8.000 Tamilen demonstrieren in Berlin für ein Ende des Kriegs

Veranstalter versuchen, sozialistische Perspektive zu zensieren

Von unseren Korrespondenten
5. Februar 2009

Anlässlich des 61. Jahrestages der Unabhängigkeit Ceylons demonstrierten etwa 8.000 Tamilen in Berlin gegen die anhaltenden Angriffe der srilankischen Armee auf tamilische Zivilisten. Teilnehmer kamen aus dem gesamten Bundesgebiet - von Hamburg bis München - angereist, um an der Demonstration teilzunehmen. Der Marsch startete an der CDU Bundeszentrale und zog dann zur indischen Botschaft.

Viele Demonstranten trugen Bilder mit verletzen Kindern und anderen Zivilisten, um gegen den Krieg zu protestieren. Andere Teilnehmer machten auf die Verbindung zum Krieg im Nahen Osten aufmerksam: "Gaza und Sri Lanka Vanni sind auf dem gleichen Planet". Auf einem anderen Transparent wurde auf das Aussperren von Journalisten durch die srilankische Armee verwiesen: "Völkermord ohne Zeugen in Sri Lanka". Es waren fast ausschließlich Tamilen anwesend, was darauf zurückzuführen ist, dass die Veranstalter darauf verzichteten, in irgendeiner Form öffentlich für die Demonstration zu werben.

Sintha T. Sintha T.

Sintha T. ist eine junge Studentin aus Düsseldorf. Sie sagte gegenüber der WSWS, dass eigentlich alle Tamilen, die an der Demonstration teilnehmen Verwandte oder Freunde im Kriegsgebiet haben, die in der Gefahr direkter militärischer Angriffe leben.

"Ich habe selbst Verwandte, einschließlich meiner Großmutter sowie meiner Tante, und Freunde in Jaffna und Vanni. Gerade gestern berichtete mir eine Freundin, dass ihre eigenen Großeltern bei einem Bombenangriff auf ihr Haus getötet wurden. Natürlich mache ich mir über meine Verwandten Sorgen. Wenn es nicht sofort zu einem Waffenstillstand kommt, stehen Hunderttausende tamilische Leben auf dem Spiel. Wie viele andere Tamilen hier bin ich in Deutschland geboren und aufgewachsen, aber für unsere Mütter und Väter, deren Wurzeln in Sri Lanka liegen, ist diese Zeit besonders aufreibend. Durchschnittlich sterben mehr als 50 Menschen jeden Tag, und noch viel mehr werden verletzt. Wenn die Kämpfe nicht bald enden, steht die gesamte tamilische Bevölkerung auf dem Spiel."

Sintha ist empört, dass deutsche Journalisten und andere Medien davon abgehalten wurden, über den Krieg zu berichten. Sie erklärte, ein Ziel der Demonstration sei es, einerseits Öffentlichkeit für die tamilische Misere herzustellen und andererseits die europäischen, einschließlich der deutschen Regierung unter Druck zu setzen. Gleichzeitig zeigt sie sich gegenüber den europäischen Regierungen auch kritisch, weil diese die brutale Offensive der srilankischen Armee nicht verurteilt haben: "Die Europäische Union hat sich nicht gegen die srilankischen Angriffe ausgesprochen und versorgt die srilankischen Armee gleichzeitig mit Waffen. Sie sind Komplizen in der Kampagne der srilankischen Regierung gegen die Tamilen."

Ramesh Ramesh

Ramesh ist 31 Jahre alt und betreibt eine Pizzeria in Neuss. "Die musste heute geschlossen bleiben." sagt er, "Weil es wichtiger ist, heute hier zu sein." Er demonstriere vor allem gegen das menschliche Elend unter den Tamilen. "Es werden immer mehr unschuldige Menschen umgebracht." erklärt er "Die Menschen haben keine Möglichkeit aus den Gebieten zu entkommen. Sie sind den Angriffen der Armee schutzlos ausgeliefert." Er hat selbst Verwandte im Kriegsgebiet, von denen er seit Tagen nichts mehr gehört hat.

Auch Tamina, eine 19-jährige Abiturientin aus Dortmund, hat Familie im Kriegsgebiet. Sie ist vor allem über die Rolle der deutschen Medien empört: "Das Elend der Tamilen wird nirgendwo in der Presse oder dem Fernsehen gezeigt. Ich selbst habe das ZDF und die ARD kontaktiert, aber es wird immer noch nicht berichtet, es wird einfach ignoriert. In Sri Lanka sterben auch Menschen und nicht irgendwelche Ameisenhaufen! Die Demonstration wird auch ignoriert. Ich habe gestern mit einigen Fernsehsendern gesprochen und sie meinten: 'Wir wissen noch nicht, ob sie eine Berichterstattung bekommen.' Ich finde das ist eine Unverschämtheit."

Tatsächlich war keine einzige Fernsehstation anwesend.

"Wir sind ja nicht umsonst hier auf der Straße - oder damit wir Spaß haben", fährt Tamina fort. "Ich selbst komme aus NRW extra hierher, damit man uns erhört. Wir sehen ja Deutschland auch als unser Land. Nur weil wir aus Sri Lanka kommen, heißt das nicht, dass wir nur für Sri Lanka kämpfen. Wir kämpfen hier doch um die Menschenrechte."

Vertreter der Partei für Soziale Gleichheit (PSG) verteilten Erklärungen der Socialist Equality Party (SEP) in Sri Lanka unter dem Titel: "Eine sozialistische Perspektive für ein Ende des Kriegs in Sri Lanka - Truppen raus aus dem Norden und Osten". Darin fordert die Partei nicht nur den sofortigen Abzug des srilankischen Militärs aus den tamilischen Gebieten, sondern stellt den Krieg auch in größere weltpolitische Zusammenhänge:

"Die Kriegsverbrechen der Regierung von Präsident Rajapakse sind Ausdruck der zunehmend brutalen Methoden, mit denen die imperialistischen Mächte und ihre Handlanger in der nationalen Bourgeoisie ihre geopolitischen Interessen sichern, wie in Afghanistan, dem Irak und in Gaza geschehen."

Obwohl die westlichen Regierungen immer wieder deutlich gemacht hätten, dass sie die srilankanische Armee unterstützten, sei die einzige Perspektive der LTTE, die gleichen Regierungen unter Druck zu setzen. "Ihre politische Perspektive eines kapitalistischen Ministaats im Norden und Osten Sri Lankas im Interesse der tamilischen Elite hing immer vom Wohlwollen der einen oder anderen Großmacht ab", heißt es in dem Flugblatt.

"Der Verbündete der Tamilen im Exil in den imperialistischen Ländern ist die Arbeiterklasse, die einzige gesellschaftliche Kraft, die in der Lage ist, den Krieg zu beenden. Die Massendemonstrationen und Streiks vom 29. Januar in Frankreich müssen den Auftakt für Kämpfe in ganz Europa bilden."

Das Flugblatt schließt mit den Worten: "Die Socialist Equality Party (SEP), die srilankische Sektion des Internationalen Komitees der Vierten Internationale, kämpft für die Einheit der arbeitenden Bevölkerung in Sri Lanka, ohne Ansehen ihrer ethnischen Abstammung. Die SEP fordert den sofortigen bedingungslosen Rückzug der Truppen aus dem Norden und Osten. Die SEP kämpft für eine Sozialistische Republik von Sri Lanka und Eelam als Teil der Union Sozialistischer Republiken Südasiens. Das ist der einzige, Weg, um der Politik der kommunalen, ethnischen und Kastentrennungen ein Ende zu bereiten, von der die gesamte Region seit über einem halben Jahrhundert drangsaliert wird."

Die Flugblätter fanden reißenden Absatz und viele Teilnehmer der Demonstrationen begrüßten die Positionen der SEP. Nicht so die Veranstalter. Diese wollten mit der Demonstration vor allem Druck auf die europäischen Regierungen ausüben. In einem Flugblatt des Tamil Coordination Committees, einer Exilorganisation der LTTE, hieß es: "Die deutsche Regierung muss zusammen mit der Europäischen Union durch wirtschaftliche und diplomatische Maßnahmen Druck auf die srilankische Regierung ausüben, um einen unmittelbaren Waffenstillstand durchzusetzen."

Bei diesem Vorhaben war den Veranstaltern die Position der SEP anscheinend ein Dorn im Auge. Ihnen war der Aufruf gegen Krieg und Nationalismus Grund genug, gewaltsam gegen Vertreter der PSG vorzugehen. Die von den Veranstaltern gestellten Ordner, die in ihren orangefarbenen Westen zu Hunderten die Demonstration flankierten, versuchten zunächst das Verteilen der Erklärung zu unterbinden. "Ihr schreibt etwas gegen uns. Das wollen wir hier nicht", erklärte einer und rief dann:"Verteilt Eure Flugblätter doch auf einer singhalesischen Demonstration!"

Vertreter der LTTE versuchen offensichtlich jede Kritik an ihrer auf die Großmächte orientierten Politik als Unterstützung für den Krieg darzustellen und schüren dabei selbst Nationalismus und Chauvinismus, indem sie nicht die srilankische Regierung, sondern die singhalesische Bevölkerung für den Krieg verantwortlich machen.

Als sich einige umherstehende Demonstranten auf die Seite der PSG-Vertreter stellten, holten Ordner die Polizei hinzu und versuchten, das weitere Verteilen mit ihrer Hilfe zu unterbinden.

Nachdem PSG-Vertreter gegenüber der Polizei durchsetzten, dass sie zumindest am Rande der Demonstration Flugblätter verteilen dürfen, wurden sie von einigen Ordnern umzingelt und angegriffen. Die übrigen Flugblätter wurden ihnen aus der Hand gerissen. Andere Ordner sorgten zur gleichen Zeit dafür, dass die Vorgänge vom Rest der Demonstration isoliert wurden und andere Demonstranten nichts von dem undemokratischen Verhalten der Veranstalter mitbekommen konnten.

Das aggressive Vorgehen der Veranstalter gegenüber der sozialistischen Perspektive der SEP zeigt deutlich, wie weit der Einfluss der LTTE im Zuge des Bankrotts ihrer nationalistischen Perspektive in der tamilischen Exilgemeinde gesunken ist. Es gelingt ihren Ordnern nur noch, mit Einschüchterung und Gewalt andere Perspektiven aus der Demonstration herauszuhalten.

Siehe auch:
Eine sozialistische Perspektive für ein Ende des Kriegs in Sri Lanka - Truppen raus aus dem Norden und Osten
(4. Februar 2009)