Die USA, Pakistan und der "Terrorist" Hamid Gul

Von Peter Symonds
12. Dezember 2008

Nach den Terrorangriffen von Mumbai wird in der internationalen Presse immer wieder der Name des pensionierten ehemaligen Chefs des pakistanischen Militärgeheimdiensts ISI, Hamid Gul, genannt.

Mehrere Zeitungen berichten, Washington arbeite auf Guls Auslieferung hin, und mit ihm sollten noch drei weitere pakistanische Staatsbürger ausgeliefert werden, die als Führer verschiedener Terrorgruppen auf der Schwarzen Liste der UNO stehen. Vor allem ist in dem Zusammenhang von der Gruppe Lashkar-e-Taiba die Rede, die für die Gräueltat von Mumbai verantwortlich sein soll.

Das US-Außenministerium hat diesen Schritt zwar noch nicht bestätigt, aber die pakistanische Zeitung News veröffentlichte schon am vergangenen Wochenende Details der Vorwürfe, die die US-Regierung der pakistanischen Regierung hat zukommen lassen. Gul wird vorgeworfen, "die ganzen Jahre über weit reichende Verbindungen mit den Taliban und al-Qaida unterhalten", den Taliban 2005 strategische Hilfestellung bei ihren "Operationen in Afghanistan" geleistet und geholfen zu haben, US-feindliche Aufständische anzuwerben und auszubilden.

Gul macht keinen Hehl aus seiner Feindschaft gegen die USA, weist aber Anschuldigungen zurück, er unterstütze den Terrorismus, und bezeichnet diese als "frei erfunden". Auf einer Pressekonferenz erklärte er am Montag, er werde die UN auffordern, eine internationale Untersuchungskommission nach Pakistan zu entsenden. Dieser werde er "für Befragungen zur Verfügung stehen". Zu den Vorwürfen Washingtons meinte er: "Es gab einmal eine Zeit, da war ich ihr Liebling. Ich weiß nicht, was hier los ist. Offensichtlich haben sie die Angewohnheit ihre Freunde zu verraten."

Guls Bemerkungen wirft Licht auf eine unangenehme Tatsache, die in der Berichterstattung über die Anschläge in Mumbai und über den "Krieg gegen den Terror" im Allgemeinen fast völlig ausgeblendet wird. Die Beziehungen zwischen dem pakistanischen Establishment, der Armee und dem ISI und islamistischen Organisationen wurden während des von der CIA gelenkten heiligen Kriegs gegen die sowjetische Besatzung Afghanistans in den 1980er Jahren geknüpft. Nicht nur Gul war Washingtons "Liebling", sondern der ganze ISI und die afghanischen "Freiheitskämpfer", die jetzt das Rückgrat der Taliban, al-Qaidas und zahlreicher islamistischer Terrorgruppen in aller Welt bilden.

Im kalten Krieg war Pakistan für die USA ein wichtiger anti-sowjetischer Frontstaat. Für die dominierende Rolle des Militärs in der pakistanischen Gesellschaft ist in nicht unbedeutendem Maße die amerikanische Regierung verantwortlich. Denn sie unterstützte mehrere Militärdiktaturen in Islamabad als Bollwerk gegen die Sowjetunion und deren südasiatischen Verbündeten Indien. Washington unterstützte 1977 die Machtübernahme von General Zia ul-Haq und schaute zwei Jahre später weg, als der Militärherrscher 1979 den gestürzten Premierminister Zulfikar Ali Bhutto hinrichten ließ, Pakistan in einen islamischen Staat verwandelte und jede innenpolitische Opposition unterdrückte.

General Zia war ein wichtige Partner der USA bei der Destabilisierung des sowjetischen Klienten-Regimes in Afghanistan. Die Präsidenten Carter und Reagan ließen die bisherige Entspannungspolitik fallen und gingen dazu über, die Sowjetunion zu destabilisieren und Afghanistan in "Moskaus Vietnam" zu verwandeln. Das war ein wichtiger Wendepunkt im Kalten Krieg. In ihrer größten "verdeckten" Operation überhaupt arbeitete die CIA Hand in Hand mit dem ISI und dem saudischen Geheimdienst bei der Rekrutierung, Finanzierung, Bewaffnung und Ausbildung einer ganzen Armee afghanischer Mudschaheddin, die von Zehntausenden islamistischen Fanatikern aus aller Welt unterstützt wurden.

Die Folgen waren für Afghanistan und Pakistan gleichermaßen verheerend. Mit Unterstützung der USA förderte Zia aktiv religiöse Rückständigkeit und rechte islamische Parteien als Rammbock gegen die Arbeiterklasse. Er attackierte die Rechte von Frauen und heiztet ethnische Spaltungen an. Der von dem ISI koordinierte Guerillakrieg wurde teilweise durch groß angelegten Drogenhandel finanziert, was zu einer Drogen- und Waffenkultur führte, die noch heute eine zersetzende Wirkung auf die pakistanische Gesellschaft ausübt.

Gul war die Personifizierung dieser reaktionären Politik. Zia ernannte ihn auf dem Höhepunkt des Afghanistankriegs 1987 zum Chef des ISI. Nach Zias Ermordung 1988 blieb er unter Bhuttos Tochter Benazir auf diesem Posten. Der Rückzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan ermöglichte es dem ISI 1989 Vorteil aus dem Widerstand im indischen Teil Kaschmirs zu ziehen, und Verbindungen zu den kaschmirischen Widerstandskämpfern zu knüpfen. 1989 wurde Gul von seinem Posten beim ISI abgelöst, weil er die Bildung einer rechten islamischen Opposition als Alternative zu Benazir Bhuttos Pakistan Peoples Party (PPP) gefördert hatte.

Bis Mitte der 1990er Jahre war Pakistan der wichtigste Verbündete Washingtons auf dem indischen Subkontinent. Als Afghanistan nach dem sowjetischen Abzug im Chaos rivalisierender Milizen versank, unterstützten die USA 1993 stillschweigend die Bildung der Taliban-Bewegung durch Pakistan und den ISI. Amerikanische Ölinteressen verlangten ein stabiles Afghanistan als Route für geplante Öl- und Gaspipelines aus Zentralasien in den Westen. Erst in den späten 1990er Jahren, als al-Qaida-Angriffe auf amerikanische Ziele durchführte, wandte sich Washington scharf gegen seine bisherigen Verbündeten. 1998 wurden die ersten Angriffe auf angebliche al-Qaida-Lager in Afghanistan geflogen.

Forderungen der USA an Pakistan, etwas zu unternehmen, um die Taliban auf Linie zu bringen, gingen parallel mit einer strategischen Annäherung an Indien, das mit großer Geschwindigkeit zu einer wichtigen Wirtschaftsmacht heranwuchs. 1999 zwang Präsident Clinton den pakistanischen Premierminister Nawaz Sharif, dem Militär zu befehlen, seine Unterstützung für die bewaffneten kaschmirischen Separatisten einzustellen, die das Kargil-Gebirge im indischen Teil Kaschmirs unter ihre Kontrolle gebracht hatten. Sharifs Nachgeben produzierte in der pakistanischen Armee brodelnde Wut und führte nur Monate später zur Machtübernahme von General Pervez Musharraf.

Nachdem die USA jahrelang ihren Teil dazu beigetragen hatten, das pakistanische Militär in eine Bastion islamistischer Reaktion zu verwandeln, verlangten sie nach den Anschlägen vom 11.September eine abrupte Kehrtwende. Musharraf berichtete später in seiner Autobiographie, dass die Bush-Regierung ein Angebot gemacht habe, dass Pakistan nicht ausschlagen konnte. Der stellvertretende US-Außenminister Richard Armitage teilte Musharraf rundheraus mit, dass das Land ins "Steinzeitalter" zurückgebombt würde, wenn er nicht sofort jede Unterstützung für die Taliban einstelle und die amerikanische Invasion in Afghanistan unterstütze.

Die US-Invasion in Afghanistan hat nicht nur die Krise im Land selbst und im benachbarten Pakistan verschärft. Der Zorn über sieben Jahre Besetzung verschafft zahlreichen islamistischen Milizen, die in Afghanistan und den pakistanischen Grenzprovinzen operieren, einen ständigen Nachschub an Rekruten. Es kann kaum überraschen, dass ein Teil des pakistanischen Militärs und des ISI immer noch wütend auf Washington sind und sowohl mit den Taliban, als auch mit den kaschmirischen Separatisten sympathisieren. Gul, obwohl im Ruhestand, spricht für diese Schicht.

Die Verwandlung Guls aus Washingtons "Liebling" in einen Kandidaten für die Terrorliste der UN ist das Ergebnis einer veränderten amerikanischen Politik. An ihm soll ein Exempel statuiert werden. Auf diese Weise versucht das Weiße Haus das gesamte pakistanische Establishment zu disziplinieren. In der rücksichtslosen Verfolgung ihrer wirtschaftlichen und strategischen Interessen in der Region machen die USA vor nichts halt.

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