Das soziale Paradox bei der "wunderbaren" Rettung aus dem Hudson

Der Absturz einer US-Airways-Maschine am Donnerstagnachmittag in den Hudson River vor Manhattan und die darauf folgende Rettung sämtlicher 150 Passagiere und fünf Crew-Mitglieder lässt niemanden kalt. Zu diesem ungewöhnlichen Ausgang trugen außerordentliche Professionalität, Können, Mut und elementare menschliche Hilfsbereitschaft bei.

Die Chancen für einen glücklichen Ausgang standen ausgesprochen schlecht. Einige Minuten nach dem Start vom New Yorker Flughafen LaGuardia geriet Flug 1549 offenbar in einen Vogelschwarm. Beide Maschinen des Airbus A320 fielen aus. Pilot Chesley "Sully" Sullenberger und sein Copilot mussten plötzlich einen antriebslosen, fünfzig Tonnen schweren Düsenjet mit 155 Menschen an Bord über eine der weltgrößten Metropolen hinwegsteuern. Es hätte leicht zu einem schrecklichen Desaster kommen können.

Sullenberger informierte die Fluglotsen, er könne weder nach LaGuardia zurückkehren, noch den kleinen Flughafen von Teterboro in New Jersey erreichen. Stattdessen schwenkte er Richtung Süden parallel zum Hudson River ein, der Manhattan und New Jersey trennt, flog über die George-Washington-Brücke und brachte das Flugzeug sicher mitten im Fluss herunter.

Gekonnt landeten Sullenberger und sein Copilot das Flugzeug "mit der Nase nach oben auf dem Fahrwerk", sodass die Maschine "unmittelbar nach dem Aufprall auf dem Wasser schwamm" (New York Times).

Die sichere Landung war aber nicht die letzte Herausforderung dieses Tages. So betrug die Lufttemperatur an diesem 15. Januar in New York minus acht Grad Celsius und die Wassertemperatur nur zwei Grad plus. Es war einer der kältesten Tage des Jahres. Bei solchen Temperaturen kann der Aufenthalt im Wasser schon nach wenigen Minuten tödlich sein.

Die Passagiere standen auf den Flügeln des sinkenden Flugzeugs. Innerhalb von Minuten "wimmelte das Wasser vor Schiffen und Fähren der verschiedensten Städte und Staats- und Bundesbehörden, die in den Gewässern in und um New York arbeiten. Sie eilten zu dem langsam sinkenden Flugzeug. Die Rettungsaktion wurde durch die Flussströmung erschwert, die das Flugzeug ständig nach Süden abtrieb" (New York Times).

Auch die Passagiere reagierten mit bewundernswerter Haltung, halfen sich gegenseitig und legten erstaunliche Selbstlosigkeit an den Tag. Eine Passagierin, die dem Vorstand der Bank of America angehört, sagte der Washington Post : "Das Erstaunlichste war, dass ich kein Stoßen und Drängen sah. Ich erlebte nur Hilfsbereitschaft und Mitgefühl."

Ein Passagier der ersten Fähre, die am Ort des Geschehens eintraf, berichtete, wie die aus dem eisigen Hudson geretteten Menschen empfangen wurden: "Wir hielten sie fest, umarmten sie, beruhigten sie, hielten ihre Hände und wärmten sie mit unserer Körperwärme" (New York Times).

Der 57-jährige Sullenberger aus Nord-Kalifornien erntete viel Lob, und das völlig zu Recht. Aus seinem Online-Lebenslauf lässt sich ersehen, dass er praktisch für die Flugsicherheit und alle damit zusammenhängenden Fragen lebt. Nicht nur ist er seit vierzig Jahren in der Luftfahrtindustrie tätig und hat 19.000 Flugstunden mit unterschiedlichen Flugzeugen hinter sich, er hat sich auch für zahlreiche Neuerungen in der Flugzeugsicherheit und Wartung eingesetzt. Eine Zeitlang war er Sicherheitsbeauftragter des Pilotenverbandes Air Line Pilots Association (ALPA) und Gutachter im Auftrag der Gewerkschaft bei Flugunfällen. Außerdem ist er Gleitfliegerpilot, was ihm am Donnerstag sicher sehr zu Gute kam.

Seine Frau Lorrie Sullenberger beschrieb den Medien ihren Mann als den "Pilot der Piloten", als "Liebhaber der Flugzeugkunst". Ein Kommentar, der nicht ohne Bedeutung ist.

Ein Ereignis, wie dieses, enthüllt ein soziales Paradox.

Politiker, Opportunisten wie immer, sind schnell dabei, Menschen als "Helden" zu feiern, wenn sie sich in einem Ereignis wie am Donnerstag auf dem Hudson bewähren. Der Bürgermeister von New York, Michael Bloomberg, bot Sullenberger den Stadtschlüssel an und erklärte: "Wir haben gestern im Hudson großes Heldentum gesehen. ... Die perfekte Landung, die phänomenale Reaktion, die Rettung jeder einzelnen Person."

Wie vorauszusehen, waren lokale und nationale Medien über das "Wunder auf dem Hudson" ganz aus dem Häuschen. Als Ablenkung vom endlosen Strom schlimmer Wirtschaftsnachrichten kam es ihnen sehr gelegen.

Doug Parker, der Vorstandsvorsitzende von US Airways, nannte die Rettungsoperation eine "wahrhaft bemerkenswerte Leistung ... Es ist mir eine Ehre, euch allen zu danken für das, was ihr getan habt."

Die Hohlheit und Heuchelei derartiger Kommentare fällt ins Auge, wenn man die fast pausenlosen Angriffe betrachtet, denen diese einfachen "Helden" in den letzten Jahren ausgesetzt waren. Ein so hohes Niveau an Professionalität und Können wird durch die Politik von Konzernen und Regierungen systematisch untergraben.

Piloten und Flugbegleiter sind damit konfrontiert, dass ihr Einkommen, ihre Arbeitsbedingungen und das Betriebsklima in verheerender Weise unter Angriff stehen. Die Gesellschaft US Airways, die aus dem Nachlass von Allegheni Airlines stammt, hat zweimal Bankrott gemacht und Arbeitsplätze, Zusatzleistungen und Rentenzahlungen gestrichen, während sich Manager wie Parker bereichert haben.

In einer Zeitungsmeldung aus Pittsburgh von 2006 stand, dass allein in jener Region fast 9.000 US-Airways-Beschäftigte seit 2001 ihren Arbeitsplatz verloren hatten. In 2003 war die Gesellschaft eins der ersten Flugunternehmen, das sich der Pilotenrenten entledigte, um Kosten zu sparen, und den Rentenfond deshalb an die nationale Rentenkasse Pension Benefit Guaranty Corporation überführte. Diese Entscheidung führte zwangsläufig zu einer Rentenkürzung. In 2008 behauptete die Airline Pilots Association, die der Verhandlungspartner für die Piloten dieser Fluggesellschaft ist, dass US Airways wegen der steigenden Ölpreise ihre Piloten unter Druck setze, mit weniger Treibstoff zu fliegen. Wer sich weigerte, dem drohten Disziplinarmaßnahmen.

Ein Kommentar schilderte die Arbeitsbedingungen für Piloten in düsteren Farben: "Ihre Gehälter und Renten sind gekürzt worden und sie arbeiten länger, um sie zu verdienen. Ein weiteres Zugeständnis an die Fluggesellschaft besteht darin, dass ihre Arbeitszeit stärker als je zuvor durch unbezahlte Pausenzeiten unterbrochen wird."

Der ALPA-Präsident, Flugkapitän John Prater, sagte Anfang 2008 dem Christian Science Monitor : "Heute setzen die Fluggesellschaften Geld und Produktivität - wie viel Arbeitsleistung kann man aus einem Piloten pressen? - über die Sicherheit und gut ausgeruhte Piloten im Cockpit, die nicht müde sind."

Bei den öffentlichen Angestellten der Stadt New York führen Bloomberg, ihr milliardenschwerer Bürgermeister, und der Demokratische Gouverneur von New York, David Paterson, umfassende Haushaltskürzungen und Entlassungen durch, die die Sicherheit und das Wohlergehen der Einwohner weiter untergraben werden.

So hat Bloomberg zum Beispiel im November 2008 Kürzungen bei den Ausgaben für den Brandschutz in Höhe von 8,9 Millionen Dollar angekündigt, die dazu führen, dass in fünf Feuerwehrzentralen die Nachtschicht wegfällt. Es wird auch bei der Feuerschutzakademie gespart, und die Praktikumszeit für Feuerwehrleute auf Probe wird von 23 auf 18 Wochen gekürzt. Dabei erklärte der Bürgermeister, dies sei nur der Anfang.

Die Ironie besteht darin, dass im Juli 2008 ausgerechnet die Dachorganisation freiwilliger Katastrophenschützer der Stadt New York (Disaster Preparedness and Response Program of the Human Services Council of New York) aufgelöst wurde, weil der Bundesstaat Haushaltskürzungen vornahm. Ein Vertreter dieser Organisation bemerkte: "Das Gedächtnis scheint kurz zu sein, wenn es darum geht, was im Fall einer Katastrophe in der Stadt New York benötigt wird. Da geht es nicht nur um einen terroristischen Angriff. Es geht auch um Hurrikane und Flutwellen und andere solche Sachen."

Normalerweise, wenn die Medien nicht gerade ihre Aufmerksamkeit auf sie richten, werden die "Helden" vom Hudson River und weitere Helden im ganzen Land nicht so gut behandelt. (Vergangenen Monat konnte man bei einer erstaunlichen Rettungsaktion weitere Helden live im Fernsehen sehen, als eine geborstene Wasserhauptleitung eine Straße in Bethesda, Maryland, überflutet hatte.) Normalerweise erfahren diese "Helden" die gleiche Brutalität und Gleichgültigkeit, die man in den USA jedem einfachen Arbeiter zukommen lässt. In den Augen der Elite an der Spitze der Vereinigten Staaten sind Arbeiter bloß entbehrliches Gesindel.

Und sollten Angehörige des Luftpersonals, Feuerwehrleute oder städtische Angestellte gar zur Tat schreiten, um sich gegen die Zerstörung von Löhnen und Arbeitsplätzen zur Wehr zu setzen, dann werden Politiker und Journalisten ihr wahres Gesicht zeigen und sie als "gierig", "selbstsüchtig" und "streitsüchtig" beschimpfen, wie das Bloomberg und die Boulevardpresse von New York während des Transportarbeiterstreiks von 2005 taten.

Die Geschichte hat noch eine andere Seite. Ein Element, das sonst in Amerika allgegenwärtig ist, fehlte bei der Rettungsaktion vom Donnerstag auffälligerweise ganz und gar: das Profitprinzip. Jahrzehntelang hat man Amerikanern eingebläut, das Streben nach privatem Reichtum sei das höchste, wenn nicht das einzige ernstzunehmende menschliche Motiv. Von höchster Stelle wurde soziale Zusammenarbeit, Mitgefühl und Opferbereitschaft der Verachtung und dem Spott preisgegeben. Es wurde zwar nicht offen ausgesprochen, aber implizit wurden diese Eigenschaften als "sozialistisch" abgewertet.

Nun stellt sich heraus, dass jeder Beteiligten an der Rettungsaktion vom Donnerstag ganz spontan solidarisch, und nicht egoistisch reagiert hat. Selbstsucht ist also gerade in einer Notsituation nicht die natürliche Reaktion des Menschen. Die wachsende Wirtschaftskrise, die breite Schichten der Bevölkerung in die Armut treibt und die tiefe gesellschaftliche Kluft in Amerika offen legt, wird in den gesündesten Schichten der Gesellschaft die besten Eigenschaften hervorbringen und günstige Bedingungen für die Entstehung einer echten, bewussten "sozialistischen" Gesinnung schaffen.

Siehe auch:
Hurrikankatastrophe zeigt Scheitern des Profitsystems
(10. September 2005)
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