Nachschubbasis für Afghanistan verschärft amerikanisch-russische Spannungen

Von Bill Van Auken
13. Februar 2009

Die angedrohte Schließung einer wichtigen Versorgungsbasis des Pentagon in der ehemaligen Sowjetrepublik Kirgisien hat schwerwiegende Konsequenzen für die von der Obama Administration geplante Eskalation des US-geführten Kriegs in Afghanistan. Diese Entwicklung hat die Spannungen zwischen Washington und Moskau einmal mehr vertieft.

Die Luftwaffenbasis Manas in der Nähe der kirgisischen Hauptstadt Bishkek, ist die wichtigste Luftverbindung des US Militärs zu den amerikanischen Besatzungskräften in Afghanistan. Im letzten Jahr passierten 5.000 Tonnen militärischer Ausrüstung und 170.000 US-Soldaten auf ihrem Weg nach oder von Afghanistan die Basis. An die 1.000 US-Soldaten sind auf der Basis stationiert, zusammen mit kleineren Kontigenten aus Frankreich und Spanien.

Nachdem Regierungsbeamte in Washington die Ankündigung des kirgisischen Präsidenten Kurmanbek Bakiyew vom Dienstag, seine Regierung wolle die Basis zu schließen, am Anfang als gewöhnlichen Verhandlungstrick abgetan hatten (Kirgisien äußerte 2006 eine ähnliche Drohung, zog sie jedoch zurück, nachdem die USA ihre Miete für die Anlage erhöhte), wurde die Angelegenheit am Donnerstag todernst genommen.

"Offen gesagt dachten wir an eine Verhandlungstaktik, und wir wollten uns nicht bluffen lassen", sagte ein ungenannter Vertreter des Militärs am Donnerstag dem Wall Street Journal. "Doch es wird zunehmend deutlicher, dass sie uns tatsächlich raus haben wollen."

Die strategische Bedeutung der Basis ist seit der Ankündigung der Obama Regierung, in den nächsten achtzehn Monaten zusätzliche 30.000 Mann nach Afghanistan zu verlegen, noch größer geworden. Diese sollen geschickt werden, um den stetig wachsenden Widerstand gegen die amerikanische Besatzung zu brechen. Die geplante Eskalation würde die Zahl der US-Streitkräfte, die gegenwärtig bei 36.000 liegt, annähernd verdoppeln. Weitere 32.000 Soldaten aus anderen NATO-Ländern sind ebenfalls an der Besatzung beteiligt.

Die kritische Rolle des Stützpunkts wird durch die wachsenden Schwierigkeiten noch vergrößert, denen sich Washington bei seiner eigentlichen Überland-Versorgungsroute von Pakistan nach Afghanistan gegenübersieht. Über den Khyber-Pass, der Pakistan mit Afghanistan verbindet, werden drei Viertel des Nachschubs für die US-Streitkräfte abgewickelt. Am Montag sprengten Widerstandskämpfer eine 30 Meter hohe Stahlbrücke am Khyber Pass in die Luft, und schnitten damit die die Versorgungsroute der US- und NATO-Truppen zumindest vorübergehend ab. Der Angriff folgt einer Serie zunehmend verwegenerer Angriffe, bei denen Nachschubtransporter in Flammen aufgingen und Militärfahrzeuge in die Hände der Guerilla fielen.

Der Pressesekretär des Weißen Hauses, Robert Gibbs, nannte die kirgisische Basis am Donnerstag "entscheidend" für den amerikanischen Krieg in Afghanistan und erklärte, dass das Weiße Haus nach Alternativen suche, um die Situation zu "mildern".

"Die US-Regierung befindet sich immer noch in Gesprächen mit Vertretern Kirgisiens", sagte der Sprecher des Pentagon Bryan Whitman am Donnerstag gegenüber Reportern, "Was nicht bedeutet, dass wir keine anderen Möglichkeiten und anderen Optionen haben, denen wir nachgehen könnten."

Nach der angedrohten Schließung der Basis Manas sagte Außenministerin Clinton am Donnerstag, es sei "bedauerlich, dass sich die kirgisische Regierung so entscheidet," doch beharrte sie darauf, dass die Aktion Washington nicht abhalten werde, seinen Kolonialkrieg in Afghanistan auszuweiten.

"Wir hoffen auf weitere Diskussionen mit ihnen", sagte sie Reportern auf einer Pressekonferenz des Außenministeriums. "Wir werden aber in einer sehr effizienten Weise fortfahren, gleich, welchen Ausgang die Verhandlungen mit der kirgisischen Regierung nehmen werden."

Clinton fügte hinzu, dass das Pentagon "untersucht, wie wir sonst fortfahren können", falls wir die kirgisische Basis verlieren sollten.

Ungenannten Vertretern des Pentagon zufolge, die am Donnerstag von Associated Press zitiert wurden, denkt Washington auf der verzweifelten Suche nach Ersatzstützpunkten auch darüber nach, die abgekühlten Beziehungen zu Usbekistan zu erneuern, wo die USA zuvor eine ehemalige sowjetische Basis nutzten, um den Nachschub nach Afghanistan zu ermöglichen. Die US-Truppen wurden jedoch vor die Tür gesetzt, als Washington sich gezwungen sah, wegen eines Blutbades in der östlich gelegenen Stadt Andijan die Militärhilfe einzustellen. Regierungstruppen hatten in der Stadt Hunderte Zivilisten getötet. Ein erneuter Zugriff auf den Stützpunkt würde eine Annährung an den usbekischen Diktator Islam Karimow voraussetzen.

Die Ankündigung von Präsident Bakijew, die Basis für die USA zu schließen, folgte einem Treffen am Dienstag in Moskau mit dem russischen Präsidenten Medwedew, bei dem Moskau Kirgisien ein Hilfspaket in Höhe von über 2 Milliarden US-Dollar in Aussicht stellte.

Das Paket beinhaltet 150 Millionen US-Dollar Soforthilfe - ein Betrag der der jährlichen Unterstützung des Landes durch die USA entspricht, eingeschlossen die Miete für die Manas Basis -, weitere 300 Millionen US-Dollar in Form eines Kredits mit kulanten Zinsen und weitere 1,7 Milliarden US-Dollar für den Bau eines Wasserkraftwerkes. Zusätzlich versprach der Kreml, die kirgisischen Schulden in Höhe von 180 Millionen US-Dollar zu streichen.

Das angekündigte russische Hilfspaket hat die doppelte Größe des jährlichen Staatshaushalts und die Hälfte des Inlandsproduktes Kirgisiens, dessen verarmte Bevölkerung infolge der Finanzkrise unter zunehmenden Härten leidet.

"In einer Zeit der wirtschaftlichen Krise, ist diese eine große und wichtige Unterstützung seitens Russlands, die helfen wird, das wirtschaftliche Wachstum in Kirgisien zu stützen", erklärte Bakijew.

Der kirgisische Premierminister Igor Chudinow betonte am Donnerstag auf einer Pressekonferenz, dass der zeitliche Zusammenhang der Schließung der Basis auf Vorschlag des Präsidenten mit dem russischen Hilfsangebot "reiner Zufall" sei.

"Die Entscheidung Russlands, einen umfangreichen Kredit zu gewähren, hat nichts mit der Ausweisung des amerikanischen Personals vom kirgisischen Territorium zu tun", erklärte Chudinow.

Präsident Bakijew selbst begründete die Entscheidung mit der verbreiteten Opposition in Kirgisien gegen die US-Präsenz im Land, die 2006 zusätzlich angeheizt wurde, als ein US-Soldat einen LKW Fahrer erschoss. Er betonte auch, dass die Eröffnung der Basis 2001, als die USA mit ihrer Invasion Afghanistans begannen, als zeitlich befristet angesehen wurde.

"Kirgisien kam den Wünschen der Vereinigten Staaten nach und bot sein Territorium für den Kampf gegen den Terrorismus an, was ein wichtiger Beitrag zu diesem Kampf war", sagte er. "Wir sprachen von ein oder zwei Jahren, aus denen nun acht Jahre geworden sind. Wir haben mit unseren amerikanischen Partnern wiederholt die Frage der wirtschaftlichen Kompensation für Kirgisien diskutiert, konnten aber bis heute zu keiner Verständigung in dieser Frage kommen."

Kirgisische Vertreter sagten, dass die USA nach der Übermittlung der diplomatischen Noten mit der Entscheidung der Regierung 180 Tage Zeit hätten, die Basis zu schließen und das Personal abzuziehen. Eigentlich sollte das Parlament am Freitag über die Maßnahme abstimmen, Vertreter der Regierung kündigten am Donnerstag aber an, dass dies in der nächsten Woche noch nicht geschehen werde.

Den Dementis der kirgisischen Regierung zum Trotz ist klar, dass die Entscheidung, die Manas Luftwaffenbasis zu schließen auf Moskaus Opposition gegen die militärische US-Präsenz in der Region zurück geht, die Jahrhunderte lang von Moskau als seine Einflusssphäre betrachtet wurde.

Die Spannungen brachen im August letzten Jahres aus, als das US-gestützte Regime in der ehemaligen Sowjetrepublik Georgien Truppen in die nach Unabhängigkeit strebende Region Südossetien entsandte, was umgehend eine militärische Antwort Russlands nach sich zog. Dabei wurden die georgischen Truppen aus Südossetien und der Schwarzmeer Region Abchasien vertrieben. Moskau erkannte daraufhin die Unabhängigkeit der beiden Gebiete an.

Der Konflikt wird durch die Politik der USA angeheizt, Georgien und die Ukraine in die NATO aufzunehmen, ein Raketenabwehrsystem an der russischen Grenze zu errichten, sowie Russland mit einem Ring aus Militärbasen in Zentralasien und den baltischen Staaten zu umgeben.

Im Zentrum der wachsenden Spannungen zwischen Moskau und Washington steht die Kontrolle über die strategischen Energievorkommen der Region, eine Schlüsselfrage, die auch hinter dem Krieg in Afghanistan und der Eroberung des Iraks liegt.

Die herrschende Klasse Russlands selbst sieht die Wiederherstellung des Moskauer Einflusses in den ehemaligen Sowjetrepubliken trotz der finanziellen Verluste durch fallende Energiepreise eindeutig als entscheidend für ihre Interessen an. Das rechtfertigt in ihren Augen auch bedeutende Investitionen.

Die Regimes in Zentralasien versuchen, die Rivalitäten zu ihrem Vorteil auszunutzen, tendieren in einem Fall eher zu Russland und im anderen Fall eher zu den USA, um den bestmöglichen Deal für sich herauszuholen.

Die Übereinkunft zwischen Moskau und Kirgisien ist Teil der zunehmend aggressiveren Herausforderung der US-Interessen durch den Kreml.

Am Tag nach der Ankündigung des Hilfspaketes und der beabsichtigten Schließung der Basis, präsentierte der russische Präsident Medwedew während des Gipfeltreffens der russisch geführten, Collective Securtiy Treaty Organization (CSTO) das Vorhaben, eine 10.000 Mann starke, hauptsächlich aus russischen Fallschirmjägern bestehende schnelle Eingreiftruppe zu gründen, um "militärische Aggressionen zurückzuschlagen" und den "Terrorismus" zu bekämpfen.

"Dies werden vorzügliche Einheiten sein", hob Medwedew hervor. "Ihrem Kampfpotential nach werden sie nicht schwächer sein als vergleichbare Einheiten des Nordatlantikpaktes." Die Einsatzkräfte werden Berichten zufolge aus ausgewählten Einheiten aus den ehemaligen Sowjetrepubliken, darunter Weißrussland, Armenien, Kasachstan, Kirgisien und Tadschikistan bestehen. Es gibt Anzeichen, dass Moskau den Stützpunkt Manas als mögliches Hauptquartier für diese Streitmacht im Auge hat, sobald er von den Amerikanern geräumt wurde.

Die russische Regierung hat weiter angedeutet, Luftwaffen- und Marinestützpunkte in Abchasien aufbauen zu wollen. Dieses Vorhaben zog Proteste des amerikanischen Außenministeriums und der NATO nach sich.

Zusätzlich zu der Hilfe für Kirgisien, signalisierte Moskau diese Woche seine Bereitschaft, einen Kredit über 2,27 Milliarden US-Dollar an das benachbarte Weißrussland zu vergeben. Medwedew unterzeichnete währenddessen einen Vertrag mit dem weisrussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko über die gemeinsame Stationierung eines Luftverteidigungssystems, was offensichtlich eine Antwort auf den US-amerikanischen Raketenschild in Osteuropa ist.

Schließlich sicherte sich der kubanische Staatschef Raul Castro während eines achttägigen Besuchs in Moskau ein 354 Millionen US-Dollar schweres Hilfspaket. Das war der erste hochrangige Kontakt zwischen den beiden Ländern seit der Auflösung der UdSSR 1991, die auch das Ende Jahrzehnte langer sowjetischer Subventionen für Havana bedeutete. Es ist offensichtlich das Moskau die Kontakte mit Kuba - 90 Meilen vor der US-Küste gelegen -, als Antwort auf Washingtons eigenes Eingreifen in den ehemaligen Sowjetrepubliken neu aufbauen will.

Währenddessen sagte der russische Außenminister Grigori Karasin, dass Moskau einige Tage zuvor eine "positive Reaktion" auf Anfragen der USA gegeben habe, nichtmilitärische Ausrüstung über russisches Territorium nach Afghanistan zu liefern.

"Wir hoffen, dass wir und die Vereinigten Staaten in naher Zukunft gezielte und professionelle Gespräche zu diesen Thema führen werden", sagte Karasin. "Wir werden sehen, wie effektiv wir kooperieren können."

Doch diese Art der "Kooperation" ist genau das, was Washington von Beginn an zu vermeiden versuchte. Washington versuchte jeden russischen Einfluss auf das Schicksal Afghanistans zu vermeiden, und zusätzlich Moskaus Einfluss in der gesamten Region zu verringern.

Der Kampf für eine nicht-russische Versorgungsroute für die afghanische Besatzung ist untrennbar mit der Strategie verbunden, eine nicht-russische Route für den Transport der Öl und Gasreichtümer des Kaspischen Beckens zu schaffen, um sie unter die Kontrolle der USA zu stellen.

In dieser scharfen Auseinandersetzung und in dem Vorhaben der Obama-Adminstration, die Intervention in Afghanistan zu verstärken, ist die Gefahr eines weitaus größeren und potentiell katastrophalen Konflikts zwischen den weltgrößten Atommächten enthalten.

Siehe auch:
Angriffe von Aufständischen auf Nato-Versorgungsrouten beleuchten Dilemma des US-Militärs in Afghanistan
(16. Dezember 2008)
Abzug aller Truppen aus Afghanistan!: Eine sozialistische Antwort auf Krieg und Militarismus
( 19. September 2008)
Krieg in Georgien: Bush verschärft Konfrontation mit Russland
( 13. August 2008)