Rumänische Autoarbeiter streiken gegen Hungerlöhne

Von Markus Salzmann
5. April 2008

Seit mittlerweile fast zwei Wochen streiken rund 10.000 Arbeiter des Dacia-Werkes im rumänischen Pitesti. Die Belegschaft des Tochterunternehmens des französischen Autobauers Renault fordert eine Gehaltssteigerung von 42 Prozent, zusätzliches Weihnachtsgeld und eine Beteiligung am Gewinn des Unternehmens.

Der Streik legt seit Ende März die gesamte Produktion des ca. 120 Kilometer von Bukarest entfernten Werkes lahm, was zu erheblichen Produktionsverzögerungen und Einbußen für Dacia führt. Der Schaden wird pro Tag auf mehrere Millionen Euro geschätzt.

Das rumänische Konzern-Management versucht derzeit, den Streik per Gerichtsbeschluss für illegal erklären zu lassen. Es begründet dies damit, dass weniger als die Hälfte der Angestellten den Streikaufruf unterschrieben hätten. Nach rumänischem Recht muss es dafür eine Mehrheit geben. Tatsächlich hat sich aber nur eine Minderheit der 13.000 Arbeiter dem Streikaufruf nicht angeschlossen. Bereits zweimal wurde das Verfahren vor Gericht verschoben. Der nächste Termin ist am kommenden Mittwoch.

Das Konzernmanagement versucht mit allen Mitteln, die Streikenden zur Wiederaufnahme der Arbeit zu bewegen. Nach mehreren erfolglosen Verhandlungsrunden weigert sich die Unternehmensführung, weiter zu verhandeln, bevor die Arbeit wieder aufgenommen wird. Darüber hinaus hat Dacia angekündigt, die Löhne der Streikenden einzubehalten. Zynisch erklärte ein Unternehmenssprecher, die Angestellten sollten "für sich und ihre Familien" entscheiden, ob sie den Streik fortführen wollen.

Für die allermeisten Arbeiter bedeutet bereits eine Woche ohne Lohn und die kostenlose Mahlzeit, die für viele die einzige vernünftige am Tag ist, dass sie ernsthaft in Existenznot geraten. Doch trotz des Drucks aus der Unternehmensleitung haben sich die Streikenden bislang geweigert, ihren Ausstand einzustellen.

Zuletzt bot Dacia Löhnerhöhungen von rund 12 Prozent an, was einer Provokation gleichkommt. Der durchschnittliche Lohn im Werk liegt umgerechnet bei monatlich 280 Euro. 3.000 Arbeiter verdienen sogar nur den gesetzlichen Mindestlohn von 160 Euro. Aufgrund der gestiegenen Produktions- und Absatzzahlen der vergangenen Jahre wurde die Belegschaft aufgestockt. Die meisten neu Eingestellten erhalten allerdings nur noch ein Monatsgehalt von 209 Euro.

Selbst bei einer durchschnittlichen Lohnerhöhung um 50 Prozent würde ein rumänischer Dacia-Arbeiter nur etwa ein Sechstel des Gehalts eines französischen Renault-Beschäftigten verdienen. Dabei sind mittlerweile die Lebenshaltungskosten in Rumänien beinahe auf westeuropäischem Niveau. So muss ein Drittel des gesetzlichen Mindestlohnes alleine für Heizkosten aufgebracht werden. Auch die Preise für Lebensmittel und Dienstleistungen sind seit dem Beitritt des Landes zur Europäischen Union im letzten Jahr explodiert. Die Teuerungsrate liegt gegenwärtig bei 7,3 Prozent.

Die Verhältnisse in Pitesti sind beispielhaft dafür, wie europäische Konzerne in Osteuropa auf Kosten der Arbeiter traumhafte Profite erzielen. Nachdem dort seit 1969 der Dacia bereits unter französischer Lizenz als rumänischer "Volkswagen" produziert worden war, übernahm 1999 Renault das Werk. Ähnlich erging es zahlreichen anderen großen Industriebetrieben in Rumänien und Osteuropa. Sie wurden spottbillig an westliche Konzerne verscherbelt, die Massenentlassungen durchführten und dann, gestützt auf Billiglöhne, hochprofitable Werke aufbauten.

Alleine 2007 machte Dacia 150 Millionen Euro Gewinn. Der Absatz stieg um 68 Prozent, während sich die Muttermarke Renault um 1,8 Prozent und Renault Samsung Motors sogar um 3,4 Prozent schlechter verkauften als noch im Vorjahr. Und das Unternehmen expandiert weiter. 2006 verließen 121.000 Autos die Fließbänder, 2007 waren es bereits 215.000 und in diesem Jahr sollen es sogar über 300.000 sein.

Während in Frankreich Renault beim Fertigungsprozess auf weniger personalintensive Methoden setzt, geht das Unternehmen in Rumänien auf ursprüngliche Produktionsmethoden zurück und verzichtet weitgehend auf Automatisierung und den Einsatz von Industrierobotern. Stattdessen setzt man auf manuelle Arbeitskraft. Dacia-Manager Christian Esteve schwärmte noch vor kurzem von den Billiglöhnen im Balkanstaat: "Rumänien ist nun das konkurrenzfähigste Land in Bezug auf die Herstellungskosten, selbst wenn wir Fließbänder statt Industrieroboter einsetzen."

Neben den traditionell guten Absätzen von Dacia in Osteuropa kommt ein deutlich verbesserter Absatz in Westeuropa hinzu. Allein in Deutschland verdoppelten sich die Verkäufe Dacias gegenüber dem Vorjahreszeitraum im Januar 2008 auf 1.500 Stück. Der Erfolg der "Billig-Marke" in Deutschland und anderen westeuropäischen Staaten ist vor allem auf die sinkenden Einkommen breiter Bevölkerungsschichten zurückzuführen.

Die glänzende Bilanz von Dacia dürfte auch bei der Entscheidung des Handy-Herstellers Nokia eine Rolle gespielt haben, das deutsche Werk in Bochum zu schließen und stattdessen in Rumänien zu produzieren. Inzwischen folgen auch andere Autohersteller dem Vorbild Renaults. Wie die Financial Times Ende Januar berichtete, trägt sich auch Daimler mit Gedanken, entweder in Polen oder in Rumänien eine Fabrik zu errichten, in der eine "neue Generation von Kompaktwagen" produziert werden soll.

In den Medien wird deshalb seit Beginn des Streiks immer lauter die Befürchtung geäußert, die Forderung nach höheren Löhnen könnte in Osteuropa Schule machen. Wirtschaftsanalysten fragen sich, ob der Arbeitskampf auf Investoren abschreckende Wirkung haben könnte.

Die Süddeutsche Zeitung bemerkte Ende März unter der Überschrift "Osteuropäer mucken auf", dass "dieser als unbefristet angekündigte Streik Tausender Arbeiter so etwas wie ein Erwachen im postkommunistischen Billiglohnland Rumänien" sei, "wo die Menschen bisher bei multinationalen Unternehmen ohne zu murren für 100 Euro als Näherinnen oder für 400 Euro in der Automobilindustrie arbeiteten."

Das rumänische Finanzmagazin Ziarul Financiar warf die Frage auf: "Wie viel Auswirkung wird der Dacia-Streik auf Rumäniens Anziehungskraft für Automobilinvestoren haben?"

Gerade hat beispielsweise 200 Kilometer weiter westlich, in Craiova, Ford eine danieder liegende Autofabrik gekauft, die in den neunziger Jahren dem südkoreanischen Konzern Daewoo gehörte und nach den Turbulenzen bei der Mutter General Motors die Zelte abbrach. Der Staat hatte damals die Daewoo-Anteile zurückgekauft. Jetzt gelang ihm eine neue Privatisierung mit Ford als einzigem Bewerber. Schon heißt es, dass sich in Craiova Protest gegen den Plan des Managements rege, die Beschäftigten mit Gehältern von 200 Euro abzuspeisen.

In Ziarul Financiar äußern sich Vertreter der Romanian Foreign Investment Association (ARIS) besorgt, der Streik bei Dacia könnte potenzielle Investoren aus dem Ausland abschrecken. Das Volumen der geplanten ausländischen Investitionen in diesem Jahr beträgt rund 7 Milliarden Euro.

In der Tat ist diese Befürchtung nicht unbegründet. Bereits seit geraumer Zeit produziert Renault an anderen "attraktiven" Standorten wie Russland, Marokko, Brasilien und Indien. Im Februar unterzeichnete Renault-Chef Carlos Ghosn einen Vertrag über die Zusammenarbeit mit AvtoVAZ, einem russischen Automobilproduzenten.

Das Renault-Management hat bereits gewarnt, es könne die Produktion relativ leicht aus Rumänien abziehen. Die Lohnforderungen der Gewerkschaften, erklärte Dacias Generaldirektor Francois Fourmont gegenüber dem französischen Le Figaro, "können die Zukunft des Werkes gefährden".

Mit Sorge verfolgen internationale Konzerne die wachsende Anzahl von Arbeitskämpfen in Osteuropa. In diesem Jahr streikten in Rumänien bereits die Angestellten der Energieversorger, der Transportunternehmen, sowie Lehrer und anderes Personal im staatlichen Bildungsbereich. Sie alle sind von erbärmlichen Löhnen und steigenden Preisen betroffen. Gleichzeitig werden die letzten Reste des Sozialsystems systematisch demontiert.

Dasselbe spielt sich in anderen neuen EU-Mitgliedsstaaten ab. Ärzte und Krankenschwestern in Polen, Lehrer in Bulgarien und Eisenbahnangestellte in Ungarn protestierten in den letzten Monaten gegen die zunehmend unerträglichen sozialen Bedingungen.

Dabei zeigte sich auch sehr deutlich die beschränkte Perspektive der Gewerkschaften, die völlig unfähig sind, die Interessen der Beschäftigten zu vertreten. Sie haben die Streiks in der Regel abgewiegelt und, wenn überhaupt, nur minimale und völlig unzureichende Verbesserungen für die Beschäftigten herausgeholt. Auch in Pitesti hoffen die beteiligten Gewerkschaften auf die Verhandlungsbereitschaft des Dacia-Managements.

Noch hält sich die rumänische Regierung bedeckt und vermeidet es, sich offen in den Arbeitskampf in Pitesti einzumischen. Doch sollte der Streik weiter andauern, wird dies nicht ausbleiben. Als warnendes Beispiel sollten hier die Streiks der rumänischen Bergarbeiter Ende der 90er Jahre dienen. Der Staat war mit großer Härte gegen sie vorgegangen, als sie gegen die Schließung der Bergwerke und niedrige Löhne protestierten.

Siehe auch:
Politische Krise in Rumänien und Bulgarien verschärft sich
(30. Mai 2007)
Rumänien und Bulgarien treten der Europäischen Union bei
( 29. Dezember 2006)

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