Frankreich: Stalinistische Zeitung l’Humanité dem Bankrott nahe

Von Pierre Marbut
5. September 2008

Der französischen Tageszeitung l’Humanité,, war am 15. und 16 August während einer schweren und potentiell unlösbaren Finanzkrise nicht in der Lage eine Zeitung herauszubringen. Die l’Humanité ist historisch immer eng mit der stalinistischen Kommunistischen Partei Frankreichs (KPF)verknüpft gewesen. In der Ausgabe vom 14. August hieß es, dass " l’Humanité, wegen Existenz bedrohender Schwierigkeiten als Teil der Maßnahmen zur Rettung (des Blattes) diesen Freitag und Samstag nicht erscheinen wird."

Die Auflage des Blattes hat, genau wie die Mietgliederzahl der KPF, in den letzten Jahren stark abgenommen. Der geschäftsführende Herausgeber Patrick Le Hyaric skizzierte die Begleitumstände der letzten Krise und appellierte an die Leserschaft, "die Zeitung aus der finanziellen Sackgasse herauszuholen, in die sie durch den Mitte Juli gescheiterten Verkauf ihres Verlagsgebäudes geraten ist."

Um ihre auf acht Millionen Euro geschätzten Schulden abtragen zu können, bot das Blatt den Sitz seiner Zentrale vergangenes Jahr für 15 Millionen Euro zum Verkauf an. Für das im Jahr 1989 vom namhaften brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer entworfene Gebäude in Saint Denis, einer einst festen Bastion der KPF, fand sich ein Käufer, der versprach, das Geschäft im Juli abzuschließen. Le Hyaric erklärt, dass die durch die weltweite Finanzkrise hervorgerufenen Kreditengpässe den Käufer zahlungsunfähig gemacht hätten. Im Juni sind schon 240 Mitarbeiter in eine neue Niederlassung umgezogen; das Blatt benötigt dingend zwei Millionen Euro um zahlungsfähig zu bleiben.

Le Hyaric bat unumwunden um Spendengelder: "Lasst nicht zu, dass l’Humanité in dem Augenblick geschwächt oder mundtot gemacht wird, da unsere Mitbürger mehr denn je auf vielfältige Informationsquellen angewiesen sind." Le Hyaric wies auf das von Präsident Sarkozy für September geplante Diskussionsforum hin und sagte, dass "wir von diesem Forum Maßnahmen zur Verteidigung der Pressevielfalt, zur Verteidigung der Tagespresse und zur Verbesserung ihrer Überlebenschancen erwarten, sowie neue Ideen zur Unterstützung der Presse."

Angesichts der Funktion der l’Humanité als äußerstem linken Stützpfeiler des französischen journalistischen Establishments, ist klar, dass der Aufruf an die Anhänger der l’Humanité zu finanzieller Unterstützung sich vor allem an den bürgerlichen Staat richtet. Patrick Kamenka, der für die unter dem Einfluss der KPF stehende Journalisten-Gewerkschaft SNJ-CGT schreibt, beschwerte sich: "Weder Präsident, noch Kultusministerium, noch die führenden Medien haben Position bezogen. Wieder ein Mal stirbt l’Humanité inmitten allgemeiner Gleichgültigkeit. Während die Leser der l’Humanité mobilisiert werden, herrscht Funkstille bei den offiziellen Intellektuellen und Ideologen (...), die die mit den Mächtigen liierten großen multimedialen Presseimperien noch stärker machen wollen."

Dieser Appell ist besonders zynisch, da l’Humanité schon längst eine beachtliche Unterstützung der großen französischen Medienunternehmen genießt und schon längst aufgegeben hat, sich finanziell auf die Arbeiterklasse zu stützen. Der private Fernsehsender TF1 und die Hachette-Gruppe des Medien- und Waffenmagnaten Lagardère übernahmen durch eine gemeinsame Tochtergesellschaft, die Humanité Investissement Pluralisme, einen zwanzigprozentigen Anteil an l’Humanité. Weitere 40 Prozent des Geschäftskapitals von l’Humanité sind im Besitz von verschiedenen Leser- und Sympathisantenvereinigungen, die restlichen 40 Prozent gehören Mitgliedern der KPF.

Um über die Runden zu kommen, hat sich l’Humanité in der letzten Zeit schon auf breitere kleinbürgerliche Schichten aus dem Umfeld der Grünen, Feministen, Bewegungen gegen gentechnologischen Anbau, links tönende Teile der Sozialistischen Partei (SP), und auf alle, die sich ein "anti-liberales" (gegen den freien Markt gerichtetes) Etikett anheften, ausgerichtet. Darunter sind auch Elemente, die sich vom "Antikapitalismus" der Ligue Communiste Révolutionnaire (LCR) angesprochen fühlen. Offiziell ließ die Zeitung ihren Anspruch, Sprachrohr der KPF zu sein, im Jahr 1999 fallen, als es in radikalen Zirkeln nach dem Fall der Sowjetunion in Mode kam, vom Ende des Sozialismus zu schwatzen.

Die heutige Abhängigkeit der l’Humanité von Almosen und dem Eingreifen der Wirtschaft hat mit den ursprünglichen Prinzipien bei der Gründung des Blattes am 18. April 1904 durch den Demokraten und Sozialisten Jean Jaurès nichts mehr gemein. Dieser hatte in seinem ersten Leitartikel jeden Zweifel an der Notwendigkeit finanzieller Unabhängigkeit ausgeschlossen.

Die Zeitung ging mit der Mehrheit der Sozialistischen Partei, die nach dem Kongress von Tours 1920 die Gründung der französischen Sektion der Kommunistischen Internationale beschloss, die später den Namen Kommunistische Partei Frankreichs (KPF) bekam. Im Laufe der Zwanzigerjahre geriet die Zeitung zunehmend unter den Einfluss der Stalinisten, so dass sich in ihr die Entwicklung des französischen Stalinismus umfassend ausdrückte.

Am Ende des zweiten Weltkrieges, als die KPF wegen ihrer führenden Rolle im bewaffneten Widerstand gegen die Nazi-Besatzung großes öffentliches Ansehen genoss, erzielte l’Humanité eine Auflage von 400.000 Exemplaren und die KPF war die stärkste politische Partei in Frankreich. Durch ihre verräterische Politik nach dem Krieg beträchtlich geschwächt, - wichtig war die Durchsetzung ihrer Anti-Streik-Politik nach der Befreiung und der Verrat am Generalstreik 1968 - verlor die Partei durch ihre Beteiligung an bürgerlichen Regierungen und schließlich der Auflösung der UdSSR immer mehr Unterstützung.

Seit ihrer Beteiligung an den Regierungen der "Mehrheitslinken" zusammen mit der SP unter Präsident Francois Mitterand von 1981-84 und dem rechten Präsidenten Jaques Chirac, 1997-2002, hat die KPF den Verlust von 600.000 Mitgliedern und 15.000 gewählten Repräsentanten hinnehmen müssen. Die Auflage der l’Humanité hat derzeit 50.000 unterschritten. Der "Pluralismus" der KPF bedeutete Zusammenarbeit mit der französischen Bourgeoisie und kostete die Partei und ihre Presse die Unterstützung der Arbeiter, insbesondere der Jugend. Die Partei dirigierte Massenarbeitslosigkeit und Sozialabbau in vielen Gemeinden und Großstädten, in denen sie oftmals dreißig Jahre lang die Mehrheit hatte.

Bei den Präsidentschaftswahlen 2002 erklärte die spätere Vorsitzende der KPF, Marie-George Buffet, vor der ersten Wahlrunde in der l’Humanité vom 21. Februar: "Trotz wichtiger Arbeit und nützlichen Beiträgen der Kommunisten in (der Regierung) der Pluralen Mehrheit können die Menschen nicht erkennen, dass die Politik (der Regierung) ihren Alltag verbessert." Klar, dass der KPF- Kandidat Robert Hue mit einer solchen Bilanz nur 3,37 Prozent der Wählerstimmen kriegte.

Im der zweiten Wahlrunde, als zwischen dem rechten Amtsinhaber Präsident Jaques Chirac von der regierenden UMP und dem neofaschistischen Jean-Marie Le Pen von der extremen Rechten (oder einem Wahlboykott) gewählt werden konnte, gab die KPF ihrem Konzept der "Pluralen Mehrheit" eine neue Ausrichtung, als sie für Chirac mobilisierte und die Mauern Frankreichs mit Plakaten mit dem Aufruf "Wählt Chirac!" pflasterte. Dieser gewann die Wahl dann mit achtzig Prozent der Stimmen und einem Mandat für den Angriff auf den Lebensstandard der französischen Arbeiter. Die Früchte dieses Verrates erntete die KPF bei der Präsidentschaftswahl von 2007, als der Stimmenanteil der KPF-Kandidatin Marie-George Buffet auf ein Rekordtief von 1,93 Prozent fiel.

Je mehr die soziale und wirtschaftliche Krise den Klassenkampf voran treibt, umso mehr rücken KPF und l’Humanité nach rechts. Ihre Verteidigung der "Pressevielfalt" und der "Mehrheitslinken" dient der Erhaltung des Status Quo und der Verhinderung des Aufbaus einer unabhängigen Bewegung der Arbeiterklasse. Obwohl die Rolle als Sicherheitsventil für die Krisen des französischen Kapitals weitgehend von der langjährigen Verbündeten der KPF, der LCR, übernommen wurde, werden die Tage von l’Humanité wohl noch nicht endgültig gezählt sein, da es für die französische Elite notwendig ist, eine scheinbar oppositionelle Presse am Leben zu erhalten.

Bis großzügige Hilfsmaßnahmen aus der Wirtschaft zur Rekapitalisierung des Verlags und staatliche Hilfen von Präsident Sarkozy greifen, hofft die Zeitung, durch Spenden und die Einnahmen beim jährlichen Pressefest im September, das immer noch von Radikalen jeglicher Couleur gerne besucht wird, zahlungsfähig zu bleiben.

Siehe auch:
Ende der 35-Stunden-Woche in Frankreich
(2. August 2008)
Frankreich: Debatte von LCR und KPF Ein Dialog politischer Opportunisten
(16. Juli 2008)