58. Berlinale Teil 2

Katyn - die Politik des polnischen Filmemachers Andrzej Wajda

Von Stefan Steinberg
13. März 2008

Katyn heißt der neue Film des 81-jährigen Andrzej Wajda, des renommiertesten polnischen Regisseurs der Nachkriegszeit. Er handelt vom Schicksal von etwa 22.000 polnischen Offizieren und Intellektuellen, darunter Wajdas Vater, die von sowjetischen Truppen in einem Massaker Anfang 1940 getötet wurden. Die Stadt Katyn, wo die Massenerschießungen stattfanden, liegt nahe der Stadt Smolensk in Russland. Wajdas Film ist der erste Versuch, dieses historische Ereignis, das Gegenstand heftiger Kontroversen ist, auf die Leinwand zu bannen.

Sechs Monate vor dem Massaker im Wald von Katyn am 23. August 1939 hatte die Sowjetunion den schändlichen Molotow-Ribbentrop-Pakt (Hitler-Stalin-Pakt) mit Nazi-Deutschland unterzeichnet. Stalin sah in dem Pakt die Garantie, dass die Deutschen ihre Kriegspläne vor allem gegen den Westen richten und die Sowjetunion verschonen würden. Hitler dagegen erblickte in dem Abkommen einen Freifahrtschein für die Intensivierung seiner Kriegsvorbereitungen, die zu jedem Zeitpunkt auch mit dem Plan befasst waren, nach Osteuropa (Lebensraum) - und in die Sowjetunion - zu expandieren.

Am 1. September rückten die deutschen Truppen vor, um Polen von Westen her zu überrennen - die verhängnisvolle Aktion, die den Zweiten Weltkrieg einleitete. Stalin, dem sehr daran gelegen war, einen traditionellen Rivalen des ehemaligen zaristischen Russland zu schwächen, entschied, den Vorstoß der Nazis auszunutzen und entsandte 17 Tage später sowjetische Truppen, um Polen von Osten her anzugreifen.

Während ihres Vormarsches nahmen die sowjetischen Truppen hunderttausende polnische Soldaten, Offiziere und Zivilisten gefangen und brachten viele von ihnen in die Sowjetunion. Stalin stimmte auf persönliches Ersuchen des Chefs der sowjetischen Geheimpolizei NKWD, Lawrenti Beria, der Hinrichtung von über 20.000 polnischen Gefangenen zu. Die Erschießung der polnischen Gefangenen 1940 bei Katyn fügte der Kommandostruktur der polnischen Armee einen schweren Schlag zu und löschte viele junge Intellektuelle aus, die zum Ausgangspunkt einer Opposition gegen Stalins Politik hätten werden können. Stalin hatte bereits die gesamte Führung der polnischen Kommunistischen Partei, die in den 1930er Jahren Zuflucht in der Sowjetunion gesucht hatte, liquidieren lassen.

Vom Stützpunkt Polen aus konnte Hitler dann seine Pläne (Operation Barbarossa), die Sowjetunion 1941 anzugreifen, weiter umsetzen. Stalins Pakt mit Hitler war für letzteren entscheidend, um seine militärischen Planungen voranzutreiben. Millionen von sowjetischen Bürgern und Soldaten sollten den Verrat Stalins von 1939 mit ihrem Leben bezahlen müssen.

Im stalinistischen Polen der Nachkriegszeit war jede Diskussion über das Massaker von Katyn jahrzehntelang ein Tabu, während in der Sowjetunion das Verbrechen den deutschen Truppen zur Last gelegt wurde, nachdem Hitler das Abkommen mit Stalin gebrochen hatte.

Erst 1989 räumte Michail Gorbatschow, der Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, ein, dass der NKWD für das Verbrechen verantwortlich war. 1992 überbrachte ein Gesandter des russischen Präsidenten Jelzin Dokumente aus Katyn an den polnischen Präsidenten Lech Walesa. Auch heute noch weigern sich die zuständigen russischen Behörden, die Ereignisse von Katyn zu untersuchen.

Viele Jahre suchte Wajda nach einem guten Text als Grundlage, die Ereignisse von Katyn filmisch wieder auferstehen zu lassen. Erst gegen Ende seiner Karriere konnte er nun dieses Projekt verwirklichen. Gegenüber der Presse erklärte Wajda in Berlin nicht gerade überzeugend, sein Film sei kein politischer Film. Der Start des Films und die Reaktionen darauf in Polen und Deutschland sprechen eine andere Sprache.

Ein politisches Ereignis in Polen

Die Premiere von Katyn in Polen im Herbst 2007 war ein bedeutendes politisches Ereignis. Unter den Zuschauern waren der polnische Präsident Lech Kaczynski und sein Zwillingsbruder Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski, sowie hochrangige Vertreter der katholischen Kirche. Am Grab des unbekannten Soldaten in Warschau wurde eine Mahnwache gehalten, bei der die Namen von polnischen Offizieren verlesen wurden, die in Katyn ermordet wurden. Der erste Name auf der Liste wurde von Präsident Kaczynski verlesen. Polens Verteidigungsminister, Aleksander Szczyglo, ordnete an, dass Studenten und Soldaten sich den Film anzusehen haben, und die Kaczynski-Brüder versuchten den Film während ihrer ultranationalistischen Kampagne bei den polnischen Parlamentswahlen für ihre Zwecke zu benutzen.

Im Zuge ihrer Beschwörung des polnischen Patriotismus schlugen die Kaczynskis sogar vor, eine spezielle Gedenkfeier zur Rehabilitierung von Andrzej Wajdas Vater, JakubWajda, zu veranstalten. Die Kaczynskis betrachteten den Film offensichtlich als ihr persönliches Eigentum, denn er war, wie aus den Produktionsaufzeichnungen Wajdas hervorgeht, unter der Schirmherrschaft Lech Kaczynskis gedreht worden. Wajda schrieb daraufhin dem Präsidenten einen Brief, in dem er sich gegen die offenkundige politische Instrumentalisierung des Films wehrte, doch da war das Kind bereits in den Brunnen gefallen.

Dass es sich um einen politischen Film handelt, kam bei seiner Europapremiere in Berlin deutlich zum Ausdruck, bei der sogar die rechtsgerichtete Bundeskanzlerin Angela Merkel anwesend war.

Mehrere Jahrzehnte lang war Andrzej Wajda der wichtigste Filmemacher Polens. In mehr als 30 Filmen, die einen großen Zeitraum der Nachkriegsära abdecken, hat Wajda den polnischen Widerstand gegen den Faschismus (vor allem in Der K anal, 1957) und auch den Kampf gegen den Stalinismus festgehalten. Im Laufe seiner Arbeit (Der Mann aus Eisen, 1981) knüpfte er enge Bande mit der Gewerkschaft Solidarnosc, und seine politische Entwicklung verläuft ähnlich wie die der Solidarnosc selbst, d.h., nach dem Zusammenbruch des Stalinismus in Osteuropa (1989-90) wurde er zu einem führenden Protagonisten des polnischen Nationalismus und Antikommunismus.

Wajda ging in dieser Zeit in die aktive Politik und war für die Solidarnosc Senator im ersten Parlament der III. Republik von 1989 bis 1991, in der Zeit also, als Solidarnosc-Führer Lech Walesa polnischer Ministerpräsident wurde. Von 1992-1994 war Wajda Vorsitzender des Nationalen Kulturrates. Er spielte somit in der entscheidenden Phase, als kapitalistische Marktverhältnisse mit verheerenden Auswirkungen auf breite Schichten der Bevölkerung wieder eingeführt wurden, eine aktive politische Rolle. In Interviews hat Wajda wiederholt erklärt, er beobachte eine Identitätskrise im heutigen Polen und sehe seine Rolle darin, die Wiederbelebung des polnischen Nationalbewusstseins zu unterstützen.

Auf der Berlinale betonte Wajda wichtige Aspekte seiner politischen Auffassungen. Einem Publikum von jungen Filmstudenten sagte er: "Ich möchte, dass die Polen eine Nation sind, nicht eine Gruppe von Leuten, die zufällig miteinander zu tun haben." Und in einem Interview mit der Berliner Zeitung beantwortete er die Frage des Interviewers, "Wie konnte so etwas (Katyn) geschehen?" so: "Es war möglich, weil Stalin und Lenin früher schon Millionen sowjetischer Bürger ermordet haben - Ukrainer, Weißrussen, Russen, deren Massengräber bis heute noch nicht geöffnet sind."

Lenin in einem Atemzug mit den Verbrechen Stalins in den 1930er Jahren zu nennen und zu versuchen, den Führer der russischen Revolution mit den Verbrechen der stalinistischen Bürokratie in Verbindung zu bringen, deren Hauptziel schließlich darin bestehen sollte, alle wirklichen Revolutionäre, die an der Seite Lenins kämpften, zu liquidieren, gehört zum Arsenal des heutigen Antikommunismus, für den die heutigen und früheren Führer der Solidarnosc und auch ihre konservativen Gegner, darunter die Kaczynskis, stehen.

Wajda möchte sich von dem ungehobelten Patriotismus der Kaczynskis gern distanzieren, doch sein Nationalismus entfaltet seine eigene zwangsläufige Logik, die letztlich den Kaczynskis nützt. Diese Logik wird an mehreren Stellen in seinem neuen Film sichtbar, der sehr anschaulich Wajdas Versuch zeigt, den polnischen Nationalismus wiederzubeleben.

Wajdas Katyn

Zu Beginn des Filmes sehen wir polnische Zivilisten, die eine Brücke in beide Richtungen überqueren. Es ist das Jahr 1939, und eine Gruppe, die vor deutschen Soldaten flieht, trifft direkt auf eine zweite Gruppe, die den sowjetischen Soldaten auf der anderen Seite des Flusses entkommen will. Die Polen, so wird uns suggeriert, stehen einer zweifachen Gefahr von Invasion und Unterdrückung gegenüber: den Deutschen auf der einen und den Sowjets auf der anderen Seite.

In der anschließenden Szene sieht man eine Gruppe polnischer Offiziere, die den Sowjets in die Hände gefallen sind und ihren Abtransport erwarten. Zwei polnische Offiziere unterhalten sich darüber, was wohl mit ihnen geschehen wird. Im Gespräch mit dem Offizier Andrej äußert Leutnant Jerzy seine Befürchtungen - schließlich hat die Sowjetunion die Genfer Konventionen, die die Behandlung von Kriegsgefangenen regeln, nicht unterschrieben.

Die Kamera schwenkt über das Areal, auf dem die polnischen Soldaten gefangen gehalten werden, und zeigt einen polnischen katholischen Priester, der mitfühlend einer Reihe von polnischen Soldaten, die im Kampf gegen die sowjetischen Truppen verwundet worden sind, die Beichte abnimmt. Gleich darauf sehen wir, wie sowjetische Soldaten eine polnische Fahne schänden und eine sowjetische daraus machen.

Diese wenigen Szenen thematisieren alles, was den heutigen polnischen Nationalismus ausmacht - die immerwährende Gefahr, dass Polen im Westen von Deutschland und im Osten von der Sowjetunion bzw. Russland überrannt wird; die Rolle der katholischen Kirche in der polnischen Gesellschaft, die sich heldenhaft für die "christliche Nation" engagiert, und die quasidemokratischen Bedenken eines polnischen Kavallerieoffiziers im Jahr 1939, der als erstes daran denkt, wenn man Wajda glaubt, dass der Feind den Genfer Konventionen nicht beigetreten ist.

Wajda bestreitet, dass sein Film antirussisch ist, obwohl alle sowjetischen Personen im Film, mit einer bemerkenswerten Ausnahme, als Schläger und Bestien dargestellt werden. Nur ein russischer Offizier, der der Frau des Kavallerieoffiziers die Heirat anbietet, um sie vor den Sowjets zu schützen, scheint eine Ausnahme von der Regel zu sein.

Auch wenn Wajda es bestreitet, so liefert sein Film doch Schützenhilfe für die Kreise in Polen, die das Gespenst der russischen Gefahr wieder aufleben lassen möchten, um so oppositionelle Regungen in der Bevölkerung in die reaktionären Kanäle des Nationalismus und Chauvinismus zu lenken. Die Anwesenheit der Bundeskanzlerin bei der Premiere des Films in Berlin sollte sicherlich die polnische Regierung beruhigen und Moskau brüskieren.

Die unheilvollen polnisch-russischen Beziehungen waren auch ein Hauptthema von Wajdas Film Pan Tadeusz aus dem Jahr 1999, für den ein Gedicht von Polens Nationaldichter Adam Mickiewicz die Vorlage abgab. Es geht dabei um die Bemühungen des Filmhelden Tadeusz, die polnischen Bauern gegen die russische Besetzung Litauens zu mobilisieren. Am Ende des Filmes tanzen Polen ihre traditionelle Polonaise und feiern so einen entscheidenden militärischen Sieg über die Russen.

Wajda geht es darum, eine nationale Tradition wiederzubeleben. Der Kritiker der New York Times schrieb: " Katyn möchte eindeutig dem Patriotismus im positivsten Sinn des Wortes Auftrieb geben". Doch sowohl die globale Integration des Weltkapitalismus wie auch die Korruptheit der polnischen Bourgeoisie machen eine unabhängige nationale Entwicklung Polens unmöglich. Nichts könnte die reaktionäre Sackgasse des polnischen Nationalismus klarer zum Ausdruck bringen als die Tatsache, dass die polnische herrschende Elite bei ihren Bemühungen, dem Einfluss Deutschlands vom Westen und dem Einfluss Russlands von Osten entgegenzutreten, immer stärker um Unterstützung aus dem Weißen Haus buhlt.

In den Nachkriegsjahrzehnten haben viele von Andrzej Wajdas Filmen wirkliche Einsichten in das Funktionieren des stalinistischen und auch des nationalsozialistischen Totalitarismus vermittelt. Seine Filme drehten sich um die Möglichkeit und die Notwendigkeit von Opposition gegen repressive Regimes. Damit bot sein Werk einen wirklichen Ausgangspunkt für eine Wiederbelebung von Kultur und Film in Polen. Heute ist die Weiterentwicklung von Kultur in Polen und anderswo nur möglich, wenn man Wajdas Verherrlichung von Nationalismus und seine unkritische Befürwortung der Werte des freien Marktes entschieden bekämpft.

Siehe auch:
Die 58. Berlinale: Alarmsignale im zeitgenšssischen Film
(4. März 2008)
57. Berliner Filmfestspiele - Teil 3: Ein Aufhorchen im deutschen Film
( 18. Mai 2007)
San Francisco International Film Festival 2006 Teil 1: Film und Geschichte
( 7. Juni 2006)