Stuttgart: Demonstration gegen Krieg in Sri Lanka

Von unserem Korrespondenten
11. Februar 2009

Mehrere hundert Tamilen demonstrierten am Samstag auf dem Stuttgarter Schlossplatz gegen das anhaltende Massaker in Sri Lanka. Die Kundgebung wurde im Namen der tamilischen Sprachschule Tamilalaiam organisiert. Unter den Demonstranten, die in der Stuttgarter Innenstadt mit Plakaten und Bildern gegen das Töten protestierten, befanden sich zahlreiche tamilische Schüler und Jugendliche. Sie drückten ihre Entschlossenheit aus, die deutsche Bevölkerung und die ganze Welt darüber zu informieren, was in Sri Lanka vorgeht.

Mit ihren Bombenangriffen gegen die separatistischen Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) geht die srilankische Armee auch wahllos gegen die Zivilbevölkerung vor. So wurden in der vergangenen Woche erneut Hunderte Zivilisten getötet. Eine Viertelmillion Menschen finden sich im nördlichsten Zipfel Sri Lankas eingeschlossen und von jeder Versorgung mit Trinkwasser, Nahrungsmitteln oder medizinischer Versorgung abgeschnitten.

Eine Familie aus Ludwigsburg kam gemeinsam nach Stuttgart, um die Öffentlichkeit aufzurütteln. Die Eltern der Familie stammen ursprünglich aus dem tamilischen Distrikt Jaffna im Norden Sri Lankas.

Eine Familie aus Ludwigsburg Eine Familie aus Ludwigsburg

Der Junge erklärte: "Wir sind hier, weil die srilankische Regierung Zivilisten umbringt. Täglich wird die Zivilbevölkerung mit Bomben angegriffen. Die Menschen, die überleben, werden nicht mit Nahrungsmitteln versorgt. Jeder einzelne Tag wird ein enormer Schaden angerichtet." Seine Schwester ergänzte: "Wir möchten, dass die Bevölkerung in Deutschland realisiert, was in Sri Lanka vorgeht. Das muss sofort aufhören. Jeden Tag sterben Hunderte Tamilen."

Sameera und Saraniya.jpg Sameera und Saraniya

Sameera und Saraniya, zwei junge Mädchen aus Stuttgart, sagten: "Warum wir hier sind? Es ist einfach dringend notwendig, einen Ausweg für die tamilische Bevölkerung zu finden. Dort leben unsere Verwandten, sie werden beschossen, und sie leiden ungeheuer. Es fehlt an allem, sie haben nicht einmal was zu essen. So kann es nicht weiter gehen."

Auf die Frage, welchen Ausweg sie sich denn vorstellten, erklärten sie: "Als erstes muss der Krieg aufhören. Die Weltbevölkerung muss zur Kenntnis nehmen, was in Sri Lanka passiert. Wenn es uns gelingt, auf den Krieg in Sri Lanka aufmerksam zu machen, und das Thema wird weltweit diskutiert, dann muss es doch möglich sein, gemeinsam das Problem zu lösen. Es muss einfach etwas geschehen. Deshalb sind wir hier."

Auch Tharsii, eine Schülerin, die bereits zur Demonstration vergangene Woche nach Berlin gereist war, hofft durch die Demonstrationen und Kundgebungen die Öffentlichkeit über die "katastrophale Lage" im Norden Sri Lankas aufmerksam zu machen. "Die Menschen sind abgeschnitten und ohne Nahrung und Medikamente. Täglich sterben Frauen, Kinder und alte Menschen. Dieses Morden muss aufhören."

Paul, ein Auszubildender aus Stuttgart, zog eine Parallele zum Krieg in Gaza. "Die srilankische Regierung führt einen Krieg wie die Israelis im Gazastreifen. Und auch hier zeigt die Presse nicht, wie schlimm die Lage wirklich ist. Die ganze Welt muss wissen, was in Sri Lanka passiert." Auf die Frage, wie die Gewalt gestoppt werden kann, antwortete er: "Tamilen und Singhalesen sind keine Feinde. Den Singhalesen geht es nicht viel besser, sie leiden auch unter dem Krieg."

Ein Team der World Socialist Web Site verteilte die Erklärung "Eine sozialistische Perspektive für ein Ende des Kriegs in Sri Lanka - Truppen raus aus dem Norden und Osten!" in tamilischer, deutscher und englischer Sprache. Sie stellt das Massaker der Rajapakse-Regierung in Sri Lanka in einen größeren Zusammenhang mit den Angriffen imperialistischer Mächte und ihrer Handlanger auf der ganzen Welt, zum Beispiel im Gazastreifen, in Afghanistan und im Irak.

In der Erklärung heißt es, dass die wahren Verbündeten der Tamilen weder die indische noch die deutsche Regierung oder die UNO seien, sondern die internationale Arbeiterklasse, die als einzige gesellschaftliche Kraft in der Lage ist, den Krieg zu überwinden. "Tamilische Arbeiter müssen ihre Kämpfe mit denen der Arbeiter in aller Welt gegen den gemeinsamen imperialistischen Feind verbinden", heißt es in der Erklärung, die zu Hunderten verteilt wurde.

Die Erklärung der World Socialist Web Site endet mit dem Hinweis auf die Socialist Equality Party (SEP), die srilankische Sektion des Internationalen Komitees der Vierten Internationale. Die SEP, heißt es in dem Aufruf, kämpft für die "Einheit der arbeitenden Bevölkerung in Sri Lanka, ohne Ansehen der ethnischen Abstammung", und für eine "Sozialistische Republik von Sri Lanka und Eelam als Teil der Union Sozialistischer Republiken Südasiens".

Während zahlreiche Jugendliche brennend daran interessiert waren, wie ein wirklicher Ausweg aus dem Krieg aussehen könnte und sich einer sozialistischen und internationalistischen Lösung gegenüber unvoreingenommen und aufgeschlossen zeigten, war eine solche Perspektive den LTTE-nahen Organisatoren, die sich anfangs im Hintergrund der Demonstration hielten, ein Dorn im Auge.

Sobald sie realisierten, dass eine sozialistische Erklärung verteilt wurde, versuchten sie, deren Verbreitung zu verhindern. Sie drängten die Verteiler an den Rand und isolierten sie von den jungen Teilnehmern der Kundgebung. Ein aufgehetzter Mann bedrohte einen Verteiler mit einer Holzlatte. Schließlich umringten LTTE-Anhänger die Vertreter der World Socialist Web Site bedrohlich, beschimpften sie und versuchten, ihnen die Handzettel wegzureißen.

LTTE-Anhänger haben Vertreter der WSWS bereits auf anderen Demonstrationen und Kundgebungen physisch bedroht. Sie reagieren nervös und ängstlich darauf, dass sich eine sozialistische Perspektive unter den Tamilen im Exil ausbreiten könnte. Eine sozialistische Perspektive steht in krassem Gegensatz zu der von ihnen propagierten Perspektive eines kapitalistischen Ministaats im Norden und Osten Sri Lankas, der vom Wohlwollen einer Großmacht wie Indien abhängig wäre.

Die Schuld an dem Krieg geben sie nicht der rassistischen Rajapakse-Regierung und deren imperialistischen Hintermännern - zu denen auch Indien gehört! -, sondern der singhalesischen Bevölkerung. Einige riefen den WSWS -Unterstützern zu: "Eure Väter sind Singhalesen", was wohl ein Schimpfwort sein sollte

Es war bezeichnend, dass die Organisatoren nur einen Bruchteil der tamilischen Gemeinde in der Region zur Demonstration in Stuttgart aufgerufen hatten, die nach erfolgreichen Massenkundgebungen in London, Paris, Berlin und vielen andern Städten Europas stattfand. Für die Kundgebung warb nur eine einzige tamilisch-sprachige Website. In der gesamten schwäbischen Industrie - auf dem Bau, in den Metall- und Autofabriken und in der Zulieferindustrie - sind Tausende tamilische Arbeiter beschäftigt. Zu einer Demonstration gegen den Bürgerkrieg in Sri Lanka hätte mit Leichtigkeit ein Vielfaches der Teilnehmer mobilisiert werden können

Siehe auch:
Truppen raus aus dem Norden und Osten Sri Lankas!
(30. Januar 2009)