereich, die zusammen 77 Milliarden Dollar betragen, frei machen können, indem sie einen von der Gewerkschaft verwalteten Fond in Höhe von 46 bis 54 Milliarden Dollar einrichten, der sich aus direkt verfügbaren Geldern, Aktien und konvertierbaren Schuldenerlösen zusammensetzt."

Die UAW will ihrerseits eine neue Einkommensquelle auftun, um die Verluste aufzufangen, die sie aufgrund der schrumpfenden Mitgliedschaft erleidet. Dass die Gewerkschaft immer mehr Mitglieder verliert, ist jedoch nicht zuletzt ein Ergebnis ihrer Weigerung, die Arbeitsplätze der amerikanischen Automobilarbeiter zu verteidigen. In den vergangenen drei Jahrzehnten ist die Mitgliedschaft der UAW von 1,5 Millionen auf heute weniger als 600.000 zurückgegangen.

Die Arbeiter müssen nun allerdings damit rechnen, dass die Leistungen zusammengestrichen werden. Die Autounternehmen sparen Milliarden an zukünftigen Gesundheitskosten, was direkt zu Lasten der Rentner geht, deren Zahl auf etwa einen Million geschätzt wird. Da die Kosten für Gesundheitsversorgung ständig steigen, wird die Unterfinanzierung des Fonds eher früher als später dazu führen, dass starke Einschnitte bei den medizinischen Leistungen erfolgen.

Ein solches Abkommen würde die UAW zudem in eine der größten Krankenkassen in den Vereinigten Staaten verwandeln. Die UAW würde ein Eigeninteresse daran entwickeln, einen strikten Sparkurs durchzusetzen, Leistungen zu streichen und die Zuzahlung zu erhöhen, um ihren milliardenschweren Schatz zu bewahren.

Das Wall Street Journal rät verhalten zur Vorsicht angesichts des Vorschlags. Die Sorge besteht darin, dass "die Rolle des Bösewichts" bei den Kürzungen für eine Gewerkschaft zu riskant sein könnte. Die UAW-Bürokratie zeigt sich jedoch frei von solchen Skrupeln. Schon als die UAW im vergangenen Jahr zustimmte, die Rentner von Ford und General Motors erstmals für medizinische Leistungen zur Kasse zu bitten, tat sich die Gewerkschaft auch mit der Unternehmensführung von General Motors zusammen, um eine Klage pensionierter Automobilarbeiter zu verhindern.

Die UAW schlug General Motors erstmals im Jahre 2005 vor, die Gesundheitsversorgung von Rentnern an einen von der Gewerkschaft verwalteten Fond abzutreten. Wenn sich die UAW begeistert für eine solche Regelung einsetzt, unterstreicht dies einmal mehr, dass es sich bei der Gewerkschaft nicht um eine echte Organisation und Interessensvertretung der Arbeiterklasse handelt. Sie ist Teil des privilegierten Gewerkschaftsapparats, der Bestechungsgelder kassiert und im Gegenzug als verlängerter Arm der Konzernleitung wirkt, indem er auf dem Rücken der Arbeiter Kürzungen und Produktivitätssteigerungen durchsetzt.

Siehe auch:
Chrysler streicht in Nordamerika 13.000 Stellen
(17. Februar 2007)
Volkswagen Brüssel-Forest: Stimmt gegen den Ausverkauf der Gewerkschaften und Betriebsräte!
( 5. Januar 2007)
Einige Lehren aus Detroit
( 23. Juli 2004)