Frankreich:

Dritter tödlicher Unfall bei Total in diesem Jahr

Von Françoise Thull
25. Juli 2009

Am Mittwoch, den 15. Juli, fielen zwei junge Arbeiter der Explosion in einem Chemiewerk von Total zum Opfer, sechs erlitten schwere Verbrennungen und elf weitere einen Schock. Das Chemiewerk von Carlingen/Saint-Avold in Lothringen, unweit der deutschen Grenze, gehört zu Total Petrochemicals France (TPF). Der Unfall ereignete sich bei dem Versuch, einen Wasserüberhitzer im Handbetrieb wieder in Gang zu setzen, der keine automatische Wiedereinschaltung hatte. Die Arbeiter wurden unter den Trümmerteilen und Feuer festen Ziegeln begraben, aus denen der Überhitzer bestand.

Erst zwei Wochen davor war in Frankreich der Prozess über die Chemiekatastrophe von AZF in Toulouse (2001) zu Ende gegangen, bei der 31 Menschen getötet und 2.500 schwer verletzt worden waren. Dieses Jahr gab es bei Total schon zweimal Unfälle mit Todesfolge. Am 4. Januar wurde bei Total Provence ein Arbeiter vergiftet, und ein zweiter wurde am 29. Januar bei Total Flandres getötet, als ein Tanklaster in einer Werkstatt explodierte. Außerdem wurden bei dem letzteren Unfall noch vier weitere Menschen verletzt.

Die jüngste Katastrophe ist zweifellos die schlimmste seit Inbetriebnahme der Anlage von Carlingen im Jahr 1947. Zwei Menschen waren auf der Stelle tot, ein zwanzigjähriger Auszubildender aus der Bretagne, der hier seit sechs Monaten sein Praktikum absolvierte, und sein Meister (28), ein gelernter Anlagenfahrer aus der Region, der seit acht Jahren im Werk arbeitete. Die Gewerkschaft CGT schrieb: "Hätte diese Anlage [der explodierte Dampfspalter Nr.1] über eine Ausstattung von gleichem Niveau wie der Dampfspalter Nr. 2 verfügt, den Total erst vor kurzem ausgeschaltet hat, hätte sich der Unfall nicht ereignet. "

Laut Claude Lebeau, dem Werksdirektor, war der Dampfspalter Nr. 1 im Jahr 2001 und dann noch einmal Ende 2007 gründlich überholt worden. Nach seiner Modernisierung erhöhte sich seine Jahresproduktion an Ethylen auf 350.000 Tonnen (im Vergleich zu 250.000 Tonnen bei dem Dampfspalter Nr. 2). Damit sei der PVD-Bedarf von Arkema (vormals Atofina), einer ebenfalls in Carlingen ansässigen Chemiefabrik, abgedeckt worden.

Da die Dampfanlage Nr. 1 keine automatische Einschaltvorrichtung hatte, musste sie manuell angeschaltet werden, wodurch das Bedienungspersonal gezwungen war, sehr dicht an die Anlage heranzugehen. "Das ist ein heikles, wenn auch klassisches Manöver. Genau in dem Moment hat sich die Tragödie ereignet", erklärte der Werksdirektor.

Dennoch sagte der Generaldirektor bei seinem Besuch im Werk von Carlingen nach dem Unfall: "Wir kennen die genaue Ursache [des Unfalls] nicht. Eine juristische Untersuchung ist im Gange."

Der Dampfspalter Nr. 1, an dem 100 Arbeiter beschäftigt waren, hatte eine Jahreskapazität von etwa 320.000 Tonnen Ethylen und war als einziger im Einsatz. Er war zwei Tage vor dem Unfall, am 13. Juli, ausgeschaltet worden, da ein Gewitter im Werk Carlingen zu einem Stromausfall geführt hatte. Die Dampfspaltung ist ein petrochemisches Verfahren, bei dem Kohlenwasserstoff in kleinste Moleküle aufgespalten wird, um Ethylene und Propylene herzustellen. Diese bilden den Grundstoff für zahlreiche, vielseitig verwendbare Kunststoffe.

Das Total-Werk TPF in Carlingen ist nach "Seveso 2 (hoch)" klassifiziert. Damit unterliegt es den europäischen Sicherheitsbestimmungen für die Verarbeitung hochgefährlicher Substanzen.

Total ist weltweit der viertgrößte Erdöl- und Erdgaskonzern und ist auch im Chemiegeschäft führend. Obwohl der Weltkonzern jährlich Superprofite von vierzehn Milliarden Euro abwirft, baut er im Zuge der Umstrukturierung in seinen französischen Werken massiv Arbeitsplätze ab.

Laut Chrisophe Léguevaques, Anwalt der Nebenkläger im Prozess um die Chemiefabrik AZF von Toulouse, ist Total der petrochemische Konzern, bei dem es die meisten tödlichen Unfälle gibt: Im Zeitraum von 2001 bis 2007 gab es bei Total 79 Todesfälle, während die BP-Gruppe 65 und Exxon 47 Todesfälle verzeichneten.

Der Prozess der Umstrukturierung läuft praktisch ohne Unterbrechung schon seit 2004, als die Chemiefabrik Atofina SA auf Arkema und TPF aufgeteilt wurde. Die Belegschaft am Standort Carlingen ging von 1.700 Beschäftigten im Jahr 2007 auf 1.290 im Jahr 2009 zurück. Bis 2013 soll sie auf 853 Beschäftigte vermindert werden.

Das TPF-Management, das die Erdölverarbeitung von Total in Frankreich organisiert, hat bis 2012 die Streichung von 306 weiteren Stellen angekündigt, davon 130 in Gonfreville und etwa fünfzig im Werk von Notre-Dame-de Gravenchon, das Ende diesen Jahres endgültig schließen soll.

Der Arbeitsplatzabbau betrifft auch das Forschungs- und Entwicklungszentrum in Mont/Lacq (Pyrénées-Atlantiques) mit 25 Stellen und den Hauptsitz in La Défense bei Paris mit 33 Arbeitsplätzen. Darin sind die Arbeitsplätze nicht gerechnet, die in den Zulieferbetrieben wegfallen.

Die Arbeiter und Anwohner von Carlingen sind sich ständig bewusst, auf einem Pulverfass zu leben. Das gilt auch für die Bewohner der Orte jenseits der Grenze. Der Feuerwehrchef von Völklingen im Saarland war alarmiert, als er die Rauchsäulen am Horizont sah. Er war über die Explosion überhaupt nicht informiert worden, obwohl dies laut einem grenzüberschreitenden Abkommen zwingend vorgeschrieben war.

Siehe auch:
Verheerende Chemieexplosion in Toulouse
(25. September 2001)

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