Frankreich: Lehrer wehren sich gegen Manipulation der Geschichte von Guy Moquet

Von Pierre Mabut
10. November 2007

Präsident Sarkozys erstes Dekret nach seiner Amtsübernahme im Sommer verpflichtete alle Lehrer, den Abschiedsbrief des 17-jährigen Guy Moquet an seine Mutter vor ihren Schülern zu verlesen. Guy Moquet wurde am 22. Oktober 1941 von den Nazi-Besatzern Frankreichs hingerichtet. Alle Gymnasien wurden angewiesen, den Brief am "Gedenktag" im vergangenen Monat als leuchtendes Beispiel für Opferbereitschaft und Widerstand im Namen der Nation zu verlesen. Bildungsminister Xavier Darcos behauptet, dass 93 Prozent der Schulen der Anweisung Folge geleistet hätten. Aber die überwältigende Ablehnung der Lehrer lässt diese Behauptung absurd erscheinen.

Demonstranten schrieen Darcos in seiner alten Schule in Dordogne mit Parolen wie "Freiheit für Guy Moquet! Freiheit für Florimond Guimard!" nieder. Darcos ist Bürgermeister von Dordogne. Sarkozy wird weithin vorgeworfen, das Gedenken an Moquet für seine nationalistischen Ziele zu missbrauchen. Der Marseiller Lehrer Guimard war von der Polizei verhaftet worden, weil er gegen die Ausweisung eines eingewanderten Elternteils ohne Papiere protestiert hatte. Auch Justizministerin Rachida Dati wurde nieder geschrieen, als sie versuchte, den Brief in einem Gymnasium in Villejuif, Paris, zu verlesen. Als Sarkozy Wind von den Protestaktionen bekam, sagte er seinen Auftritt im Gymnasium Carnot in Paris ab, das Moquet besucht hatte. Als Grund nannte er Terminschwierigkeiten.

Moquet war Mitglied der Jugendbewegung der Kommunistischen Partei Frankreichs (KPF). Er wurde im Oktober 1940 von der französischen Polizei verhaftet, weil er öffentlich für die Freilassung seines Vaters Prosper Moquet agitiert hatte, einem KP-Abgeordneten in der Nationalversammlung. Der war verhaftet worden, nachdem die KPF wegen ihrer Unterstützung für den Stalin-Hitler Pakt im August 1939 illegalisiert worden war.

Die KPF schloss sich erst nach Hitlers Invasion der Sowjetunion im Juni 1941 offiziell der Widerstandsbewegung gegen die Nazi-Besetzung an. Nach der Ermordung eines deutschen Offiziers in Nantes wurden Guy und 26 weitere Gefangene der mit den Nazis kollaborierenden Vichy-Regierung (Gewerkschafter, KP-Mitglieder und zwei Trotzkisten) den Nazis zur Hinrichtung übergeben.

Die größte Lehrergewerkschaft SNES verurteilte Sarkozys Missbrauch des Gedenkens an Guy Moquet zu politischen Zwecken und rief zum Boykott auf. "Wie können wir akzeptieren, dass in den Schulen mittels einer diktierten Zeremonie künstlich eine ‚Union Sacrée’ (d.h. eine nationale Union aller sozialen Klassen zur Unterstützung der Kriegsziele - womit vor allem auf die nationalistische Propaganda im ersten Weltkrieg angespielt wird) ins Leben gerufen werden soll." Die SNES wirft Sarkozy vor, einen "patriotischen Mythos" schaffen zu wollen.

Auch die Bildungsgewerkschaft SUD in Limousin in Zentralfrankreich gab eine deutliche Erklärung heraus: "Guy Moquet wird als Vorbild für die Jugend hingestellt. Aus dem Zusammenhang gerissen scheint der von den Nazis hingerichtete junge Mann einen Jugendlichen zu verkörpern, der bereit ist, sein Leben für das Vaterland zu opfern. Wenn gleichzeitig Sarkozy sich hinter Bushs Außenpolitik stellt und einer seiner Minister (Bernard Kouchner) über Krieg gegen den Iran spricht, dann ist diese spezielle Darstellung von Guy Moquet besorgniserregend."

Die Mobilisierung gegen das Diktat der Regierung und ihre Manipulation der Geschichte in den Schulen gewann weiteren Schwung, als der Coach der französischen Rugby-Nationalmannschaft, Bernard Laporte, dem Rugby-Team vor dem Spiel Frankreich-Argentinien beim Rugby World Cup im September eine Lektion in Opfergeist für die Nation erteilte, indem er ihm den Moquet-Brief vorlas. Vor dem Turnier war Laporte als Sportminister nominiert worden, und seine Aktion wurde als Versuch interpretiert, die Unterstützung der Öffentlichkeit für die Einführung des "Gedenktags" an den Schulen zu gewinnen. Dieser Schuss ging für die Regierung allerdings nach Hinten los.

Lehrer an vielen Schulen reagierten empört auf diese Art Manipulation. Typisch für diese Reaktion war die Entscheidung der Lehrer des Gymnasiums Robert de Luzarches in Amiens in Nordfrankreich. "Wir, die Lehrer am Robert de Luzarches, haben kollektiv entschieden, den Guy Moquet Brief am 22. Oktober nicht zu verlesen", gaben sie in einer Erklärung bekannt. "Wir sind der Meinung, dass der Inhalt dieses Briefes manipuliert wurde, um eine extrem patriotische Botschaft zu vermitteln. Wir werden nicht zulassen, dass dieser Brief in ein politisches Propagandamittel pervertiert wird, indem er aus dem historischen Kontext gerissen und für rituelle Zusammenkünfte missbraucht wird, die Welten von dem Anliegen dieses Dokuments entfernt sind. Unser Anliegen ist es, das kritische Bewusstsein unserer Schüler anzuregen. Deswegen lehnen wir es ab, ihr Denken in vorgezeichnete Bahnen zu lenken, und deswegen greifen wir zu diesem Akt des Widerstands."

Die Reaktion der Lehrer stand in scharfem Kontrast zur jämmerlichen Haltung der Sozialistischen Partei (SP), die sich in allen wichtigen Fragen hinter Sarkozy stellt. Sie unterstützte das Verlesen des Briefes, wagte aber nicht es öffentlich auszusprechen. "Die Sozialistische Partei vertraut darauf, dass die Lehrer die richtigen pädagogischen Mittel finden werden, um den Brief in seinen richtigen historischen Zusammenhang zu stellen. Es wird stark davon abgeraten, dass gewählte Vertreter der SP an Stelle von Lehrern das Verlesen dieses Briefes in den Schulen übernehmen."

Die Kommunistische Partei (KPF) hat sich von Anfang an gewunden und ist schließlich beim Standpunkt gelandet, das Verlesen des Briefes zu unterstützen. Die Vorsitzende Marie-George Buffet hatte das schon früh als "positiv" gelobt.

"Ich verstehe, dass Lehrer sich fragen, ob dieser Brief verlesen werden sollte, oder nicht." Es sei notwendig, "ihn in seinen Kontext zu stellen". "Ich weiß, dass viele Parteien auf der Linken den ‚Missbrauch’ dieses Symbols durch Nicolas Sarkozy kritisieren, aber ich schere mich nicht um diese Probleme des ‚Missbrauchs’."

Die KPF veröffentlichte in ihrer Tageszeitung Humanité eine 16-seitige Beilage, die Moquets Leben gewidmet war und selbst die Geschichte verfälschte. Im Leitartikel heißt es: "Wir haben diese Seiten zusammengestellt, um den Brief Guy Moquets wieder in seinen Zusammenhang zu stellen, um all denen behilflich zu sein, die, wenn sie ihn am 22. Oktober gehört oder gelesen haben, verstehen wollen, oder anderen helfen wollen zu verstehen, warum ein junger siebzehnjähriger Kommunist, der nur leben wollte, sterben musste - hingerichtet von den Nazis, nachdem er auf Befehl der Vichy-Regierung, die mit Hitler-Deutschland zusammenarbeitete, von der französischen Polizei ausgeliefert worden war."

Die Stalinisten der KPF haben "den Brief in seinen Zusammenhang gestellt", Sarkozys Manöver abgesegnet, und im Verlauf dessen die Geschichte auf den Kopf gestellt. Die KPF weiß natürlich, dass Moquet Opfer der Vichy-Kollaborateure und der KPF selbst war, die selbst durch den Hitler-Stalin-Pakt mit Hitler-Deutschland verbündet war.

Die Welle der Empörung über die Moquet-Episode hat Sarkozy gezwungen, den Rückzug anzutreten und die Anweisung aufzuheben, den Brief jedes Jahr in den Schulen zu verlesen. Regierungssprecher Laurent Wauquiez gab die Absicht bekannt, "den Guy Moquet-Tag in einen Gedenktag für die Jugend-Resistance umzuwandeln". Der üble Beigeschmack dieses Schritts geht Hand in Hand mit der Politik des Präsidenten, Frankreich und die EU zu militarisieren. Sarkozys Spruch von der "iranischen Bombe oder der Bombardierung des Iran" kann nur die Militarisierung des Landes und besonders der Jugend bedeuten - unter dem Deckmantel des "Widerstands" und der von seinem Außenminister Bernard Kouchner propagierten "humanitären Einmischung".

Siehe auch:
Guy Môquet Sarkozy and the Stalinist school of Falsification
(2. Juni 2007)
Frankreich: Sarkozy umwirbt Sozialisten und Gewerkschaften
(15. Mai 2007)
Rückschlag für Sarkozy in der zweiten Rund der französischen Parlamentswahlen
(22. Juni 2007)

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