Wer steigt bei Opel ein?

Gewerkschaft gibt Magna den Vorzug

Von Dietmar Henning
5. Mai 2009

Nach Gesprächen mit Fiat-Chef Sergio Marchionne in Berlin bezeichnete gestern Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) die Pläne des italienischen Autobauers als "interessant".

Allerdings wolle Fiat im Falle eines Einstiegs bei Opel nur drei der vier deutschen Werke erhalten; das wären die drei Endmontagewerke Rüsselsheim, Bochum und Eisenach. Für das Werk in Kaiserslautern sehe Fiat einen "gewissen Konsolidierungsbedarf", sagte Guttenberg.

Die Gewerkschaften und Betriebsräte lehnen einen Einstieg Fiats vehement ab. Sie haben sich in der Übernahmeschlacht um Opel auf die Seite des kanadisch-österreichischen Auto-Zulieferers Magna gestellt.

Gegen den Einstieg von Fiat werde man "Widerstand" leisten, hatte der Opel-Gesamtbetriebsratsvorsitzende Klaus Franz bereits vergangene Woche erklärt. "Wir werden mit europaweiten Protesten reagieren", sagte er der Frankfurter Rundschau. Fiat-Chef Marchionne hege kein strategisches Interesse an Opel, sondern wolle nur an frisches Geld herankommen.

Auch Armin Schild, IG-Metall-Bezirksleiter in Hessen und Opel-Aufsichtsrat, warnte vor einem Einstieg Fiats. Mit Fiat und der derzeitigen US-Mutter General Motors "wären zwei kranke Mütter im Spiel". Schild und Franz betonten, es käme zwangsläufig zum Arbeitsplatzabbau und zu Werksschließungen, da sich das Angebot der beiden Autobauer überschneide. Der Betriebsratsvorsitzende des Bochumer Opel-Werks, Rainer Einenkel, äußerte sich ähnlich.

Der IGM-Vorsitzende Berthold Huber sagte Zeit-Online : "Wenn Fiat bei Opel einsteigt, fürchte ich, werden die Werke in Bochum mit 5.000 Beschäftigten und Eisenach mit 2.000 Leuten die ersten Opfer sein."

Das Interesse des Autozulieferers Magna wird dagegen unterstützt: "Ich glaube, dass Magna ein viel versprechender Interessent ist", sagte Schild. Und am Ersten Mai sagte der IGM-Bezirksleiter von Nordrhein-Westfalen, Oliver Burkhard, in einem Interview mit der WAZ : "Magna ist strategisch gut aufgestellt, schreibt immer noch schwarze Zahlen und hat keine 6,6 Milliarden Euro Schulden wie Fiat."

Unterstützt werden die Betriebsräte und Gewerkschaftsfunktionäre von Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD). Der SPD-Kanzlerkandidat habe bereits mehrfach mit dem Europachef von Magna, Siegfried Wolf, und dem Magna-Aufsichtsratsmitglied und früheren österreichischen Bundeskanzler, Franz Vranitzky (SPÖ), gesprochen.

Die Betriebsräte und IGM-Funktionäre machen in der Öffentlichkeit aus ihrer Unterstützung für Magna zwar kein Hehl, äußern sich jedoch eher zurückhaltend. Ganz anders die Frankfurter Rundschau. Deren Redakteurin Christine Skowronowski fungiert seit Monaten als Sprachrohr von Klaus Franz und fasste die Position der IGM und der Opel-Betriebsräte in zwei Kommentaren zusammen. "Eine Verbindung von Fiat und Opel wäre Wahnsinn", schrieb sie am 24. April. Die Überschneidungen auf allen Gebieten würden auf der Opel-Seite zu Werksschließungen und Arbeitsplatzabbau führen.

Fünf Tage später schrieb Skowronowski, Magna stelle dagegen "eine sinnvolle Ergänzung zu Opel dar" und sei "ein äußerst gut geführtes Unternehmen". Dann folgt ein Lobgesang auf den Magna-Chef. "Firmengründer Frank Stronach pflegt überdies eine Firmenphilosophie, die nicht die Gewinnmaximierung in den Mittelpunkt stellt, sondern mehr den Menschen. In dem Unternehmen geht es demokratisch zu, die Belegschaft hat Mitspracherechte und wird am Erfolg beteiligt."

Magna International

Das widerspricht allem, was bislang über Magna und seinen Firmengründer Stronach bekannt ist. Viel wurde über Frank Stronach in den letzten Wochen geschrieben. 1954 wanderte Stronach, der damals noch Strohsack hieß, nach Kanada aus, eröffnete laut Unternehmenslegende einen Einmannbetrieb für Werkzeugbau und erhielt nach wenigen Jahren erste Aufträge von General Motors. 1969 fusionierte er mit einem Hersteller von Rüstungselektronik und benannte seinen Konzern in Magna International um. 1986 gründete er die Magna Europa mit Hauptsitz bei Wien, 1998 übernahm er die österreichischen Steyr-Daimler-Puch-Werke.

Gemessen am Umsatz ist Magna nach Bosch und dem japanischen Denso bislang der drittgrößte Autozulieferer der Welt. Mit rund 74.000 Beschäftigten produziert Magna Chassissysteme, Wageninnenraumverkleidungen, Autositze bis hin zu Cabrio-Verdecken - auch für Opel. In Deutschland hat Magna insgesamt 35 Fabriken mit rund 11.000 Beschäftigten.

Magna ist aber auch selbst Produzent von Autos und baut Sonderanfertigungen in geringen Stückzahlen. In Österreich arbeiten 12.000 Menschen für Magna und montieren dort überdimensionierte Großkarossen von BMW, Chrysler, Mercedes und Porsche, aber auch den Peugeot 308 und ein Saab-Coupe.

Die Behauptung, in Stronachs Unternehmen gehe es demokratisch zu, und die Beschäftigten hätten ein Mitspracherecht, ist völlig aus der Luft gegriffen. Im Gegenteil: Stronach leitet das Unternehmen wie ein Patriarch. Sein Leitsatz wird in Medienberichten mit den Worten wiedergegeben: "Wer das Gold hat, macht die Regeln."

Seine Firmenphilosophie ist in einem Handbuch für Mitarbeiter niedergeschrieben, das von Stronach großspurig als "Magna Charta" deklariert wird. Darin steht unter anderem, Unternehmer und Arbeitnehmer hätten die gleichen Interessen.

Die Beschäftigten werden mit zehn Prozent am Gewinn beteiligt, die Manager mit sechs Prozent. Diese Einkommensbestandteile werden an anderer Stelle eingespart und dienen ausschließlich dazu, die Beschäftigten enger an den Konzern und seine Profitinteressen zu binden.

Ein Mitspracherecht gibt es aber in der "Magna Charta" ausdrücklich nicht. Stronach: "Ich war selbst Arbeiter, ich weiß also, was ein Arbeiter braucht." In seinen Betrieben gibt es auch keine Betriebsräte. Stronach lässt vielmehr ein Netz von "Vertrauensleuten" aufbauen, die den "Interessenausgleich" nach festgeschriebenen Richtlinien organisieren.

Stronach weiß auch, was sein Unternehmen braucht, nämlich ein Netz von Politikern und namhaften Bankmanagern in Magna-Spitzenpositionen. Karl-Heinz Grasser (FPÖ), der ehemalige österreichische Finanzminister, stand kurzzeitig auf Stronachs Gehaltsliste, wie auch der ehemalige SPÖ-Geschäftsführer, Andreas Rudas. Gerhard Randa, einst Vorstand der HypoVereinsbank und davor Chef der staatsnahen Bank Austria, arbeitet für Stronach und sitzt im Vorstand des Magna-Konzerns. Im Aufsichtsrat saß der frühere Weltbank-Präsident James Wolfensohn; der frühere österreichische Bundeskanzler Franz Vranitzky (SPÖ) sitzt noch immer dort.

Zudem hält Stronach engen Kontakt zu amtierenden Politikern und den Chefredakteuren der Medien. Seine eigenen Versuche, in der Politik Fuß zu fassen - Stronach kandidierte für die kanadische Libeal Party in Ontario - scheiterten genauso wie sein Versuch, einen Medienkonzern aufzubauen. Auch seine Investitionen in den Pferdesport und den österreichischen Fußball waren nicht von Erfolg gekrönt.

Doch selbst wenn sein Autozuliefererkonzern Magna International heute noch profitabel ist, hinterlässt die weltweite Autoabsatzkrise auch dort Spuren. Magna ist in Nordamerika zu 85 Prozent von seinen größten Kunden abhängig, und das sind General Motors, Chrysler und Ford. Die beiden letzten Quartale des Vorjahres bilanzierte der Konzern mit 284 Millionen Dollar Verlust.

Die Erlöse durch den Bau kompletter Autos bei der Magna-Steyr in Graz gingen 2008 im Vergleich zum Vorjahr um 18 Prozent zurück. Mit 125.000 Autos wurden 2008 75.000 Autos weniger gebaut als noch im Jahr zuvor.

Magna International musste für 2008 einen Gewinneinbruch von fast 90 Prozent verbuchen. Der Automobil-Zulieferer verdiente noch 55 Millionen Euro; ein Jahr zuvor waren es noch 515 Millionen Euro. Auf Nachfrage der Wirtschaftswoche wollte Magna keine genauen Zahlen zum Stellenabbau nennen. Man weiß nur, dass in Österreich und Deutschland jeweils 5.000 Beschäftigte kurzarbeiten.

"Keiner bei Magna ist immun gegen die Auswirkungen der Krise", schreibt Stronach im Jahresbericht 2008. Arbeitsplatzgarantien könne daher niemand abgeben, weder Regierung, noch Gewerkschaft, noch eine Firma, sagte Stronach der Presse. "Wir erleben eine sehr schwierige Zeit. Ich denke, es wird noch deutlich härter werden."

Stronach hat in der Vergangenheit auf Krisen durch Expansion reagiert und versucht das nun wieder. Der Einstieg bei Opel ist vor allem ein Versuch, sich den Zugriff auf Milliardenkredite und Staatsbürgschaften zu sichern, um die eigene Krise zu überwinden.

Dieses Ziel verbirgt der Firmenpatriarch aber gerne hinter großspuriger Rhetorik. Er wolle "helfen", weil dies auch im Interesse seines Konzerns sei, sagte der 76-jährige Milliardär der in Graz erscheinenden Kleinen Zeitung. Wenn es einem Kunden schlecht gehe, "schauen wir immer, ob wir etwas tun können". Der Markt dürfe nicht verloren gehen. Die britische GM-Tochter Vauxhall übernimmt Magna aber nur, wenn sich dies "nachhaltig rechnet". Magna sind vor allem die Pensionsverpflichtungen für ehemalige Vauxhall-Arbeiter ein Dorn im Auge.

Inzwischen hat der Magna-Konzern auch erklärt, wie er sich seinen Einstieg vorstellt. Der russische Autohersteller GAZ und die russische Sberbank wollen bis Ende Mai 31 Prozent an Opel übernehmen, Magna selbst 19,1 Prozent, berichtete die Rheinische Post unter Berufung auf "unternehmensnahe Kreise".

Die Sberbank ist Russlands wichtigste Bank und befindet sich in Staatsbesitz. Der Automobilkonzern Gorkowski Awtomobilny Zawod (GAZ) ist im Besitz des Oligarchen Oleg Deripaska, der wiederum enge Verbindungen zu Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin unterhält. GAZ produziert die Marke Wolga, aber auch seit Jahren leichte Transportfahrzeuge und Jeeps für das russische Militär.

Deripaska war im September 2007 mit 20 Prozent bei Magna eingestiegen, um Stronach bei dessen damaligen Übernahmeplänen in Bezug auf Chrysler zu unterstützen. Deripaska, mit 40 Milliarden Dollar Vermögen der einst reichste Mann Russlands, verlor aber durch die Finanz- und Wirtschaftskrise im letzten Jahr 90 Prozent seines Vermögens. Ende vergangenen Jahres musste Deripaska daher seinen Magna-Anteil an seine Kreditgeber zurückgeben. Offensichtlich waren das vor allem die Sberbank.

GAZ verlor ebenfalls im Zuge der Krise, gilt als Sanierungsfall und muss selbst tausende Arbeitsplätze abbauen. Aus russischen Regierungskreisen heißt es, der Autokonzern sei bankrott. Über mögliche Rettungspläne bestehe noch kein Konsens, "auch nicht darüber, welche Rolle Herr Deripaska dabei in Zukunft überhaupt noch spielen wird", heißt es in der Rheinischen Post.

Zusammengefasst lässt sich sagen: Die Behauptung der IG Metall und der Betriebsräte, der Einstieg von krisengeschüttelten Investoren und einem Unternehmen wie Magna, das selbst mit Millionenverlusten kämpft, sei im Interesse der Opel-Beschäftigten, ist Betrug.

Die ganze Kampagne für den Einstieg Magnas bei Opel dient in erster Linie einem Zweck: Sie soll einen gemeinsamen Arbeitskampf aller Autoarbeiter weltweit zur Verteidigung aller Arbeitsplätze verhindern.

Siehe auch:
IG Metall setzt Lohnkürzung bei Opel in Bochum durch
(30. April 2009)