Amerikas Krieg und Besatzung des Irak - Eine Gesellschaft wird liquidiert

Teil 2

Von Bill Van Auken
30. Mai 2007

Mehrere Reportagen haben in der letzten Zeit das Ausmaß an Zerstörung, Tod und Unterdrückung erkennen lassen, die durch die Besetzung des Irak verursacht wurden, die jetzt schon fünf Jahre andauert. In ihrer Konsequenz laufen die amerikanischen Aktivitäten im Irak auf einen Soziozid hinaus, d.h. auf die absichtliche und systematische Zerstörung einer ganzen Gesellschaft. Dies ist der zweite Teil einer drei-teiligen Serie.

Das verzweifelte Schicksal der irakischen Kinder

Das irakische Gesundheitsministerium schätzt, dass die Hälfte aller irakischen Kinder in der einen oder anderen Weise an Mangelernährung leidet. Nach einer neueren Studie von UNICEF leiden zehn Prozent der irakischen Kinder an akuter Unterernährung, während weitere 20 Prozent chronisch mangelernährt sind.

Mit der heraufziehenden Sommerhitze im Irak befürchten die Gesundheitsbehörden, dass die Todesfälle bei Kindern infolge Dehydrierung, Cholera und Infektionskrankheiten erheblich zunehmen werden. Sie warnen, dass das zerstörte irakische Gesundheitssystem dem völlig hilflos gegenüber stehen wird.

Das verzweifelte Los irakischer Kinder und ihrer Familien wurde von einer Mutter geschildert. "Vergangenes Jahr habe ich meine Tochter und meine Mutter durch Dehydrierung verloren", sagte die 35-jährige Zahra Muhammad der UN-Nachrichtenagentur IRIN. Sie berichtete, dass ihre Familie im Mai letzten Jahres gezwungen war, ihre Wohnung zu verlassen

Wir konnten uns keine Klimatisierung für unser Zelt leisten. Meine Tochter war erst vier Jahre alt und konnte die harten Lebensbedingungen und die große Hitze nicht verkraften", fuhr sie fort. "Ich habe noch zwei Kinder, die wegen der mangelhaften Ernährung auch schon krank sind. Die Ärzte haben mir gesagt, dass ich ohne Klimatisierung und ohne sauberes Trinkwasser in den kommenden Monaten große Probleme bekommen werde. Wenn ich noch ein Kind wegen mangelnder Elektrizität oder fehlendem sauberen Wasser verlieren sollte, dann möchte ich lieber mit ihm sterben."

Bis zu 260.000 Kinder sind einem Bericht des britischen Independent vom Januar zufolge seit der Invasion vom März 2003 gestorben.

Für die Kinder, die ihren fünften Geburtstag noch erleben, ist der Irak gefährlich und oft tödlich geworden.

Heute geht weniger als ein Drittel der irakischen Kinder zur Schule im Vergleich zu 100 Prozent vor der Invasion im März 2003. Der Hauptgrund, warum Schüler oft zu Hause bleiben, ist Furcht vor der allgegenwärtigen Gewalt, die den Schulweg zu einem unkalkulierbaren Risiko macht, das die Familien nicht einzugehen bereit sind.

Gleichzeitig hat das wahllose Morden viele Tausende Kinder zu Weisen gemacht: Sie sind jetzt zu einem festigen, tragischen Bestandteil des Straßenbildes in Bagdad und anderen großen Städten geworden, Sie betteln und schlafen auf den Straßen. Die UN-Nachrichtenagentur berichtet: "Tausende obdachlose Kinder im Irak ...überleben durch Betteln, Stehlen und indem sie den Abfall nach Nahrungsmitteln durchwühlen. Noch vor vier Jahren lebte die große Mehrheit dieser Kinder zu Hause bei ihren Familien."

Die verzweifelte Lage der irakischen Kinder hat eine Gruppe von 100 prominenten britischen Ärzten im Januar veranlasst, einen offenen Brief an Premierminister Tony Blair zu schreiben, in dem sie ihre tiefe Sorge über die Folgen der Besatzung ausdrückten. "Wir machen uns Sorgen darüber, dass Kinder im Irak sterben, weil sie keine medizinische Versorgung erhalten. Kranke oder verletzte Kinder, die mit einfachen Mitteln behandelt werden könnten, sterben zu Hunderten, weil selbst die einfachsten medizinischen Hilfsmittel und andere Versorgungsleistungen nicht zur Verfügung stehen. Kinder, die Hände, Füße und Gliedmaßen verloren haben, bekommen keine Prothesen. Kinder mit schweren psychischen Problemen bleiben ohne Behandlung."

Es gibt Befürchtungen, dass dieser letzte Punkt - die Traumatisierung einer ganzen jungen Generation - vielleicht die schwerwiegendste und gefährlichste Langzeitwirkung auf die irakische Gesellschaft haben wird. "Die Kinder im Irak leiden wegen der vollkommen unsicheren Lage unter schweren psychologischen Problemen", erklärte der Verband der Psychologen des Irak. Gestützt auf eine Untersuchung von 1.000 Schulkindern fand er heraus, dass 92 Prozent Lernstörungen hatten, die ihre Ursache in dem Klima von Gewalt und Furcht haben. "Alles, was ihnen im Kopf herumgeht sind Gewehre, Kugeln, Tod und die Angst vor der US-Besatzung", sagte Maruan Abdullah, der Sprecher des Verbandes, zu Reportern.

Die höllischen Bedingungen, die den irakischen Kindern aufgezwungen werden, sind ein Kriegsverbrechen. Als Besatzungsmacht sind die Vereinigten Staaten nach den Genfer Konventionen verpflichtet, Kindern unter 15 Jahren, schwangeren Frauen und Müttern mit Kindern unter sieben Jahren "bevorzugt Lebensmittel, medizinische Hilfe und Schutz angedeihen zu lassen", und "alle Einrichtungen zu erhalten, die der Versorgung und Bildung von Kindern dienen".

Katastrophale Verschlimmerung der Lage der Frauen

Der Krieg und die US-Besatzung haben die irakischen Frauen um Generationen zurückgeworfen. Millionen Frauen sind wieder offiziell zu Bürgern zweiter Klasse degradiert worden und sind dazu verurteilt, unter den übelsten Bedingungen wie Gefangene im eigenen Haus zu leben.

Diese Entwicklung ist eng mit den Rekordzahlen bei der Säuglingssterblichkeit verbunden und ein ebenso wichtiger Gradmesser für gesellschaftlichen Fortschritt - oder Rückschritt. Schon der französische utopische Sozialist Charles Fourier schrieb vor 155 Jahren in einer Passage, die Marx und Engels zitierten: "Gesellschaftlich fortschrittliche Veränderungen einer Periode werden von Fortschritten bei der Befreiung der Frauen begleitet, während der Zerfall des Sozialsystems von der Beschneidung der Freiheit der Frauen begleitet wird." Er schloss: "Die Ausweitung der Rechte der Frauen ist das Grundprinzip jeden gesellschaftlichen Fortschritts."

Ein Bericht der United Nations Assistance Mission for Iraq (UNAMI) vom April zur Menschenrechtslage im Irak berichtet von 40 "Ehrenmorden" an Frauen in einem Drei-Monats-Zeitraum in den Gouvernements Erbit, Duhok, Sulaimaniya und Salahuddin. Diese Frauen wurden wegen angeblich "unmoralischem" Verhalten von ihren eigenen Familien ermordet und in einigen Fällen bei lebendigem Leibe verbrannt.

Ein Bericht der irakischen Nachrichtenagentur Awena lässt erahnen, dass diese schreckliche Praxis in Wirklichkeit noch weiter verbreitet ist. Auf der Grundlage von Daten des Kriminalgerichts in Duhok und des Duchok Azadi Krankenhauses berichtete Awena im Januar, dass es in diesem Gouvernement 2005 289 Verbrennungen mit 46 toten Frauen, und 2006 366 Verbrennungen mit 66 Toten gegeben habe. Das Emergency Management Center in Erbil berichtet über 576 Verbrennungen mit 358 Toten in dem Gouvernement seit 2003.

Der UN-Bericht zeigt auf, dass sich in Erbil Vergewaltigungen von 2003 bis 2006 vervierfacht haben.

Die unter amerikanischer Aufsicht entworfene irakische Verfassung erklärt den Islam zur Staatsreligion und bestimmt, dass kein Gesetz des Landes den "unveränderlichen Prinzipien des Islam widersprechen darf". Dieses Prinzip bedeutet die Abschaffung des liberaleren irakischen Zivilrechts z.B. hinsichtlich Ehescheidung, Familienbesitz und Sorgerecht und seine Ersetzung durch die Schariah, die den Frauen die meisten Rechte verweigert.

Diese Prinzipien werden jetzt schon von den bewaffneten Milizen der islamistischen Parteien durchgesetzt, die schon Frauen getötet haben, weil sie es wagen, Professorinnen oder Ärztinnen zu sein, oder eine sichtbar leitende Funktion in Firmen zu bekleiden. Tugendwächter erzwingen unter Androhung von Gewalt die Einhaltung der islamischen Kleiderordnung, wie das Tragen des Hidschab (Schleier). Diese Gruppen fordern in einigen Gebieten, dass Frauen das Haus nach der Mittagszeit nicht mehr verlassen, keine Autos mehr lenken und sich nicht mehr ohne männliche Begleitung außer Hauses bewegen.

Ein Bericht der Organisation für Frauenrechte im Irak zum vierten Jahrestag der US-Invasion erklärte: "Die Frauen im Irak haben in den vergangenen vier Jahren der Besatzung Schritt für Schritt die meisten ihrer Errungenschaften und Rechte des 20. Jahrhunderts verloren. Der Irak wurde aus einem modernen Land mit gebildeten und berufstätigen Frauen in ein gespaltenes Land verwandelt, in dem islamische und ethnische Warlords darum wetteifern, Frauen aus dem gesellschaftlichen Leben zu verbannen. Das Leben von Millionen Frauen wird zerstört und zwischen dem zerstörerischen amerikanischen Militärapparat und den verschiedenen islamischen Richtungen zerrieben, die Frauen zu hilflosen, dunklen Objekten ohne Willen und Wert gemacht haben."

In dem Bericht werden Beisiele über zunehmende Gewalt gegen Frauen zitiert wie bandenmäßige Vergewaltigung von weiblichen Gefangenen und Angriffe von Milizen anderer Sekten auf Frauen als Instrument religiös motivierter Gewalt. Auch die Entführung von Frauen hat stark zugenommen. Ein Bericht der Organisation vom März vergangenen Jahres enthüllte, dass diesem Verbrechen, das unter der Herrschaft von Saddam Hussein so gut wie unbekannt war, in den ersten drei Jahren der US-Invasion 2.000 Frauen zum Opfer gefallen sind, von denen viele vergewaltigt oder gefoltert wurden. Diese Vorfälle haben, wie alle anderen Formen von Gewalt, im vergangenen Jahr stark zugenommen.

Vier Frauen sitzen im Irak in der Todeszelle und warten auf ihre Hinrichtung, zwei von ihnen sitzen gemeinsam mit ihren kleinen Kindern ein.

Die Auslöschung der Minderheiten im Irak

Ein weiteres beredtes Zeichen für die gesellschaftliche Desintegration des Irak ist das Schicksal seiner Minderheiten. Der jüngste Bericht von Minority Rights Group International warnt, dass Minderheiten im Irak systematisch ausgelöscht werden. Die Gruppe stuft den Irak als das zweitschlimmste Land weltweit ein, was die Behandlung von Minderheiten angeht - schlimmer als Darfur und lediglich etwas besser als Somalia.

Der Bericht mit dem Titel "Assimilierung, Exodus, Auslöschung: Iraks Minderheiten seit 2003" untersucht die Lage der armenischen und der chaldoassyrischen Christen, der Bahais, der failischen Kurden, der Juden, der Mandäer, Palästinenser, Schabaken, Turkmenen und Jeziden im Irak, die zusammen zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen.

Im Irak werden weiterhin Mitglieder von Minderheiten gezielt getötet, darunter Christen, Jeziden und Mandäer. Andere Minderheitengruppen sind täglich Gewalt, Folter und politischer Assimilierung ausgesetzt, was zu einem Exodus dieser Gruppen aus dem Land geführt hat", heißt es in dem Bericht. Im vergangenen Jahr wurde der Irak in dieser Frage weltweit am schlechtesten bewertet. In diesem Jahr ist er auf die zweitschlechteste Stelle vorgerückt, weil sich die Lage in Somalia deutlich verschlechtert hat, wo eine von den USA eingefädelte Intervention zu massiver Gewaltanwendung geführt hat.

Einige der irakischen Minderheiten leben schon viel länger im Irak, als die Araber. Ihre Geschichte geht bis auf das antike Mesopotamien zurück. Heute werden sie zu Opfern von Gewalt und Einschüchterung, verschwinden aus dem Irak und werden getötet. Die übrigen fliehen ins Exil.

Die Autoren des Berichts machen die amerikanische Besatzung für diese Katastrophe verantwortlich. Sie schreiben: "Nach der Besetzung des Irak 2003 richteten die Behörden der Koalition einen irakischen Regierungsrat ein, dessen Zusammensetzung strikt ethnischen und religiösen Kriterien folgte. Politische Kumpanei sorgte dafür, dass ganze Ministerien zu Hochburgen der Sekte oder Gruppe des Ministers wurden, und sektiererische Politik schnell zum Kennzeichen des neuen irakischen Staates wurde." Das Ergebnis war, dass Minderheiten ausgeschlossen und bald unterdrückt wurden.

Die Dezimierung des medizinischen Fachpersonals im Irak

Die mörderische Gewalt im Irak und die Flucht von Millionen Menschen hat die Reihen des Fachpersonals, das für die Aufrechterhaltung einer Gesellschaft unverzichtbar ist, stark dezimiert.

Die britische Nicht-Regierungsorganisation Medact zitiert offizielle Zahlen der Irakischen Medizinischen Vereinigung vom März letzten Jahres, denen zufolge 18.000 der 34.000 irakischen Ärzte das Land verlassen haben. Weitere 2.000 wurden ermordet, und mindestens 250 gelten als entführt.

Das New York Times Magazine berichtet in seiner Ausgabe vom 13. Mai über den Exodus der Flüchtlinge aus dem Irak; darin befragte Nir Rosen eine Allgemeinmedizinerin, die mit ihren fünf Kindern nach Damaskus geflohen war.

Sie verließ das Land, nachdem ihr Mann, ein Thoraxchirurg und Medizinprofessor, von bewaffneten Männern aus seinem Wagen gezerrt, entführt und später ermordet aufgefunden worden war. Sie erzählte Rosen, die irakische Polizei habe auf ihre Fragen erklärt: "Er ist Arzt, er hat einen Doktortitel und ist Sunnit, also hätte er nicht im Irak bleiben dürfen. Darum wurde er getötet." Sowohl die Polizei als auch das Gesundheitsministerium werden von Fraktionen der schiitischen Islamisten kontrolliert. Sie selbst wurde später schriftlich aufgefordert, aus ihrem Wohnviertel wegzuziehen.

Der Mangel an ausgebildetem medizinischem Fachpersonal, das Fehlen der wichtigsten Grundversorgung und die gewaltige Zahl an Verwundeten haben dazu geführt, dass das Gesundheitssystem des Irak in Trümmern liegt.

Das British Medical Journal brachte vergangenen Oktober einen Artikel, in dem drei Ärzte vom Diwaniyah College für Medizin im Irak zum Schluss kommen, dass fast die Hälfte der Hunderttausenden, die seit der amerikanischen Invasion 2003 umgekommen sind, hätte überleben können, wenn sie angemessene medizinische Hilfe erhalten hätten.

"Die Realität sieht so aus, dass wir viele der Opfer nicht angemessen versorgen können", schreiben sie. "In den Notfallaufnahmen arbeiten Ärzte, die keine entsprechende Erfahrung oder Ausbildung zur Behandlung von Notfällen haben. Die Pflegekräfte... geben offen zu, dass man mehr als die Hälfte der Opfer hätte retten können, hätte man bloß ausgebildetes und erfahrenes Personal gehabt."

Weiter heißt es in dem Artikel: "Unsere Erfahrung lehrt uns, dass sich mangelhafte medizinische Notfallversorgung verheerender auswirkt als die Katastrophe selbst. Aber trotz der täglichen Gewalt, die den Irak zerstört, schaut die internationale Ärzteschaft fast nur zu."

Das trifft nicht nur auf die internationale Ärzteschaft zu. Der entsetzliche Zustand des irakischen Gesundheitssystems kommt einem amerikanischen Kriegsverbrechen gleich. Wie die Vierte Genfer Konvention verlangt, muss eine Besatzermacht sicherstellen, dass "die ärztliche Versorgung, einschließlich der Krankenhäuser und öffentlichen Krankenstationen effektiv arbeiten, unter besonderer Berücksichtigung von Maßnahmen zur Vorbeugung vor ansteckenden Krankheiten und Epidemien. Ebenso sind Personen besonders geschützt, die ausschließlich oder regelmäßig in Krankenhäusern als medizinisches und administratives Personal tätig sind."

Auch muss nach den Genfer Konventionen eine Besatzermacht die Neutralität der Krankenhäuser garantieren, sie vor Angriffen schützen und sicherstellen, dass jedermann Zugang zu medizinischer Versorgung erhält. Dennoch hat die amerikanische Besatzungstruppe wiederholt Krankenhäuser angegriffen. Mehr noch: Man hat den Milizen freie Hand gelassen, in den Krankenhäusern nach Belieben zu walten, obwohl es oft genug vorkam, dass sie Patienten, die einer anderen Glaubensrichtung angehörten, verschleppt und ermordet haben.

Das Töten und Entführen von Ärzten, und ihre massenhafte Flucht aus dem Land, sind ein Phänomen, das praktisch auf jeden Beruf im Irak zutrifft. Der Irak-Index, eine Studie der Brookings Institution in Washington, kommt zum Schluss, dass vierzig Prozent der "Fachkräfte", darunter Ärzte, Professoren, Apotheker und andere Akademiker, das Land seit 2003 verlassen haben.

Fortsetzung folgt

Siehe auch:
US-Senator John McCain erläutert die Interessen des amerikanischen Imperialismus im Irak
(19. April 2007)
Hunderttausende demonstrieren im Irak für das Ende der US-Besatzung
(17. April 2007)

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