Neuer Tarifvertrag stößt auf Ablehnung

Autoarbeitergewerkschaft und Chrysler verschwören sich gegen Arbeiter

Von Jerry White
26. Oktober 2007

Die Autoarbeitergewerkschaft United Auto Workers (UAW) führt gemeinsam mit dem Chryslerkonzern einen Krieg gegen die eigenen Mitglieder, um einen Tarifvertrag zu erzwingen, den die Mehrheit der Chrysler-Arbeiter ablehnt.

Der Vertrag ermöglicht es den Besitzern von Chrysler an der Wall Street, der privaten Kapitalgesellschaft Cerberus Capital Management, Dutzende Fabriken zu schließen oder zu verkaufen, die Löhne künftiger Arbeiter zu halbieren, Betriebsrenten zu streichen und die vom Unternehmen bezahlte Gesundheitsversorgung für die Rentner abzuschaffen. Im Gegenzug übernimmt die Gewerkschaftsbürokratie die Leitung eines milliardenschweren Trusts, der mit über siebzig Milliarden Dollar ausgestattet ist, wenn die Verträge bei allen drei großen Autoherstellern in Detroit unter Dach und Fach sind.

Dieser Verrat stößt bei der Belegschaft auf eine Welle der Ablehnung. Die meisten Chrysler-Belegschaften, die bisher abstimmten, haben den Vertragsentwurf abgelehnt. Darunter sind vier große Montagewerke in St. Louis, Detroit und Newark (Deleware). Wenn sich die Ablehnung diese Woche in den Montagewerken von Sterling Heights und Warren (Michigan) sowie in Belvidere (Illinois) fortsetzt, ist der Vertrag durchgefallen. Das wäre seit 1982 die erste Ablehnung eines nationalen Tarifvertrags in der Autoindustrie.

In der Presse wird zwar inzwischen die Möglichkeit erwogen, dass Cerberus ein Nein-Votum mit der Aussperrung seiner 49.000 Beschäftigten beantworten und die Belegschaften durch Neueinstellungen ersetzen könnte. Im Moment scheint es aber um Einiges wahrscheinlicher, dass die Kapitalgesellschaft sich darauf verlässt, dass die UAW-Bürokratie ihre Forderungen durchboxen wird.

Die Detroit News bezieht sich auf "Insider" und schreibt: "Wenn der Vertrag nicht ratifiziert wird, das Ergebnis aber knapp ist, dann wird Chrysler die UAW wohl auffordern, die Abstimmung zu wiederholen, anstatt sofort an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Die Chrysler-Leute scheinen eine Ablehnung des Vertrags als ‚Problem der Gewerkschaft’ zu betrachten, das die Gewerkschaft, bitte schön, auch lösen solle."

Die UAW-Bürokratie hat offensichtlich gar nicht die Absicht, die Angelegenheit ihren Mitgliedern zur Entscheidung zu überlassen. Sie reagiert mit einer Flut von Erpressungen, Lügen und Einschüchterungen, um ihre Mitglieder zur Annahme zu prügeln.

Gestützt auf Stimmen aus der Gewerkschaft schreibt die New York Times vom 20. Oktober: "Wenn sich eine Ablehnung des Tarifvertrags abzeichnet, könnte die Gewerkschaft die noch laufenden Abstimmungen stoppen und in Verhandlungen bei Ford eintreten, in der Hoffnung, dort eher Zustimmung zum Vertrag zu bekommen."

Richard Block, amtierender Direktor am Institut für Arbeits- und soziale Beziehungen der Michigan State University, erwähnte diese Möglichkeit gegenüber den Detroit News. Angesichts der verbreiteten Opposition und in Ermangelung einer Wunderlösung zur Zufriedenstellung ihrer Mitglieder könne die Gewerkschaftsführung auf den Trick verfallen, als nächstes erst einmal bei Ford in Verhandlungen einzusteigen. "Sie könnten zu den Verhandlungen bei Ford übergehen und diese durchziehen, weil ihnen das vielleicht auch bei den Chrysler-Arbeitern weiterhelfen würde", sagte Block.

Das heißt, um diesen Tarifvertrag mit seinen massiven Verschlechterungen zu erzwingen, könnte die UAW die Entscheidung ihrer Mitglieder einfach ignorieren und damit die Chrysler-Arbeiter von ihren Kollegen bei GM und Ford isolieren.

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, dass die Gewerkschaft, wenn ihre Mitglieder den Vertrag ablehnen, die Arbeiter einfach solange abstimmen lässt, bis "das Ergebnis stimmt". So schrieb die Detroit Press unter Berufung auf den Präsidenten der Kanadischen Autoarbeiter, Buzz Hargrove, den sie einen "erfahrenen Tarifpolitiker" nannte, die UAW könne ja "ein bisschen warten" und dann nochmals abstimmen lassen.

Angesichts der Geschichte der UAW-Bürokratie sollten die Arbeiter auf der Hut vor Versuchen sein, die Abstimmungsergebnisse zu manipulieren. Schon haben sich einige Ortsverbände geweigert, öffentlich bekannt zu geben, wie viele Mitglieder sich an der Abstimmung beteiligt haben oder wie das Verhältnis der Ja- und Nein-Stimmen ausgefallen ist.

Die Verschwörung zur Durchsetzung der Chrysler-Forderungen begann schon, bevor der Vertrag überhaupt beschlossen und zur Abstimmung vorgelegt wurde. Die neun Mitglieder der Tarifkommission hatten den Vertragsentwurf, den UAW-Präsident Ronald Gettelfinger und die Gewerkschaftsführung ihnen vorlegten, anfangs einhellig abgelehnt. So berichtete Shawn Fain, ein UAW-Mitglied der Tarifkommission aus dem Ortsverband 1166 in Kokomo (Indiana), die Gewerkschaftsführung habe dreimal abstimmen lassen, bis nur noch einer gegen den Vertrag gestimmt habe. Der letzte Opponent sei Bill Parker gewesen, der Vorsitzende der Tarifkommission.

Dann habe die Gewerkschaftsführung am 15. Oktober in einer Versammlung des Chrysler-Rats, der sich aus den Präsidenten und Vorstandsmitgliedern der Chysler-Gewerkschaftsortsverbände zusammensetzt, einen Antrag auf offene Abstimmung abgelehnt. Stattdessen habe sie einen Voice Vote durchgeführt [die Befürworter rufen "Ja" und die Gegner gleichzeitig "Nein", wobei der Vorsitzende entscheidet, was sich lauter anhört]. Shawn berichtete, dies sei "ein kompletter Schwindel" gewesen, denn es sei unmöglich, die Befürworter und die Gegner exakt zu ermitteln. Außerdem hätten zahlreiche Anwesende mit geschrieen, die überhaupt kein Stimmrecht gehabt hätten.

Gettelfinger behauptete, der Vertrag sei "mit überwältigender Mehrheit angenommen" worden - obwohl Augenzeugen berichteten, mindestens ein Drittel sei dagegen gewesen. Gettelfinger fügte hinzu: "Wir geben den Leuten die Möglichkeit, sich zu äußern. Wir sind eine sehr demokratische Gewerkschaft."

Nachdem mehrere große Ortsverbände gegen den Tarifvertrag gestimmt hatten, ließ UAW-Vizepräsident General Holiefield einen Brief unter ausgewählten Gewerkschaftsfunktionären zirkulieren und forderte sie auf, ihn zu unterschreiben und zurückzuschicken, zum Zeichen, dass sie den Vertrag unterstützten. Dieser Brief kam einer kaum verhüllten Drohung an die Funktionäre gleich, sie könnten ihre hohen Gehälter verlieren und zurück ans Fließband geschickt werden, falls sie den Vertrag nicht unterstützten.

Als die Opposition immer stärker wurde, besuchten Gettelfinger und Holiefield letzte Woche das Montagewerk Jefferson North in Detroit, wo sie drohten, wenn der Vertrag nicht angenommen würde, könnten die Arbeiter der Spätschicht, die zur Zeit in Kurzarbeit sind, nicht an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Dennoch stimmten sechzig Prozent der Arbeiter dagegen.

Am Montag hielt Holiefield eine Versammlung mit sechzig Vertretern des Ortsverbands 1700 ab - das ist der Ortsverband, in dem die Arbeiter des Montagewerks Sterling Heights organisiert sind, deren Abstimmung kommenden Mittwoch stattfinden soll - und versuchte, Bill Parker auszubooten, der hier Ortsverbandsvorsitzender ist.

Holiefield gab ein "bisher geheimes Einvernehmen" zwischen der UAW und Chrysler bekannt, demzufolge die Produktion in diesem und anderen amerikanischen Werken angeblich noch über das Jahr 2011 hinaus garantiert sei, falls der Vertrag angenommen werde. Dies berichtete Reuters mit Berufung auf nicht genannte Gewerkschaftsfunktionäre.

"Für mich klingt das wie ein letzter verzweifelter Versuch, den Vertrag ratifiziert zu bekommen", sagte Erich Merkle, ein Analyst von IRN Inc., gegenüber der Zeitung. "Ich denke, bei solchen Abmachungen, die per Handschlag erfolgen, hängt es letztlich davon ab, ob die Mitgliedschaft der UAW ihrer Führung traut."

Das Wall Street Journal berichtete, im Montagewerk Belvidere "werden die Gewerkschaftsführer ein paar neue Kaninchen für die Mitglieder aus dem Hut zaubern. Chrysler soll den UAW-Führern gesagt haben, bei neuen Festeinstellungen werde man erst die befristeten Arbeiter berücksichtigen, ließ eine eingeweihte Person verlauten."

Es ist Zeit, dass die Arbeiter ihre Sache selbst in die Hand nehmen und eigene Komitees gründen, um den Versuch abzuwehren, ihre Opposition zum Schweigen zu bringen. Diese Komitees müssen die Abstimmung überwachen und einen nationalen Streik gegen Chrysler vorbereiten. Der Kampf muss auf Arbeiter von GM, Ford, Delphi und andere Bereiche ausgedehnt werden und Arbeiter in Kanada, Mexiko, Europa und Asien ebenfalls einbeziehen, die auch mit Angriffen auf ihre Arbeitsplätze und Löhne konfrontiert sind. Ein solcher Kampf ist aber nur dann möglich, wenn er unabhängig von der UAW geführt wird.

Kein Vertrauen in Parker und andere oppositionelle UAW-Funktionäre, die momentan gegen den Vertrag auftreten! Sie würden einem Verhandlungsangebot nur zu gern zustimmen, wenn er einige kosmetische Änderungen beinhaltet, wie zum Beispiel die Arbeitsplatzgarantie, die im aktuellen UAW-General Motors-Vertrag steht.

Solche Garantien sind wertlos, wie sich unmittelbar nach Verabschiedung des GM-Vertrags gezeigt hat, als der Konzern die unbefristete Freistellung von 1.600 Arbeitern in den Werken in Detroit und Pontiac (Michigan) anordnete, obwohl diese Arbeiter im Besitz genau solcher Arbeitsplatzgarantien sind. Erst vergangenen Montag hat GM bekannt gegeben, dass noch einmal tausend Arbeiter zusätzlich in einem Monatagewerk in Lansing (Michigan) nach Hause geschickt werden.

Außerdem verbreiten diese "Oppositionellen" die Illusion, man könne die UAW zwingen, die Interessen der Autoarbeiter zu vertreten. Parker sagte der Detroit Free Press : "Ich hoffe, Ron [Gettelfinger] steht dazu, dass er uns vertritt, und wenn die Mitgliedschaft klar sagt, dass wir das nicht akzeptieren können, wird er hoffentlich das Richtige tun und zurück in die Verhandlungen gehen, um eine bessere Lösung zu finden."

Die Voraussetzung für jeden ernsthaften Kampf gegen die Autokonzerne besteht in einem entschiedenen Bruch mit der UAW. Sie ist keine Arbeiterorganisation, sondern eine Organisation, die von einer Bürokratie kontrolliert wird, deren Interessen denen der Arbeiter, die sie angeblich vertritt, feindlich gegenüber stehen. Mit der Übernahme des milliardenschweren Rentnerfonds wird die UAW jetzt zum Kapitalisten, der davon profitiert, wenn Errungenschaften der Autoarbeiter zerstört werden.

Die Ablehnung des Vertrags ist nur der erste Schritt. Die Verteidigung der Bedingungen und Rechte der Arbeiter muss auf einer vollkommen neuen Grundlage weiter entwickelt werden, völlig unabhängig von jeder Fraktion dieser überlebten und korrupten Organisationen. Das bedeutet vor allem den Aufbau einer neuen politischen Arbeiterbewegung, unabhängig von den zwei großen Parteien des Kapitals, und den Kampf für ein Programm, das von den Bedürfnissen der Arbeiter ausgeht, nicht von den Profiten und Börsengewinnen der Konzernvorstände und Wall Street Spekulanten.

Siehe auch:
Vollständige Kapitulation der amerikanischen Autoarbeitergewerkschaft
(29. September 2007)
Der Cerberus-Chrysler-Deal: Ein Argument für Gemeineigentum in der Autoindustrie
(5. Juni 2007)
Die kleinbürgerliche Linke die Gewerkschaft UAW und der Tarifvertrag bei General Motors
(23. Oktober 2007)

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