Ein neues Geschäftsmodell

Warum die US-Autoarbeitergewerkschaft die Übernahme von Chrysler durch Cerberus unterstützt

Von Barry Grey
18. Mai 2007

Die Unterstützung der Autoarbeitergewerkschaft United Auto Workers (UAW) für den Verkauf von Chrysler an die Wall Street Kapitalgesellschaft Cerberus Capital Management hat weitgehende und beunruhigende Bedeutung für die Chrysler Arbeiter und darüber hinaus für alle amerikanischen Autoarbeiter.

Der Hintergrund für die Annäherung der Gewerkschaft an die Firma, die riesige Profite durch die Zerstörung von Arbeitsplätzen, Senkung von Löhnen und den Verkauf von Firmenteilen realisiert, besteht in dem Plan, die Verantwortung für die Krankenversicherung der Rentner des Autoherstellers auf eine von der Gewerkschaft verwaltete Firma zu übertragen. Die Gewerkschaftsvertreter wollen in das Geschäft mit der Gesundheit einsteigen und sich dadurch bereichern, dass sie direkt massive Verschlechterungen der Gesundheitsversorgung ihrer eigenen Mitglieder durchsetzen.

Einem Artikel vom Dienstag im Wall Street Journal zufolge diskutieren die drei großen amerikanischen Autokonzerne und die UAW gegenwärtig auf höchster Ebene Pläne, "die die UAW zu einem der größten privaten Anbieter von Gesundheitsleistungen in den USA machen würden".

Das wäre ein qualitativ neues Stadium in der Degeneration und Verwandlung der Gewerkschaften. Autoarbeiter könnten sich schnell in der Lage befinden, Beiträge an genau die Institution zu bezahlen, die Profit damit macht, ihre Gesundheitsversorgung auszuhöhlen.

Einer der erstaunlichsten Aspekte der Ankündigung des Verkaufs von Chrysler an Cerberus vom Montag war die Reaktion der Gewerkschaft. Noch im vergangenen Monat hatte UAW-Präsident Ron Gettelfinger einen solchen Deal rundheraus mit der Begründung abgelehnt, dass spekulative Investmentfirmen wie Cerberus nur darauf aus seien, "ihren Reichtum durch die Zerschlagung und das Verscherbeln von Firmen zu vergrößern".

Niemand, der die amerikanische Autoindustrie beobachtet hat, wäre auf die Idee gekommen, Gettelfingers Erklärung wörtlich zu nehmen und einen ernsthaften Kampf der Gewerkschaft gegen den Verkauf von Chrysler an Wall Street Spekulanten zu erwarten. Seit die UAW 1979-80 Werksschließungen und Lohnsenkungen als Teil der Rettung Chryslers durch die Regierung akzeptierte, hat die Gewerkschaft im Wesentlichen als Arm des Konzernmanagements gewirkt, um den Widerstand der Arbeiter zu brechen, und eine Runde von Entlassungen und Zugeständnissen nach der anderen durchzusetzen.

Trotzdem hat die jämmerliche und eilfertige Kapitulation der Gewerkschaft Auto- und Finanzanalysten überrascht. Gettelfinger hatte schon in den frühen Morgenstunden des 14. Mai eine Erklärung herausgegeben, in der er die Übergabe der Chrysler-Gruppe an Cerberus begrüßte, noch bevor DaimlerChrysler selbst den Handel offiziell auf einer Pressekonferenz in Stuttgart bekannt gegeben hatte.

Am Montagnachmittag warb Gettelfinger auf einer Pressekonferenz der Gewerkschaft und in einem Interview mit einem örtlichen Radiosender für den Handel. Er führte nicht näher erläuterte Garantien an, die er bei einem vertraulichen vierstündigen Treffen am Samstag in Stuttgart erhalten habe, an dem er selbst, der Hauptunterhändler der UAW für Chrysler, UAW Vizepräsident Holiefield, der Vorstandsvorsitzende von DaimlerChrysler, Dieter Zetsche, and der Präsident der Chrysler-Gruppe, Tom LaSorda, teilgenommen hatten. Über die Einzelheiten der Garantien sei Stillschweigen vereinbart worden, sagte der Gewerkschaftsführer.

"Diese Unterhaltung", schrieb die Detroit News am Dienstag, "führte zu einer der größten Überraschungen beim Verkauf von Chrysler: Zur Entscheidung einer der mächtigsten Arbeiterorganisationen in den Vereinigten Staaten letztlich genau die Option zu unterstützen, gegen die sie in den letzten Monaten wortreich aufgetreten war."

Der Artikel im Wall Street Journal vom Dienstag bietet einen Einblick in die Überlegungen, die der enthusiastischen Unterstützung für die Übernahme durch Cerberus zugrunde liegen. Er wirft auch ein Licht auf die Gespräche zwischen den UAW-Führern und den DaimlerChrysler Bossen am Wochenende. Der Artikel mit dem Titel "Chrysler kündigt neue Richtung für Detroit an" beginnt mit der weitreichenden Bedeutung, die der Chrysler-Deal für alle US-Autokonzerne und die nordamerikanische Autoindustrie insgesamt hat.

"Die New Yorker Investmentfirma und der deutsche Autokonzern", schreibt das Journal, "haben sich ein hohes Ziel gesetzt: In Zusammenarbeit mit der mächtigen United Auto Workers Gewerkschaft sollen die 18 Mrd. Dollar umstrukturiert werden, die der drittgrößte Detroiter Autokonzern am Ende für die von der UAW ausgehandelte tarifliche Krankenversicherung für Rentner schulden wird...

Wenn Cerberus eine Formel dafür entwickeln kann, die eine Erklärung der Zahlungsunfähigkeit vermeidet, dann ist es fast sicher, dass Ford und General Motors das gleiche versuchen werden. Das würde dann bis zu 95 Mrd. Dollar an Gesundheitsleistungen für Rentner tangieren. Vorstände der Großen Drei diskutieren gegenwärtig ‚auf höchster Ebene’ über dieses Thema, wie ein Kenner der Materie berichtet."

Der Erwerb von Chrysler durch Cerberus, fährt die Zeitung fort, könnte der Auftakt für ähnliche Übernahmen von GM und Ford durch Wall Street Spekulanten sein. "Mit einem Börsenwert von 15,7 Mrd. Dollar bzw. 16,7 Mrd. Dollar sind Ford und GM ohne weiteres potentielle Ziele für Kapitalgesellschaften, besonders wenn die Belastungen aus der Krankenversicherung der Rentner auf ein akzeptableres Maß reduziert werden können."

Die Rolle der UAW für die Verringerung der Gesundheits- und Pensionskosten ist entscheidend, erklärt die Zeitung. "Für Cerberus ist die UAW der Schlüssel dafür, ob sich der Deal rechnet oder nicht. Interne Berechnungen bei Chrysler gehen davon aus, dass der Wettbewerbsvorteil japanischer Autokonzerne wie Toyota bei den Arbeitskosten bis zu 30 Dollar die Stunde beträgt, wenn alle Sozialleistungen und Arbeitsplatzgarantien berücksichtigt werden. Mehr als die Hälfte dieser Differenz wird durch die Sozialleistungen für Rentner verursacht, wie Krankenversicherung, Renten und Gruppenlebensversicherungen.

Chrysler schätzt, dass diese Differenz ohne eine grundlegende Revision seiner Verträge mit der UAW bis 2009 auf 45 Dollar die Stunde anwachsen würde...

Chrysler, GM und Ford hoffen, die UAW im Verlaufe dieses Sommers davon überzeugen zu können, einem potentiell revolutionären Gesundheitsplan für Rentner zuzustimmen, wie er ähnlich schon bei Goodyear Tire & Rubber Co abgeschlossen wurde, sagen drei Stimmen, die mit den Plänen der Autokonzerne vertraut sind."

Der Handel bei Goodyear, schreibt das Journal, beinhaltete die Zustimmung der Stahlarbeitergewerkschaft zur Verschiebung der Zahlungsverpflichtung der Firma in Höhe von 1,2 Mrd. Dollar für die Krankenversicherung in einen von der Gewerkschaft verwalteten Fond. Goodyear zahlte eine Milliarde Dollar in bar und in Aktien in den Fond ein. Im Gegenzug übernahm die Gewerkschaft direkt die Aufgabe, die Kürzung von Sozialleistungen gegen ihre eigenen Mitglieder durchzusetzen.

"Die drei Autohersteller", fährt die Zeitung fort, "haben zusammen genommen etwa 95 Mrd. Dollar an Zahlungsverpflichtungen für mit der Gewerkschaft vereinbarte Krankenversicherung in ihren Konzernbilanzen stehen. Sie führen ‚Gespräche auf höchster Ebene, um eine vergleichbare Vereinbarung wie bei Goodyear zusammenzuschustern’, sagt ein mit der Angelegenheit vertrauter Insider...

Angeblich ist GM der stärkste Befürworter der Gründung einer sogenannten ‘Big Three VEBA (Freiwilliger Angestelltensozialleistungsverein)’, der einen separaten von der Gewerkschaft verwalteten Fond einrichten würde, der von den Autokonzernen mit Dutzenden Milliarden Dollar ausgestattet werden müsste. JP Morgan & Chase schätzen, dass so ein Fond mit 55 bis 65 Mrd. Dollar von den Autokonzernen bestückt werden könnte."

Tatsächlich hat GM ja schon eine derartige VEBA als Teil eines Abkommens mit der UAW aus dem Jahre 2005 eingerichtet. Der GM-Plan verpflichtet UAW Mitglieder in der Firma zwei Cent vom Stundenlohn von den vierteljährlichen Erhöhungen wegen steigender Lebenshaltungskosten abzuführen. Das Geld geht in einen von der Gewerkschaft verwalteten Fond, der dazu beiträgt, die Kosten der Krankenversicherung der Rentner zu decken.

Wenn die UAW-Bürokratie die Kontrolle über eine Krankenversicherung mit Dutzenden Milliarden Dollar an Einlagen bekäme, hätte sie enorme Mittel zu ihrer Verfügung. In kürzester Zeit würden die Gehälter der obersten Gewerkschaftsbürokraten zweifellos in astronomische Höhen klettern.

Dass die Gewerkschaft damit direkt verantwortlich für die Verschlechterung der Krankenversicherung und Renten von Hunderttausenden von Arbeitern würde - d.h. von sozialen Errungenschaften, die Generationen von Arbeitern der herrschenden Elite in Kämpfen abgerungen haben -, würde Gettelfinger und Konsorten nicht im Mindesten abschrecken. Die Gewerkschaftsbürokratie sieht in diesen Tricks einen Ausweg für die Lösung ihrer eigenen sozialen Probleme: Nämlich, wie sie ihre lukrativen Gehälter und Spesenkonten der aufgeblähten Gewerkschaftsbürokratie erhalten und steigern kann, während sie gleichzeitig an der Zerstörung von Arbeitsplätzen und Lebensstandard der Gewerkschaftsmitglieder mitarbeitet - und damit die Beitragsbasis der Organisation immer schneller unterhöhlt.

Im Lichte dieser Analyse wird klar, warum UAW Vizepräsident Holiefield auf der Gewerkschaftspressekonferenz am Montag erklärte, dass die Mitgliedschaft der UAW den Handel "begeistert begrüße" und ihn als "Chance verstehe". Er sprach natürlich nicht für die Mitgliedschaft der Gewerkschaft - die zu Recht befürchtet, dass der Deal beispiellose Angriffe auf ihre Arbeitsplätze und -bedingungen bedeutet, und die von der Kapitulation der Gewerkschaft angewidert ist -, sondern für die Gewerkschaftsbürokratie.

Das Bestreben der UAW, sich in ein kapitalistisches Unternehmen zu verwandeln, ist Ergebnis einer langen Entwicklung. Seit drei Jahrzehnten ist die UAW-Bürokratie parallel zum Niedergang der globalen Marktposition der amerikanischen Autokonzerne bemüht, ihr eigenes Schicksal von dem der Autoarbeiter abzukoppeln, die sie angeblich vertritt. Weil sie den Kapitalismus, das amerikanische Zwei-Parteien-System und eine nationalistische Perspektive verinnerlicht hat, konnte die UAW keine unabhängige Perspektive vertreten, mit der die Interessen der Autoarbeiter hätten gewahrt werden können. Zwangsläufig erlebte die Gewerkschaft einen rasanten Niedergang ihrer Größe und ihrer Kraft - ein Prozess, der heute noch in vollem Gange ist.

Je mehr die Gewerkschaftsführung die Interessen ihrer Mitglieder verriet, um "amerikanische Arbeitsplätze zu verteidigen" - d.h. die Profite der Großen Drei - desto mehr versuchte sie, sich in das Firmenmanagement zu integrieren. Die Rettung von Chrysler 1979-80 war der Wendepunkt, weil die Gewerkschaft damals zur Politik des Korporatismus (d. h. der engsten Zusammenarbeit mit dem Kapital) überging, die ihren symbolträchtigen Ausdruck im Eintritt des damaligen UAW-Präsidenten Douglas Fraser in den Aufsichtsrat von Chrysler fand.

In der Folge unterstützte die Gewerkschaft stillschweigend Kampagnen, die das Ziel verfolgten, den Einfluss der Gewerkschaft in den von der UAW organisierten Zulieferbetrieben zu brechen. Sie trat ein für die vermehrte Einrichtung von gemeinschaftlichen Komitees der Gewerkschaft und des Managements und gemeinsame prall gefüllte Spesenkonten unterschiedlicher Art und sie verfolgte die Politik, Zulieferfirmen Niedriglohntarifverträge anzubieten, wenn sie zustimmten, dass die UAW ihre Arbeiter "vertrat" - d.h., dass deren Beiträge automatisch vom Lohn abgezogen wurden.

Die Streikkasse war weiterhin mit Hunderten Millionen Dollar prall gefüllt, weil die Streikwaffe buchstäblich nicht mehr eingesetzt wurde. Es hat seit Jahrzehnten keinen nationalen Streik mehr gegen eine der Großen Drei Autokonzerne gegeben. Aber all das ist inzwischen erbärmlich wenig, um eine nach Tausenden zählende Bürokratie zu füttern, wenn gleichzeitig die Mitgliedszahlen immer weiter sinken.

Aber jetzt bietet die Katastrophe, die den Autoarbeitern droht - die auf den Status von Niedriglohnarbeitskräften mit nur noch geringen Sozialleistungen, wenn überhaupt, abzusinken drohen -, der Bürokratie die Chance, riesige Mittel zu kontrollieren, mit denen sie ihre eigene finanzielle Zukunft sichern kann.

Der Cerberus-Deal und die Komplizenschaft der Gewerkschaft bringen den grundlegenden Charakter der UAW ans Licht. Sie ist das Werkzeug einer korrupten, parasitären und privilegierten gesellschaftlichen Schicht, die mit der Arbeiterklasse nicht das Geringste gemein hat. Diese soziale Schicht ist den Interessen der Arbeiter gegenüber zutiefst feindlich eingestellt.

Für die Autoarbeiter ist es entscheidend, den Charakter der UAW zu verstehen. Nur so können sie unabhängige gewerkschaftliche und politische Kämpfe führen, die notwenig sind, um die Verschwörung der Autobosse, der Banken und der Aufkäufer "unrentabler" Anlagen von der Wall Street zurückzuschlagen und ihre Arbeitsplätze, Arbeitsbedingungen und den Lebensstandard zu verteidigen. Dafür ist eine sozialistische und internationalistische Perspektive notwendig.

Siehe auch:
Stoppt die Zerschlagung von Chrysler! Für Arbeiterkontrolle und Gemeineigentum in der Autoindustrie!
(29. März 2007)
US-Automobilarbeitergewerkschaft zu massiven Zugeständnissen bereit
(23. März 2007)

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